Dienstag, 16. April 2013

"Höhere Finanzmathematik" - ein Gedicht von Richard G. Kerschhofer

Ein vor dem Hintergrund der Finanz-, Banken und nun Staatsschuldenkrise mehr als zeitgemäßes Gedicht.  Erstmals erschienen sind sie in der Druckausgabe der Preußischen Allgemeinen Zeitung vom 27. September 2008; unterzeichnet sind die Verse mit Pannonicus, Kerschofers journalistisches Pseudonym


Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muß eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bißchen Krieg gemacht.

Kommentare:

  1. Klingt auf dem ersten Blick ganz witzig, aber wenn man genauer darüber nachdenkt, entpuppt sich das Gedicht als üble Verschwörungstheorie und die übliche Hetze gegen Spekulanten. Gerade die letze Strophe könnte direkt aus den Protokollen der Weisen von Zion abgeschrieben sein.

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  2. Ihre Auffassung teile ich überhaupt nicht. Vielmehr zeigt das Gedicht das Muster von Spekulationsblasen, Crashs und darauf folgende große Verwerfungen mit anschließenden (staatlichen) >Rettungsinterventionen, die man seit der großen Tulpenspekulation an der Amsterdamer Börse im 17. Jahrhundert. Und die letzte Strophe zeigt auch nur den "Ausweg" auf, den Staatslenker seit Urzeiten für innenpolitische Probleme wählten: Krieg mit den Nachbarn. Ob die englischen Könige oder die Französischen - immer wieder hat eine externe Bedrohung herhalten müssen, um innenpolitische Streitigkeiten abzuschwächen oder gar zu beenden.

    Andererseits finde ich, dass die letzte Strophe nicht wirklich zum Inhalt des Gedichts passt und eher wie drangeklatscht wirkt.

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  3. Ich sehe Leerverkäufe und Derivate nicht wirklich als das an, was eine Spekulationsblase ausmacht. Leerverkäufe wären sogar geeignet Spekulationsblasen zu begrenzen. Die historischen Spekulationsblasen hätte es ganz sicher auch ohne Derivate gegeben. Daher finde ich, dass das Gedicht ehe irreführend als aufklärend ist. Für eine Spekulationsblase sind immer breite Teile der Bevölkerung verantwortlich, nicht die paar wenige, die wirklich mit Derivaten und Leerverkäufen hantieren.

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