Freitag, 15. Dezember 2017

Vectron Systems: Zwischen Durststrecke und Hoffnungsschimmer

Der Kassensystemhersteller Vectron Systems kann auf ein turbulentes Börsenjahr zurückblicken. Zunächst konnte man mit sehr starken Zahlen im Kerngeschäft punkten und der Aktienkurs honorierte es entsprechend. Dann kam "das große Ding", eine Kooperation mit Coca Cola auf Basis der bonVito-Plattformvon Vectron. "GetHappy" hat das Potenzial, Vectron in ganz neue Dimensionen zu hieven und die Hoffnungen auf diesen großen Wurf katapultierten den Aktienkurs bis auf 40 Euro hoch; auch getrieben von Analystenstimmen, die dreistellige Kursziele prognostizierten. Dazu passte auch, dass Vectron-Vorstand Stümmler im letzten Jahr meinte, würde bonVito einschlagen, müsste man an den Vectronkurs wohl noch eine Null dranhängen. Das wären auf damaliger Basis 140 Euro gewesen. Nun, diese Euphorie ist inzwischen weitgehend verflogen und der Kurs kämpft, die 20-Euro-Marke nicht nachhaltig nach unten zu durchbrechen. Und könnte diese Schlacht verlieren...


Einen sehr lesenswerten Bericht über die Präsentation Vectrons auf der Münchener Kapitalmarktkonferenz gibt es bei boersengefluester.de mit "Eine ganz heiße Nummer". Insbesondere die Chancen, die sich Vectron mit der Coke-Kooperation bieten, sind sehr gut dargestellt. Auf der anderen Seite finden sich einige Misstöne in dem Bericht, die (auch) mich zum Überprüfen meines Investmentcases anregen.

Ich bin davon ausgegangen, dass Vectron aufgrund seiner starken Marktstellung bei den Kassensystemen (rund 25% Marktanteil in Deutschland) der größte Profiteur der Zwangserneuerung in diesem Sektor sein wird (Stichwort Fiskalspeicher). Hierzu hatte Vectron im ersten Halbjahr herausragende Unternehmenszahlen präsentiert und damals warnte ich, dass man diese Zahlen nicht einfach auf das Jahr hochschreiben könne und dass das zweite Halbjahr deutlich schwächer werden würde. Mitte des Jahres wurde seitens Vectron der Start von GetHappy noch mit "im vierten Quartal" angegeben, so dass eine relativ überschaubare Zeit zu überbrücken gewesen wäre.

Inzwischen hat sich der Start von GetHappy aber weit ins Jahr 2018 verschoben, denn im Verlauf des ersten Quartals wird die App zunächst an die Gastronomen ausgeliefert, die dann noch geschult werden müssen. Nutzer und Effekte wird die App also frühestens im zweiten Quartal 2018 erzielen. Bis dahin fallen hohe Kosten bei Vectron an, denen (noch) kaum Umsätze und noch weniger Erträge gegenüberstehen. Diese hohe Aufwendungen müss(t)en also vom Kerngeschäft kompensiert werden und hier hatte Stümmler bisher von einem schwachen dritten Quartal und einer Ergebnisoffensive im vierten Quartal 2017 gesprochen. Bisher. Denn nun scheint sich diese Hoffnung in Luft aufzulösen, die Vertriebsoffensive scheint nicht gefruchtet zu haben und für das vierte Quartal stehen deutliche Verluste an. Und auch für 2018 bereitet Stümmler den Markt auf eine holprige Strecke vor; genauer gesagt auf einen Millionenverlust im einstelligen Bereich.

Meine Einschätzung
Vectrons Kerngeschäft mit Kassensystemen brummt und wird durch regulatorische Vorgaben in 2019 wieder einen starken Schub bekommen. Auch GetHappy dürfte im Verlauf des Jahres 2018 zeigen, was es wirklich kann. Aber... auf Sicht der nächsten sechs Monate wird es für Vectron eine Zeit in Tiefrot. Und nachdem nun mehrfach vollmundige Ankündigungen zurückgenommen werden mussten, wachsen die Zweifel am Markt und das Enttäuschungspotenzial ist nicht gering. Sollte Vectron also deutlich rote Zahlen im vierten Quartal abliefern und evtl. sogar ein Jahresergebnis unter dem des Vorjahres, dann wird der Kurs einen weiteren herben Nackenschlag abbekommen. Und aus meiner Sicht ist es sehr wahrscheinlich, dass es so kommen wird.

Mein Investmentcase hat sich also nicht vollumfänglich eingestellt. Aus heutiger Sicht würde ich Vectron nicht kaufen. Nicht jetzt. Ich würde den Wert auf die Wachtlist nehmen und abwarten, ob und wann sich die positiven Effekte einstellen. Was vermutlich Mitte 2018 langsam abzusehen sein sollte.

Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass ich Vectron jetzt nicht im Depot brauche, weil das Rückschlagpotenzial erheblich ist und das positive Überraschungspotenzial vergleichsweise gering. Natürlich könnte ich die Entwicklung auch aussitzen, aber ich nehme lieber meine Gewinne mit und investiere ggf. neu in Vectron, wenn sich ein Erfolg abzuzeichnen beginnt. Denn ohne einen Erfolg von GetHappy ist Vectron auch bei 20 Euro nicht günstig oder gar unterbewertet.

Ich streiche daher Vectron von meiner Empfehlungsliste. Seit meiner Empfehlung im April 2016 ergab sich bei einem Kurs von 19,80 Euro inkl. der Bruttodividenden eine Rendite von 99,3% oder eine durchschnittliche Jahresrendite von 51,7%. Also, bye bye Vectron. Bis wir uns wiedersehen. Vielleicht...

Kommentare:

  1. Wie sieht es inzwischen mit Publity aus, war die heurige Streichung aus der Liste sinnvoll? (Das Unternehmen hat wieder zahlreiche Pressemitteilungen gelierfert). Der Kurs lief das Jahr 2017 eher seitwärts, daher die Frage ob nicht unterbewertet?

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  2. Aus meiner Sicht eine gute Entscheidung. Vectron lebt von der getHappy App-Phantasie, wenn die Zahlen zu Q4 enttäuschen, dann dürfte der Kurs-Verlust noch deutlicher ausfallen.

    Letzendlich ist es auch eine Vermeidung der Opportunitätskosten. Das Geld kann man in Werte anlegen, welche fundamental besser dastehen.

    Ich habe damals mit Vectron meine Verluste realisiert und das Geld in Visa umgeschichtet. Mit dieser Entscheidung bin ich bis heute sehr zufrieden, da Visa für mich ne Art Mautbrücke nach Warren Buffett ist.

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  3. Michael, nicht zu vergessen, dass METRO ebenfalls im Frühjahr 2018 mit einem eigenem System den Markt angreift, also eine mächtiger Wettbewerber kommt hinzu

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  4. Na, das wurde aber auch Zeit, bei publity hats ja auch gedauert ... Hab noch nie verstanden, wie man mit Lieferdiensten heute noch groß Geld verdienen will, und das dann an der Kasse festzumachen, allenfalls unter großem Risiko ...

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  5. Boah! Die VISA geht seit Jahren wie an der Schnur gezogen nach oben. Die von WarrenBuffet gehaltene AMEX lief zwar auch nicht schlecht, aber wesentlich volatiler.
    Ob das auch so bleibt ;-)? Ein paar VISA im Depot können aber sicher nicht schaden...zumindest wird VISA mehr akzeptiert wie AMEX.
    Konrad

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  6. Zitat aus Michael's Artikel:
    "Sollte Vectron also deutlich rote Zahlen im vierten Quartal abliefern und evtl. sogar ein Jahresergebnis unter dem des Vorjahres, dann wird der Kurs einen weiteren herben Nackenschlag abbekommen. Und aus meiner Sicht ist es sehr wahrscheinlich, dass es so kommen wird."
    Nun ist es so gekommen. Das Ergebnis pro Aktie ist von 0,30€ in 2016 auf 0,16€ in 2017 gesunken. Überraschend fand ich, dass der Kurs seit dem Artikel zunächst noch um sage und schreibe 40% gestiegen war (von 20€ auf 28€), jetzt sind es noch 10% plus. Vielleicht bekommen wir ja in den nächsten Wochen wieder Einstiegskurse, im Moment noch zu früh.

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    1. Ja, die Rallye der letzten Monate hat mich auch eher überrascht, denn es war ja klar, dass sehr schlechte Zahlen aus dem originären Business von Vectron kommen würden. Aber es wurden ja immer wieder Gerüchte angeheizt, neben Coke würde es einen weiteren großen Partner geben - und hier wurde gerne PayPal genannt. Naja, erstmal abwarten, ob die Coke-Kooperation GetHappy wirklich einschlägt. Sollte das der Fall sein, kaufe ich lieber bei 30€ in eine solide/valide Wachstumsstory, als bei 22€ reine Hoffnung...

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  7. Eine erste Vectron Position kann nicht schaden. Nach dem Ausstieg eines bekannten Foristen ergeben sich günstige Einstiegsgelegenheiten. Ich habe hier zumindest mal einen Fuss in der Tür. Ansonsten muss ich sagen: Gute Arbeit Herr Kissig. Weiter so. ;)

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    1. Der Ausstieg von "Kleiner Chef" zu diesem Zeitpunkt hat mich stark gewundert. Dass die Zahlen mies ausfallen würden, war relativ absehbar. Also entweder hätte man deutlich vor den Zahlen verkaufen sollen, oder aber gar nicht - weil man auf den Erfolg der GetHappy-Kooperation setzt. Die Zahlenvorlage aber abzuwarten und in den Kursabsturz hinein dann zu verkaufen, erscheint mir nicht wirklich durchdacht, sondern eher emotional der allgemeinen Marktstimmung geschuldet zu sein. Aber gut, davon bin ich ja auch nicht ganz frei in der Praxis...

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