Montag, 11. Januar 2016

Turnaround-Spekulation: Wenn Totgesagte länger leben

Vor drei Jahren habe ich mich bereits einmal mit Turnaround-Spekulationen beschäftigt und anhand einiger interessanter Werte das Prinzip dargelegt. Und grundsätzlich bleibt es immer das selbe "Spiel", abgestürzte Aktien von schlingernden Unternehmen möglichst am Tiefstpunkt einzusammeln, um dann von ihrer operativen Gesundung zu profitieren.


"Turnarounds seldom turn."


Dabei gibt es allerdings einiges zu beachten. Da ist zunächst das enorme Risiko, dass das Unternehmen den angepeilten Turnaround nicht schafft und am Ende in die Insolvenz schlittert. Wie Praktiker oder Schlecker. Dann steht man als Aktionär vor dem Totalverlust und daher sind Turnaround-Spekulationen eben keine Buy & Hold-Investments, die man kauft und liegen lässt, sondern sie bedürfen erhöhter und regelmäßiger Aufmerksamkeit. Und dann ziehen sich Turnarounds meistens lange hin, so dass man als Anleger eine  seeeeehr langen Atem braucht und auch zunächst weitere Kursverluste in Kauf nehmen muss. Und man muss unterscheiden lernen zwischen Fakten, die auf eine Erholung hindeuten, und bloßen Wünschen und Vermutungen, mit denen manche sich die Aktien schön reden. Letztere kosten Geld, erste bringen Geld.


"Nur weil eine Aktie fällt heißt das nicht, dass sie nicht noch weiter fallen kann."


Und leider bleibt am Ende die Erkenntnis, dass die meisten Turnarounds nicht klappen. Jedenfalls nicht für die Aktionäre, denn selbst wenn das Unternehmen am Ende gerettet ist, bleibt seinen Aktionären nicht selten nur der Totalverlust ihres Geldes. So wie bei Pfleiderer oder jetzt aktuell bei der Deutschen Forfait, wo letztlich Anleihegläubiger ihr Fremdkapital in neues Eigenkapital umgewandelt bekommen, während die Altaktionäre zuvor einen Kapitalschnitt hinnehmen mussten. Die neuen Eigentümer sind am Ende die ehemaligen Fremdkapitalgeber, während die alten Eigentümer enteignet sind. Auch das ist ein Risiko, das mit Aktien einhergeht, denn man ist Miteigentümer und damit voll im Risiko.


"Die meisten Anleger glauben, Qualität und nicht etwa der Preis sei der Maßstab dafür, ob eine
Geldanlage riskant ist. Doch qualitativ hochwertige Aktiva können riskant und Vermögenswerte
niedriger Qualität können sicher sein. Es ist alleine eine Frage des Preises, den man für sie bezahlt."


Das Entscheidende bei einer Turnaround-Spekulation ist also nicht der Preis der Aktien, sondern ihr Wert. Denn nur weil eine Aktie um 50 oder 80 Prozent gefallen ist, ist sie noch keine günstige Kaufgelegenheit. Denn wer nach einem 80-prozentigen Kurssturz von 100 auf 20 EUR kauft, erleidet bei einem weiteren Abrutschen auf 10 EUR einen Verlust von 50 Prozent - auch wenn dieser Rückgang aus Sicht der 100 EUR "nur" weitere 10 Prozent ausmacht. Um also nicht nur zocken zu müssen und darauf zu hoffen, dass sich die Aktie schon irgendwie und irgendwann wieder erholen würde, sollte man auf ihren Wert achten. Denn wenn unsere 20 EUR-Aktie zum Zeitpunkt des Kaufs 30 EUR Wert ist, ist die Aussicht mit ihr Geld zu verdienen wesentlich größer, als wenn ihr Wert nur 10 EUR ausmacht. Klingt wie eine Binsenweisheit, aber da sie (zu) selten beachtet wird und Anleger deshalb sehr viel Geld verlieren, ist sie durchaus ein weiteres Mal erwähnenswert. Und vor allem beachtenswert!

Werfen wir also mal ein Blick auf die Werte, die ich vor zwei Jahren vorgestellt habe: BlackBerry, IBM und TwinTec.

