Montag, 10. Februar 2020

Kissigs Klookschieterei: Der Tod des Risikos - Winken durch Niedrigzinsen paradiesische Zustände oder droht uns Zombiland?

Die Französin Christine Lagarde hat den Italiener Mario Draghi auf dem Chefsessel der Europäischen Zentralbank abgelöst, aber wer immer auch auf eine deutliche Kursänderung der EZB-Politik gehofft hat, dürfte eines Besseren belehrt worden sein. Unter Draghi senkte die EZB die Zinsen auf ein Rekordtief und angesichts weltweit schwächelnder Konjunkturdaten dürften Zinsanhebungen auf absehbare Zeit kaum auf der Tagesordnung stehen.

Für Sparer ist dies eine schlechte Nachricht, denn Zinsanlagen bringen schon länger keine Rendite mehr, so dass auf Sparbüchern und Termingeldkonten schlummerndes Geld unterm Strich sogar Geld kostet. Denn dank der Inflation wird unser Geld jedes Jahr weniger wert und die Zinsen sollen eigentlich mindestens diesen Wertverlust ausgleichen. Das tun sie aber nicht mehr. Und es könnte noch schlimmer kommen, denn angesichts weiter fallender Zinssätze führen immer mehr deutsche Baken bereits Negativzinsen auch für Privatleute ein.

Weitere Leidtragende sind alle diejenigen, die Geld anlegen müssen. Dazu gehören die Versicherungen, die mit dem Geld ihrer Kunden zwischen der Prämienzahlung und dem Eintritt der Versicherungsleistung Rendite erwirtschaften müssen, um ihre Kosten zu decken und Gewinne zu machen. Des Weiteren leiden alle Unternehmen, die Rentenansprüche ihrer Mitarbeiter in der Bilanz haben, denn niedrigere Zinssätze bedeuten höherer Rentenrückstellungen, da ein geringerer Anteil der zukünftigen Leistungen aus Zinsen herrührt und somit mehr Kapital für die Auszahlungen nötig ist.

Der Staat als Profiteur niedriger Zinsen

Angesichts dieser vielen negativen Aspekte ist es nicht verwunderlich, dass gerade aus Deutschland immer lauter Forderungen gestellt werden, endlich die Nullzinspolitik aufzugeben. Doch es gibt auch Nutznießer der niedrigen Zinsen und da steht an erster Stelle der Staat. Denn Bund, Länder und Gemeinden hatten bis 2012 deutlich mehr als 2 Billionen Euro an Schulden angehäuft und ein erheblicher Teil der öffentlichen Haushalte musste für Zinszahlungen herangezogen werden. Doch dank florierender Steuereinnahmen und sinkender Zinsen sinkt seit 2013 Deutschlands Schuldenlast, so dass die Schuldenuhr aktuell Richtung 1,9 Billionen Euro sinkt. Der Staat kann sich also leisten, unterm Strich Schulden zurückzuzahlen und trotzdem auch noch mehr Geld für andere Dinge auszugeben. Momentan erhält Finanzminister Olaf Scholz sogar Zinsen, wenn er Bundesanleihen an den Markt bringt und damit alte, noch vergleichsweise hoch verzinste Anleihen ablöst. Was zusätzlich eine weitere Zinsersparnis mit sich bringt.

Immobilienpreise explodieren

Neben dem Staat profitieren auch Immobilienkäufer von den niedrigen Zinsen, da Zinsen beim Kauf einer Immobilie über die gesamte Laufzeit der Finanzierung der größte Kostenblock sind. Oder waren. Denn bei Zinsen um ein Prozent herum fallen sie kaum noch ins Gewicht. Daher konnten und können sich immer mehr Menschen eigene Immobilien leisten, was die Nachfrage anheizt und damit die Preise. Die Folgen dieses seit Jahren anhaltenden Trends sehen wir an den deutlich steigenden Immobilienpreisen, vor allem in den Ballungszentren, und nachgelagert natürlich auch an den sprunghaft steigenden Mieten. Mietendeckel und Enteignungen sind die hilflosen Instrumente unfähiger Politiker, die selbst durch immer längere Baugenehmigungsverfahren, Umweltauflagen und das Unterlassen des Ausweisens dringend benötigter Baugrundstücke der stärkste zusätzliche Preistreiber sind.

Börsen werden stimuliert

Glaubt man den neusten Statistiken, werden die Deutschen immer vermögender. Dank des Immobilienbooms, aber auch dank der in den letzten Jahren deutlich gestiegenen Aktienkurse. Obwohl die Deutschen eher Aktienmuffel sind und die Kurssteigerungen weitgehend lieber anderen überlassen.

