Dienstag, 4. Juli 2017

Timing - sollte man gerade jetzt Aktien kaufen?

Das Timing für den Einstieg in Aktien spielt in der Fachpresse und den Diskussionen eine große Rolle. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die Wahrscheinlichkeit, eine steigende Aktie zu erwischen,  in einem steigenden Markt größer ist, als in einem fallenden. Getreu dem Börsenmotto "the trend is your friend". An diesen Überlegungen ist nichts auszusetzen; es stellt sich jedoch die Frage, ob sie wirklich relevant sind für einen Value Investoren. Schauen wir uns die aktuelle Lage also einmal an:

Die Schuldenkrise ist ja eine Krise der Währung Euro, weil die Staaten sich zu lange zu billiges Geld gepumpt haben, ohne damit die nötigen Strukturreformen zu finanzieren. Geht man davon aus, dass die Krise überwunden wird, sollte man Aktien haben. Ist man der Meinung, die Krise wird sich zuspitzen und ggf. sogar der Euro auseinander brechen, sollte man möglichst wenig Geld (Euros) haben und besser auf Sachwerte setzen. Immobilien wären dann eine gute Wahl, da wertbeständig, aber eben auch nur schwer handelbar. Deshalb setzen viele Leute auf Goldmünzen, weil man die eben auch transportieren und schnell eintauschen kann bei Bedarf. Andererseits wirft Gold keine Erträge ab, wenn es denn nicht gerade im Kurs steigt. Aber nach dem Boom vor fünf Jahren ist Gold trotz weltweit zunehmender Krisen immer glanzloser geworden, der Kurs sackte von $1.900 auf nur noch $1.200 ab und Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.

Die Alternative sind Aktien. Denn man erwirbt ja nicht ein Stück Papier, sondern den Anteil an einem Unternehmen. Verliert das Geld an Wert, sind die Maschinen und Gebäude des Unternehmens noch da. Zur Zeit der Hyperinflation in den 1920er Jahren waren Aktien eine Versicherung gegen den Werteverzehr, denn der Unternehmenswert wurde am Ende neu berechnet in der neuen Währung und die Aktien stellten davon den gleichen Anteil dar wie zuvor.

Es spricht also grundsätzlich Vieles für Aktien, aber ob man nun gerade jetzt Aktien kaufen sollte, ist eine andere Frage. Als Value-Investor sollte man ja ein solides Unternehmen mit guten Kennzahlen auswählen und die Aktie möglichst lange halten. Warren Buffett meint, man solle Aktien dann kaufen, wenn einen auch eine 5-jährige Schließung der Börse dann noch ruhig schlafen lassen würde.

»Die beste Zeit für die Geldanlage ist dann, wenn man Geld hat. Die Geschichte deutet nämlich darauf hin, dass nicht der Zeitpunkt zählt, sondern die Zeit.«
(Sir John Templeton)

Für einen langfristig orientierten Anleger finden sich auch jetzt ganz tolle Einstiegschancen an der Börse. Reicht der Anlagehorizont aber nur einige Monate oder gar Wochen weit, ist das Risiko zum falschen Zeitpunkt einzusteigen, erheblich höher. Zum Thema Langfrist-Anlage hat übrigens der Fondsmanager Heiko Thieme während der High-Tech-Blase Ende der 1990er mal etwas sehr Bemerkenswertes gesagt: “Manche Anleger verstehen unter einer langfristigen Investition, am Freitagabend Aktien zu kaufen und bis Montagmorgen durchzuhalten”. Das ist zwar sehr böse formuliert, aber leider ebenso zutreffend. Und zeigt auf, weshalb so wenige Leute mit der an sich einfachen Value-Strategie scheitern: Angst und fehlende Geduld. Und Geduld ist nach Benjamin Graham die oberste Tugend des Investors!

»Wenn die richtige Aktie gefunden ist, dann ist es nie zu früh und nie zu spät, sie zu kaufen.«
(Peter Lynch)

Die spannende Frage ist also nicht, ob man jetzt in Aktien investieren sollte, sondern, ob es einem gelingt, ein solides Unternehmen zu einem attraktiveren Preis zu finden. Oder wie Warren Buffett es ausdrücken würde: kann man irgendwo den Dollar für 50 Cents kaufen? Findet man eine solche Gelegenheit, dann ist immer der richtige Zeitpunkt, um in sie zu investieren! Und wenn das Marktumfeld dann dafür sorgt, dass die Unterbewertung des Unternehmens schneller abgebaut wird durch steigende Aktienkurse, als es sonst der Fall gewesen wäre, ist das ein durchaus angenehmer Effekt, den auch ein Value Investor gerne mitnimmt.

