Donald Trump hat mit seiner Wahl von Kevin Warsh zu neuen Fed-Chef alle überrascht – und das erzeugt Unsicherheit. Trump fordert Zinssenkungen, Kevin Warsh gilt als Inflationsbekämpfer. Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Doch Warsh nimmt seit einiger Zeit die Position ein, dass KI in den Unternehmen die Kosten erheblich senken und so Effizienzgewinne schaffen wird, was zu niedrigeren Preisen und sinkendem Inflationsdruck führen soll. Und das bietet Spielraum für niedrigere Zinsen.
Die Schattenseite von Warsh ist seine restriktive Haltung gegenüber der aufgeblähten Bilanz der Fed. Er will das "Quantative Easing" runterfahren und daran hatten sich die Börsen 15 Jahre lang gewöhnt. Die US-Notenbank pumpte Liquidität in die Märkte und kaufte in großen Stil Staats- und Unternehmensanleihen auf. Und sie stand stets mit der Gelddruckmaschine parat, wenn die Börsen zu husten begannen.
Die Begleiterscheinung dieser Fed-Politik war, dass natürliche Risiken reduziert wurden. Weit(er) in der Zukunft liegende Cashflows wurden ähnlich bewertet wie aktuelle und das sorgte für entsprechende Bewertungsaufschläge bei den Aktien. Nun kehrt das Risiko zurück und demzufolge werden sichere Cashflows attraktiver, während Versprechungen risikoreicher erscheinen. Realität ist die neue Realität. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber alle waren – und sind – vom Liquiditätsdoping der Fed abhängig und die Entwöhnung erzeugt Anpassungsstress.
Denn unter Warsh wird sich die Fed-Politik ändern und Risiko wird wieder Geld kosten. Dem entsprechend weicht Luft aus risikoreicheren und künstlich aufgepumpten Anlagen und im Gegenzug werden visible Cashflows und Gewinne wieder mehr wert. Überall, auch im KI-Sektor. Wer mit seinem Businessmodell heute schon Geld verdient, bleibt sexy. Wer erst in einigen Jahren liefern kann, verliert deutlich an Attraktivität. Ob es sich um einen Tech-Titanen handelt, ein Startup oder einen zyklischen Industriewert.
Anleger sollten daher unbedingt ihr Depot einem KI-Realitätstest unterziehen und sich die simple Frage stellen, ob und ggf. wie sehr das jeweilige Unternehmen von KI beeinflusst werden dürfte. Und zwar im Hinblick auf die Wehrhaftigkeit seines Burggrabens. Erodiert KI das Businessmodell, kann KI es teilweise oder sogar ganz ersetzen? Oder wird KI im Einsatz (nur) zum Effizienzgenerator?
Die Kurse der Softwarefirmen stehen unter Druck, weil KI Softwarecode in Warpgeschwindigkeit erzeugt und damit Programmierer ersetzt. Googles "Project Genie" ließ nach einer öffentlich gezeigten Demo des KI-Systems die Aktien der großen Spiele- und Plattformunternehmen massiv abstürzen. Denn große Teile der Games-Industrie und ihr Wert beruhen auf der Prämisse, dass die Erstellung von Spielwelten, Levels und Assets teuer, zeitaufwendig und schwer skalierbar ist. Doch Project Genie ermöglicht es Nutzern, durch Texteingabe oder Bilderstellung Welten zu erstellen, zu erkunden und zu verändern. Es ist eine webbasierte Demo, die auf der Gemini-KI und dem "Genie 3-Modell" von DeepMind basiert. Und obwohl es nur eine Demoversion ist, kommen ihre Ergebnisse doch ziemlich gut an bestehende Blockbuster-Spiele heran - wozu sie nur Tage braucht, keine Jahre, und nur minimale Kosten verursacht. Wie stark ist also der Burggraben von Unity Software, Roblox, Take-Two Interactive oder Nintendo? Kann man die Nutzer halten, wenn vergleichbare Spiele zu einem Bruchteil der Kosten entwickelt und an den Markt gebracht werden können? Was geschieht mit den Erlösströmen, den Gewinnen? Und ggf. mit den Schulden der Unternehmen? In der zweiten Reihe stehen auch die Kredite der betroffenen Firmen im Fokus und damit die Kreditgeber, wie Banken oder Private Equity.
Es gibt aber auch Branchen, wo KI kaum ein Ersatz sein kann: Müllverarbeitung, Stahlerzeugung, Flugzeugbau, Retail, Rohstoffgewinnung und -verarbeitung, Infrastruktur. Solche eher klassischen Branchen werden nun wieder sexy, nachdem sie 15 Jahre lang von Technologiewerten angehängt worden sind. Es findet also eine Neuorientierung statt, eine Rotation weg von Tech hin zu Value. Ausgelöst die wohl größte Tech-Revolution der Menschheitsgeschichte, was für eine Ironie. Aber das bedeutet nicht, dass man blind einfach jeden Nicht-Techwert kaufen sollte; auch hier muss man auf Zukunftsfähigkeit, Wachstumsaussichten und Burggraben achten. Der Realitätscheck muss für jede Aktienposition im Depot erfolgen und zwar regelmäßig. Und dann gilt es, die absehbaren Loser abzustoßen und (nur) auf die Gewinner zu setzen. Hohe Qualität in der Vergangenheit ist heute und in Zukunft nichts mehr wert. Und nur die Zukunft zählt an der Börse.
Wir erleben eine Zeit des Umbruchs. Das Haus hat einen neuen Kartengeber und die Karten werden neu gemischt. Die Highroller blinzeln und die Underdogs wittern ihre Chance. Aber kühle Köpfe gewinnen (immer).
Alles Gute für euer Geld!
Michael C. Kissig
Disclaimer: Habe Alphabet auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

Danke - alles plausibel. Und noch ein Argument für die etablierten Unternehmen: gerade in alten, großen Unternehmen hat sich oft viel Ineffizienz angesammelt, bürokratische oder einfach "historisch gewachsene" Abläufe und IT-Prozesse, mit zig Workarounds um die hunderte veralteten IT-Systeme, welche alle frustrieren und die Margen senken. Das sind mitunter ideale Kandidaten, um durch KI deutlich zu profitieren.
AntwortenLöschenDa hast du Recht. Hier bietet der Einsatz von KI gleich zwei Chancen: einerseits deutlich effizienter zu arbeiten und dann auch noch dem demografischen Wandel zu trotzen, indem bestehenden und perspektivisch entstehenden Vakanzen gezielt entgegengewirkt wird. KI kann hier eine Menge Jobs ersetzten, die ohne sie gar nicht mehr besetzt werden könnten. Dazu benötigen die Unternehmen aber einen Plan, um auch die Mitarbeiter auf dem Weg mitzunehmen und Personal an den richtigen Stellen freizusetzen (durch Fluktuation und Demographie) und nicht dort, wo KI keine wirklichen Alternativen bietet. Klingt einfacher als es ist, aber hier liegt eine der zentralen Herausforderungen für das Management. Denn während dieser Transformation muss das Business ja störungsfrei weiterlaufen.
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