Niedrige Zinsen haben Anleihen, den ureigenen Gegenpart zu Aktien, als Anlageform unattraktiv werden lassen; sie werfen keine Renditen mehr ab. Das viele frische Geld, das die Notenbanken weltweit ins System pumpen, findet daher ohne große Umwege seinen Weg an die Börsen und stimuliert den Aktienmarkt. Die Bewertungen an der Börse steigen, aber nicht völlig losgelöst von der wirtschaftlichen Entwicklung. Denn auch die Unternehmen nutzen die Gunst der Stunde und nehmen neue, nahezu unverzinste Schulden auf oder schulden um. So verbessern sie ihr Zinsergebnis und damit die Gewinne. Dank der seit Jahren robust laufenden Wirtschaft, vor allem in den USA, steigt in vielen Unternehmen der Free Cashflow an und die Unternehmen kaufen mit diesem Geld immer mehr eigene Aktien zurück. Was die Ergebnisse je Aktie antreibt und damit höhere Kurse zulässt.

Nachdem nun auch die US-Notenbank einen neuen Zinssenkungszyklus begonnen hat, um einer möglichen Rezession in den USA entgegenzuwirken, die US-Präsident Trump mit seiner Wirtschaftskriegspolitik gegen China und den Rest der Welt los getreten hat, wird noch mehr Geld in die Wirtschaft und die globalen Finanzmärkte gepumpt. Doch neben den bereits beschriebenen Auswirkungen gibt es noch eine weitere, die insbesondere Deutschland stark belasten könnte.

Wenn Risiko nichts mehr kostet…

Für Unternehmen sind die niedrigen Zinsen geradezu paradiesisch, denn sie können sich immer billiger refinanzieren. Weniger positiv ist, dass durch die Flut billigen Geldes auch schlechte Managemententscheidungen weniger dramatische Folgen haben, weil Geldgeber auch zweit- und drittklassigen Managern ihr Geld anvertrauen. Schlicht aus Mangel an Alternativen. Und wenn das Investorengeld bei der Bank Strafzinsen kostet, dann ist die Versuchung groß, es in irgendeiner Firma unterzubringen mit der Hoffnung, dass es schon irgendwie gut gehen würde.

In einer aktuellen Studie hat die Deutsche Bank dargelegt, dass es sich lohnen würde, in Anlageformen mit BBB-Rating zu investieren, da diese dank des vielen billigen Geldes eigentlich kein erhöhtes Risiko mehr aufweisen würden als solche mit besten Bonitätsnoten. Diese Überlegungen gab es schon einmal, vor 35 Jahren. Als Michael Milken mit Schrottanleihen, den sogenannten Junk Bonds, eine bis dahin beispiellose Welle an fremdfinanzierten Firmenübernahmen lostrat, die im großen Crash von 1987 mündete. Milkens Firma, die Investmentbank Drexel Burnham hatte über Milkens Junk Bond-Maschine einen eigenen Markt niemals verendenden Geldes geschaffen, mit dem selbst kleine Firmen in der Lage waren, Weltkonzerne in einer fremdfinanzierten feindlichen Übernahme zu schlucken. Und das zu einer Zeit, als es noch Zinsen gab und diese bis an die Zehnprozentmarke reichten. Gier frisst Hirn war damals die Maxime und in der Figur des Gordon Gekko machte Oliver Stone Michael Douglas als Finanzhai unsterblich. Milken und Drexel sind allerdings vom Markt verschwunden nach Insiderskandalen, Firmenpleiten und Börsenbeben. Aber die Gier, die hat überlebt. Und die Junk Bonds auch. Die erleben zurzeit eine Renaissance in unserer heutigen Sintflut des Geldes.

Das weitgehend vernachlässigte volkswirtschaftliche Problem ist nun, dass diese Geldflut die Gesetze des Marktes außer Kraft setzen oder zumindest weit über die verträglichen Grenzen verschieben. Marktwirtschaft bedeutet unternehmerisches Risiko, es bedeutet Erfolg und Scheitern. Zinsen sind die Prämie für das Risiko; je höher das Risiko, desto höher die Zinsen. Doch nun ist diese Risikoprämie aus der Gleichung herausgestrichen worden, also sind kleine und große Risiken gleichgestellt. Es erhalten auch Unternehmen frisches Geld, die in einem funktionierenden Markt wegen Erfolgslosigkeit aufgeben müssten.

