Freitag, 24. Juni 2016

BREXIT: Briten raus aus der EU, Schotten und Iren raus aus Großbritannien?

Nun ist es passiert, naja, es wird wohl passieren, die Briten steigen aus der EU aus. Das Lager der Brexit-Befürworter hat einen Sieg davon getragen und auch wenn dieser dünn ausfällt, sind sie doch in der Mehrheit. Die Börsen werden heute deutlich einbrechen, zu Beginn des Handels, aber danach sollte die alte Börsenweisheit greifen: "Politische Börsen haben kurze Beine". Denn...

  1. Einen schnelle EU-Austritt wird es nicht geben
    Es werden jetzt jahrelange Gespräche zwischen EU und Großbritannien folgen, wie die vielfältigen Beziehungen getrennt werden können. Einen schnellen Austritt wird es nicht geben.
     
  2. Die Regierung Cameron ist am Ende
    Premier Cameron hatte für einen Verbleib in der EU geworben, die Büchse der Pandora mit dem Referendum jedoch selbst geöffnet, mit dem er parteiinterne EU-Kritiker ruhig stellen wollte. Cameron ist politisch gescheitert und dürfte noch in diesem Jahr als Premier zurücktreten (müssen).
     
  3. Schotten und Nordiren stimmten mit großer Mehrheit für einen Verbleib in der EU
    Schotten und Nordiren stimmten anders ab als die Engländer und wollen mit großer Mehrheit in der EU bleiben. Dies dürfte deren Unabhängigkeitsbewegungen mächtig Auftrieb geben und könnte zur Abspaltung eines oder gar beider Länder von England führen.
     
  4. Keine Mehrheit im Parlament für Austritt?
    Da das britische Parlament einem Austritt zustimmen und wohl auch bereits formal einen Beschluss zum Austritt und der Aufnahme von Verhandlungen mit der EU treffen müsste, kann die Chose hier bereits scheitern. Denn im britischen Parlament sitzen auch viele Abgeordnete aus Nordirland und Schottland und ob die angesichts des Abstimmungsergebnisses ihrer Landsleute im Parlament für einen Brexit stimmen werden, kann zumindest bezweifelt werden. Das das britische Wahlsystem ein reines Direktwahlsystem ist, sind den Abgeordneten ihre Wahlkreiswähler viel näher als ihre Parteioberen. Daher ist es gut möglich, dass die Mehrheit der britischen Abgeordneten gegen einen Brexit stimmen wird, auch wenn die Mehrheit der Wähler insgesamt dafür gestimmt hat.

Es bleibt spannend, auch wie die EU sich verhalten und ggf. diesen Warnschuss (endlich) verstehen wird, um sich wieder zu dem zu entwickeln, was ursprünglich die Idee des geeinten Europas war: friedliches Zusammenleben mit Vorteilen für alle.

Die Finanzmärkte dürften sich nach der ersten kräftigen Erschütterung auf die neue Situation einstellen und schon bald zur Normalität zurückkehren. Unsicherheit ist ihr größer Feind, nicht herausfordernde Situationen. Im Nachhinein werden die Anleger wieder einmal erkennen müssen, dass derartige Kurseinbrüche in der Langfristperspektive hervorragende Kaufchancen waren. Oder wie es Warren Buffett ausdrückte: "Kaufe, wenn Angst herrscht".

Kommentare:

  1. Seh ich auch so. Habe heute stark gekauft. Hast du heute was bestimmtes gekauft?

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    1. Ich hatte ja eine erhöhte Cash-Position aufgebaut, um ggf. günstig zuschlagen zu können. Der kräftige Anstieg der letzten Tage und die knappen Umfrageergebnisse gestern haben mich dann dazu veranlasst, gestern Nachmittag zusätzlich DAX-Puts zu kaufen, um mein Depot abzusichern und für den Fall eines (ja quasi schon nicht mehr erwarteten Brexits) mit den Gewinnen mehr Nachkaufpotenzial zu schaffen. Und so kam es, die Puts sind heute morgen in die Höhe geschossen und ich habe sie bei rund 9.200 DAX-Punkten glattgestellt mit rund 65% Gewinn.

      Ich habe heute morgen dann auch gehandelt. Ich habe meine Publity-Position komplett glattgestellt zu €29 und kurze Zeit später zurückgekauft zu durchschnittlich €27,20. Ansonsten habe ich Aurelius um ein Drittel aufgestockt zu durchschnittlich unter €47 und Hypoport ebenfalls um ein Drittel ausgebaut zu €72,50. Des Weiteren habe ich ein paar M.A.X. Automation eingesammelt zu €5,40. Meine Kauforder bei Villeroy & Boch zu €11,50 ist leider nicht bedient worden.

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    2. Vielen Dank. Hab gedacht du hast auch ein paar neue Werte dazugekauft?

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    3. Die Kurse sind echt super, bei welchen Brocker(n) und auf welchen Handelsplätzen bist Du unterwegs?