Kommentare:

  1. Hallo Michael,

    ich bin grundsätzlich ebenfalls für Aktien als Wertanlage. Allerdings sehe ich das Ganze ein wenig objektiver und verstehe z.B. auch die ganzen Häuslebauer. Denn, wenn es hart auf hart kommt und alles an Wert verliert, geht es eben darum, welches der Assets, den meisten Nutzen bringt. Und hier kann eine Aktie eben nicht beispielsweise mit einer eigenen Immobilie mithalten. Denn auch wenn das Unternehmen reale Werte besitzt, so ist der Nutzen für einen selbst doch gar nicht da. Eine Aktie verliert an Wert auf dem Konto, ist das was wir sehen. Eine Immobillie kann von mir aus im Preis auf Null fallen, doch selbst dann kann ich sie immer noch selbst nutzen. Das ist eben der kleine und feine Unterschied. In dieser Hinsicht wirkt der ständige Vergleich zwischen Aktien und Immobilien auf mich immer wie ein Vergleich zwischen Birnen und Äpfeln. Es sei denn man betreibt tatsächlich Immobilien-Spekulation. Aber das würde ja dann einem Buy&Hold nicht mehr entsprechen.

    Grüße
    David

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    1. Du machst den klassischen Fehler, Wert und Preis gleichzusetzen. Denn bei Deinem Beispiel sagst Du, es wäre egal, wenn der Preis der Immobilie auf Null falle, sie hätte ja immer noch einen Wert. Aber bei Aktien sagst Du, der Wert falle auf Null. Hier müsstest Du, um nicht selbst Äpfel und Birnen zu vergleichen, ebenfalls vom Preis (Kurs) sprechen. Und schon sieht die Welt ganz anders aus. Denn sowohl Aktien können wertlos werden (Firmenpleite), aber auch Immobilien (Einsturz ohne Versicherungsleistung). Und beim pries ist es eigentlich egal ob dieser auf Null fällt, da haste Recht. Denn in der Immobilie kann man Wohnen oder man bezieht weiter Miete, egal welchen Verkehrswert da angesetzt wird. Doch auch eine Aktie mit einem Börsenkurs von Null ist immer noch ein Anteil an einem Unternehmen. Und nur weil der Kurs bei Null steht, ist deshalb das Unternehmen (und damit ein Anteil daran) nicht ebenfalls Null. Unabhängig vom Aktienkurs kann es tätig sein und Gewinne machen und Dividenden ausschütten. Oder anders: ist der Wert meiner Firma (GmbH, in der ich mein Vermögen verwalte) Null, nur weil es keinen Aktienkurs dafür gibt? Ich denke, nicht...

      Es bleibt ein ganz wesentlicher Vorteil, der für Aktien spricht: man kann sie fast jederzeit verkaufen, wenn man Geld benötigt. Wenn auch ggf. mit Kursverlusten, doch es geht schnell und ist kostengünstig. Eine Immobilie hingegen wird man nicht so schnell los und das ist dann auch noch mit erheblichem Aufwand und Kosten (Makler, Notar, Gericht) verbunden. Wenn man denn überhaupt einen Käufer findet, denn das ist abseits der gesuchten Lagen in den Metropolen heute in vor allem den ländlichen Gebieten Deutschlands gar nicht mehr so einfach.

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  2. Hi Michael,

    naja genau das sehe ich eben auch anders. Eine Aktie wird mit dem Preis bewertet, weil sie für uns als Anleger keinen anderen Nutz(Wert) hat, außer den Gewinn bei der Veräußerung (Dividenden ausgenommen). Eine Immobilie hat aber über den Preis hinaus eben auch einen Nutz(Wert). Die beiden zu vergleichen ist daher aus meiner Sicht der Denkfehler. Es sei denn, man ist auch bei der Immobilienanlage auf späte Veräußerungsgewinne oder Mieterträge aus. Dann ist das schon einigermaßen vergleichbar.

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    1. Hier müsstest Du auch wieder unterscheiden zwischen einer eigengenutzen Wohnung und einer vermieteten, denn das zweite ist ja reine Kapitalanlage (wie Aktien). Und Dein Nutzwert (wohnen) ist unbestritten vorhanden; nur kann ich ja anstatt mir selbst für 250.000€ eine Wohnung zu kaufen, mir dafür Dividendenaktien kaufen und von den Dividenden meine Miete bezahlen. Und habe dabei noch die Chance auf Kursgewinne, immerhin durchschnittlich rund 7% pro Jahr. Und man spart sich die zunehmenden Renovierungs- und Entstandhaltungskosten und die Grundsteuer etc. Daher habe ich keine Immobilien mehr, sondern nur noch Aktien.

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    2. Im Grunde genommen hast du Recht. Am Ende kommt es immer darauf an, was man unter einer Kapitalanlage versteht. Will man sich damit laufende Erträge sichern oder aber für den Fall der Fälle vorsorgen?

      Grüße

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    3. Hallo Michael,
      ich sehe das genauso wie du. Mit Immobilien ist eine ganze Menge an Investitionen und auch Arbeit verbunden, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Und da können schon große Summen anstehen... Das sollte man sich gut überlegen. Deine Gedanken in deinem Beitrag waren sehr wertvoll zu diesem Thema!

