Mittwoch, 28. Juni 2017

Corning: Der gläserne Riese!

▸ Kissigs Kolumne vom 16. Mai 2017, Aktien Magazin 13/2017 

Die richtigen Aktien zu finden, ist ganz einfach. Zumindest im Nachhinein. Denn man sieht den Kursverlauf und kann sich noch sehr gut erinnern, dass man die Aktie ja eigentlich kaufen wollte. Und man weiß auch noch, weshalb. Auch dieses Verhaltensmuster kann man unter dem Stichwort „Confirmation Bias“ ablegen, dem Bestätigungsfehler. Wir neigen dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie zu unseren Erwartungen passen. Und steigt ein Aktienkurs an, denken wir oft, „ich hab’s ja gleich gewusst“. Weshalb wir die Aktie dann aber nicht gekauft haben, obwohl wir es ja wussten, das reduzieren wir dann auf einen kleine, unwichtige Fehleinschätzung. Auf etwas, das uns einmalig einen Strich durch die Rechnung gemacht hat und uns keinesfalls davon abhält, beim nächsten Mal bei der richtigen Aktie zum richtigen Zeitpunkt zuzugreifen.

Dummerweise passiert diese Situation Anlegern nicht nur einmal in ihrem Leben, sondern jeder dürfte sie schon mehrfach erlebt haben. Und da wir entgangene Gewinne sogar als schmerzhafter empfinden als Verluste, wäre es doch sinnvoll, sich einen Weg zu überlegen, dieses Verhaltensmuster aufzubrechen und es künftig besser zu machen.

Gut, dass wir bescheiden begabten Anleger nicht selbst auf die Lösung kommen müssen, denn wahre Börsenlegenden wie Warren Buffett oder Peter Lynch haben sich diese Gedanken bereits lange vor uns gemacht und Wege gefunden, damit umzugehen und zu besseren Investoren zu werden. Seien wir uns also nicht zu schade, sie einfach zu kopieren und ihrem Erfolgsweg zu folgen. Und wenn ich einfach sage, meine ich natürlich nicht einfach. Denn schon der große Goethe wusste, dass es nicht ausreicht, zu wissen, sondern man muss dieses Wissen auch anwenden.

»Value Investing ist simpel, aber nicht einfach.«
(Warren Buffett)

Peter Lynch rät, eine Branche zu finden, die auf absehbare Zeit wachsen wird und dann möglichst viele Aktien zu kaufen, die von dem Boom profitieren werden. Warren Buffett bevorzugt auch Branchen, wo in Zukunft Wachstum zu erwarten ist, fährt dann aber einen konzentrierten Ansatz. Anstatt breit gestreut Aktien einzusammeln, bevorzugt er das beste Unternehmen mit den größten Vorteilen und der besten Marktstellung zu finden und dann nur in dieses beste Unternehmen zu investieren. Er fragt, weshalb er das zweitbeste Unternehmen kaufen sollte, wenn er doch auch das Beste haben kann.

Ob man nun breit diversifiziert oder lieber konzentriert investieren möchte, haben beide Ansätze doch einen gemeinsamen Nenner: eine prosperierende Branche. Und mit einer solchen beschäftige ich mich heute: Glas. Und natürlich geht es nicht um das außergewöhnliche Glas, das vor Jahrhunderten im italienischen Merano zur Perfektion entwickelt wurde, sondern es geht um High-Tech-Anwendungen mit Spezialglas.

Glas umgibt uns, wohin wir auch blicken sind wir von Fenstern und Autoscheiben umgeben. Und in den letzten Jahren hält Glas auch immer stärker Einzug in die technischen Geräte, die mehr und mehr unseren Alltag beeinflussen. Wir nutzen Tablets und Smartphones, es gibt immer mehr Kassensysteme mit Touchscreens und viele technische Geräte werden mit berührungsempfindlichen Steuerungen und ohne Tasten ausgestattet. Und auch die Displays von Fernsehern oder Geräten im Auto kommen ohne High-Tech-Glas nicht aus. Des Weiteren schreitet die Technisierung immer weiter voran und immer mehr Maschinen werden mittels Touchscreens gesteuert.

Und dann gibt es noch die Telekommunikation, auch hier wird auf Glas gesetzt, genauer gesagt auf Glasfaserkabel. Diese bringen viel höhere Übertragungsgeschwindigkeiten, die für die immer umfangreicheren Multimediaangebote benötigt werden. Ohne einen massiven Ausbau der Glasfaserkapazitäten können weder Netflix noch Amazon Prime, Youtube oder Maxdome bestehen. Kein Streaminganbieter könnte seine Kunden erreichen und auch die viel gelobte Cloud, wo sich Amazon, Microsoft und IBM goldene Nasen verdienen, würde ohne Glasfaserkabel in sich zusammenfallen. An Facebook wollen wir mal gar nicht denken. Glasfaserkabel sind die Autobahnen der Zukunft.

Man muss also kein Prophet sein, um zu erkennen, dass über Jahre hinweg ein großes Wachstum stattfinden wird im Bereich High-Tech-Glas und dass die Hersteller in diesem Bereich großes Potenzial bieten können. Können, denn auch in diesem Bereich werden nur die Innovationsführer, die ihre Produkte immer weiter verbessern und leistungsfähiger machen, bestehen.

