Sonntag, 28. Februar 2016

Investor-Update: Genworth Financial, Publity, Wirecard

Im Investor-Update notiere ich in unregelmäßigen Abständen aktuelle Einschätzungen zu Unternehmen meiner Empfehlungsliste und wie sich diese ggf. auf mein Investment-Portfolio ausgewirkt haben. Darüber hinaus auch zu Unternehmen, die ich noch nicht hier im Blog vorgestellt habe, die sich jedoch in meinem Depot befinden.

Börsen weiter im Erholungsmodus
Trotz weiterhin starker Schwankungen der Börsenkurse steigen die Aktienmärkte weiter an. Die ganz große Panik ist ausgeblieben und dass die Börsen nicht mehr ausschließlich auf jedes negative Detail starren, führt dazu, dass viele Leute, die auf hohen Cash-Reserven sitzen, zunehmend nervös werden und zu nun höheren Kursen in den Markt zurückdrängen. Alternativen zu Aktien finden sich nach wie vor nicht und so streben die Kurse wieder gen Norden. Auch wenn die Risiken ja nicht verschwunden sind, sie werden nur halt nicht mehr ganz so einseitig man Markt übergewichtet.

 Quelle: CNN Money - Fear and Greed Index 
Fear-and-Greed-Index wechselt die Seiten
Das zeigt sich auch Angst-und-Gier-Index, der inzwischen den neutralen Bereich verlassen hat und nun bereits leicht gierig erscheint. Mit 57 von 100 Indexpunkten ist aber alles im grünen Bereich und wir sollten nicht vergessen, dass er vor zwei Wochen noch bei 21 Punkten notierte und extreme Angst signalisierte. Es ist also nicht alles gut, aber auch nicht alles schlecht in Börsenland. Und bis zu den Börsenständen vom Jahresanfang haben Dax und Dow ja noch einiges aufzuholen, sie liegen auch nach der kleinen Erholungsrallye noch satt im Minus. Wie übrigens auch mein Depot, das in diesem Jahr bisher bei minus 5,5% notiert (es lag allerdings schon zweistellig im Minus), was meiner hohen Gewichtung des Finanzsektors geschuldet ist, der ja mit den Rohstoffwerten gemeinsam zu den abgestraftesten Sparten gehört. Hier schlummert allerdings auch mit das größte Erholungspotenzial, zumindest wenn man auf die richtigen Werte setzt. Und das habe ich vor...



+ Genwort Financial Inc.
Genworth Financial (NYSE: GNW) ist eine US-amerikanische Versicherungsgesellschaft und ich weise seit Jahren auf die verzwickte Lage der Versicherungen hin, die einerseits wegen der Niedrigzinsen kaum noch Erträge erwirtschaften, andererseits aber hohe Garantien an ihre Kunden leisten müssen, insbesondere aus Altverträgen bei der Lebensversicherung. Im August 2013 warnte ich "Niedrigzinsniveau gefährdet Lebensversicherer", im Dezember 2014 "Versicherungsaktien: Renditen runter, Risiko rauf" und im Juni 2015 warf ich die Frage auf "Droht Lebensversicherern schon bald die Pleite?". Und das zunehmend kritischer werdende Umfeld bestätigt mich in meinen Befürchtungen zusehends.

Über Genworth Financial bin ich gestolpert, als ich mich im Bereich der BDCs (Business Development Companies) umgesehen habe. Es lag am Namen und als ich sah, dass es sich um eine Versicherung handelte, wollte ich schon weiterziehen, doch der Chart sah dermaßen mitgenommen aus, dass ich einen längeren Blick riskiert habe. Und je mehr ich gelesen habe, desto schlimmer wurde es. Und umso interessanter...

Der Kurs ist vom Hoch bei $37 im Jahr 2007 auf knapp $1,60 eingebrochen und lag nur zur Zeit der Finanzkrise, als man um die Existenz des Unternehmens fürchten musste, mit $0,80 noch niedriger. 2014 stand man wieder bei $18, seitdem gab es mehrere Wellen nach unten und für den Kursverfall gibt es einige Gründe. Für eine Erholung allerdings auch und daher habe ich mich am Montag zu €1,72 eingedeckt.