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  3. David, das sehe ich tatsächlich ganz anders als Du. Ich habe in beiden Segmenten nun zumindest einige Jahre Erfahrung und weiß zumindest ein bischen von was ich spreche.

    Zum Thema Aktien, ich fahre eine Dividenden-Strategie und somit ist der Veräußerungsgewinn für mich komplett sekundär. Mich interessiert der Wert der Firma und der Preis für den ich Firmenwert und Dividendenansprüche kaufen kann. Ein Verkauf der Anteile ist im Grunde nicht mehr geplant, so lange die Story noch stimmt.

    Mein Immobilien-Portfolio ist deutlich größer als mein Aktien-Depot. Nachdem die Immobilien quasi fast schuldenfrei sind, ist das Risiko für mich halbwegs überschaubar. Jedoch generell warten hier viele Risiken auf einen.

    Diversifikation
    Es ist ja schon ein Problem, das ein normal arbeitender Mensch kaum in der Lage sein wird vernünftig zu diversifzieren. Bei Einzelaktien ist alles unter 10 verschiedene Positionen ein deutliches Risiko und bei Immobilien glaubt man sich wirklich mit einer einzelnen vermieteten Eigentumswohnung sicher? Und wer schafft schon in absehbarer Zeit einen Bestand von 10 Wohnungen aufzubauen?

    Kreditrisiko
    Bei Aktien wird dauernd und stetig davor gewarnt man solle ja nicht auf Pump Aktien kaufen. Und bei Immobilien ist das ganz selbstverständlich? Viele bringen sich mit viel zu wenig Eigenkapital und zu hohen Raten dabei an die Grenze der Zahlungsfähigkeit.

    Nachschusspflicht
    So ne Aktie ist eigentlich eine einfache Sache, es gibt zwei Risiken der Kurs fällt auf Null und die Dividende wird gestrichen. So lange ich hier nichts auf Kredit gemacht habe und auf die Dividenden nicht angewiesen bin kein Problem.
    Bei einer Immobilie warten da eine vielzahl möglicher Überraschungen auf einen. Man muss im Grunde ständig für eine gewisse Liquidität sorgen. Mieter die nicht zahlen, ist ja noch die eine Sache. Aber so eine überraschende Großreparatur (und sowas kommt häufiger als man denkt) kann einen ganz schön in Probleme bringen, wenn man eh schon die monatlichen Kredit-Raten gerade so zusammen kratzt.

    Verwaltungsaufwand
    Aktien sind wirklich was schönes, man liest sich bischen durch die Bilanzen und drück ein paar Knöpfe am Computer und dann bekommt man regelmäßig Geld überwiesen und der Broker kümmert sich auch noch um die Steuer.
    Bei Immobilien bekommt mal viel mehr Unterhaltung fürs Geld, mal ganz abgesehen von dem ganzen Aufwand bei Kauf und Verkauf. Nörgelnde Mieter, Verhandlung mit Mieter die nicht zahlen, Mahnverfahren übers Gericht, Verwaltung von Kautionen, Nebenkostenabrechnungen, streitsüchtige Miteigentümer in der WEG, Miteigentümer die die WEG verklagen inkl. Spaß mit dem Rechtsanwalt und vor Gericht. Alles in wenigen Jahren erlebt.
    Habe ich was vergessen? Ach ja! Die Regierung oder Behören kommen quasi auch jedes Jahr mit nem neuen Quatsch um die Ecke gebogen mit dem man sich auch noch zusätzlich beschäftigen muss. Legionellenuntersuchung, Zwangsdämmung, Wirkungsgrad der Heizung, Energieausweis, Feuermelderpflicht.

    Und wenn man dann noch selber drin wohnt, jeder der sich das Häuschen im Grünen anschafft sollte sich bewusst machen dass das keine Absicherung, sondern der pure Luxus ist, den man sich auch leisten können sollte. An so eine Hütte zahlt man das ganze Leben hin.

    Beim großen Traum vom Betongold sollte man sich umfangreich klar machen, was man sich da ans Bein bindet, wie unflexible man ist, was das alles nach sich zieht etc..

    Ich mag Immobilien, die geben einen schon Sicherheit wenn man vernünftig diviersifizert ist. Und die Bank ist Dein Freund, denn Du bist sagenhaft Kreditwürdig. Aber so dramatisch überlegen bezüglich Sicherheit gegenüber Aktien wie viele glauben, sind Immobilienen meiner Meinung nach eben nicht. Und dafür hat man dann unter Umständen noch eine Miderrendite und mehr Aufwand. Man sollte sich schon gut überlegen ob ein solider REIT nicht die besser Wahl währe. ;-)

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  4. @anonym Danke für die ausführliche Darstellung deiner Erfahrungen.

    VG

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