BlackBerry
 BlackBerry (Quelle: comdirect.de) 
Noch immer kämpft der einstige Handy-Pionier mit operativen Problemen, seine Handys haben inzwischen nur noch einen Marktanteil von weniger als 1 Prozent. Man hatte den Trend hin zu Touchscreens völlig verschlafen und ist als Anbieter inzwischen in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Der neue CEO Chen richtet das Unternehmen zunehmend auf Software und Sicherheitstechnik aus und immerhin verbrennt BlackBerry kein Geld mehr. Zuletzt wagte man sich sogar wieder an die Handy-Produktion und da man nun auch auf Android setzt als Betriebssystem, dürfte man mit seinem innovativen Konzept - die Telefone haben optional eine ausfahrbare Tastatur - insbesondere im Businessbereich punkten können. Der Turnaround ist also noch im Gang, inzwischen jedoch auf einer unternehmerischen soliden Basis.

IBM
 IBM (Quelle: comdirect.de) 
Der Großkonzern zieht sich immer mehr aus dem Bereich Hardware zurück und setzt zunehmend auf Software und cloudbasierte Anwendungen. Hinzu kommt das kognitive System Watson, mit dem viele Hoffnungen verbunden sind. Nachdem IBM das vierzehnte Quartal infolge Umsatzrückgänge zu verzeichnen hatte und beim Gewinn sogar die pessimistischte aller Analystenprognosen unterboten hatte, scheint sich hier wenig zum Besseren zu wenden. Allerdings verdient IBM noch immer kräftig und kauft eigene Aktien zurück, so dass sich der Gewinn je Aktie sowie die Dividenden ständig erhöhen. IBM wird daher von vielen Value-Anlegern, ganz vorne mit dabei Warren Buffett, als tolles Investment angesehen, auch wenn der Kurs seit Jahren nur eine Richtung kennt: nach unten. Immerhin... IBM war im Jahr 2015 nicht mehr der schlechteste Dow Jones-Wert, einen Titel, den man 2013 und 2014 unangefochten "erobert" hatte. Der Turnaroud ist hier vielmehr eine tiefgreifende Veränderung des Geschäftsmodells und es scheint nur wenig Gefahr zu bestehen, dass IBM grundlegend straucheln wird. Denn immerhin bedient man fast alle der Top 100-Unternehmen der USA und hat somit eine solide Basis. Ob IBM sich irgendwann doch noch als gutes Investment erweisen wird, bleibt abzuwarten. Und ich bleibe bei meiner Einschätzung, dass man sich mit einem Einstieg noch Zeit lassen kann, bis die Wandlung auch wirklich Früchte trägt.

TwinTec
 TwinTec (Quelle: comdirect.de) 
Dass es TwinTec noch gibt, ist schon ein Erfolg, denn man stand nur Tage vor dem Exitus. Seitdem gab es zwei Eigentümerwechsel und man hat einen neue CEO, der von der übernommenen Tochter Beaumot stammt und man kann durchaus Erfolge vorweisen. So sind die neuen Abgasreinigungssysteme ziemlich überzeugend und man setzt künftig nicht mehr nur auf Landwirtschaftliche und Industriefahrzeuge, sondern möchte auch im Pkw-Bereich Tritt fassen. Und zwar nicht nur bei der Nachrüstung, sondern möchte auch Erstausrüster für die Abgasnachbehandlung werden. Sich immer weiter verschärfende Abgasnormen, der stärkere Fokus auf der Feinstaubproblematik, auch in China, und natürlich der VW-Abgasskandal bzgl. der Dieselmotoren bieten hier enorme Chancen. Auf der Risikoseite bleibt, dass TwinTec nach wie vor rote Zahlen schreibt, wenn man dem positiven Bereich auch stetig näher kommt. Bisher ist jeder Kurserholungsversuch nach kurzer Zeit wieder abverkauft worden, so dass die Marke von 1 EUR kaum länger als für ein paar Wochen überschritten werden konnte. Nur für Anleger mit erhöhter Risikobereitschaft und langem Atem.


"Value-Investoren sollten bei den hässlichen, versteckten und unbeliebten Aktien suchen."


Doch nicht nur zurück möchte ich blicken, sondern auch verprügelte Unternehmen der Gegenwart mal einer kurzen Betrachtung unterziehen. Denn auch hier finden sich recht interessante Werte.

