Montag, 24. Januar 2022

Howard Marks warnt vor Bottom-Fishing, denn es verhindert erfolgreiches Investieren

Das sog. Bottom-Fishing ("den Grund abfischen") ist eine Auswahlmethode für Wertpapiere, bei der besonders stark abgestürzte Wertpapiere auf die Anzeichen einer Bodenbildung hin abgeklopft werden, um dann einzusteigen und den erwarteten Wiederanstieg mitzunehmen. Bottom-Fishing basiert auf der Annahme, dass die Kurserholung der wirtschaftlichen Erholung des zugrunde liegenden Unternehmens voraus läuft und sich deshalb am Boden günstige Einstiegschancen finden. Doch wann der Boden wirklich erreicht ist, lässt sich immer erst in der Rückschau erkennen, weshalb Star-Investor Howard Stanley Marks Anlegern dringend vom Bottom-Fishing abrät - jedenfalls wenn sie erfolgreich investieren wollen...

»Der Tiefstpunkt ist an dem Tag erreicht, bevor der Kurs anfängt zu steigen. Aber woher weiß man das? Der Tiefstpunkt ist nur im Nachhinein zu erkennen. Man weiß, wann man ganz unten ist; aber man habt möglicherweise das Gefühl, dass etwas billig ist, und wenn es billig ist, sollten man es kaufen. Wenn es noch weiter sinkt, dann war das nicht der Tiefstpunkt, dann kauft man etwas mehr und behält die Nerven.«
(Howard Stanley Marks)
Der Versuch, den günstigsten Kurs abzupassen und ausschließlich dann zu kaufen, ist in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt. Die Kurse sind Emotionen, ein Gradmesser für die vorherrschende Stimmungslage, aber kein verlässlicher Indikator. Und wenn es doch einmal gelingt, beim Einstieg wirklich den tiefsten Punkt zu erwischen, ist es eher Glück als Können. Kein Wunder also, dass  Howard Marks nichts von Bottom-Fishing hält.
»Das alte Sprichwort lautet: 'Das Vollkommene ist der Feind des Guten'. Das Warten auf den Tiefstpunkt kann Anleger davon abhalten, gute Käufe zu tätigen. Das Ziel des Anlegers sollte sein, eine große Anzahl guter Käufe zu tätigen, nicht nur einige wenige perfekte. (...) Es wäre lähmend, darauf zu bestehen, nur zum Tiefstkurs zu kaufen und nur zum Höchstkurs zu verkaufen. (...) Ich bin der Meinung, dass Bottom-Fishing Torheit ist.«
(Howard Stanley Marks)
Marks setzt stattdessen lieber auf günstige Einstiegskurse. Und die finden sich nicht nur am tiefsten Punkt, sondern immer dann, wenn der Wert eines Assets über dem seines Preises liegt - Value Investing basiert genau auf diesem Prinzip. Es kommt eben nicht darauf an, unbedingt den tiefsten Kurs zu erwischen, sondern einen attraktiven, einen günstigen.
»Was sollten also dann die Kriterien des Anlegers sein? Die Antwort ist einfach: Wenn etwas billig ist - basierend auf dem Verhältnis zwischen Preis und innerem Wert - sollte man kaufen, und wenn es noch billiger wird, sollten man mehr kaufen.«
(Howard Stanley Marks)
Diese Erkenntnisse gleichen einem anderen Erfolgskonzept, dem Pareto-Prinzip. Es ist benannt nach Vilfredo Pareto (1848–1923) und wird auch 80-20-Regel genannt. Es besagt, dass 80% der Ergebnisse mit 20% des Gesamtaufwandes erreicht werden und die verbleibenden 20% der Ergebnisse erfordern 80% des Gesamtaufwands. Die logische Schlussfolgerung hieraus ist, dass man sich auf das Wesentliche, das Erfolgversprechendste konzentrieren sollte! Mit möglichst wenig Aufwand viel erreichen und sich nicht verzetteln, indem man enorme Kraftanstrengungen auf die letzten 20% verschwendet!

