Samstag, 2. Januar 2021

2021 wird Corona die Schlagzeilen bestimmen, aber Emotionen und Liquidität die Märkte

In 2021 stehen große Veränderungen an, so viel ist mal sicher. Dabei werden sich die Entwicklungen aus dem Jahr 2020 fortsetzen, die ich in meinem Rückblick auf 2020 skizziert hatte. Aber nicht alle Erwartungen werden sich erfüllen. Das birgt Risiken, aber auch Chancen - wenn man denn auf die richtigen Entwicklungen setzt. Und früh genug.

Das klingt nach Market Timing und damit kann man durchaus große Erfolge einfahren. Allerdings erleiden die meisten Anleger damit Schiffbruch, auch wenn man eigentlich nur von den Erfolgen liest. Und natürlich gibt es noch einen anderen Weg, nachhaltig Erfolg an der Börse zu haben. Und daran werde ich mich (weiterhin) versuchen. Auch wenn das nicht die ganz spektakulären Kursgewinne verspricht - aber auf der anderen Seite verhindert es auch die ganz großen Totalausfälle. Es kommt entscheidend auf das Chance-Risiko-Verhältnis an und da bieten dürfte 2021 doch einiges zu bieten haben...

Auch dieser Jahresausblick bietet keine Gewähr; es ist ein Blick in die Glaskugel und mit Unsicherheiten behaftet. Je weiter weg das Ereignis vom aktuellen Zeitpunkt ist, desto ungenauer die Prognose. Ich bemühe - mal wieder Mark Twain und seinen legendären Spruch: "Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen". Doch auch bei den Prognosen gibt es solche, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreffen werden und solche, die spekulativerer Natur sind. Ich beginne mal mit den wahrscheinlichen Entwicklungen:

Corona bestimmt auch 2021

Nur weil wir den Jahreswechsel gefeiert haben, ist Corona nicht verschwunden. Und das wird es auch nicht. Das Virus bleibt uns erhalten, dauerhaft. Die Impfungen starten nun, aber es wird viele Monate dauern, bis genügend Menschen geimpft worden sind, dass sich eine gewisse Herdenimmunität einstellt und das Virus erheblich eingeschränkt wird in seiner Verbreitung. Experten gehen von 60% Impfquote aus, die hier erreicht werden müssen. Und selbst dann ist das Virus nicht verschwunden. Es werden sich weiterhin Menschen anstecken und daran sterben. Aber es dürfte dann in die gleiche Kategorie einzustufen sein, wie ein "normales" Grippevirus. Das bedeutet, dass es nicht mehr so häufig auftritt, dass unser Gesundheitssystem, die Ärzte, die Krankenhäuser überfordert sind und die Menschen ggf. sogar nicht mehr versorgt werden können. Das Virus wird dadurch einen Großteil seines Schreckens einbüßen und die psychologische Wirkung auf unser Leben und die Wirtschaft sollte nicht unterschätzt werden. Dabei werden Tests und Masken noch länger Teil unseres Alltags sein.

Auf der anderen Seite bleiben Risiken. Wir wissen nicht, wie effektiv die Impfungen sind oder ob es nicht resistente Mutationen der Virusstämme geben wird. Auch haben die Impfstoffe ja unterschiedliche Nebenwirkungen, teilweise erhebliche, und bei einer Massenimpfung werden eine ganze Reihe von diesen auftauchen und die Medien beherrschen. Das könnte einerseits die Impfbereitschaft senken und natürlich führen die Nebenwirkungen auch zu Krankheitsverläufen. Wie auch beim Virus selbst wissen wir nichts über mögliche Langzeitfolgen/ -schäden.

Darüber hinaus kann es auch zu einer Wiederholung kommen, wie im Sommer 2020. Als die Infektionszahlen zurückgingen, brach weltweit die Unvernunft aus. Alles wälzte sich in den Sommermonaten Richtung Küste und dicht gedrängt lagen die Menschen an den Stränden. Und die Infektionszahlen stiegen - natürlich und erwartbar - wieder an. Ruft man sich die Bilder von den Skigebieten in Österreich auf den Schirm, nur wenige Tage ist das her, dann kann man nur noch verzweifeln über de Unvernunft der Menschen.