Drägerwerk Vz.
 Drägerwerk Vz. (Quelle: comdirect.de) 
Drägerwerk ist Marktführer in einem lukrativen und wachsenden Markt, der Schutz- und Sicherheitstechnik. Ob Rettungswesten, Atemmasken, medizinische Geräte oder Anwendungen für den Bergbau, die Lübecker sind mit ihren 13.000 Mitarbeitern immer vorne mit dabei. Und doch gelang es dem TecDax-Unternehmen im letzten Jahr nicht (mehr), Umsatz und Ergebnisse auf die Schiene zu bringen. Insbesondere die aussichtsreichen Auslandsmärkte USA, China und Brasilien machten Probleme, so dass sich unterm Strich der Jahresgewinn auf etwa 2,36 EUR je Aktie knapp halbierte. Als wenn das nicht schon schlecht genug wäre, verschreckte man die Anleger mit immer wieder neuem Verfehlen der eigene Prognosen und verspielte so zusätzlich Vertrauen an der Börse. Neben den Bekundungen, man wolle wieder profitabel(er) werden, lässt man allerdings auch Taten sprechen. So will man die Produktivität deutlich steigern, indem Verwaltung und Produktion gestrafft werden und so soll denn in 2016 ein Gewinn von 4,74 und 2017 von 5,73 EUR je Aktie erreicht werden. Da an Drägerwerk-Produkten eigentlich kaum ein Weg vorbeiführt, können Anleger auf einen erfolgreichen Turnaround setzen und sich ein paar Aktien ins Depot legen. Eine schnelle Rückkehr zu Kursen von über 120 EUR, wie sie im Frühjahr 2015 noch aufgerufen wurden, sollte man jedoch nicht erwarten. So schnell und so hoch dürften die Bäumen nicht (wieder) in den Himmel wachsen.

Eon
 Eon (Quelle: comdirect.de) 
Warren Buffett sagte einmal, mit Energieversorgern würde man nicht reich, aber man bleibe es. Nun, da hatte er noch nicht von der deutschen Energiewende gehört, die zum Großteil für den desaströsen Kursverlauf der Eon-Aktie verantwortlich ist. Der deutsche Energieversorger bietet so ziemlich alles, was momentan nicht angesagt ist: Atomkraftwerke, Kohlekraftwerke, Öl- und Gaskraftwerke und dazu noch die Beteiligung kommunaler Körperschaften, von Städten und Gemeinden, sowie eine immer stärker zunehmende staatliche Regulierung bei Preisen, Investitionen und Kosten. Einerseits werden die Netzentgelte durch die Bundesnetzagentur diktatorisch festgeschrieben und dann für einen 5-Jahreszeitraum inkl. linearer Abschmelzung festgeschrieben, andererseits macht der Vorrang erneuerbarer Energien samt subventionierter Festpreise fossile Kraftwerke immer unrentabler, so dass Stilllegen billiger als Betreiben ist - trotz hoher Milliardenabschreibungen. Ein Markt zum Weglaufen! Und das haben die Anleger seit 2008, als die Eon-Papier noch über 50 EUR kosteten, scharenweise getan. Und die Aussichten sind bei aktuell 8 EUR auch nicht rosiger geworden, denn die Gaskraftwerke (selbst die modernsten Europas!) können nicht wirtschaftlich betrieben werden, obwohl der Gaspreis auf Rekordtief notiert. Und der Atomausstieg wird Eon (und EnBW, RWE und Vattenfall) Milliarden kosten - hierfür haben die vier insgesamt 39 Milliarden EUR an Rückstellungen gebildet, die aber pessimistischen Gutachten zufolge evtl. nicht ausreichen werden. Und dann liegen sie auch nicht in Cashform vor, sondern sind in Form von Kraftwerken und Anlagen kapitalgebunden, so dass diese erst verkauft werden müssten, um sie zu monetarisieren. Es können durchaus Zweifel angebracht sein, ob sich er Papierwert dann auch wirklich erzielen lässt und sich hier nicht eine weitere Lücke auftut.

Eon selbst möchte sich aufspalten und hat hierzu zum Jahreswechsel seine konventionellen Parts in die neue Tochter "Uniper" eingebracht und hier noch als Aufhübschung die Wasserkraftsparte sowie den Gasgroßhandel hinzugefügt. Die "alte" Eon soll die neue Ausrichtung zeigen, das Zukunftsgeschäft. Also die erneuerbaren Energien, sie Stromnetze, den Vertrieb. Und auf Druck der Politik auch die Atomsparte. In diesem Jahr soll Uniper als Spin-off abgespalten werden und Eon stünde dann weitgehend "sauber" da.

