Donnerstag, 2. Februar 2017

IBM: Deshalb stimmt Buffett nicht in den Big Blues ein

▸ Kissigs Kolumne vom 19. Juli 2016, Anlegermagazin 04/2016 

Warren Buffett lässt die Finger von Technologiewerten, denn er investiert ausschließlich in seinem Kompetenzbereich. Und Technologie gehört nicht dazu. Obwohl er seit Jahrzehnten mit Microsoft-Gründer Bill Gates eng befreundet ist, hat er niemals Aktien von Microsoft besessen. Nicht, weil er Bill Gates nicht vertraute, sondern weil er nicht abschätzen konnte, wie Windows und Office die Welt verändern und wie erfolgreich sie auf lange Sicht sein würden.

Doch im Jahr 2011 schien sich die Welt des Value Investings auf einmal anders zu drehen, denn Warren Buffett stieg mit einer Milliardensumme bei International Business Machines ein, einem Dow Jones-Unternehmen, das früher einmal der größte Computerhersteller der Welt war.

Seit Buffetts Einstieg dem haben auch viele seiner Anhänger IBM in ihre Depots genommen und sie alle haben bisher kaum Freude an ihrem Investment gehabt. Denn „Big Blue“ hat gleich mehrere negative Rekorde aufgestellt: 2013 und 2014 war IBM der Wert im 30 Aktien umfassenden Dow Jones Index, der die schlechteste Jahresperformance aufwies und 2015 lag man ebenfalls fast ganz am Ende. Und das während einer der stärksten Haussen, die die Aktienmärkte je gesehen haben. Darüber hinaus hat IBM es geschafft, nun schon 16 Quartale in Folge Umsatzrückgänge verzeichnen zu müssen und für die jetzt anstehenden Quartalszahlen sollte man nicht wirklich auf Besserung hoffen. Hinzu kommen schmerzhafte Gewinnrückgänge, die IBM-Chefin Ginny Rommetty hatte ankündigen müssen. Alles in allem also wenig Argumente für ein Investment in Aktien von „Big Blue“.

Die Buffett-Perspektive
Doch Buffett sah und sieht das anders. Als er nämlich 2011 erstmals IBM-Aktien erwarb, legte er seine Beweggründe der Öffentlichkeit dar. IBM befand sich damals am Anfang eines Transformationsprozesses weg vom klassischen Hardwaregeschäft hin zu Service und Software, nachdem man einige Jahre zuvor bereits die PC-und Notebookfertigung an den chinesischen Technologie-Giganten Lenovo verkauft hatte. Und die damals neue IBM-Chefin Rommetty versprach frischen Wind in die verstaubten Hallen zu bringen. Buffett begriff diesen Wandel vor allem als Chance für IBM, sich von alten, margenschwachen oder gar verlustträchtigen Bereichen zu trennen und sich neuen, höher profitablen Geschäftsfeldern zuzuwenden. Er sagte schon damals, dass er davon ausgehe, dass die nächsten Jahre für IBM schwer würden und der Aktienkurs vermutlich eher fallen werde als steigen. Und dass ihn das nicht stört, denn er hätte vor, noch viel mehr IBM-Aktien zu kaufen und diese wolle er lieber billig einkaufen als teuer.


 IBM Corp. (Quelle: finanzen.net
Der Burggraben
Allerdings weiß man, dass Buffett nicht auf Branchen im Umbruch setzt, nicht auf Unternehmen, die lange und schwierige Umwälzungen vor sich haben, und da scheint IBM nun so gar nicht in sein Beuteschema zu passen. Buffett setzt bevorzugt auf Unternehmen mit solidem, erprobtem Geschäftsmodell, hohen Cashflows und üppige Dividendenrendite und vor allem einem ökonomischen Burggraben. Und hier verliert der Hund nun seine Flöhe. Denn Buffett entdeckte IBMs Burggraben und dieser ist der Grund, weshalb er IBM-Aktien kaufte und noch immer weiter zukauft. Zuletzt im ersten Quartal als er den Anteil seiner Investment-Holding Berkshire Hathaway fast an die 10-Prozent-Marke führte mit einem Beteiligungswert von inzwischen rund 11,5 Milliarden Euro. So ist IBM in Buffetts Portfolio hinter Kraft Heinz, Wells Fargo und Coca Cola inzwischen die viertgrößte börsennotierte Beteiligung mit deutlichem Abstand zur fünftplatzierten American Express.

IBMs Burggraben sind seine Kundenbeziehungen. Buffett schaute sich in seinem eigenen Investmentkonglomerat um und sah, dass fast alle seiner großen Beteiligungen und Tochterunternehmen bei IBM Kunden sind, dass sie alle Hardware, Software und Dienstleistungen in großem Umfang von IBM bezogen. Und Buffetts Blick schweifte weiter und er entdeckte, dass beinahe alle der Top-100 Unternehmen er USA IBM-Kunden sind. Sie alle haben den überwiegenden Teil ihrer IT-Infrastruktur von IBM bezogen, so dass IBM Teil der Unternehmens-DNA von „Corporate America“ ist. Die Produkte und Lösungen von IBM sind aus den Unternehmen kaum wegzudenken, ohne dass diese de facto komplett neu strukturiert und erschaffen werden müssten. 