Corona bleibt uns erhalten und wird Teil unseres Lebens. Denn wir haben nun erstmals seit 100 Jahren eine globale Pandemie erlebt und sicher ist, dass es weitere geben wird. Wir wissen nur nicht, wann. Doch weltweit wird dieses Szenario als reale Bedrohung in unser Leben integriert werden und so auch die Einschätzung, unsere Sicht auf Aspekte unseres Lebens verändern. Gesundheitsvorsorge wird einen höheren Stellenwert erhalten, Forschung und Entwicklung von Arzneistoffen wird wieder stärker unter dem Aspekt der Wirkung stehen und nicht mehr so einseitig unter dem der Kostenkontrolle und -senkung.

Wir werden starke Konjunkturerholungen sehen und viele Unternehmen werden sich aus dem Coronatief herausarbeiten und wieder zu alter Stärke finden. Zumindest teilweise. Ab Mitte des Jahres dürften die besonders betroffenen Branchen Flugverkehr, Reisen, Tourismus, Gastronomie, Events, aber auch Mode und stationärer Einzelhandel spürbar Aufwind bekommen. Inwieweit die Aktienkurse dies bereits vorweggenommen haben und ob man auf diesen Zug noch aufspringen sollte, ist schwer einzuschätzen. Man sollte nie die Möglichkeit außeracht lassen, dass der Impferfolg ausbleiben oder zumindest deutlich unter den Erwartungen bleiben könnte. Die Aktien in diesen Branchen dürften daher viel schwankungsintensiver und emoitionsgetriebener sein als andere.

Der Trend zum Work from Home, zu flexibleren Arbeitsmodellen, wird anhalten. Als Folge werden die Menschen ihrer Wohnung weiterhin und zunehmend mehr Aufmerksamkeit widmen, denn in diesen Räumen werden sie deutlich mehr Zeit verbringen, vor allem Tagsüber. "Cocooning" wird also anhalten. Im Gegenzug werden Büros aber nicht verschwinden. Zwar werden einige Leute komplett zuhause arbeiten und es wird mehr Freelancer geben und auch Co-Working-Modelle werden neue, große Erfolge feiern, aber nicht alle Tätigkeiten lassen sich komplett dezentral organisieren. Es werden also einerseits weniger Büroräume benötigt, andererseits steigt der Flächenbedarf. Nicht nur für Sozialräume (Küchen, Pausenräume, Toiletten), sondern auch die Büroräume selbst. Überall werden größere Abstandflächen benötigt und das wird einen Großteil der aufgrund von Home Office nicht mehr benötigten Flächen kompensieren. Aber... hier geht es nicht zuvorderst um Mathematik. Alte, unflexible Bürogebäude werden zu Verlierern. Sie werden weniger nachgefragt und Anschlussvermietungen werden schwieriger. Hier müssen Nachnutzungskonzepte her oder gleiche neue Pläne gemacht werden. Und dann spielt auch die Lage eine Rolle. In den Ballungszentren wird sich die Büronachfrage eher reduzieren, denn Work from Home bedeutet eben auch, dass es für Unternehmen weniger wichtig wird, ihre Niederlassungen zentral und für alle Mitarbeiter (und Kunden) gut erreichbar zu positionieren. Wenn Kunden und Mitarbeiter viel stärker online agieren, kann die Firma auch aus der Citylage in die Vororte oder ins Umland verlagert werden - was erhebliche Kosten spart. Es wird also viel Bewegung in den Büromarkt kommen, anfangs noch moderat, aber mit zunehmender Stärke. Die so frei werdenden innerstädtischen Flächen können für zusätzliche Wohnungen, aber auch neue Verkehrskonzepte oder Erholungsflächen genutzt werden.