Das große Risiko bleibt allerdings der Atomausstieg, die Kosten sind schlicht nicht kalkulierbar. Nach der Rechtslage sind die Energieversorger für die Entsorgung zuständig und für Ende Februar ist der Abschlussbericht der Atomkommission vorgesehen, der Klarheit über die Finanzierbarkeit bringen soll. Es scheint ausgeschlossen, dass die Energieversorger über die 39 Mrd. EUR an Rückstellungen hinaus zur Kasse gebeten werden, denn wenn man sich die Eigentümerstruktur von Eon und RWE ansieht, stehen hinter ihnen eben auch zahlreiche deutsche Kommunen und Städte. Und anders als der Bund, der mit Milliardenüberschüssen rechnen kann, stehen die Kommunen finanziell mit dem Rücken zur Wand. Und das nicht seit der unbezahlbaren Flüchtlingswelle. Die Kommunen sind schlichtweg auf die Dividendenzahlungen der Energieversorger angewiesen, weil sie ansonsten Kindergärten, Bibliotheken und Schwimmbäder schließen müssen. Es dürfte also auf einen Kompromiss hinauslaufen, der den Energieversorgern eine Überlebenschance bietet. Und genau dies ist die Chance für mutige und risikobereite Anleger. Sie legen sich jetzt einige Eon-Aktien ins Depot und setzen darauf, dass die Neuausrichtung gelingt, die Abschreibungen auf Kraftwerke sich künftig reduzieren und sich mit den neuen Geschäftsfeldern wieder gutes Geld verdienen lassen wird.

Hierbei ist Eon seinem Rivalen RWE vorzuziehen, denn der geht dem umgekehrten Weg bei der Aufspaltung: RWE bleibt das Schmuddelkind, während die Zukunftsgeschäftsfelder mittels einer Kapitalerhöhung an die Börse gebracht werden sollen.

H&R
 H&R (Quelle: comdirect.de) 
Die Spezialchemiefirma erzeugt chemisch-pharmazeutische Spezialprodukte auf Rohölbasis, wie Weichmacher, Weißöle, Paraffine, Druckfarbenöle und Bindemittel und betreibt in Deutschland zwei Raffinerien. Und damit ließ sich in den vergangenen Jahren immer weniger verdienen, vor allem der starke Einbruch beim Ölpreis hatte für zusätzlichen hohen Abwertungsbedarf gesorgt. Doch inzwischen zeichnet sich eine Wende beim operativen Geschäft ab und H&R und obwohl aufgrund der niedrigeren Rohölpreise der Umsatz deutlich zurückging, erzielt das Unternehmen wieder satte Gewinne; die um Sondereffekte bereinigte EBITDA-Marge schnellte wieder auf 8 Prozent hoch und Unternehmenslenker Hansen deutete an, dass H&R das Jahr am oberen Ende der eigenen Prognosen abschließen könne. Evtl. könne die Ergebniserwartung sogar um bis zu 15 Prozent übertroffen werden.

In den nächsten Jahren will Hansen den Internationalisierungskurs mit Fokus auf das stark wachsende Spezialitätengeschäft in Asien deutlich vorantreiben. Zu diesem Zweck hatte der Konzern Ende 2014 bereits 51 Prozent der chinesischen Geschäftsaktivitäten der Hansen & Rosenthal Gruppe übernommen und baute damit sein margenstärkeres Spezialitätengeschäft in Asien ausgebaut. Der Kurs Richtung Asien bringt zwar einerseits Konkurrenz und Margendruck, andererseits aber große Wachstumsmöglichkeiten, so dass der Konzern unterm Strich auf dem richtigen Weg sein dürfte und ab 2017 die Gewinne noch stärker ansteigen sollten.

Einschätzung
Von den drei genannten Werten dürfte H&R die sicherste Spekulation auf einen nachhaltigen Turnaround sein, weil er schon weiter fortgeschritten ist und sichtbare Erfolge zeigt. Eon bietet langfristig das größte Erholungspotenzial, wenn die genannten Entwicklungen denn auch so eintreffen. Auch das Risiko ist bei Eon vergleichsweise hoch. Und bei Drägerwerk bleibt abzuwarten, ob es dem Management gelingt, die (eigenen) Erwartungen wieder zu erfüllen. Dann winken neben starken operativen Verbesserungen auch hier Kursgewinne.

