Samstag, 14. Dezember 2019

Kissigs Klookschieterei: Der Brexit kann kommen. Endlich...!

Die Wahlen in Großbritannien sind gelaufen und es gab einen Erdrutschsieg der Konservativen unter Premierminister Boris Johnson. Und ich freue mich darüber, denn nun herrschen endlich klare(re) Verhältnisse was den Brexit angeht, denn das Patt im britischen Parlament ist nun überwunden und die Brexiteers geben gang klar den Ton an.

Worüber ich mich überhaupt nicht freue, und was ich für eine der dümmsten Entscheidungen der jüngeren Geschichte halte, ist der Brexit an sich. Die Europäische Union und ihre Vorgängerin die Europäische Gemeinschaft haben Europa 75 Jahre Frieden und Wohlstand gebracht, eine längere Phase ohne verheerende Kriege gab es in Europa noch nie. Aber die Separatisten, die Nationalisten, die Egoisten haben in der Politik das Ruder übernommen und da kann man insofern noch froh sein, dass der Rest der EU sich dank der Briten zusammengerauft hat und ihm wieder klar(er) wurde, welche Vorteile die EU uns allen bringt.

Doch nach der Wahl ist vor der Arbeit und der Brexit zum 31. Januar 2020 ist noch lange nicht in trockenen Tüchern. Denn jetzt geht es darum, das theoretische Machwerk mit Leben zu füllen und die vielen Schwachstellen, die unseren Alltag erschweren werden, dann nach und nach zu beheben. Und dann reißt der Brexit natürlich noch andere Gräben auf, als die entlang des Ärmelkanals, nämlich den zwischen den Nationen auf den britischen Inseln, den Engländern, den Schotten, den Walisern und den Iren. Der K(r)ampf ist also noch lange nicht vorbei...

Das Wahlergebnis in UK

Die Konservativen erhielten 43,6% der Stimmen, Labour 32,2%, die Liberaldemokraten 11,6%die Schottischen Nationalisten 3,9% und die Grünen 2,7%. Doch die Briten haben ein anderes Wahlsystem als wir, bei ihnen herrscht das Direktwahlsystem. Daher kommt es auf die Prozentzahlen nicht an, sondern ins Parlament zieht jeweils nur derjenige Kandidat ein, der in einem Wahlkreis die meisten Stimmen erhalten hat. Alle anderen Stimmen (und Kandidaten) fallen komplett unter den Tisch. Gibt es also vier Kandidaten, dann reichen im Extremfall 26% der Stimmen, um ins Parlament einziehen, während die drei übrigen Kandidaten mit zusammen 74% der Stimmen leer ausgehen. Folglich ist das britische Parlament deutlich weniger repräsentativ als unser Bundestag.

Das zeigt sich auch an der Verteilung der insgesamt 650 Sitze. Dort haben die Konservativen künftig 365 Sitze (+47), Labour 203 (-59), die Schottischen Nationalisten 48 (+13), die Liberaldemokraten 11 (-1) und die irische DUP unverändert 8, während Nigel Farages UKIP sämtliche Sitze verloren hat. Die Konservativen haben im Parlament mit 56% der Sitze die absolute Mehrheit, obwohl sie "nur" knapp 44% der Stimmen erhielten. Aber dafür gibt es nun hier klare Verhältnisse. Denn jeder Kandidat der "Tories" musste vor seiner Nominierung unterschreiben, dass er für den Brexit-Vertrag von Johnson mit der EU stimmen wird. Die Mehrheit für diesen Vertrag ist im Parlament nun also gesichert - und vermutlich auch der Grund, weshalb das total gespaltene Land den Konservativen so einen Erdrutsch sieg ermöglicht hat, obwohl die Bürger mit Boris Johnson weder Sympathie noch Glaubwürdigkeit verbinden.

Für die EU und die Börsen ist das Wahlergebnis eine gute Nachricht, denn nichts hasst die Börse mehr als Unsicherheit. Nun sollte es zu einem Brexit-Abkommen kommen und die Gefahr eines ungeordneten Brexits ohne vertragliche Regelungen scheint sehr unwahrscheinlich (wenn auch nicht unmöglich, der teufel steckt eben immer im Detail).

Aber, um es klar zu sagen, der Brexit an sich vernichtet Wohlstand und erschafft eine menge neuer, unnötiger Bürokratie. Und er wird für die Briten weit weniger einbringen, als ihnen versprochen wurde. Vor allem die Möglichkeit, sich "endlich" ohne Zwänge durch die EU mit anderen Nationen auf Wirtschaftsabkommen einlassen zu können, wird kaum die vielen positiven Effekte aufwiegen, die die Mitgliedschaft in der EU hatte - bei allen berechtigten Kritikpunkten an diesem bürokratischen Molloch. Vor allem die große Hoffnung der Engländer auf einen "Super Great Deal" mit den USA dürfte sich schnell in Schall und Rauch auflösen. Wer ernsthaft auf den Goodwill von Donald Trump und von diesem verteilte Geschenke glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmannosterhasen. Johnson traue ich das zu, der hat seine eigene Realität. Wie Trump auch.