Corona hat den Trend hin zur Digitalisierung stark befeuert und das wird sich nicht wieder umkehren. Aus den teilweise übers Knie gebrochenen Notlösungen werden dauerhafte Lösungen werden und damit werden einige ohnehin schon eingeschlagene Megatrends weiterlaufen. Es werden immer mehr Arbeitsprozesse in die Cloud verlagert werden, es wird immer wichtiger, diese Daten schlau und schnell zu verwalten und das Thema Cybersecurity wird viel stärker in den Fokus rücken. Die Sicherheit der Daten, die Sicherheit der Netze und die der Arbeitsplätze und -zugänge. Denn Work-from-Home bedeutet eben auch, dass sich viel mehr kritische Angriffspunkte für Cyberkriminelle bieten. Jeder einzelne Mitarbeiter muss sich ins Netzwerk einloggen können und sie sind das schwächste Glied in der Cybersicherheitskette.

Die Präsidentschaft von Joe Biden

Sobald Trump aus dem Oval Office verschwunden ist, wird Joe Biden das Zepter übernehmen. Seine Schwerpunkte werden in einigen Punkten komplett anders liegen. Der Umgang mit den Verbündeten wird wieder konzilianter werden, aber die Forderungen nicht unbedingt geringer. Ein neuer Schwerpunkt wird die Krankenversicherung sein; hier hat Corona erhebliche Schwächen offenbart und auch die Bereitschaft vieler Amerikaner, sich auf den Gedanken einer gesetzlichen Pflichtversicherung einzulassen, erhöht. Inwieweit hieraus mehr wird als eine Idee, bleibt abzuwarten. Das hängt auch an den Nachwahlen in Georgia ab, denn hier könnte Biden mit zwei weiteren Wahlerfolgen auch die zweite Kammer des Kongresses für die Demokraten gewinnen und dann "durchregieren".

Ganz entscheidend anders wird Biden beim Thema Energie agieren. Der Beitritt zum Pariser Klimaabkommen gilt als gesetzt und die Förderung von fossilen Energieträgern dürfte massiv eingeschränkt werden. Schlecht für die Explorer, aber - vorübergehend - gut für die weltweiten Öl- und Gaspreise. Denn die USA waren innerhalb weniger Jahre zum weltgrößten Produzenten aufgestiegen und hatten damit den Weltmarktpreis stark unter Druck gesetzt. Auf der anderen Seite will Biden die regenerativen Energien stark ausweiten und dabei einen eigenen "Green Deal" an den Start bringen. Wie es auch die EU-Kommission getan hat, Deutschland oder China. Da auch die großen Energieunternehmen, wie Z.B. BP, Shell, RWE auf den Zug aufspringen und ihre Investitionen voll auf Erneuerbare Energien (EE) ausrichten, entsteht so ein Flaschenhals. Gleichzeitig drängt auch viel mehr privates Geld in den Sektor, was die Preise von Projekten ansteigen lässt. Geeignete Flächen und Projekte vermehren sich nicht, nur weil mehr Geld zur Verfügung steht. Aber mehr Geld, also erhöhte Nachfrage, lässt die Preise steigen. Für Bestandsanlagen, aber auch für noch in Planung oder Bau befindliche Projekte. Die Kurse vieler Unternehmen im EE-Sektor haben die letzten Wochen bereits deutlich angezogen. Da ist nun schon einiges an positiven Erwartungen eingepreist, was kurzfristig das Kurspotenzial begrenzen könnte, aber die mittel- und langfristigen Perspektiven verbessern sich zunehmend. Denn in den nächsten Wochen stehen Konkretisierungen an für die "Green Deals" und dann wird sichtbar(er), wer wie konkret profitieren wird. Dabei geht es nicht nur um Flächen und Einspeisevergütungen, sondern auch um Genehmigungsprozesse und den Abbau von regulatorischen Hemmnissen. 