„Das ist doch toll!“, ist vielerorts die erste Reaktion auf diese Erkenntnis. Weniger Firmenpleiten bedeuten weniger Jobverluste und damit weniger Leid bei den Betroffenen. Was natürlich auch stimmt, jedenfalls auf die kurze, eingeschränkte Sicht. Denn dadurch, dass so viele nicht erfolgreiche Unternehmen am Markt bleiben können, haben es die erfolgreichen, die innovativen Unternehmen schwerer, sich durchzusetzen. Das Gesetz der Evolution gilt auch in der Wirtschaft: nicht der stärkste setzt sich durch, sondern derjenige, der sich am besten an neue Herausforderungen anpassen kann. Doch es gibt kaum mehr Anpassungsdruck, denn auch die eigentlich vom Aussterben bedrohten Unternehmen werden künstlich am Leben gehalten. Sie lähmen damit den Fortschritt, die Weiterentwicklung.

Wäre Deutschland alleine auf der Welt, müsste uns das nicht stören. Doch wir sind nur ein Daumennagel auf dem Globus und um uns herum findet ein harter Verdrängungswettbewerb statt. Ohne uns. Deutschland verharrt in seinen verkrusteten Strukturen und unsere Unternehmen verdienen genug, um sich der immer übermächtiger werdenden ausländischen Konkurrenz nicht stellen zu müssen.

Forschung und Entwicklung, neue Ideen, innovative Patente, das alles findet nicht mehr in Deutschland statt. Sondern in den USA, in Asien. Deutschland setzt auf Autos und Maschinenbau, unsere einstigen Stärken. Und doch werden gerade auch diese beiden Vorzeigebranchen von einer Flutwelle der Innovation heimgesucht und Minicomputer, Künstliche Intelligenz, vernetzte Systeme halten Einzug. Die aber nicht in Deutschland ersonnen und entwickelt werden, sondern im Ausland. Deutschland steht für das Design, die Hülle. Der Inhalt ist nicht mehr „made in Germany“.

Doch die schmerzhaften Anpassungen sind nicht aufgehoben, sie werden durch zu viel Geld nur aufgeschoben. Die gesamte deutsche Automobilbranche samt der Zulieferer blickt in den Abgrund. Nachdem die Probleme jahrelang nicht angegangen wurden, sondern stattdessen durch Financial Engineering auch noch der letzte Cent aus den Bilanzen gequetscht worden war, ist nun das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Absatzmärkte für Kraftstoff getriebene Pkws brechen ein und Elektroautos sind noch genügend im Angebot, ganz zu schweigen von einer ausreichenden Tankinfrastruktur. Reihenweise rutschen Firmen in die Pleite und entlassen zigtausende von Angestellten. Und damit sehen wir nur die Anpassungen, die unter normalen Umständen ohnehin stattgefunden hätten. Nur eben nicht so dramatisch und komprimiert in einer so kurzen Zeit. Und für die Autohersteller ergibt sich hieraus ein weiteres Problem, denn die globalen Fertigungsketten, die ohne große Lagerbestände auskommen, haben einen entscheidenden Schwachpunkt: fällt ein Glied in der Kette aus, stehen schnell alle Bänder still. Und momentan kippen reihenweise Glieder um und daraus könnte sich ein Dominoeffekt ergeben. Den Geld (allein) nicht mehr stoppen kann.

Niedrigstzinsen erschaffen Zombiefirmen

Deutschland konnte sich viele Jahre auf einem soliden Wirtschaftswachstum und niedrigen Zinsen ausruhen. Die Sorglosigkeit im Schlaraffenland hat uns vergessen lassen, dass alles seinen Preis hat, den man immer bezahlen muss. Nur nicht immer sofort. Das gilt auch für das Risiko. Vor allem der deutsche Automotivesektor wird beherrscht von Zombiefirmen, von denen nun viele, wenn auch viel zu spät, dem Tod ins Auge blicken. Und da das billige Geld als Quelle dieses Übels auf absehbare Zeit weiter sprudeln wird, könnte sich die Hoffnung auf baldige Besserung als trügerisch erweisen.

Kommentare:

  1. Ein Artikel, bei dem ich generell zustimme. Daher oder trotzdem hier noch ein paar Anregungen und auch etwas Widerspruch: Zum Thema Aktienrisiko hat übrigens gerade auch Aswath Damodaran geschrieben. Wenn man seine Rechnungen akzeptiert, dann sind die Aktienmärkte aktuell nicht übertrieben teuer: http://aswathdamodaran.blogspot.com/2020/02/data-update-3-for-2020-price-of-risk.html. ----- Meinung: dass die DeuBa plötzlich BBB Anleihen für investierbar hält, finde ich alarmierend, denn dazu sind sie m.E. nicht billig genug. Wenn ich recht entsinne, schrieb Graham in seiner Security Analysis sowas wie "Risiken darf man nur eingehen, wenn dem auch ein entsprechene Zunahme des Barwertes eingehen kann" oder dgl. und das stimmt für BBB Bonds nicht (oder wo liegen dort die Spreads? Sicher nicht bei 10%) - da sind Aktien attraktiver. ---- Und noch kurz zu den Spareinlagen: es wird immer gerne gebracht, dass die niedrigen Zinsen die armen Sparer enteignen, weil plötzlich die Sparbücher keine Renditen mehr bringen. Das ist zwar korrekt, ist aber nicht neu, sondern heute nur auffälliger als früher: de reale Verzinsung auf Sparbücher war schon immer negativ, daher sollte man sich darüber auch nicht ärgern (siehe z.B. https://twitter.com/peterbofinger/status/1193620544555552768?lang=de), sondern lieber eine breite Aktienkultur etablieren. Darüber, dass die Politik das verbockt bzw. sogar absichtlich torpediert und so dem Wohlstand und einer Produktivmittelbeteiligung unserer Bürger im Wege steht, darüber kann man ich mich wirklich ärgern. --- Problematisch sind die niedrigen/negativen Zinsen aber in der Tat. Bspw. gehen Geschäftsmodelle der Banken kaputt, insb. wenn sie negative Zinsen nicht weitergeben. Außerdem gehe Unternehmen kaputt, die in erheblichem Umfang langfristige Leistungszusagen gemacht hat - Pensionszusagen mit fester Leistung sind tickende Zeitbomben in den Bilanzen vieler Unternehmen. Der Staat nimmt sich mangels einer Bilanzierung seiner Pensionsverbindlichkeiten von diesem Zinsrisiko aus und wird uns bei Bedarf dann einfach tiefer in die Tasche greifen. Aber an letztem wird sich nichts ändern, denn "das Parlament ist mal voller und mal leerer, aber immer voller Lehrer" (Zitat von Graf Lambsdorf senior). Vielleicht liegt an letztem auch, dass wir keine Aktienkultur hinbekommen - wenn vor Allem Leute im Parlament hat, die nie den rauhen Wind der Wirtschaft verspüren mussten und vor Allem sicherheitsaffin sind, kommt vielleicht so eine Nanny-Denkweise zustande. Viele Grüße, Andreas.

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    1. Tut mir Leid, aber der Spruch mit den Lehrern ist voll daneben.

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    2. Ich bin kein Lehrer, aber ohne Lehrer sind wir nichts!

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    3. Der Spruch soll bedeuten, dass im Parlament vor Allem Beamte und Öffentlicher Dienst sitzen. Stimmt das nicht?

      Und das sind Leute, die nie lernen mussten, dass das Geld am Markt verdient werden muss oder dass es ein Risiko gibt, die Arbeit zu verlieren, wenn der Arbeitgeber schlecht wirtschaftet. Ich glaube daher, dass wir eine bessere Aktienkultur hätten, wenn die Zusammensetzung des Parlaements nicht priär aus ÖD, Beamten und Berufspolitikern bestünde.

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  2. Als ich Adidas Aktien als Neuemission bekam und 1 Jahr später verkaufte habe ich keine Steuer darauf bezahlt! Viele werden das gar nicht mehr wissen aber es gab Zeiten, da war der Aktienverkauf nach mind. 1 Jahr haltedauer, steuerfrei!

    Ich bin gerne bereit meinen steuerlichen Beitrag zu leisten aber auch noch Kirchensteuer und Soli Zuschlag...
    btw. fällt der Soli eigentlich auch für Aktienverkäufe weg, wenn er mal für 90% der Bürger abgeschaft wird?

    Ich kann nicht verstehen das kein Aufschrei durch die Finanzblogger Szene geht, bei so Ergüssen wie Finanztransaktionssteuer für Aktiengeschäfte aber für Finanzderivate nicht!
    #Aufschrei #notme

    VG
    JB

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    1. Hallo JB,

      nein der Soli fällt nach aktuellem Plan natürlich nicht für Kapialerträge weg.

      Grüße
      Tobias

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  3. Das ist alles richtig, was in dem Artikel steht. Genauso richtig ist aber, dass man ähnliche Artikel, zumindest was die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands betrifft, schon seit 30 Jahren lesen kann. Deutschland ist nicht innovativ genug...und unsere Arbeitsplätze wandern in den nächsten 10 Jahren alle nach China... Das konnte man schon in den 90ern lesen. Mal schauen, ob es diesmal stimmt. ;-)

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  4. ich stimme dir zu! Bloomberg tut das nicht...?
    https://www.springerprofessional.de/innovationsmanagement/transformation/deutschland-ist-das-innovativste-land-der-welt/17579290
    Das muss mir mal einer erklären.

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