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    4. Ich habe als neue Position seit heute zu €6,70 die S&T AG aus Österreich im Depot (ehemals Gericom, später Quanmax), einen IT-Dienstleister.

      Da meine Aktien in einer GmbH halte, bin ich da etwas eingeschränkt. Aktuell noch über die Commerzbank, befinde mich aber im Wechselmodus hin zur DAB.

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    5. Vielen Dank für deine schnelle antwort. S&T hab ich heute auch aufgenommen. Bei Aurelius bin leider nicht zum Zug gekommen, aber dafür bei paar anderen. Was hälst du eigentlich von Helma Eigenheimbau?

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    6. Helma Eigenbau ist nicht uninteressant, aber ich glaube, dass die großen Kursgewinne bereits gemacht sind. Ich würde im Bereich private Immobilien/Bau eher auf Steico setzen, auf Patrizia.

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    7. Dann hoffe ich für dich das du mit der DAB mehr Glück hast, - der Login und damit der Kauf/Verkauf waren heute früh bis Mittag nicht möglich. Auch ich hatte eine gute Cashquote liegen, doch als ich mittags endlich Zugriff bekam war der Rebound bereits vollzogen und Käufe damit sinnlos. Comdirect schien der einzige Anbieter zu sein bei dem alles halbwegs reibungslos funktionierte.

      Beste Grüße

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    8. Da hatte die CoBa wenig Probleme, die haben wohl auch kaum Kunden, die online Aktien handeln, daher auch keine Probleme mit einem Massensturm. Ich habe den großen Andrang eher daran gemerkt, dass die Kursmakler teils über längere Zeiten keine Kurse gestellt haben bzw. Orders abgewickelt wurden (oder deren Ausführung angezeigt wurde). Und natürlich am Kursabsturz selbst...

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  2. Was für einen Put hast du gekauft? Ich kenn mich da leider nicht wirklich aus. Und auf fallenden DAX würde ich gerne auch ab und zu spekulieren. Aber ohne Hebel, sondern 1:1 auf den Dax. Was gibt es denn da?
    Villeroy hatte ich auch im Blick. Und bin jetzt bei Coloplast rein.

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    1. Ich hatte mir den HSBC T+B PUT17 DAX (WKN: TD1MLC) ausgesucht, aber jetzt keine ganz so umfangreiche Recherche angestellt. Er sollte einen ordentlichen Hebel haben und nicht total aus dem Geld sein. Ziel war, bei einem Bremain nicht zu viel Geld in den Sand zu setzen und bei eine Brexit einen schnellen, satten Gewinn einzustreichen, um damit Aktien in die Ausverkaufsstimmung hinein kaufen zu können.

      Coloplast ist auch auf meiner Watchlist; die haben ja schon seit einiger Zeit Probleme in GB, daher dürften die ziemlich gelitten haben im ersten Augenblick.

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  3. Kann man die Kritik an der EU, die hier auch wieder gebütsmühlenartig wiederholt wird, mal konkret dingfest machen? Was ist denn bitte die genaue Kritik an Europa?

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  4. Martin Kellermann24. Juni 2016 um 14:30

