Donnerstag, 19. Dezember 2019

Jungheinrich: Angezählt oder ausgeknockt? Wie schlimm ist es wirklich?

Der Lager und Logistik-Spezialist Jungheinrich hat gestern die Anleger verschreckt, weil er eine Umsatz- und Gewinnwarnung für 2020 rausgehauen hat, die die schlimmsten Befürchtungen noch übertraf. Dass es mit der Konjunktur nicht wirklich rund läuft zur Zeit, das dürfte inzwischen jeder wissen, und auch Jungheinrich selbst hatte im Sommer die eigenen Prognosen für das laufende Jahr eingedampft. Und es war auch absehbar, dass es wohl in der zweiten Jahreshälfte zu keiner wesentlichen Verbesserung gekommen sein würde, so dass die deutliche Kursrallye der letzten Wochen schon unter Vorbehalt beäugt werden musste. Aber nun... nach 25% Kurseinbruch kann man wohl kaum einfach nach dem Motto "Mund abputzen, weitermachen" verfahren, oder?

Magersuchtprognose für 2020

Schauen wir uns erstmal an, was passiert ist. Das Management teilt mit, Jungheinrich leide unter einem "in den letzten Monaten deutlich rückläufigen Markt, einer höheren Volatilität im Auftragseingang" und es fehlten positive Konjunktur- und Marktsignale. Deshalb geht man nun davon aus, in 2020 merklich schlechter abzuschneiden als im ebenfalls schon lausigen Jahr 2019.

Konkret wird für 2020 ein Umsatz zwischen €3,6 Mrd. und €3,8 Mrd. erwartet (Prognose für das Gesamtjahr 2019: zwischen €3,85 Mrd. und €4,05 Mrd.) und ein EBIT zwischen €150 Mio. und €200 Mio. (Prognose für das Gesamtjahr 2019: zwischen €240 Mio. und €260 Mio.). Dementsprechend ist von einer EBIT-Rendite zwischen 4,0% und 5,5% auszugehen (Prognose für das Gesamtjahr 2019: zwischen 6,0% und 6,7%).

Die Enttäuschung oder vielmehr die Ernüchterung der Anleger ist zu verstehen. Man dachte, die Konjunktur würde sich gerade wieder berappeln und dann bedient Jungheinrich auch noch das Geschäftsfeld Logistik-Dienstleistungen, das einen absoluten Boom erlebt. Nicht nur die Paketdienste, sondern auch Amazon, Zalando, die Otto Group und viele andere investieren in Lagerhallen und Logistik-Standorte und sie alle benötigen Gabelstapler und/oder Lagerautomationslösungen. Ein Schlaraffenland für Jungheinrich und auch für den größeren Wettbewerber KION Group.

Alles richtig... und doch sind die Auftragseingänge sehr schwankungsanfällig und eben nicht stetig. Und auf kurze Sicht hilft es auch nicht, dass ausbleibende Neuinvestitionen seitens der Kunden zu erhöhten Einnahmen bei der Wartung für den Bestand führt.

Sollte man Jungheinrich nun also abschreiben?

Ich nehme mal vorweg, dass ich Jungheinrich auf der erweiterten Liste für meine 2020er Nebenwertefavoriten habe, die ich zum Jahresstart präsentieren werde. Das überdenke ich nun erstmal wieder, denn die Prognose zeigt, dass 2020 ein durchwachsenes Jahr für Jungheinrich wird. Die "partielle Rezession" im deutschen Automobil- und Maschinenbausektor wird sich noch nach 2020 hineinziehen und damit auch Jungheinrich weiter belasten. Andererseits dürfte eine echte Entspannung im US-China-Handelskrieg mit einem Abbau der bestehenden Strafzölle sowie das niedrige Zinsniveau die Konjunktur stimulieren und vermutlich im Jahresverlauf die dunkelsten Wolken vertreiben. Gut möglich, dass die Börse dies dann auch schon im Frühling vorwegnimmt und sich die Stimmung für die Konjunktur sensiblen Werte merklich aufhellt.