Corona hat den Klimawandel ausgebremst, aber mit einer sich abzeichnenden wirtschaftlichen Erholung werden auch die CO2-Emission wieder zunehmen. Hier greift nun der neue Handel mit Verschmutzungsrechten ein, der den CO2-Ausstoß teurer macht. An den Tankstellen sind die Auswirkungen vom Ende der Mehrwertsteuersenkung und vor allem der ersten Stufe der Verschmutzungsrechte gleich mal spürbar. Und, wie gesagt, das ist erst der Anfang. In den nächsten Jahren werden jeweils weitere Stufen und damit Verteuerungen folgen, was den CO2-Ausstoß teurer macht und damit die Einsprung oder Vermeidung relativ gesehen preisgünstiger. Auch diese Entwicklung wird sich positiv auf EE-Anlagen und -Projekte auswirken.

Brexit, Handelsabkommen

Weitere bestimmende Themen werden Handelsabkommen sein. Der Brexit muss endgültig beschlossen und dann auch umgesetzt werden; das wird noch für viel Trouble sorgen. Nicht nur, weil die Schotten nun raus aus GB und (wieder) rein in die EU wollen. Daneben haben sich die EU und China weitgehend angenähert und steuern auf ein Handelsabkommen zu. Währenddessen verhärten sich die Fronten zwischen den USA und China weiter, das wird sich auch unter Joe Biden nicht ändern. Nicht in der Zielsetzung, wenn aber schon im Ton. Für die Export lastigen China-Unternehmen wird dies zum Mühlstein, binnenorientierte Unternehmen dürften Vorteile haben.

Big Tech in Big Trouble

Die Zeiten ungezügelten Wachstums nähert sich für die Big Tech-Unternehmen dem Ende. In China, in den USA und auch in der EU bekommen wie zunehmend Gegenwind und werden mit Klagen und Kartellverfahren überzogen. Man stört sich an ihrer Marktmacht und dem Ausnutzen ihrer erreichten monopolartigen Dominanz. Besonders in China kann dies brandgefährlich werden, da es dort keinen Rechtsstaat im eigenetlichen Sinne gibt, sondern die die Justiz wie auch die Behörden dem Diktat der Staatspartei untergeordnet sind. Staatliche Willkür bietet keinen Schutz für Bürger und Unternehmen. Da sieht es in der EU und den USA viel besser aus, dort können sich Unternehmen und Bürger gegen die Eingriffe des Staates vor unabhängigen Gerichten wehren. Dennoch behindern die Kartellverfahren die Big Techs in ihrem künftigen Wachstum, weil ihnen Übernahmen erschwert werden und neue Gesetze und Vorschriften ihre Wettbewerber bevorzugen dürften.

Es liegt also auf der Hand, sich den einen oder anderen Herausforderer ins Depot zu legen, um hier von überdurchschnittlichen Chancen zu profitieren. Die Kurse diese Aktien sind natürlich bereits hoch bewertet, das reduziert die Möglichkeiten und das künftige Kurspotenzial. Andererseits könnte sich hier auch die Zusatzchance bieten, wenn die kleinen, agileren Herausforderer von den Großen übernommen werden, um eigene Wachstumsschwächen zu kompensieren und/oder schnell in neue Märkte/Branchen vorzudringen.

Dennoch... Big Tech sollte man nicht per se abschreiben. Ich habe mit Interesse gelesen, dass viele Marktbeobachter nicht mehr viel erwarten von AmazonApple und Microsoft. Das teile ich nicht. Beide bleiben Basisinvestments und ich wäre nicht verwundert, wenn sie auch 2021 wieder überdurchschnittlich abschneiden. Bei Alphabet/ Google erwarte ich allenfalls eine durchschnittliche Entwicklung. Google verliert Marktanteile, vor allem an Amazon. Und die Kartellverfahren zielen genau aufs Mark. Und bei Facebook... hier bieten sich viele neue Chancen bei der Monetarisierung (Shops, Payment Dating), doch wie auch bei Twitter steigen die Kosten und der Aufwand wegen der Fakenews und Hassreden enorm. Das wirkt zunehmend belastend, auch wenn die Werbeeinnahmen davon (noch?) nicht allzu negativ belastet werden.

