Montag, 5. Juni 2017

Warum hohe Dividendenrenditen manchmal auch mit Vorsicht zu genießen sind

In Zeiten niedriger Zinsen gehen Anlegern langsam die Alternativen aus, wollen sie ihr Geld noch halbwegs rentierlich anlegen. Immer häufiger wird dazu geraten, auf dividendenstarke Aktien zu setzen, um so eine attraktive Verzinsung zu erzielen. Doch so ganz ohne Risiko ist auch dieser Rat natürlich nicht...

Aktienkurse schwanken
Aktien sind bekanntlich Unternehmensanteile und diese kann man über die Börse handeln. Daher entsteht der Eindruck, der Wert des Unternehmens würde sich täglich ändern. Aber das tut er nicht! Lediglich der Preis, den man für einen Anteil am Unternehmen bezahlen muss und damit der Preis des gesamten Unternehmens verändert sich mit jeder neuen Kursfeststellung. Für mittel- und langfristig orientierte Anleger sind die Kursschwankungen mithin kein Hinderungsgrund, sich Aktien zuzulegen.

»Aktienpreise schwanken stärker als Aktienwerte.«
(Sir John Templeton, Gründer des Templeton Growth Fund)

Darüber hinaus sollte man auch nicht vergessen, dass die Dividenden am Tag der Ausschüttung vom Aktienkurs abgezogen werden, sog. Dividendenabschlag. Denn das Unternehmen verliert ja die gezahlten Gelder und dieses ist ein Wertverzehr. Den Rest des Jahres - bzw. Quartals bei amerikanischen Unternehmen, die zumeist Quartalsdividenden zahlen - wird die nächste Dividende wieder im Kurs "angesammelt".

Auch Dividenden schwanken
Die absolute Höhe der Dividende ist weit weniger interessant, als ihr Verhältnis zum jeweiligen Aktienkurs. Denn hieraus ergibt sich die auf das Jahr berechnete Dividendenrendite - die man dann mit dem Jahreszinssatz für Spareinlagen oder Bundesanleihen vergleichen kann. Je höher die Dividendenrendite ist, desto attraktiver ist die betreffende Aktie unter diesem Aspekt. Doch hier gibt es einiges zu beachten, damit man auch sicher Freude an seinem Investment hat.

So muss man sich bewusst machen, dass auch die Höhe der Dividenden nicht festgeschrieben ist, sondern von der Hauptversammlung beschlossen wird. Des Weiteren sollte man unbedingt auf die Ausschüttungsquote achten, also überprüfen, wie viel des Jahresgewinns als Dividende ausgeschüttet werden. Im Regelfall sollten dies zwischen 30 und 50 Prozent sein. Wachstumswerte, die auf das Kapital angewiesen sind, schütten zumeist weniger bis gar nichts aus und Unternehmen, die deutlich höhere Zahlungen vornehmen, sind oftmals gesetzte Unternehmen mit einem erfolgreichen Geschäftsmodell, das wenig zusätzliche Investitionen verlangt.

Substanzverzehr als Warnsignal!
Schüttet ein Unternehmen als Dividenden mehr aus, als es verdient hat, zehrt es von seiner Substanz - es löst Rücklagen auf. Hier gilt es genau hinzusehen, denn dies kann ein ernsthaftes Warnsignal sein. Denn sollte dieses Verhalten mehrmals vorkommen, verliert das Unternehmen an Wert und der Aktienkurs wird sich dieser negativen Entwicklung nicht dauerhaft entziehen können und deutlich fallen.

Übergangsweise, um mal einmalig schwache Jahresergebnisse zu glätten und Dividendenkontinuität zu gewährleisten, kann ein Rückgriff auf die Rücklagen zum Zweck der Dividendenzahlung aber auch positiv gesehen werden. Wie zum Beispiel bei Rückversicherungsunternehmen, die Jahre mit hohen Schadensquoten so ausgleichen mit Mitteln, die sie in Jahren mit höheren Prämieneinnahmen aufgrund geringer Schadensereignisse auf die Seite gelegt hatten.