Die ausführliche Erklärung ist mir einen eigenen Artikel wert, an dem ich gerade arbeite.

+ Publity
Die seit April 2015 im Entry Standard börsennotierte Publity ist ein Finanzinvestor für Gewerbeimmobilien und überwiegend in deutschen Ballungszentren wie Frankfurt am Main oder München aktiv. Anders als Bestandshalter- und entwickler WCM übernehmen die Leipziger Immobilien aus der Hand der Gläubiger, also zumeist Banken, wenn ihr Eigentümer in finanzielle Schieflage geraten ist und das nicht (mehr) in Eigenregie, sondern für große amerikanische Hedge-Fonds. Publity selbst beteiligt sich jeweils mit etwa 3% der Kaufsumme.

Obwohl ich ja seit Jahren skeptisch bzgl. des weiteren Potenzials bei deutschen Wohnimmobilien bin, sehe ich im Bereich der Gewerbeimmobilien noch einigen Nachholbedarf. Und gerade bei Publity finden Anleger eine Konstellation, die ein Investment zum jetzigen Zeitpunkt wie eine Art "No-Brainer" aussehen lässt. Was mich dazu veranlasst hat, am Mittwoch zu durchschnittlich €36,93 gleich eine doppelt so große Anfangsinvestition zu tätigen, wie ich es normalerweise tue.

Und dabei lockte mich nicht nur die hohe Dividende von €2,00, die bereits am 15. März ausgeschüttet wird und beim aktuellen Börsenkurs von €39 immerhin knapp 5% ausmacht, sondern vor allem die hohen Steigerungsraten bei Umsatz, AUM (Assets under Management) und Gewinn. Vor allem ist absehbar, dass der Gewinn 2016 nochmals explodieren wird, denn Publity hat aufgrund bereits in 2015 abgeschlossener Deals in diesem Jahr schon hohe Fees (Provisionen) zu erwarten.

Publity dürfte damit in seiner Art und Konstellation einmalig sein auf dem deutschen Kurszettel und ich werde auch hierzu einen ausführlichen Bericht verfassen, der meine Einstiegsgründe detaillierter darlegt.

+/- Wirecard
Das MDAX TecDAX-Unternehmen Wirecard ist ein weltweit agierender Anbieter elektronischer Zahlungs- und Risikomanagementlösungen und verfügt über eine Vollbanklizenz. Anders als z.B. PayPal wendet sich Wirecard allerdings an Banken und Geschäftskunden, nicht an Konsumenten direkt. Man hilft seinen 20.000 Kunden bei der Automatisierung ihrer Zahlungsprozesse und der Minimierung von Forderungsausfällen. Die Wirecard Bank AG bietet Konten- und Kreditkarten-Dienstleistungen sowohl für Geschäfts- als auch Privatkunden und ist Principal Member von VISA, MasterCard und JCB und als Kreditkarten-Acquirer weltweit aktiv. Der Internetbezahldienst Wirecard ermöglicht Konsumenten sicheres Bezahlen bei Millionen von MasterCard Akzeptanzstellen. Zusätzlich können registrierte Nutzer in Echtzeit untereinander Geld versenden oder empfangen. Darüber hinaus bietet die Wirecard-Gruppe über die eigene Bank Lösungen in den Bereichen Corporate Banking, Prepaid- bzw. Co-branded-Karten- sowie Konten-Produkte; sowohl für Geschäfts- als auch für Privatkunden.

Schaut man auf den langfristigen Chartverlauf, so scheint der Kurs nur eine Richtung zu kennen: nach oben. In den letzten 10 Jahren hat sich der Aktienkurs mehr als verdreißigfacht, also um mehr als 3.000 Prozent zugelegt. Dabei gibt es immer wieder einmal stärkere Einbrüche, die sich bisher immer als echte Kaufgelegenheiten erwiesen haben, auch wenn das Wachstumsunternehmen Wirecard dabei immer vergleichsweise hoch bewertet war, deutlich zweistellige KGVs sind Standard.