    Ich habe zwar hier in diesem Forum noch keine EU-Kritik geäußert, aber als jemand, der einmal mehrere Jahre in Großbritannien gelebt hat (und zwar 1997-2001, das waren die ersten Blair-Jahre, im Rückblick vermutlich die am ehesten proeuropäische Phase der britischen Politik), kommt der Brexit nicht überraschend.
    Es ist zwar auf den ersten Blick kaum verständlich, dass ausgerechnet die Briten aus der EU austreten, die doch mit den zentralen Problemen Euro und illegaler Migration (alias „Flüchtlingskrise“) von allen Mitgliedstaaten am wenigsten zu tun haben. Aber es zeigt sich, dass für die Briten – und das gilt wohl grundsätzlich sowohl im Leave- als auch im Remain-Lager – Volks- und Parlamentssouveränität sowie Vertragstreue (immerhin sprechen wir von einem Staat ohne Verfassung und von einer alten Handelsnation, in der Konventionen und Verabredungen strikt einzuhalten sind) viel wichtiger sind, als wir Kontinentaleuropäer uns das so vorstellen können! Dabei geht es weniger um ökonomische als um, wenn man so will: staatsrechtliche Prioritäten. Die Hauptkritikpunkte sind also, pathetisch gesagt: Fremdbestimmung und Demokratiedefitzite! Und vor allem will man nicht so stark von "Brüssel" und "Berlin" abhängig sein.
    Das ist schon seit Jahrzehnten so, und in dieser Ausgangssituation hat David Cameron, dieser - pardon: Idiot, mit dem Feuer gespielt und sich auf tragische Weise gleich doppelt verzockt: Zuerst mit der Idee, seine Partei mit diesem Referendum ruhigstellen zu wollen, damals als er mit den pro-europäischen LibDems eine Koalition eingehen musste. Seinerzeit ging er wohl davon aus, dieses Referendum nie abhalten zu müssen, doch als er die letzte Wahl überraschend gewann, kam er aus dieser Nummer nicht mehr heraus. Und sein Vorhaben, die Tories zu beruhigen, war spätestens mit Boris Johnsons Coming-Out als EU-Gegner gescheitert. Zweitens hat die Remain-Kampagne ausschließlich auf Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen gesetzt, und da erinnern sich Briten gerne an die „Experten“, die bei der Nicht-Einführung des Euro gewarnt hatten, dies sei das Ende der britischen Wirtschaft. Mit einer solchen defensiven Angst-Kampagne sieht man gegen Versprechungen von „Freiheit“, „Demokratie“ und „Souveränität“ eben schlecht aus…
    Im Kern ging es um das Einwanderungsthema. Als das Referendum angesetzt wurde, war dies noch die EU-interne Migration, vor allem von polnischen Arbeitnehmern. Dann kam Angela Merkels Flüchtlingspolitik, und seither geht es um ganz andere Dimensionen. Für mich war daher seit September relativ klar, dass es zum Brexit kommen würde. Dummerweise wird dieses Argument jetzt nur von Gauland und der AfD thematisiert, womit das Thema erst mal wieder ignoriert werden kann. Was jetzt wohl kommt? Sicher ein Referendum in Schottland (mit erwartbarem Pro-EU-Votum), das Wiederaufflammen des nun seit 20 Jahren halbwegs beruhigten Nordirland-Konflikts (letztlich wohl mit irischer „Wiedervereinigung“), ein Zerbrechen des United Kingdom zugunsten eines „Little England“ mit walisischem Anhang, Anti-Europa-Initiativen in Frankreich, Holland, Österreich, … und irgendwann auch in Deutschland! Nicht schön, aber wohl unausweichlich.

    Was das für Aktieninvestments bedeutet? Da bin ich mir unsicher, aber es ist wohl ein guter Mioment für Value-Strategien. Leider war ich schon länger voll investiert und hatte heute morgen kein Kleingeld...

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  5. Was für ein schöner Morgen war das heute? Hatte schon lange nicht so viel Spaß bei der Schnäppchenjagd...

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  6. Die US Wahl steht ja auch noch bevor. Ich habe zwar heute auch Aktien eingesammelt (z.B. Ryanair), würde persönlich noch etwas Feuerholz in der Rückhand halten.

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  7. Ich habe mich, da bin ich ehrlich aber richtig gefreut das die Briten sich zum Brexit entschlossen haben.

    Die EU Politiker müssen endlich aufwachen, es wird leider seit Jahren eine völlig falsche Politik gemacht. Die Bürger werden nicht mitgenommen und kommen sich oftmals verar.. oder übergangen vor.

    Ich habe heute Morgen die Gelegenheit genutzt und mir Unilever mit 3,3% Dividenrendite ins Depot geholt.

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    1. Wer sind denn bitte "die Bürger" oder vielleicht noch "das Volk", das dann auch immer zitiert wird? Und wer sind die "EU Politiker"?

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  8. Hallo Hr. Kissig,

    haben Sie auch Aktien aus GB auf dem Schirm bzw. haben Sie vor da in nächster Zeit verstärkt zu suchen?


    Grüße
    valuetradeblog

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    1. Ehrlich gesagt, kann ich die (wirtschaftlichen) Folgen eines Brexits gar nicht richtig einschätzen, daher fällt es mir auch schwer, hieraus Handlungsoptionen abzuleiten. Wenn die Banken das wirklich durchziehen, was sie angekündigt haben, wird der Finanzplatz London stark leiden. Und die Fusion der Frankfurter Börse mit der Londoner steht nun auch wieder auf der Kippe. Denn der sollte ja mit einer Sitzverlagerung nach London einhergehen, das wird die FSE jetzt kaum noch in Erwägung ziehen können, denke ich.

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  9. Hallo Herr Kissig,
    mir scheinen momentan die Reaktionen um den Brexit sehr unüberlegt und zu kurz gegriffen zu sein. Wie die Auswirkungen tatsächlich sind wird sich wohl erst in den Verhandlungen zwischen GB und EU ergeben. Was momentan bleibt ist vor allem Ungewissheit.
    Positiv ist momentan dass bei vielen Aktien die Kurse nochmal gefallen sind und vielleicht weiter fallen.
    Ich würde gerne eine Einschätzung zu VIACOM von Ihnen wissen.
    Der Wert sieht für mich sehr günstig aus (Div.Rendite, Auszahlungsquote, KGV), jedoch kann ich schlecht einschätzen wie attraktiv das Portfolio der Sender MTV, Nickelodeon etc. sind.
    http://theconservativeincomeinvestor.com/2016/06/12/viacom-the-cheapest-blue-chip-stock/
    Vielen Dank

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