Hohe Dividendenrenditen sind nicht unbedingt positiv
Betrachtet man die Dividendenrenditen, sollte man auch immer berücksichtigen, dass diese ja im Verhältnis zum Aktienkurs ermittelt werden. Eine hohe Dividendenrendite bedeutet also nicht unbedingt, dass eine hohe Dividende ausgeschüttet wird, sondern sie kann auch anzeigen, dass der Aktienkurs besonders niedrig ist. Zahlt ein Unternehmen 1 Euro Dividende je Aktie, macht dies bei einem Aktienkurs von 50 Euro eine Dividendenrendite von 2 Prozent aus. Stürzt der Kurs dramatisch ab, z.B. aufgrund einer Gewinnwarnung des Unternehmens, und notiert nur noch bei 20 Euro, läge die Dividendenrendite schlagartig bei 5 Prozent. Das klingt viel attraktiver, ist es aber in diesem Fall nicht! Denn die überall angegebene Dividendenhöhe bezieht sich ja auf die Zukunft und ist daher eine Prognose. Vermeldet das Unternehmen eine Gewinnwarnung, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch eine geringere Dividende für dieses Geschäftsjahr geben wird. Wenn überhaupt noch eine gezahlt wird. Die Analysten nehmen ihre Einschätzungen aber ja nicht unverzüglich vor, sondern immer mit einigem zeitlichen Abstand, so dass die Angaben auf Börsenseiten oder in Anlegermagazinen durchaus veraltet sein können.

Auf Dividendenaristokraten setzen
Niemand ist davor gefeit, dass Unternehmen Dividenden senken oder aussetzen. Man kann aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen, stetige Dividenden zu erhalten. Und zwar, indem man auf die sog. Dividendenaristokraten setzt. Hierzu gehören Unternehmen, die in den vorausgegangenen 25 Jahren in Folge ihre Ausschüttungen beibehalten oder erhöht haben. Die Kriterien für die Dividendenaristokraten sind nicht fest definiert und so gibt es durchaus unterschiedliche Variationen. Grundsätzlich  geht es darum, nur die Unternehmen auszuwählen, bei denen auch künftig eine konstante oder sogar steigende Dividende zu erwarten ist und die durch unternehmerische Erfolge erwirtschaftet wurde.

In Deutschland findet sich hierzu jedoch kein einziges Unternehmen, daher werden hier auch weichere Kriterien¹ angesetzt, um dem Grundprinzip Rechnung tragen zu können.

Die Kriterien:
  
  • In jedem der vergangenen zehn Jahre muss eine Dividende ausgeschüttet worden sein.
  • In mindestens sieben dieser Jahre muss sie stabil oder höher ausgefallen sein,
  • Die Dividendenrendite muss mindestens 3 Prozent betragen.
  • Die Eigenkapitalquote muss bei mehr als 30 Prozent liegen.
  • Das Unternehmen muss einen geringen Verschuldungsgrad aufweisen.
  
Orientiert man sich an diesen Kriterien, hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine relativ sichere Dividendenausschüttung zu erwarten. Wenn man bei der Auswahl der richtigen Unternehmen nun noch auf die günstig bewerteten setzt, also auf ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und/oder ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), winken zusätzlich noch Kursgewinne während der Anlagezeit, die die Gesamtrendite des Investments noch steigern können. Oder mit Blick nach unten: die Wahrscheinlichkeit von Kursverlusten liegt deutlich niedriger. Die Angst vor Kursverlusten sollte bei mittel- und langfristigen Anlegern ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen!

»Die beste Zeit für die Geldanlage ist dann, wenn man Geld hat. Die Geschichte deutet nämlich darauf hin, dass nicht der Zeitpunkt zählt, sondern die Zeit.«(Sir John Templeton)

Wer sich die selbständige Auswahl geeigneter Aktien nicht zutraut, kann auch auf kostengünstige ETFs (Exchange-traded Fund) setzen, die genau dieser Ausrichtung entsprechen.


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¹ Diese Kriterien sind nicht fest definiert und können sich je nach individueller Vorliebe partiell unterscheiden.

Kommentare:

  1. Hallo Herr Kissig,

    bei den ersten vier Kriterien werden Sie sehr konkret, was die Bezeichnung der Dividendenqualität angeht. Mich würde jetzt noch interessieren, welche konkreten Werte Sie als geringe Verschuldung ansehen.

    Vielen Dank für den gelungenen Beitrag!


    Schöne Grüße
    Marco

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    1. Der akzeptable Verschuldungsgrad hängt von der Branche ab. Bei Automobilwerten fließt ja sehr viel Geld in Produktionsanlagen - wenn die Modelle sich dann nicht gut verkaufen, sind die Anlagen wenig(er) wert. Und im Fall einer Pleite ebenso, denn es dürfte schwer sein, sie zu halbwegs akzeptablen Preisen zu verkaufen. Bei Immobilienunternehmen ist das etwas anders, hier sind ebenfalls hohe Investitionen nötig, aber die Wohnungen/Gewerbe erzeugen einen konstanten Strom an Einnahmen/Mieten. Deshalb sehe ich hier eine höheren Verschuldungsgrad als akzeptabel an.

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