Separationsbewegungen nehmen Fahrt auf

Was das Wahlergebnis nicht auf den ersten Blick offenbart, ist die tiefe Spaltung auf der Insel. In Wales und vor allem in Schottland haben die Konservativen und damit Johnsons Brexit-Kurs kaum einen Stich gesehen. Die Kluft zwischen den Engländern und ihren britischen Nachbarn auf der Insel, die allesamt die Queen als Staatsoberhaupt haben, hat sich enorm vergrößert. Und die Schotten streben nach einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum, nachdem das erste vor einigen Jahren mit knapper Mehrheit für einen Verbleib im Vereinigten Königreich ausgegangen war. Doch die traditionell pro-europäischen Schotten streben ein zweites Referendum an und das könnte Großbritannien zerreißen. Johnson ist natürlich gegen ein solches Referendum, aber nachdem es vor allem die Engländer waren (und zwar Johnsons Vorvorgänger als Premierminister, James Cameron), die das Referendum über den Austritt aus der EU erzwungen haben, haben sie nun kaum Argumente, den Schotten ein solches Referendum über den Austritt aus UK zu verwehren. Zumal es ja bereits eines gab und insofern die Argumentation, ein zweites sei ungesetzlich, während das erste dies nicht gewesen sei, kaum rechtlich durchstehbar scheint.

Während Johnson versucht, UK zu einer Kolonie der USA zu machen (welch Hohn der Geschichte!), sehen die Schotten die Gelegenheit, sich von der Vorherrschaft der Engländer zu befreien und die EU als bessere Alternative zur Durchsetzung Schottischer Interessen an. Hier wird es die nächsten Jahre weiter Zündstoff und Unsicherheit geben, auch für die Börsen. Und auch Johnson sucht bereits die Nähe der EU, denn trotz allem Wahlkampfgeschreis ist auch ihm klar, dass die EU der wichtigste Handelspartner der Briten ist und bleibt und dass die Briten von der EU abhängig bleiben werden - nur dass sie jetzt nicht mehr mitbestimmen können.

Zunächst aber hat sich der mögliche politische Tsunami (No-Deal-Brexit) als weit weniger gefährlich herausgestellt und ist noch nicht mal mehr als Sturmflut einzustufen, sondern eher als Hochwasser. Nicht angenehm und es wird auch zu Schäden kommen, aber eben auch keine Katastrophe.

Die Wirtschaft wird sich darauf einstellen, die neu geschaffenen Hemmnisse werden vermutlich mit der Zeit in bilateralen Verhandlungen zwischen UK und der EU abgemildert/beseitigt werden und am Ende werden die Bürger gar nicht mehr so viel vom Brexit spüren. Dass viele Unternehmen sich von der Insel verabschiedet und ihren neuen Firmensitz in einen EU-Staat verlagert haben, wohin auch viele Arbeitsplätze folgen, das hat die britische Wirtschaft schon länger zu spüren bekommen und unter den Folgen wird sie dauerhaft leiden. Die EU wiederum ist einen Dauerquengler losgeworden und sollten die Briten/Engländer jemals wieder die Mitgliedschaft in der EU anstreben, werden sie keinesfalls wieder einen "Briten-Rabatt" eingeräumt bekommen, der sie jahrzehntelang besser stellte als anderen Mitgliedsstaaten.

Deutsche und europäische Unternehmen, die einen nicht unerheblichen Teil ihrer Geschäfte in UK machen, werden negativ beeinträchtigt durch den Brexit. Allerdings hatten sie jetzt mehrere Jahre lang Zeit, sich darauf einzustellen und die meisten werden ihre Chance genutzt haben. Insofern sollten alle negativen Auswirkungen längst in den Geschäftserwartungen und Aktienkursen enthalten sein. Daher sollte sich der Brexit-Kursabschlag, der so lange auf ihnen lastete, allmählich in Luft auflösen, was z.B. Aurelius oder Steico zusätzlichen Kurs-Rückenwind geben könnte im nächsten Jahr. Gerade Aurelius hatte die letzten anderthalb Jahre ja mehrfach genutzt, um in UK günstige Übernahmen zu tätigen. Hier dürften in den nächsten Jahren einige lukrative Exits auf uns warten...

Disclaimer
Aurelius und Steico befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Kissigs Klookschieterei ist da! Endlich. Hab schon vermisst :)

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  2. Wunderbar, wenn man jemanden findet der es schafft, seine eigenen Gedanken in Wörter zu kleiden.

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  3. Alles Idioten außer Mutti Merkel. Gell, Kissig?