Dollar

Die Schwäche des Dollars hat in 2020 einiges an Rendite gekostet, denn die US-Werte notieren ja in Dollar und stehen dann in Euro in unseren Depots. Ich gehe nicht davon aus, dass der Dollar sich schnell und bald erholen wird. Denn seine Schwäche liegt darin begründet, dass die US-Notenbank schier unbegrenzt Dollars ins System pumpt und die Zinsen so niedrig hält. Die FED versorgt nicht nur die USA sondern de facto die ganze Welt mit Liquidität. Und damit wird sie noch einige Zeit weitermachen, mindestens solange Corona noch eine solche Bedrohung für die US-Wirtschaft ist. Hinzu kommt, dass die Nachfrage aus China nach US-Staatsanleihen zurückgeht, denn die Chinesen haben immer weniger Interesse daran, die USA zu stützen. Andererseits liegt China auch nichts an einem zu niedrigen Dollar, so dass tendenziell wieder Abwertungen der Chinawährung ggü. dem Dollar anstehen könnten. Doch das ist natürlich ein gefährliches Spiel, das die USA mit Argusaugen beobachten werden. Zumal eine starke China-Wirtschaft im Vergleich zu einer (noch) schwachen US-Wirtschaft kaum einen stärkeren Dollar rechtfertigen würde.

Notenbanken, Zinsen, Liquidität 

Das führt mich zum nächsten und wohl weiterhin wichtigsten Einflussfaktor für die Börsen. Auch 2021 wird die US-Notenbank die Zinsen niedrig halten und die Märkte mit Liquidität fluten. Sie kauft Wertpapiere in großem Stil und finanziert so auch die Staatsprogramme der US-Regierung. Und auch wenn es vielleicht schon niemand mehr hören kann, rufe ich Stanley Druckenmillers weise Worte in Erinnerung:
»Nicht die Unternehmensgewinne beeinflussen den Gesamtmarkt, es sind die Notenbanken. Und deshalb konzentriere ich mich auf die Zentralbanken und auf die Entwicklung der Liquidität, während die meisten Leute auf die Gewinne und konventionelle Kennzahlen blicken. Aber es ist die Liquidität, die die Märkte bewegt.«
(Stanley Druckenmiller)
Dies wird auch in 2021 die maßgebliche Triebfeder für die Börsenentwicklung sein, wie bereits 2020. Es wird im Jahresverlauf wieder zu starken Schwankungen kommen, es bleibt volatil. Doch wann immer es einen heftigeren Marktrutsch um zehn oder mehr Prozent gibt, drängt die freie Liquidität in den Markt (zurück) und kauft die Kurse hoch.

Und so wird's in 2021

Was nicht bedeutet, dass alle Aktien steigen werden. Benjamin Graham rät, zuerst auf das Risiko und erst danach auf die Chancen zu sehen. Das sollten Anleger auch in 2021 unbedingt beherzigen! Man muss nicht jedem Hype hinterherlaufen, nur weil jemand anderes "schnelle, einfache 100 oder Prozent" eingefahren hat. "Es gibt immer jemanden, der schneller reich wird als man selbst", erinnert uns Charlie Munger. Das ist völlig egal und sollte uns nicht tangieren. Denn "beim Investieren geht es nicht darum, andere in ihrem Spiel zu schlagen. Es geht darum, sich selbst im eigenen Spiel zu kontrollieren", mahnt Benjamin Graham. Unser Benchmark sollte nicht irgend eine andere Person sein, sondern ein sinnvoll gewählter Index. Oder die über hunderte Jahre erzielte Durchschnittsrendite, die mit Aktien eingefahren werden konnte. Also rund 7%. Wer durchschnittlich mehr erzielt pro Jahr, hat alles richtig und besser gemacht! Denn öffentlich posieren, das tun nur die Gewinner der Saison; die Loser und ihre Abstürze, die bleiben still. Daher nehmen wir überall nur die Top-Performer wahr und bauen uns daraus unsere "Erfolgsblase", mit der wir uns dann vergleichen. Und zwangsläufig schlecht(er) aussehen. Aber sich selbst zu überlisten und sich dann auch noch zusätzlich schlecht zu fühlen, ist ja wohl eine besonders dumme Idee, oder? Also lassen wir das doch lieber...
»Man läuft Gefahr zu verlieren, wenn man zu viel gewinnen möchte.«
(Jean de la Fontaine)
Es kommt weiterhin - und damit auch in 2021 - darauf an, die richtigen Werte im Depot zu haben und nicht die Loser. Und genau in dieser Unterscheidung, in diesem Stock-Picking, liegt die Kunst des erfolgreichen Investierens. Auch die Aktienwerte, die sich in Megatrendbranchen befinden, laufen nicht schnurgerade nach oben, auch sie leiden bisweilen unter Überhitzung und konsolidieren oder müssen mal stärkere Kurseinbrüche hinnehmen. Wann dies passiert, kann man nicht voraussehen und man sollte dieses Market Timing auch gar nicht erst versuchen. Zu viele verlieren zu viel Geld bei dem Versuch. Wenn man jedoch in die Megatrends investiert und die entsprechenden Aktien zu vertretbaren Preisen einkauft (Growth at a reasonable Price; GARP), dann kann man die Entwicklung gelassen abwarten und muss sich auch in Schwächephasen wenig(er) Sorgen um seine Investments machen. Dabei sollte man jedoch immer die Qualität der Unternehmen im Blick behalten: starker Burggraben, solide Bilanzen, positive und wachsende Cashflows!

