Dienstag, 2. Dezember 2014

Versicherungsaktien: Renditen runter, Risiko rauf

Versicherungsaktien erscheinen auf vielen Kauflisten, weil sie im Vergleich zum Gesamtmarkt recht moderat bewertet sind und nicht selten üppige Dividendenrenditen aufweisen können. Das klingt nach guten Investments...

Doch ein paar Flöhe hat der Hund schon. Denn die Versicherungsbranche leidet erheblich unter der lang anhaltenden Zinsflaute, legt sie doch das Geld ihrer Versicherten bevorzugt in langfristige Zinspapiere an. Und wenn die Hochprozenter auslaufen finden sich heutzutage kaum noch attraktive Anlagemöglichkeiten bei vertretbaren Risiken. Mit der Folge, dass die Renditen sinken. Dem begegnet man durch das erneute Absenken des sog. Garantiezinssatzes, den die Kunden der Kapital- und Rentenversicherungen erhalten. Vor einigen Jahren lag dieser noch bei 4 Prozent, nun wird er auf 1,25 Prozent schrumpfen. Es kommen zwar noch die Überschussbeteiligungen hinzu, aber diese sind eben nicht garantiert.

Das Hauptzugpferd der Assekuranzen, die Kapitallebensversicherung, wird also für Kunden zunehmend unattraktiv, trotz der ebenso wenig zündenden Konkurrenz aus der Bankenbranche, denn für Spareinlagen oder Termingelder bekommt man auch fast keine Zinsen mehr gutgeschrieben. Auch wenn es für Privatkunden bisher noch keine Negativzinsen gibt. Erste Lebensversicherer haben schon angekündigt, keine Dividenden mehr zahlen zu können oder zu wollen.

Den Rückversicherern machen hingegen versicherungsfremde Konkurrenten das Leben schwer, denn auch andere große Anleger, wie Pensionsfonds, suchen derzeit händeringend nach Anlagemöglichkeiten. Und so stoßen sie in dieses vermeintlich attraktive Geschäftsfeld vor, so dass die Branchenriesen wie die Munich Re inzwischen Marktanteile verlieren. Bewusst, weil sie sich auf kein Prämien-Dumping einlassen wollen, denn diese Lehre haben sie teuer bezahlt, als sie es vor einigen Jahren anders machten und dann massiv draufzahlen mussten. Andererseits haben Versicherungsunternehmen in den vergangenen Jahren auch nicht wirklich vom Boom der Sachanlagen profitieren können, wie ein Blick auf die Allianz zeigt. Deutschlands größter Versicherer hat seinem Geschäftsbericht 2013 zufolge 89 Prozent seines Geldes in Anleihen investiert und nur 7 Prozent in Aktien. Weitere 2 Prozent jeweils in Immobilien und Cash. Die Kunden profitierten also weder von den rasant steigenden Immobilienpreise noch von den Rekordständen an den Börsen.

Die Erstversicherer stehen also unter Renditedruck, die Rückversicherer ebenfalls. Preiserhöhungen lassen sich aber schwer durchsetzen, also versuchen sie selbst, in fremde Anlagemärkte vorzudringen, um höhere Renditen zu erzielen. Die Immobilienpreise in Deutschland steigen auch deshalb an. Und immer häufiger tummeln sich Versicherungen in Infrastrukturprojekten oder im Bereich der regenerativen Energien, weil sich hier sichere Renditen erzielen lassen. Und treiben damit auch hier die Preise in die Höhe. Dabei sind die Risiken keinesfalls banal, wie die immer wieder auftauchenden Verzögerungen bei Offshore-Windparks zeigen oder die langjährigen Erfahrungen mit Immobilien, die zumeist kurze Phasen mit Wertsteigerungen erfahren, ansonsten aber eher stagnierende bis fallende Preise aufweisen.

Doch was bedeutet das für die Anleger von Versicherungsaktien? Zunächst einmal sollte man verstehen, dass die optisch niedrigen Bewertungen (z.B. KGV oder KBV) nicht gänzlich unverdient sind und eben nicht unbedingt auf Schnäppchen hinweisen. Und die teilweise üppigen Dividenden sind auch nicht in Stein gemeißelt - auch sie müssen erst verdient werden. Die Munich Re hat hier in der Vergangenheit öfter mal auf die Rücklagen zugegriffen, um die Dividendenzahlungen zu glätten und keine Senkung vornehmen zu müssen. Und die Ankündigung der Allianz, künftig die Hälfte des Jahresgewinns an die Aktionäre auszukehren anstatt der bisherigen rund 40 Prozent, sollte auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Branche kriselt. Wie schnell aus vermeintlich sicheren "Witwen- und Waisenpapieren" Kapitalvernichter werden können, haben die Versorger vorgemacht. Eon und RWE waren solide Aktien mit hoher Dividendenrendite. Wie gerne wären Sie Aktionär dieser beiden gewesen in den vergangenen Jahren?

Ins Bild passt, dass eben der Stresstest für die Versicherungsbranche durchgeführt wurde. Das wenig überraschende Ergebnis ist, dass die Branche anfällig ist durch eine lang anhaltende Niedrigzinsphase. Und kämen noch deutlich sinkenden Assetpreise (z.B. bei Immobilien) hinzu, würde dieses kombinierte Krisenszenario fast die Hälfte von Europas Versicherungsunternehmen in ernsthafte Bedrängnis bringen. Die Widerstandskraft der Branche wurde dabei gemessen an den Kennziffern und Kapitalquoten, die ab 2016 unter dem Oberbegriff "Solvency II" in Kraft treten.

Fazit
Versicherungsunternehmen sind nicht per se gefährdet, aber die Aussichten für diese Branche verschlechtern sich zunehmend. Die vermeintlich attraktiven Bewertungen von Versicherungsaktien sollten das in den Kursen schlummernde Risiko nicht verdecken und auch die vergleichsweise hohen Dividendenrenditen sind zunehmend risikobehaftet. Neuengagements in diesem Bereich drängen sich eher nicht auf und wenn, dann allenfalls als Depotbeimischung. Anleger auf der Suche nach attraktiven Dividendenrenditen sollten sich lieber anderen Branchen zuwenden und auf etwas Rendite verzichten zugunsten eines besseren Chance-Risiko-Mixes.




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