Dienstag, 19. Februar 2019

Was ist... ein Dividendenaristokrat?

Viele börsennotierte Unternehmen beteiligen ihre Aktionäre am Erfolg durch Zahlung einer Dividende. Die Dividendenrendite spielt daher für die Anlageentscheidung eine wichtige Rolle.

Doch kann sie auch künstlich hochgehalten werden, um das Unternehmen attraktiver aussehen zu lassen, als es auf den zweiten Blick wirklich ist. Dann werden zum Beispiel 10 Cents je Aktie als Dividende ausgeschüttet, während im Geschäftsjahr nur 5 Cents verdient wurden oder sogar ein Verlust anfiel. In diesem Fall geht die Ausschüttung zulasten der Substanz des Unternehmens und wenn dies mehrmals passiert, ist das Unternehmen irgendwann ausgezehrt und die optisch attraktive Dividendenrendite kann den Kursverfall dann auch nicht mehr aufhalten. Die sog. "Dividendenaristokraten" sollen hier Abhilfe schaffen...


Zu diesem erlesenen Club gehören nach der Definition von Standard & Poors nur die Unternehmen, die in den vorausgegangenen 25 Jahren in Folge ihre Ausschüttungen erhöht oder zumindest konstant gehalten haben. Das ist keine Kleinigkeit, da sich in regelmäßigen Abständen starke Kurseinbrüche oder gar Aktiencrashs an der Börse ereignen, die nicht selten auf wirtschaftliche Schwächephase folgen oder diese auslösen. Man denke nur zurück an die Dot-Com-Blase im Jahr 2000, die Terroranschläge des 11. September 2001 oder die Immobilien- und Finanzkrise 2008/2009 mit jeweils Kurseinbrüchen weit im zweistelligen Bereich und erheblichen negativen Auswirkungen auf die globale Wirtschaft. In solchen Zeiten die Dividenden nicht zu kürzen, ist schon eine Glanzleistung und verdient daher auch eine entsprechende honorige Auszeichnung, wie sie das Prädikat "Dividendenaristokrat" darstellt.

In Deutschland gibt es keine solche lange Tradition der Dividendenausschüttungen, da bei uns die Altersversorgung traditionell auf der Gesetzlichen Rentenversicherung fußt und nicht auf privater Kapitalvorsorge, wie z.B. in den USA. Dort hat sich also der Fokus schon frühzeitig auf steige und hohe, möglichst steigende, Dividendenzahlungen gerichtet und die ältesten Dividendenaristokraten zahlen bereits seit 125 Jahren kontinuierlich Dividenden.

In Deutschland findet sich jedoch mit Fresenius erst ein entsprechendes Unternehmen, daher werden hier auch weichere Kriterien¹ angesetzt, um dem Grundprinzip Rechnung tragen zu können.

Die Kriterien:
  
  • In jedem der vergangenen zehn Jahre muss eine Dividende ausgeschüttet worden sein.
  • In mindestens sieben dieser Jahre muss sie stabil oder höher ausgefallen sein,
  • Die Dividendenrendite muss mindestens 3 Prozent betragen.
  • Die Eigenkapitalquote muss bei mehr als 30 Prozent liegen.
  • Das Unternehmen muss einen geringen Verschuldungsgrad aufweisen.
  
So werden nur die Unternehmen ausgewählt, bei denen eine auch zukünftig konstante oder sogar steigende Dividende zu erwarten ist, die durch unternehmerische Erfolge erwirtschaftet wurde.

Orientiert man sich an diesen Kriterien, hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine relativ sichere Dividendenausschüttung zu erwarten. Wenn man bei der Auswahl der richtigen Unternehmen nun noch auf die günstig bewerteten setzt, also auf ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und/oder ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), winken zusätzlich noch Kursgewinne während der Anlagezeit, die die Gesamtrendite des Investments noch steigern können. Oder mit Blick nach unten: die Wahrscheinlichkeit von Kursverlusten liegt niedriger. Und die Angst vor Kursverlusten sollte bei mittel- und langfristigen Anlegern ja ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen!

Die Aktienanlage in Titeln, die zu den Dividendenaristokraten gehören, lohnt sich für Anleger gleich doppelt. Denn sie erzeugt nicht nur einen regelmäßigen Strom an Mittelzuflüssen auf das eigene Konto, sondern Betrachtungen über Jahrzehnte hinweg haben ergeben, dass sich Aktienwerte mit attraktiven Dividendenausschüttungen unterm Strich besser entwickeln, als Nichtzahler.

»Dividendenzahlungen bieten keine absolute Sicherheit, denn sie können gekürzt oder ganz gestrichen werden und Dividenden zahlende Unternehmen können Pleite gehen.«
(Ken Fisher)

Den Aspekt der Kursentwicklung sollte man bei der Anlegeentscheidung nicht außer acht lassen, denn er ist wesentlicher Teil der Gesamtperformance einer Geldanlage. So mahnt auch Star-Investor Ken Fisher ausdrücklich davor, sich ausschließlich auf Dividendenhöhe und -rendite bei der Anlageentscheidung zu verlassen, da Dividendenzahlungen nicht in Stein gemeißelt seien, sondern gesenkt oder sogar ganz gestrichen werden könnten.