Das gilt für die US-Werte und ihre agileren Herausforderer, wie auch deutsche Nebenwerte, die ich bereits seit dem dritten Quartal in meinem Depot wieder höher gewichtet habe. Dass sich Werte mit zuletzt starker Kursentwicklung, wie Energiekontor, MBB, Hypoport dabei deutlich nach oben geschoben haben in meiner Top 10, dürfte keine Überraschung sein. Aber zu meinem Depot und der Gewichtung meiner Top-Positionen gibt es bald Genaueres in meinem Investor-Update zum 4. Quartal 2020...


Nun bleibt mir nur noch, euch ein gutes und erfolgreiches Jahr zu wünschen und uns allen Gesundheit und ein bald wieder "normales" Leben. Ich freue mich darauf, auch in diesem Jahr meine Gedanken zu Marktentwicklungen und Unternehmen mit euch zu teilen und auf eure Anregungen und euer Feedback. Auch nach mehr als neun Jahren macht mir dieses Blog und der Austausch mit euch noch immer große Freude. Daher mein ganz besonderer Dank an euch!


P.S.: Für mich persönlich (und alle investierten Anleger) hoffe ich natürlich, dass meine beiden seit 17. Dezember "investierbaren" Wikis "Kissigs Quality Investments" und "Kissigs Nebenwerte Champions" meine Erwartungen erfüllen und den Markt in 2021 schlagen können. Das ist keine Selbstverständlichkeit, aber mein erklärter Anspruch, an dem ich mich messen lassen muss. Und will. Denn wie formulierte schon Oscar Wilde so süffisant? "Es ist leichter, über Geld zu schreiben, als Geld zu machen". Wir werden sehen...

Disclaimer: Habe Alphabet, Amazon, Apple, Energiekonto, Facebook, Hypoport, Microsoft, MBB, Twitter auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot/Wiki.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für Ihren Beitrag und ich wünsche Ihnen auch ein gutes und erfolgreiches Jahr. Ihre Einschätzung zu Alphabet klingt nicht sehr optimistisch. Die Qualität ist doch sehr hoch. Google, Youtube, Android...spannend finde ich auch noch google pay und Waymo. Sehen Sie Alphabet aktuell nicht mehr als Basisinvestment, mit dem man langfristig gesehen nicht viel falsch machen kann?

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    1. Meinen Aussage zu Alphabet ist, dass ich für 2021 keine überdurchschnittlich positive Entwicklung erwarte und hier Apple und Microsoft als interessanter erachte. Alphabet verfügt über einen sehr hohen Cashbestand und erzielt herausragende Cashflows. Einen Grund, die Aktie jetzt verkaufen zu müssen, sehe ich nicht.