Bei allen positiven Lichtblicken und Hoffnungsschimmern, die man am Horizont erblicken mag, bleibt jedoch immer der Blick auf das Risiko die grundlegendste Tugend. Erst danach sollte man sich den Chancen zuwenden.

"Ein Kurs kann auch auf Null fallen."

Kommentare:

  1. Guter Artikel, Michael. Das Problem, das ich vor allem bei Turnarounds sehe ist, dass es sehr oft schon zu spät ist, wenn der Turnaround in den Zahlen ersichtlich ist. Dann ist das Kunststück bereits gelungen und die Kurse haben das oft schon eingepreist. Man kennt das nur zu gut. Eine Aktie fällt und fällt, dann kommt im Nachhinein die Erklärung dafür, warum sie gefallen ist. Und plötzlich, wie von Geisterhand bewegt, dreht der Kurs und steigt. Sehr oft zahlt sich dann der Einstieg nicht mehr aus, wenn die Kennzahlen eine Trendumkehr bestätigen.

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    1. Richtig, Daniel, das ist durchaus ein Problem. Allerdings darf auch nicht der Anspruch sein, zum Tiefstpunkt kaufen zu wollen. Und man sollte auch nicht den Tiefstpunkt des Kurses als Maßstab nehmen, weil der ja eher nicht fundamental begründet war/ist, sondern emotional, wegen der Panik. Schau Dir den Chart von H&R an, der ist im Frühjahr nochmals massiv abverkauft worden, seitdem steigt er stetig an. Fundamental ist das begründet, weil H&R von fallenden Ölpreisen profitiert - sofern diese nicht rasant auf Talfahrt gehen, dann muss H&R ggf. eine Abschreibung vornehmen wie zum Jahresende 2014 hin. Und die hat den Kursrutsch ausgelöst im Frühjahr. H&R sehe ich als solide Turnaround-Spekulation an, auch wenn der Kurs von 8 EUR aus natürlich nicht mehr so stark zulegen wird wie von 5,50 EUR. Aber es sieht eben auch operativ deutlich besser aus und wohin der Kurs laufen kann, sieht man am 5-Jahres-Chart ja durchaus.

      Der Aktienkurs von Drägerwerk hat sich vom Höchststand innerhalb weniger Monate glatt halbiert - der Jahresüberschuss bzw. der Gewinn je Aktie für 2015 auch. Das passt also zusammen - geht man nun davon aus, dass die Sparmaßnahmen Früchte tragen, sollte der Kurs ebenfalls eine Erholung anstreben. Bestandsgefährdet ist Drägerwerk jedenfalls nicht.

      Und Eon... da habe ich die größte Bauchschmerzen, eben weil es sich nicht mehr um einen Markt handelt, in dem sich Eon bewegt, sondern um eine fast ausnahmslos durch staatliche Eingriffe regulierte Bühne. Das haben das Unternehmen und seine Aktionäre die letzten Jahre sehr schmerzvoll erfahren müssen. Andererseits glaube ich, dass die Politik begriffen hat, dass sie diese Zitrone nicht endlos weiter ausquetschen kann. Ich sitze ja seit beinahe 10 Jahren im Aufsichtsrat eines kleinen Energieversorgers und kann ein Lied von den ausufernden regulatorischen Eingriffen in Netze, Preise, Markt singen. Allerdings betreiben "wir" kein eigenes Kraftwerk, das ist ja momentan die Archillesferse der deutschen Energieversorger. Sollte hier (aus Unternehmenssicht) eine halbwegs vernünftige Lösung in Bezug auf die Atomfrage kommen, dürfte der Aktienkurs wieder einiges an Potenzial haben. Und kommt eine Katastrophenlösung, nun, dann dürfte der Kurs nochmals einen mitbekommen. Allerdings ist die Erwartungshaltung bzgl. Eon (und RWE) seitens der Börse inzwischen so negativ, dass das meiste Abwärtspotenzial wohl im Kurs eingepreist sein sollte. Und die Kommunen werden darauf drängen, dass die Dividende nicht weiter gesenkt wird. Ich bin zwar per se kein Freund davon, Dividenden aus der Substanz auszuschütten, auch und gerade bei den Energieversorgern nicht (sieh hier: "RWE / Eon: Dividende aus der Substanz wäre weiterer Sargnagel"), aber bei Eon läge die Ausschüttungsquote bei rund Zweidrittel der EPS, wenn denn die Erwartungen erfüllt werden und die Dividende konstant bliebe. Durchaus vertretbar, finde ich, auch angesichts der schwierigen unternehmerischen Lage des Konzerns. Daher meine ich, dass ein kleine Position auch bei Eon durchaus auf mittlere Sicht Potenzial haben dürfte.