»Mache es einfach, nicht kompliziert: suche Unternehmen mit nachvollziehbaren Geschäftsmodellen aus, die Bestand haben werden.«
(Warren Buffett)

Buffett sah, dass die Branche vor einem großen Wandel stand, weg vom klassischen Hardwaregeschäft, weg von einzelnen PC-Arbeitsplätzen hin zu zentralisierten Einheiten in großen Rechenzentren, an die nur noch die Tasttaturen und Bildschirme angedockt waren. Der Trend hin zur Cloud steckte noch in den Kinderschuhen, nahm aber gerade Fahrt auf. Er ist der logische nächste Schritt dieser evolutionären Entwicklung. Dabei kann IBM nicht immer punkten, sondern scheint gegen Amazons Web Services (AWS) und Microsofts Azure den Anschluss zu verlieren. Doch das erschüttert Buffetts Glauben an IBM nicht, denn ihm ist klar, dass die bisherigen IBM-Kunden diesen Wandel vollziehen werden und dabei IBM-Kunden bleiben müssen. Sie können gar nicht anders.

Das einzig Stete ist der Wandel
Auch dieser Wandel vollzieht sich nicht in einem einzigen radikalen Umbruch, sondern ist eine permanent fortschreitende Erneuerung und Anpassung. IBMs Kundenbeziehungen zu den alten Größen der US-Industrie sind für Konkurrenten ein schier unüberwindbarer Burggraben und die Garantie dafür, dass IBM diesen Wandel überleben und erfolgreich gestalten wird. Die jungen, aufstrebenden Unternehmen, die werden eher selten neue Kunden bei IBM, sie setzen auf Microsoft oder AWS. Und daher wachsen diese beiden mit ihren Cloud-Sparten schneller als IBM, die auf der anderen Seite die bisherigen Umsätze mit ihren Kunden im klassischen PC-Geschäft verlieren und insbesondere natürlich auch die der Bereiche, die man ausgliedert und verkauft.

Im Gegenzug ist IBM mit „Watson“ ganz vorne mit dabei im Zukunftsthema Künstliche Intelligenz. Watsons Stärke ist das Erkennen von Mustern und Zusammenhängen in unstrukturierten Datenmassen, anhand derer er dann konkreten Handlungsempfehlungen gibt. Das Anwendungsspektrum ist schier unbegrenzt und reicht vom Steuern komplexer Maschinen über medizinische Diagnosen bis hin zum autonomen Fahren oder Wetterberichten in Echtzeit.

Buffett sieht die stetigen Umsatzrückgänge daher nicht kritisch, sondern als Notwendigkeit an. Er bewertet IBM nicht danach, ob das Unternehmen das größte Wachstum aufweist, sondern ob es den Wandel erfolgreich und profitabel gestalten und seine intakten Kundenbeziehungen aufrechterhalten kann. Buffett liebt die hohen Cashflows, die IBM noch immer einspielt und die üppige Dividendenrendite, die die jährlichen Dividendensteigerungen bei stagnierendem Aktienkurs ihm einbringen, und ihm gefällt, dass IBM in großem Stil eigene Aktien zurückkauft. Denn da Buffett keine IBM-Aktie aus der Hand gibt, während IBM selbst Aktien kauft und vom Markt nimmt, steigt sein prozentualer Anteil am Unternehmen unaufhörlich an, selbst wenn er einmal keine weiteren Aktien hinzugekauft hat.

Sollte man Buffett einfach folgen?
Viele Anleger, die Buffetts Investmententscheidungen einfach nur nachahmen, dürften sich über die schlechte Entwicklung der IBM-Aktie in den letzten Jahren sehr geärgert haben. Denn trotz der attraktiven Quartalsdividenden hat der Kurs verglichen mit dem Gesamtmarkt äußerst lausig abgeschnitten. In einem starken Bullenmarkt brachte fast jede andere Aktie mehr Geld ein, als IBM. Doch so sieht Buffett die Sache nicht. Er kauft nicht die Aktien, er erwirbt Anteile an einem Unternehmen, er wird Partner und das auf lange Sicht, möglichst sogar für immer. Solange er Aktien kaufen will, sind ihm niedrige Aktienkurse lieber. Er achtet nicht auf den zwischenzeitlichen Stand der Kurse, um daran seinen Erfolg zu messen. Er kauft Aktien, um das Unternehmen zu besitzen. Und er will IBM. Stück für Stück, immer mehr.