Einige dieser Einbrüche sind gezielt herbeigeführt worden. "Im Sommer 2008 hatte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und ihr damaliger Vizechef Markus Straub Wirecard falsche beziehungsweise irreführende Bilanzierung vorgeworfen. Später wurde bekannt, dass Mitglieder der SdK auf fallende Kurse bei WireCard gewettet hatten. Am 6. April 2010 ist der nächste Angriff auf WireCard gestartet worden: Aufgrund einer Meldung des Nachrichtendienstes „Goldman, Morgenstern & Partners“ (GoMoPa) brach das Papier ein", berichtet boersengefluester.de. Und nun ist es wieder passiert, ein bis dahin nicht bekannten "Analysehauses" namens "Zattara Research and Investigations" hat diese alten Vorwürfe zu einer neuen "Studie" zusammengefasst und daraus Wirecard eine Verstrickung in Geldwäsche, Betrug und weitere unseriöse Praktiken unterstellt und die Schlussfolgerung gezogen, die Aufsichtsbehörden der EU und der USA würden hier aktiv werden und Wirecard die Lizenzen entziehen. Kurzerhand positionierte man ein Kursziel von Null Euro.

Der Aktienkurs bracht dramatisch ein und rauschte von über €40 auf unter €32 ab, innerhalb weniger Stunden. Dabei gab es keine neuen Vorwürfe, die alten haben bisher zu keinen Sanktionen seitens der Behörden oder der Vertragspartner wie VISA oder Mastercard geführt. Und die "Studie" selbst wirft einige Fragen auf. Sie benennt keinen Verfasser, ihre Internetseite hat kein Impressum, sie wird bei einem Anbieter gehostet, der "Anonymität garantiert" und wurde nur wenige Tage vor der Attacke überhaupt registriert. Und auch innerhalb der "Studie" gibt es Hinweise auf Unseriosität, denn man schreibt am Anfang: "Indem Sie diese Studie herunterladen, stimmen Sie ausdrücklich dem Disclaimer zu, inklusive der Risiken von Finanzverlusten, Betrug und Falschdarstellung“ und einige Absätze weiter steht, dass Anleger davon ausgehen sollten, dass Zatarra Research Positionen eingegangen sei, wie über Aktien oder andere Finanzprodukte, die von der Bewegung der Aktie profitieren würden.

Somit liegt auf der Hand, dass die "Studie" nicht dem Anlegerschutz dienen sollte, sondern eine gezielte Short-Attacke darstellt, bei der die Verfasser und/oder ihre Auftraggeber an fallenden Aktienkursen bei Wirecard verdienen wollen. "Qui bono?" ist eine latenische juristische Fragestellung, wer profitiert? Würde es nun nur einen Shortseller bei Wirecard geben, würden die inzwischen involvierten Finanzaufsichtsbehörden, wie die BaFin, schnell Verdächtige haben. Aber bei Wirecard gibt es eine ganze Reihe von (amerikanischen) Leerverkäufern (hier ein sehr lesenswerter Artikel der ARD Börse zum Thema Leerverkäufer). Insgesamt betragen die Netto-Leerverkaufspositionen bei Wirecard 10,17% aller Aktien. Diese Umstände dürften es schwierig machen, die Verantwortlichen zu finden und zu überführen. Auffallend ist allerdings, dass es in den Tagen vor der Short-Attacke einen heftigen Preisanstieg bei der Provisionen für Leerverkaufspositionen bei Wirecard-Aktien gab. Was darauf hindeutet, dass hier einige bereits wussten, dass "etwas" im Busch ist. Börse Online hat in mehreren Artikeln vieles zu dieser Short-Attacke auf Wirecard zusammengefasst, eine gute Übersicht findet sich hier.