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  2. Um Missverständnissen vorzubeugen: Für mich ist ein Turnaround keinesfalls am Aktienkurs festgemacht sondern an der operativen Performance. Es geht also um den Kauf von Aktien, bei denen man eine deutliche Verbesserung der Fundamentaldaten erwartet.

    IBM würde den Turnaround in den Augen vieler geschafft haben wenn die Umsätze wieder zulegen, nicht wenn die Aktie wieder zu steigen beginnt. Das wäre Chart-Raterei und hat mit Value Investing nichts zu tun.

    Ad Eon: ich kenne die nicht im Detail, aber rein aus dem Bauch heraus glaube ich nicht, dass da die Gewinne je Aktie ein sinnvoller Maßstab für die Ausschüttungsquote sind. Außerdem sind öffentlich-rechtliche Großaktionäre oftmals so blind, dass sie aus dem Unternehmen so lange Geld rausziehen, bis Hopfen und Malz verloren ist. Die österreichische Telekom Austria war hier ein Paradebeispiel.

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  3. Eon und RWE: Value Shares der vergangenen Jahrzehnte! Heute nur noch eine Belastung für jeden Aktionär.

    Die Eon und Rwe-Aktien werden noch einiges an Wert verlieren (kurzfristig), langfristig dürften sie vielleicht steigen, wenn alles besser als der Plan läuft! Eon und Rwe haben viele Schulden, sind zuspät eingestiegen, haben noch bis 2013 in Kohle und Co. investiert (viel Geld). Das beide Unternehmen sich wandeln ist vielleicht möglich, aber da scheint mir Fracking deutlich mehr Potenzial anzubieten.

    Wer auf ehemalige Value Titel setzen möchte, und gleichzeitig mit Schwankungen leben kann der sollte statt RWE lieber kanadische oder us-amerikanische Fracking-Förderer kaufen. Hier sieht die Zukunft positiver aus.

    Und: der Strompreis wird sinken, dass dürfte vor allem Rwe nochmals Probleme bereiten.

    Mit freundlichen Grüßen

    DRMZ

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    1. Ja, Eon und RWE haben viele Schulden, aber auch viel Vermögen. Die Kraftwerke sind ja nicht Nichts wert, sondern durchaus werthaltig. Die einen mehr, die anderen weniger. Sieht man sich die Kohlekraftwerke an, so produzieren die enorme Cashflows und gewinne - sicherlich nicht im Sinne des Umweltschutzes und der Energiewende. Andererseits liegen die modernsten Gaskraftwerke Europas brach, weil sie im Betrieb teurer sind, als wenn sie vor sich hin rotten (und abgeschrieben werden). Irrsinn pur! Die Frage ist allerdings, ob die die Aktienkurse nicht bereits mehr als diese negativen Erwartungen eingepreist haben, denn die Abschreibungen und sinkenden Gewinne sind ja nicht erst gestern aufgetreten, sondern bereits seit einiger Zeit virulent. Wenn man dann sieht, wie die Brennstoffpreise erodieren, könnten hier durchaus erste versteckte Werte schlummern. Auch wenn immer weniger fossile Energiegewinnung benötigt wird, ist sie auf absehbare Zeit nicht völlig ersetzbar. Und so lange kann man mit den alten Kraftwerken noch Geld verdienen - jedenfalls unter bestimmten Rahmenbedingungen. Das aktuelle Hauptrisiko sehe ich in den Kosten des Atomausstiegs, das habe ich im Artikel ja beschrieben. Die anstehende Entscheidung dürfte eine 70:30 Chance sein für Eon. Denn wenn sie schlecht für Eon ausfällt, dürfte dies weitgehend im Kurs enthalten sein, während eine positive Nachricht ein kleines Kursfeuerwerk zünden könnte. Ob dies dann nachhaltig ist oder nur ein Strohfeuer, bliebe allerdings abzuwarten...