Angewandt auf das Value Investing bedeutet es, nicht auf die perfekte Gelegenheit zu warten, weil man dabei (zu) viele hervorragende Chancen verpasst, sondern man sollte bei diesen herausragenden Gelegenheiten zugreifen. Verzichte auf die letzten 20% auf dem Weg zur Perfektion, um mit den 80% die große Rendite einzufahren.

Greife nicht in das fallende Messer!

Aber... das heißt nicht, dass man bei abstürzenden Kursen unbedingt einsteigen muss. Es kommt ganz entscheidend darauf an, zu attraktiven Kursen einzusteigen. Und diese bemessen sich nicht daran, wie hoch der Kurs zuvor gestanden hat - wer das denkt, begeht einen der größten Anlagefehler: er geht dem Ankereffekt auf den Leim. Vor diesem warne ich ja regelmäßig, weil er Anleger teuer zu stehen kommt. In diesem Fall ist der Anker der ursprüngliche Höchstkurs. Von dem aus wird der Kurseinbruch bemessen und das sind 30%, 50% oder 70%. Das sieht billig aus, ist es aber nicht unbedingt. Denn der ursprüngliche Höchstkurs ist ein willkürlich gesetzter Anker. Ihn als Ausgangsbasis für eine Bewertung heranzuziehen würde nur dann Sinn machen, wenn zu 100% feststünde, dass die Aktie zu diesem Kurs angemessen bewertet gewesen war (also ihr Wert exakt dem damaligen Kurs entsprach). Das ist aber eine Variable mit vielen Unbekannten, vor allem ändern sich die einer Aktie oder Branche zugestanden Bewertungsmultiplen ständig. Mal setzt der Markt für eine Branche ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 5 an, mal nur von 2. Gleiches gilt für den Cashflow oder den Gewinn.

Daher ist der frühere Höchstkurs genauso wenig wie der eigene Einstandspreis dazu geeignet herauszufinden, ob eine Aktie zum aktuellen Kurs angemessen oder gar günstig bewertet wird. Dazu muss man sich die Geschäftsberichte und die Geschäftszahlen anschauen und das Unternehmen bewerten. Und erst am Ende der Bewertung einen Vergleich mit dem gegenwärtigen Aktienkurs ziehen - ansonsten würde man hier den nächsten willkürlichen Anker setzen, der die eigene Wahrnehmung und damit die Berechnung des fairen Werts beeinträchtigt.

Als Fazit bleibt: bewerte das Unternehmen, vergleiche diesen Wert mit dem Kurs und greife zu, wenn der Kurs unterhalb dieses Wertes liegt. In diesem Fall sollte man dann nicht versuchen, den Tiefstpunkt zu erwischen, sondern statt "am billigsten" einfach nur "billig genug" einkaufen. Also einfach clever(er) investieren...

2 Kommentare:

  1. Ich denke die Schwierigkeit liegt aktuell darin, die Spreu vom Weizen zu trennen. Einige Titel sind ja massiv abgestürzt. z.B. Paypal, Netflix, Walt Disney, Varta, Zalando, Zur Rose/Shop Apotheke, Fiverr, Teladoc, iRobot, Zoom; Sogar Amazon und Nvidia haben stark nach gegeben.

    Nun bin ich etwas unsicher, was ich machen soll. Denke High Growth möchte ich aktuell nicht mehr kaufen. Insgesamt ist das Depot jetzt schon bei -7,30 % YTD. In Technologie bin ich halt schon zu ca. 40% vom Depot investiert, deshalb bin ich mir unsicher ob es jetzt klug wäre noch mehr Tech zu kaufen. Verkaufen werde ich aber jetzt auch nichts ausm Tech-Bereich.

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    1. Im Grunde sollte man nicht auf sein Depot schauen, sondern darauf, welche Unternehmen sich in dem neuen Umfeld wohl am besten schlagen/ entwickeln werden - und diese Aktien dann im Depot haben/ behalten. Da werden einige Techwerte darunter sein, aber einige eben auch nicht (mehr). Wenn es für Unternehmen künftig schwieriger wird, Umsätze zu generieren und in die Gewinnzone zu kommen, sind Bewertungsrückgänge nachvollziehbar. Vor allem, wenn ihre Wettbewerber finanziell besser dastehen...

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