»Spiele werden von denen gewonnen, die auf das Spielfeld achten und nicht auf die Anzeigetafel.«
(Warren Buffett)

Für normale Anleger stellt sich die Frage, ob IBM nach den vielen schwierigen Jahren endlich wieder auf den Erfolgspfad zurückkehren wird, und ob sie mit IBM-Aktien und den Dividendenausschüttungen auf eine attraktive Jahresrendite kommen. Aufgrund des hohen Dollarkurses und der nach wie vor herausfordernden Problemstellungen, vor denen das Unternehmen steht, wäre es verfrüht, den jüngsten Kursanstieg schon als Trendwende zu interpretieren. Andererseits sind die Käufe von Warren Buffett und durch IBM selbst eine gute Absicherung des Kurses nach unten und ein möglicher Kursrücksetzer nach vielleicht nochmals enttäuschenden Quartalszahlen könnte eine gute Einstiegsgelegenheit darstellen für ein langfristiges Engagement in ein Milliardenunternehmen mit einem ausgeprägten ökonomischen Burggraben.

Kommentare:

  1. Unter 130 € fand ich IBM sehr attraktiv. Sollten die wieder fallen, würde mich das sehr freuen

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  2. Dass IBM mit seinen Kundenbeziehungen einen Burggraben hat, mag schon stimmen. Aber der sorgt vor allem dafür, dass der Umsatz nur sehr langsam zurückgeht und nicht so dramatisch wie man es eigentlich erwarten müsste bei IBMs katastrophaler Firmenpolitik der letzten Jahre.

    Ich kenne viele Firmen, die alte IBM IT-Infrastruktur haben und seit Jahren planen, davon wegzukommen (in der Regel Richtung Microsoft). Ist aber natürlich nicht so einfach bei gewachsener Corporate IT, daher verdient IBM hier immer noch weiter. Aber ich kenne persönlich kein Unternehmen, dass z.B. von einer Microsoft-Infrastruktur plant Richtung IBM zu wechseln. Die alten Geschäftsfelder werden also für einige zeit noch dafür sorgen, dass IBM nicht pleite geht. Aber wo Umsatzwachstum herkommen soll ist mir schleierhaft. In den neuen Geschäftsfeldern wie Cloud spielt IBM nur eine Nischenrolle, und die Margen sind hier im Vergleich zum Altgeschäft nur hauchdünn.

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  3. IBM-Aktien kaufen? No way... womit wollen die künftig Profit machen?

    IBM hatte bei uns fast ein Alleinstellungsmerkmal bei der Softwarebelieferung aber die grandiose Politik dass man immer neu verkaufen will, einen teuer & immer alternativloser in die große blaue Wolke zwängen will und sich teils einen Sch### um bewährte Altprodukte kümmert, teils noch nichtmal vernünftige Migrationspfade anbietet hat dazu geführt, dass wir dabei sind, sie rauszukicken und durch (teils) Open Source-Lösungen mit vernünftigen Schnittstellen zu ersetzen.

    Ähnlich halten es auch etliche andere Firmen & Einrichtungen, mit denen wir im Austausch stehen.

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  4. Danke für den Artikel.

    Ich halte nun IBM seit 2 oder 3 Jahren und bin trotzdem nicht enttäuscht. Ich bin davon überzeugt, dass es die Firma schafft. Ich denke Watson wird weit unterschätzt. Da kommt noch einiges auf uns zu. Das Cloudgeschäft kommt zwar langsam voran, aber es wird. Ich bin weiterhin positiv eingestellt.

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  5. Hallo Michael,

    das sind ja ganz neue Töne aus deinem Mund zu IBM...
    ich erinnere mich noch sehr gut an die hier stattgefundenen interessanten Diskussionen zwischen Daniel Koinegg vom bargain-magazin, der die "Pro" IBM-Position inne hatte und dir als "Kontra"-IBM-Vertreter.
    Wie kommt dein Sinneswandel und wieso setzt du IBM nicht auf die Empfehlungsliste/in dein Depot?

    Beste Grüße
    Malte

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    1. Die Frage ist doch immer gewesen, ob die Transformation von IBM klappt und ob die neuen Geschäftsfelder in der Lage sind, die Umsatzeinbußen in den alten Bereichen zu kompensieren. Und wann IBM wieder zu einem lohnenden Investment werden würde. Das habe ich für mich in den letzten 5 Jahren mit einem klaren Nein beantwortet. Und schaut man auf den Vergleich mit dem Dow Jones Index, so hat dieser seit Anfang 2012 um rund 55% zugelegt, IBM nur um 15% - zuzüglich Dividenden, klar. Allerdings nur auf Euro-Basis, in Dollar liegt IBM sogar mit 8% im Minus!

      Diese massive Underperformance ggü. dem DJI zeigt, dass IBM in dieser Zeit kein lohnendes Investment war. Man hat zwar, dank des Kursanstiegs in den letzten Monaten (und dank des seit 2012 massiv gefallenen Dollars) unter dem Strich sogar eine mickrige Rendite eingefahren, aber woanders eben ganz andere Chancen gehabt.

      Stand heute, könnte IBM sich aber bald dem Ende des Siechtums nähern. Und vielleicht beginnt sich ja langsam das Szenario einzustellen, das Daniel hier immer beschworen hat. Ich bin noch nicht davon überzeugt, aber ich sehe inzwischen durchaus positive Anzeichen hierfür. Auch wenn 19 ununterbrochenen Quartale mit Umsatzrückgängen schon ein extrem trauriger Rekord sind.

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