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  2. Hallo Michael,
    Ich lese deinen blog immer sehr gerne. Vielen Dank für den interessanten Jahresausblick. Kürzlich bin ich auch in dein Quality Investments Wiki eingestiegen und wünsche dir gutes Gelingen beim Portfolio Management. Was die Einschätzung zur aktuellen Bewertung von Apple/MSFT/Alphabet angeht, haben du und Stephan Waldhauser ja nicht ganz kongruente Ansichten. Aber das macht ja nichts, ich höre gerne unterschiedliche Meinungen. Ich sehe die Themen Cybersecurity/Pharma ebenso wie du als interessante Themen für 2021. Zusätzlich würde ich noch den ganzen Bereich AI hinzufügen, der meines Erachtens noch völlig in den Kinderschuhen steckt. Auch wenn die großen Techs dort z.Z. tonangebend sind, wird die Thematik in den kommenden Jahren in die Breite wachsen, mit allen ethischen Fragen, die dazu gehören. Für mich das spannendste Thema überhaupt. Leider schaut man hierzulande (wieder einmal) eher skeptisch auf das Potential dieser Technologie, während die Konkurrenz in USA und Asien hier tonangebend ist.
    Also, vielen Dank nochmal, und ich freue mich jetzt schon auf interessante Beiträge von dir in diesem Jahr!

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    1. Das Thema KI gewinnt zunehmend an Bedeutung, da stimme ich Dir zu, Ekhard. Und zwar in der Breite und bei vielen Anwendungen, bei Fintechs, Roboadwisern, Big Data, autonomen Fahren uvm. Als Sonderthema habe ich KI daher nicht so auf dem Schirm.

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  3. Moin Michael,

    Gesundes Neues erstmal. Hast du für dieses Jahr keine Favoriten (-thesen)? Oder darf man deine Wikis als diese bezeichnen? :-D

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    1. Ich denke, ich werde noch meine Quality Investment- und Nebenwertefavoriten für 2021 benennen. ;-)

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  4. Halle Michael,
    danke für deine spannenden Gedanken.

    Zwei Themen würden mich noch interessieren.
    1) Du schreibst von der großen Erholung einzelner Branchen wie dem Tourismus etc. Was du aber gar erwähnst, ist das Thema der aktuellen Aussetzung der Insolvenzanmeldepflicht in D und der weiteren Zombiefizierung der Unternehmen. Oder siehst du die Gefahr schon, aber nicht für 2021 oder völlig irrelevant für die weltweiten Aktienmärkte?

    2) Wie relevant sind für deine gesamte Wertpapierstrategie die von dir angesprochenen Szenarien? Wie viel "Depotmasse" ist für dich gesetzt und wird nicht verändert und wie viel würdest du anhand bestimmter Trends ändern?

    Ich danke dir sehr und wünsche ein erfolgreiches und gesundes Jahr 2021!

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    1. Ja, das Auslaufen des "Insolvenzverschleppungsgesetzes" wird negative Auswirkungen haben. Ich hatte mich dazu ja vor einigen Monaten schon sehr kritisch ausgelassen ("Zombiland - oder die Schattenseite der Liquiditässchwemme"). Die Banken haben hierzu einiges an Wertberichtigungen vorgenommen und Rückstellungen gebildet und können einen Teil davon abfangen. Wie schlimm es wirklich wird, bleibt abzuwarten. Die Banken haben durchaus im Blick, bei welchen ihrer Geschäftskunden es kritisch aussieht. Also der direkte Einblick in die Bücher und Konten. Was nicht so klar ist, ist die mögliche Kettenreaktion. Wenn Firma A umfällt, gehen ggf. auch bei Firma B und C Forderungen flöten und lösen zusätzliche Probleme aus. Das könnte durchaus zum Problem werden. Was die Arbeitsplätze angeht, wird das zunächst während der Insolvenzphase vom Staat aufgefangen, aber ohne Fortführung des Betriebs gehen die Arbeitsplätze natürlich verloren. Mit entsprechend negativen Folgen für die Solvenz der Angestellten und damit für ihre Kredite usw. Hier wird es zu einer Bereinigung kommen, ob es kritisch wird, werden wir sehen. Für Sanierungskäufer (Aurelius, Mutares usw.) sind das durchaus interessante Perspektiven für günstige Zukäufe.