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    2. Wieso stufst Du einen sinkenden Strompreis gerade für RWE als belastend ein? Die Brennstoffkosten (Kohle, Gas, Öl) sind doch im starken Preisverfall, da kann RWE (und auch Eon) doch zu viel günstigeren Kosten Strom produzieren. Insofern bedeuten niedrigere Strompreise, also Verkaufspreise, ja nicht per se geringere Margen und/oder Gewinne.

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  4. So supertoll sind die Cashflows bei Eon aber nicht oder?

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    1. Nein, sind sie nicht. Allerdings würden wir bei "supertollen Cashflows" vermutlich auch nicht mehr über Turnaround-Spekulationen sprechen.

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  5. Grundsätzlich gefällt mir aber die Kombination aus öffentlicher Beteiligung, drückender Schuldenlast, politischer Unsicherheit und extrem kapitalintensivem Geschäftsmodell, das unter Inflation und Zinssteigerungen leiden würde, nicht. Eon bleibt also auf dem "Zu schwierig"-Stapel :-)

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  6. Zusätzlich noch: Wenn sie gerade jetzt in Zeiten wie diesen Öl- und Gasfelder verkaufen, sieht man erst, wie dort der Hut brennt.

    http://wirtschaftsblatt.at/home/boerse/europa/4903346/EON-wird-britische-Ol-und-Gasfelder-los?_vl_backlink=/home/index.do

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    1. Daniel, es ist ja nicht neu, dass Eon Assets verkaufen will und muss. Die Verschuldung liegt bei 28 Mrd. EUR, das ist sehr hoch. Und dass sie auf den Verkauf auch Buchverluste hinnehmen, zeigt, dass die Lage ernst ist und Eon selbst keine Alternative zu diesen Desinvestitionen sieht. Beim Verkauf der Öl- und Gasfelder in Norwegen an den Russen Fridman im Oktober für rund 1,4 Mrd. EUR nahm man einen Buchverlust von 1 Mrd. EUR in Kauf.

      Aber... der massive Kursabsturz hat diesen Problemen ja bereits Rechnung getragen. Es ist ja nicht so, als würde man hier völlig überrascht werden von den "Neuigkeiten". Und ein Großteil der Abschreibungen auf nicht mehr nachhaltige Assets hat Eon in den vergangenen Jahren bereits vorgenommen. Die Verkäufe sind also eher vorteilhaft, denn sie bringen Geld in die Kasse und senken damit die Verschuldung. Gleichzeitig erhöhen sie die Bonität. Geht man davon aus, dass Eon die 28 Mrd. nicht kurzfristig finanziert hat, dann stehen sukzessive Nachfinanzierungen an, die vermutlich zu besseren Zinskonditionen erfolgen werden. Was das Zinsergebnis entlasten wird und damit positive Effekte auf die GuV und die Bilanz haben dürfte.

      Und nicht vergessen: es geht hier nicht um ein Buy & Hold-Value Investment, sondern um eine Turnaround-Spekulation. Die Lage bei Eon ist weiterhin ziemlich angespannt, unbestritten. Die entscheidende Frage ist doch aber, ob der Aktienkurs nicht inzwischen mit deutlichem Abschlag auf den Wert je Aktie gehandelt wird. Eben weil Eon operativ noch Geld einfährt und weil die meisten potenziellen Gefahren bereits weitgehend im Kurs enthalten sein dürften.

      Ich liege aktuell mit meiner Spekulation gute 8 Prozent im Plus. Was nicht heißt, dass sie aufgeht und ich richtig liege. Es ist nur ein 8-prozentiges zusätzliches Sicherheitspolster. Ob Eon den Turnaround nun schafft, wird sich mittel- und langfristig zeigen. Ich glaube, dass die Chancen inzwischen die vorhandenen Risiken überwiegen, daher habe ich mir eine kleine Position ins Depot gelegt mit etwa 1,5 Prozent Depotanteil. Mal sehen, was draus wird...

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  7. Ich wünsche Dir natürlich Erfolg damit.

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