Für mich stellte sich als Investor nun die Frage, ob dieser Kursabsturz eine Kaufgelegenheit ist. Die starke Verschachtelung der Strukturen bei Wirecard lassen selbst Experten verzweifeln, die Testate der Wirtschaftsprüfer sind also keine "Persilscheine". Die Vorwürfe sind nicht neu und die Art und Weise sowie die Begleitumstände deuten auf eine gezielte Attacke hin, um an einem Kursabsturz kräftig zu verdienen. Auf der anderen Seite steht ein Unternehmen, das €4,5 Mrd. an Börsenkapitalisierung aufzuweisen hatte, das seit vielen Jahren am Markt tätig ist und über eine Vollbanklizenz verfügt. Es ist also kein windiges Startup, sondern unterliegt regelmäßigen besonderen Prüfungen in vielen, wenn nicht gar allen, seiner Geschäftsbereiche. Und die Summe dieser Faktoren führte mich dazu, in dem gezielt herbeigeführten Kursabsturz von fast 30 Prozent eine Kaufgelegenheit zu sehen.

Ich habe daher zugegriffen und zu durchschnittlich €34,17 eine Position aufgebaut. Da ich davon ausging, dass die Vorwürfe haltlos sind und sich diese Erkenntnis relativ schnell durchsetzen und daher der Kurs einen kräftigen Rebound hinlegen würde, habe ich deutlich mehr Aktien gekauft, als eigentlich bei meinen Erst-Positionen üblich. Immerhin war Wircard so, als der Kurs dann wieder um rund 10 Prozent hochschnellte, kurzfristig meine viertgrößte Position im Depot. Und ich habe die Hälfte dieser Position auch inzwischen zu etwa €38 wieder glattgestellt und die knapp zweistelligen Kursgewinne innerhalb eines Tages eingefahren, so dass ich jetzt noch eine mittelgroße Depotposition in Wirecard halt mit rund 5% Depotanteil. Diese scheint mir unter Chance-Risiko-Aspekten vertretbar.

Auf meine Empfehlungsliste nehme ich Wirecard allerdings nicht, denn es handelt sich nicht um ein Value Investment. Und ob sich der Rauch um diese Short-Attacke wieder legt, bleibt abzuwarten. Die Shortseller haben jedenfalls ihre Leerverkaufspositionen nicht etwa geschlossen, sondern vielmehr noch ausgebaut. Man muss auch in Zukunft mit dieser Ungewissheit leben, wenn man Wirecard in sein Depot nimmt. Andererseits haben eine ganze Reihe von Analystenhäusern ihre positiven Einschätzungen zu Wirecard bekräftigt oder sogar angehoben, denn erst kürzlich hatte Wirecard für 2015 wieder beeindruckende Zahlen vorgelegt mit deutlich zweistelligen Zuwächsen bei Umsatz und Gewinnen. Die Kursziele liegen jenseits der 40 Euro und gehen sogar bis 55 Euro - bei einem aktuellen Börsenkurs von €36,50.


.: Cashquote
Die Käufe haben Geld gekostet, doch der Zwischengewinn bei Wirecard dank des Teilverkaufs hat dafür gesorgt, dass meine Cashquote nicht allzu sehr abgebaut wurde. Sie liegt nun bei rund 15 Prozent, auch dank der Dividendeneingänge von Blackstone, Main Street Capital und Starbucks. Und Am Dienstag trudelt bereits die nächste Zahlung von Gladstone ein, dieses Investment läuft bisher ganz famos. Die Börsen dürften weiterhin stark schwanken und ich bleibe wachsam für interessante Gelegenheiten.

Kommentare:

  1. Danke :) Konnte das Update kaum erwarten :)

    Kleiner Hinweis: Wirecard ist im TecDax, nicht im MDAX.

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    1. Ups, danke für den Hinweis...

      Die beiden Artikel zu Genworth und Publity sind in der Mache - die haben nur eine solchen Umfang angenommen, dass sie den Rahmen dieses einen Investor-Updates gesprengt hätten.

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  2. Sie schreiben, pubility sei einmalig auf dem deutschen Markt. Ist das Geschäftsmodell von der Patrizia Immobilien nicht sehr ähnlich?

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    1. Richtig, allerdings ist Patrizia im Bereich der Wohnimmobilien unterwegs, Publity bei Gewerbeimmobilien. Insofern ist Publity durchaus einzigartig und auch die Art, wie man an die Immobilien herankommt. Dazu werde ich aber noch ausführlich was schreiben.

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