Meine Lese-Tipps
▶ "Börsen-Mythen enthüllt für Anleger" von Ken Fisher
▶ "Das zählt an der Börse: Investieren mit Wissen, das die anderen nicht haben" von Ken Fisher
▶ "Die Kunst der richtigen Aktienauswahl: Die Investmentphilosophie einer Börsenlegende" von Ken Fisher
▶ "Kasse statt Masse: Wie Sie mit einem konträren Investmentansatz Geld verdienen" von Ken Fisher


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¹ Diese Kriterien sind nicht fest definiert und können sich je nach individueller Vorliebe unterscheiden.

Kommentare:

  1. Die Frage ist, ob das Unternehmen das Geld nicht besser investieren könnte. Dann sollte es das auch tun und auf die Dividende verzichten. Dividenden leiden unter dem gleichen Problem wie zB das KGV. Leute fokussieren sich gerne auf einzelne Kennzahlen. Das kann niemals gut ausgehen. Ob das Unternehmen ausschüttet oder nicht, ist mir meist egal. Wenn es eine hohe Eigenkapitalrendite erzielt und über lange Zeit wächst, werde ich so oder so der Gewinner sein.

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    1. Das stimmt. Wenn ein Unternehmen noch in einer starken Wachstumsphase ist, machen Dividenden grundsätzlich wenig Sinn. Schon gar nicht, wenn man im Anschluss zur weiteren Finanzierung des Wachstums dann eine Kapitalerhöhung durchführen muss. Einen Abstrich an dieser Aussage mache ich bei Immobilienaktien, da die Anleger in diesem Segment oftmals gerade wegen der Aussicht auf attraktive Dividendenzahlungen überhaupt erst investiert sind. Das ist für junge, schnell wachsende Unternehmen durchaus eine knifflige Gratwanderung. Wie z.B. für TTL Beteiligung oder Godewind Immobilien. Beide haben sich frühzeitig als potenzielle Dividendenwerte positioniert und benötigen dennoch auch Kapital, um weiter so stark und Gewinn treibend wachsen zu können.

      Doch da wir hier über Dividendenaristokraten sprechen, sind junge Unternehmen ja per se nicht gefragt. Und ob ein Unternehmen nach 25 Jahren des Dividendenzahlens noch in die Kategorie der Wachstumsunternehmen zu zählen ist, darf auch bezweifelt werden. Das dürften allenfalls Ausnahmen sein...

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  2. Hallo,
    Dividendenzahlungen helfen psychologisch vielen auch über Schwächephasen des Marktes/der Aktie hinweg, der Effekt sollte nicht unterschätzt werden!

    Natürlich kann das kein alleiniges Kriterium sein, schon klar, das wäre fatal!
    Ich freue mich über regelmäßige Zahlungen jedenfalls.. :-)

    Gruß
    Joe

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  3. hallo Herr Kissig - mich würde brennend Ihre Einschätzung von Eckert und Ziegler interessieren, die sie ja kürzlich in Ihre Beobachtungsliste aufgenommen haben. Bin investiert, und ich überlege wie ich weiter verfahren sollmit diesem Wert.

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    1. Bei Eckert & Ziegler haben sich ganz neue Geschäftsmöglichkeiten aufgetan, was zu einer Neubewertung des Unternehmens führen wird und muss. Allerdings hat der Kurs hier mit seinem Ritt über die 100-Euro-Marke schon mehr als genug vorweggenommen, denn die großen neuen Potenziale müssen sich ja auch erstmal einstellen - und das geht nicht über Nacht.

      Ich halte den Wert für mittel- und langfristig sehr aussichtsreich, aber Kurse jenseits der 90 Euro sind einfach überhitzt angesichts der momentanen und auf einige Monate abzusehenden Geschäftslage. Deutlich über 80 Euro würde ich EZAG nicht kaufen wollen, weil dann einfach zu viel Kurspotenzial schon vorweggenommen ist. Getreu des Mottos von Roland Könen: "Ein gutes Unternehmen, zu teuer bezahlt, ist ein schlechtes Investment"...

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  4. Danke für diese wieder klare Einschätzung

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  5. Hallo,

    wie schon ein Vorposter geschrieben hat finde ich Dividenden aus psychologischer Sicht eine Starke Hilfe.
    In meinem Fokus ist zur Zeit Freenet gerutscht, ja es ist zwar eine Krass Rendite zur Zeit, aber ich finde den Umbau von Freenet der seit ein paar Jahren eine Transformation einleitet schon sehr spannend.
    Es hört sich für mich nach einem spannenden Investment an.
    Wie ist deine Meinung zu Freenet?
    Bin zwar seit kurzem im Telko-Sektor investiert, Deutsche Telekom AG, aber in Freenet sehe ich auf lange Sicht mehr.

    Grüße
    Hans

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