Jungheinrich Vz. (Quelle: wallstreet-online.de)
Des Weiteren sind die sinkenden Margen auch ein echter Lichtblick. Richtig gelesen! Die sinkenden Margen sind ein positives Zeichen - in diesem Fall. Denn Jungheinrich hat trotz des erwarteten Auftrags- und Umsatzrückgangs angekündigt, sich bei seinen Zukunftsinvestitionen nicht einzuschränken. Man will trotz der erschwerten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiterhin umfangreiche Investitionen tätigen, vor allen Dingen in die Bereiche Digitalisierung, Automatisierung sowie Lithium-Ionen-Technologie. Ich finde das super, das ist genau die richtige Antwort: eine vorübergehende Delle darf nicht zulasten der Zukunft gehen, hier muss Jungheinrich unbedingt am Drücker bleiben, um nicht den Anschluss zu verlieren und von Wettbewerbern abgehängt zu werden! Der Vorstand agiert daher sehr klug, die erforderlichen Mittel bereitzustellen, auch wenn er dafür einen vorübergehenden Margen- und Gewinnrückgang in Kauf nehmen muss. Jungheinrich kann sich das leisten, ist immer noch profitabel und von Verlusten weit entfernt. Jungheinrich ist ein bisschen angezählt, handelt jedoch aus einer Position der Stärke heraus.

Selbstverständlich wird man auch versuchen, dort Speckröllchen abzuschmelzen, wo es möglich ist: also Effizienzpotenziale zu heben. Klar. Aber es ist ja nicht so, als hätte man das die letzten fünfzehn Monate nicht schon getan, daher möchte ich hier jetzt mal nicht zu viel erwarten.

Meine Einschätzung

Der Ausblick auf 2020 ist ernüchternd, ohne Frage. Aber es gibt auch Lichtblicke, da Jungheinrich sich genau richtig verhält und an den sinnvollen Zukunftsinvestitionen festhält. Hinzu kommt, dass der grundsätzliche Trend hin zu mehr Logistik-Anbietern und mehr Onlinehandel noch lange nicht am Ende ist, so dass reichlich Wachstumspotenzial besteht. Nur eben noch nicht in 2020, zumindest nicht in der ersten Jahreshälfte.

Meine grundsätzlich positive Einschätzung zu Jungheinrich - und auch zur KION Group, wo den Anlegern ebenfalls eine Ernüchterung für 2020 bevorstehen könnte - bleibt bestehen, aber die Trendwende lässt etwas länger auf sich warten. Zum 2020er Jahresfavoriten reicht es daher vermutlich nicht (mehr), auch wenn ich nicht sehr überrascht wäre, wenn zum Jahresende deutlich höhere Kurse als die aktuellen €20 für eine Jungheinrich-Aktie bezahlt werden müssten. Denn durch den heftigen Kursrutsch dürfte die negative Überraschung emotional verarbeitet sein und sich der Blick nach vorne richten. Mit reduzierten Erwartungen. Ist ja auch nicht das Schlechteste...

Disclaimer
Ich habe Jungheinrich und KION Group auf meiner Beobachtungsliste.

Kommentare:

  1. Jungheinrich hat das selbe Problem wie viele Automobilzulieferer, sie sind in einem zyklischen Marktumfeld unterwegs. Nur hatte man in den letzten 5-6 Jahren nichts von diesen Zyklen bemerkt und die Kapazitäten wurden aufgeblasen ohne Ende, auch auf Kosten der Marge. Jetzt haben grosse Kunden eine Erkältung und die Zulieferer sofort eine Lungenentzündung. Hohes Wachstum ist manchmal zweischneidige Sache.

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    1. Treffende Analyse! Es war ja in den letzten Jahren immer wieder die Frage, wie sehr sich ein Konjunkturabschwung auf Kion und Jungheinrich auswirken würde. Aus heutiger Sicht muss man wohl sagen, dass sich die Erwartung "weniger Neugeschäft wird durch mehr Wartung kompensiert" nicht wirklich erfüllt hat. Zahlen und Kurse schwanken wie bei echten Zyklikern. Der Megatrend "Online-Handel" scheint sich nicht kontinuierlich auf die Logistik-Ausrüster auszuwirken, trotz eines ungebrochenen Booms. Bzw. die Online-Händler sind ja auch bei weitem nicht die einzigen Kunden. Bei Kion hatte ich mir "mind. 56% zyklische Kunden" notiert. Sollte man im Hinterkopf behalten.
      Die spannende Frage ist natürlich, ob bei Kion noch die gleiche Umsatz- & Gewinnwarnung bevorsteht, oder ob sie stattdessen Marktanteile hinzugewinnen können.