      Deine zweite Frage nach der Gewichtung der Depotmasse entsprechend vorherrschender Trends ist nicht so leicht zu beantworten. So überschneiden sich Trends ja auch bzw. gibt es Unternehmen, die mehrere Megatrends bedienen. Amazon (z.B. Onlineshopping, Cloud, Fintech, Advertising, KI, Streaming, Logistik/Fulfillment, Healthcare) oder Microsoft (SaaS, Gaming, Cloud). Da ich immer vollständig investiert bin, muss ich bei Neuengagements zwangsläufig umschichten. Als ich im dritten Quartal begonnen habe, verstärkt auf Erneuerbare Energien zu setzen, musste ich entsprechend andere Werte reduzieren. Ich habe Energiekontor aufgestockt, PNE und neu ABO Wind hinzugenommen. Aber auch bei MBB (Tochter Vorwerk) zugekauft. Das hat hat die sehr gute Performance im vierten Quartal begünstigt. Im Gegenzug habe ich überwiegend bei Big Tech reduziert und das wird man auch bei meinem Investor-Update sehen an den Gewichtungen.

      Unterm Strich würde ich sagen, dass rund zwei Drittel meines Depots in Aktien steckt, die einen oder mehrere der Megatrends bedienen. Sondersituationen, wie der Turnaround bei General Electric (führender Hersteller von Windkraftanlagen) z.B., würde ich jetzt nicht der Kategorie Megatrend zuordnen, sondern klar als Turnaround-Spekulation einstufen.

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  5. Guten Morgen Michael,

    Besten Dank für deine ausführliche Antwort! Ob die Kettenreaktion, durch die Insolvenzen, welweite Auswirkungen haben wird bleibt tatsächlich abzuwarten.

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  6. Hallo Herr Kisig, danke für den Ausblick! Sie und auch andere (wiwo)haben die Cybersecurity im Fokus. Was wären hier ihre Favoriten? Hier vermisse ich eine ihrer guten Analysen. Wie bewerten Sie auch die Leistungen der Big Tech auf dem Gebiet?

    Danke

    Viele Grüße
    Martin

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    1. Cyber-Security und Software ist nicht mein Spezialgebiet, deshalb halte ich mir hier eher zurück. Microsoft ist dort gut positioniert (u.a. Windows Defender) und die MBB-Tochter DTS dürfte als (irgendwann einmal) börsennotiertes Unternehmen bestimmt große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ebenso ist S&T in diesem Segment tätig. Ich habe zusätzlich eine kleinere Position von Crowdstrike im Depot.

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  7. Für alle Interessierten. Hier ein interessanter Artikel von Jeremy Grantham. "Waiting for the last dance."

    https://www.gmo.com/europe/research-library/waiting-for-the-last-dance/

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    1. Danke für den Artikel von Jeremy Grantham, Hans-Jürgen. Ich hatte den zum Anlass genommen für meinen Beitrag "Einfach ignorieren?! Immer mehr Crash-Propheten warnen vor einem Platzen der Blase. Sie liegen richtig. Und irren sich doch...". Wir werden sehen...

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    2. Meine Auffassung:
      Dein Beitrag gibt im Grunde das wieder, was Jeremy Grantham schreibt. Er empfiehlt Value und EM, wird jedoch nicht konkreter.
      Du konkretisierst es jedoch ein Stück weiter. Halte Unternehmensanteile von "Quality Value" (ich nenne es so) Unternehmen. Damit gehe ich völlig d'accord und finde mich darin auch wieder. Ich gehe ich noch einen Schritt weiter: Halte Unternehmensanteile von "Quality Value" Unternehmen und verkaufe jegliche, welche durch den Crashauslöser/-folgen betroffen sind.

      beste Grüße Hans-Jürgen

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