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  4. Michael,
    ich stimme Dir im grossen und ganzen zu. Fuer mich bedeutet das Wahlergebnis, dass ich mich auf diesem Planeten etwas weniger zu hause fuehle. Wahrscheinlich geht das um einiges ueber das hinaus, was Du sagen wolltest, doch ich sehe da eine regelrechte Krise des demokratischen Konzeptes. Johnson und die *Person* im weissen Haus (deren Namen ich in einem oeffentlichen Forum nicht nenne): beides akkreditierte Luegner (Bullshiter eher, um den Audruck von Harry Frankfurt zu benutzen) und Narzissisten, mit poulistisch/nationalistischer Agenda ohne eigene Werte, und beide mit bizarrer Frisur. Mir scheint, dass es vielen Menschen in dem Informations-Kapitalismus, in dem wir uns zur Zeit befinden, schwerfaellt, Informationen ueber diese Welt noch richtig zu erfassen. Das haengt wohl auch mit Bildungsdefiziten in den USA als auch in UK zusammen (Bildung wird immer teurer).
    Mittelfristig werde ich sehr vorsichtig sein, in Grossbrittanien zu investieren - zumindest erst mal weitere Verhandlungen abwarten - und ich kann nur hoffen, dass die EU da klare Grenzen zieht, und es Grossbritannien nicht zu einfach macht. Schliesslich sitzt sie ja wirklich am laengeren Hebel. Und das sage ich nicht aus Vergeltungsdurst, sondern aus Gruenden der Selbstverteidigung: Du sprichst von der EU als einem "bueraukratischen Moloch" - einerseits ist da natuerlich was dran, doch ist mir diese Sichtweise zu einseitig: das hat was mit der Entstehungsweise der EU zu tun, mit der Frage, wie denn sowas, eine europaeische Einheit, ueberhaupt ins Leben gerufen werden kann. Fuer mich ist die EU, mit all ihren Schwaechen und Fehlentscheidugen, die groesste politische Hoffnung Europas.

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  5. Die Briten werden mittelfristig vom EU Austritt stark profitieren, egal was MSM uns einzubläuen versucht. Aktien aus diesem Land werden für mich immer interessanter.
    Die Herrschaften aus der EU werden von Handelspartneren der Briten aus aller Welt demnächst zu hören bekommen, das man ein Land für einen Austritt aus dem für mich undemokratischen, bürokratischen Club nicht weiter bestrafen darf.Da ich fest davon überzeugt bin das Politik in Vorstandsetagen und nicht in Parlamenten gemacht wird, wird sich bald alles normalisieren.
    Ich hoffe andere Länder werden dann ebenfalls austreten, was ja wohl im Umgang mit UK die Urangst der EU war und ist, dann ist dieses politische Projekt mit 100000enden überversorgten Beamten hoffentlich erledigt.
    Die EU und der unsinnige Euro wird eher zu Krieg führen, als diesen zu verhindern.
    Ich bewundere Nigel Farage, ein Mann der sein halbes Leben für den Brexit gekämpft , und jetzt hoffentlich obsiegt hat.

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    1. Ich verstehe nicht ganz warum alle immer vom Brexit sprechen. Es wird letztendlich nur ein Exit werden und UK wird nicht mehr existieren. Am Ende von 2020 wird es nur England sein, was die EU Anfang 2020 verlassen hat. Die anderen Staaten werden der EU beitreten und somit UK auflösen.

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    2. Das sind doch nur die feuchten deutschen Träume, die du da fabulierst!
      Die Deutschen, Merkel, UvL mit ihren Kampfgenossen werden die EU genauso in den Boden rammen, wie es sie schon immer mit ganz Europa gemacht haben!

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    3. Wenn ich die martialischen Mrs. Merkel und von der Leyen in ihren Kampfanzügen sehe, mache ich mir vor Angst auch immer in die Hose. Seitdem verstehe ich auch die AfD-Trolle. Ist ja auch total plausibel, dass die beiden Todesengel ganz Europa vernichten wollen. Man bedenke, was Europa denen angetan hat! Johnson dagegen, dieser zartbesaitete Knabe, was der an Liebe und Zuneigung ausstrahlt! Da wird mir ganz warm ums Herz. Kaum gewinnt er die Wahl, wird wieder Weihnachten. Das kann kein Zufall sein! Er ist das Christkind, der Heiland ganz Großbritanniens! Ach was sage ich, Europas! Nach seinem leuchtenden Vorbild werden sicher noch viele weitere das Glück in sich selbst suchen und finden.

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    4. @frank: vielen Dank für den Einblick in deine Visionen. Ich denke die größte Angst seit 3 Jahren ist, dass wir England am Ende doch nicht loswerden. Dieser trotzige Narzisst, der eine Extrawurst nach der anderen fordert und am Ende immer noch nicht zufrieden ist. Reisende soll man nicht aufhalten.
      Ansonsten: Be careful what you wish for. Ohne EU brauchen 27 Nationen 351 bilaterale Handelsabkommen, wenn sie untereinander nicht auf WTO-Niveau handeln wollen. Das ist natürlich wesentlich einfacher und kostengünstiger zu organisieren als 1 EU-Binnenmarkt...

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  6. Diese Postings sind die traurige Kehrseite des Internetzeitalters.
    Teilweise schlimm, was sich Michael so anhören muss.

    @Lion Rock: Möglicherweise verstehen die AfD-Trolle keine Ironie...

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