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    2. Ja, die Zyklik sollte man nicht unterschätzen. Die von Dir genannten früheren Annahmen, dass das Servicegeschäft ggf. weitgehend Einbrüche im Neugeschäft ausgeglichen kann, dürften weiter an Bedeutung verlieren. Sie galten vor allem für das Gabelstaplergeschäft, aber inzwischen sind Jungheinrich und KION ja in angrenzende Geschäftsfelder expandiert und das dominiert das Neugeschäft.

      Ich denke, ab der zweiten Jahreshälfte 2020 könnten die beiden wieder interessant(er) werden, wenn sich der Automobilsektor gefangen hat und die Entspannung zwischen den USA und China Früchte trägt.

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    3. "Erkältung" und "Lungenentzündung", welch Ironie der Geschichte... Gibt es denn Meinungen zu Jungheinrich in der jetzigen Situation? Amazon & Online-Handel boomt, aber bei Jungheinrich und Kion scheint es nach wie vor keine gute Neuigkeiten zu geben. Der Markt bepreist sie weiterhin eher als Autozulieferer und nicht als Lagerlogistiker für den Online-Handel :-|

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    4. Ich kann weder bei Jungheinrich noch bei KION momentan "greifen", wie deren Business läuft. Also wie schlecht, meine ich. Das ist eine große Blackbox, daher bin ich hier vorsichtig. Ich möchte lieber Geld investieren, wenn ich den Geschäftsverlauf wenigstens annähernd abschätzen kann. Und bei den beiden kann ich es momentan nicht.

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    5. Ja, so geht es mir auch. Ich denke bei Unternehmen im B2B-Bereich besteht oft die Situation, dass man deren Kunden nicht richtig kennt. Es werden in den Geschäftsberichten dann ein paar Branchen oder Regionen genannt, in denen die Kunden sitzen. Um dann die Umsätze abschätzen zu können, muss man die Investitionsbereitschaft in den ganzen Branchen & Regionen abklappern und gewichten, um zu einer Einschätzung zu kommen. Das ist natürlich viel schwieriger als bei Unternehmen, die einfach Endkunden oder nur 1 Branche bedienen.
      Man läuft auch schnell Gefahr, dass man denkt, man habe es ja nur mit 1 oder 2 Branchen zu tun, nämlich Gabelstapler und Lagerlogistik. Aber das sind ja nicht die Abnehmerbranchen, sondern nur die eigenen Produkte. Und wie die laufen, weiß man erst, wenn man die Abnehmerbranchen einschätzen kann.
      Zudem besteht immer das Risiko, dass es Klumpenkunden mit einem großen Umsatzanteil gibt. Auch dessen ist man sich oft nicht bewusst, weil die Unternehmen einem das nicht auf die Nase binden, sondern eher verheimlichen.

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  2. Danke für deinen ausführlichen Artikel, ich sehe es ähnlich und für mich persönlich ist es ein Nachkauf zu diesem Preis, wobei der Kurs aktuell wieder um 4,7% zugelegt hat.
    Ein umfangreiches innovatives Angebot von Gabelstaplern usw. inkl. emissionsfreien Staplern und natürlich komplexen Lager- und Logistiklösungen überzeugt mich einfach.

    Ich habe keinen Verkaufsdruck und tröste mich mit ein bisschen Dividende..

    VG
    Joe

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  3. Hallo,
    nochmal ein bisschen "throwback"
    Die Jungheinrichs haben sich auch wieder gemausert. KION ist vielleicht die besser Wahl, sprich, läuft besser und ist größer aber ich bin weiterhin zuversichtlich.

    VG aus Bayern

    Joe

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    1. Sobald sich die konjunkturelle Lage und die Investitionsbereitschaft aufhellt, sind Jungheinrich und KION schnell ganz vorne mit dabei. Denn der grundsätzliche Trend hin zu mehr Automation und Lagerlogistik hält dank des boomenden Onlinehandels ja weiter an.

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