Corning und der Glasthron
Eines der führenden Unternehmen in diesem Bereich ist der 1851 gegründete US-Konzern Corning. Die Geschäfte von Corning unterteilen sich in die fünf Bereiche Anzeigentechnologien, Umwelttechnologien, Optische Kommunikation, Biowissenschaften und Spezialmaterialien. In der Sparte Umwelttechnologien produziert Corning Keramiksubstrate und Filterprodukte zur Emissionskontrolle in mobilen und stationären Anwendungen weltweit, also in Generatoren, Antrieben, Autokatalysatoren. Die im Bereich Biowissenschaften zusammengefassten Produkte umfassen allgemeine Laborprodukte und Geräte sowie Spezialoberflächen, die in der Arzneimittelforschung, Mikrobiologie und Chemie zum Einsatz kommen. Die Sparte Optische Kommunikation könnte man vereinfacht als Glasfaserkabelsparte bezeichnen, denn hier geht es um das schnelle Internet, das Rückgrat der immer höheren Bandbreiten, die die neuen Smartphones, Tablets, Video-on-Demand-Anbieter verlangen, um den Kunden immer bessere und ruckelfreie Kommunikation und Entertainment anbieten zu können. Bei den Anzeigentechnologien geht es vor allem um Glassubstrate, die in LCD-Fernsehern, Notebooks und Flachbildschirmen zum Einsatz kommen. Und dann sind da noch die Spezialmaterialien, wo Corning mit seinem Gorilla Glas moderne Smartphones und Tablets überhaupt erst möglich macht. Denn Gorilla Glas ist extrem kratzfest, berührungsempfindlich, stromsparend und wenig sonnenreflektierend. Kurz gesagt, es ist das Produkt von Corning, das wir alle tagtäglich antatschen, teilweise mehrmals in der Minute. Der Touchscreen unseres Smartphones, unseres Tablets, unseres Bordcomputers im Auto und vieler anderer Geräte, die über Gesten und Berührungen gesteuert werden.

Nach Umsatzanteilen erzielte Corning 2016 mit der Displaysparte 34%, mit der Optischen Kommunikation 32%, mit Umwelttechnologien 11%, mit Spezialmaterialien 12% und mit den Biowissenschaften 9%. Die bekanntesten und zukunftsträchtigsten Produkte sind dabei LCD-Glas und Gorilla Glas. Beim LCD-Glas hat Corning die Entwicklung immer weiter vorangetrieben und verschiedene Produkte am Markt mir so schönen Namen wie Eagle Glas, Willow Glas und Lotus Glas. Sie alle machten das Glas immer dünner, biegsamer und energiesparender und erhöhten gleichzeitig die Kratzfestigkeit und Bruchsicherheit. Dabei geht Corning den Weg, Fabriken in den großen Schlüsselmärkten zu errichten, um möglichst nah beim Kunden zu sein. Und Cornings Kunden sind nicht die Endverbraucher, sondern große Konzerne und High-Tech-Unternehmen wie Apple oder Samsung. Die Koeraner sind übrigens vor einigen Jahren mit 10 Prozent bei Corning eingestiegen. Am meisten Phantasie steckt allerdings im Gorilla Glas, denn hier ranken sich Gerüchte um die Frage, ob das neue Gorilla Glas 5 im künftigen Iphone 8 flächendeckend zum Einsatz kommen wird.

Einen echten Coup konnte Corning zuletzt allerdings mit Verizon landen. Denn der US-Telekomgigant wird sein Glasfasernetz massiv ausbauen, um für die nächsten Mobilfunkgeneration G5 gerüstet zu sein. Hierzu wird man in den nächsten 3 Jahren Glasfaserkabel im Volumen von mindestens 1,05 Milliarden Dollar von Corning beziehen.

Corning erfreut die Aktionäre
Doch bei Corning laufen nicht nur die Geschäfte richtig rund, das Unternehmen macht auch seine Aktionäre glücklich. Als ich vor anderthalb Jahren erstmals Corning vorstellte, lag der Aktienkurs bei 15,50 Euro und hat sich bis heute auf 26 Euro fast verdoppelt. Vor allem, da Corning in dieser Zeit auch noch sieben Quartalsdividenden ausgeschüttet hat. Meine damalige Spekulation, ein aktivistischer Investor wie Carl Icahn würde sich bei Corning einkaufen und auf eine Aufspaltung des Konzerns drängen, da die Summe der Einzelteile deutlich mehr wert sei als das Gesamtgebilde, hat sich nicht erfüllt. Andererseits weist Corning heute auch kein einstelliges Kurs-Gewinn-Verhältnis mehr auf, sondern es liegt bei etwa 16. Womit die Aktie kein Schnäppchen ist, aber auch nicht teuer. Weder angesichts der Aussichten noch verglichen mit dem Bewertungsdurchschnitt der übrigen Dow Jones Werte. Dieser liegt nahe an 20.

Darüber hinaus hat Corning vor gut einem Jahr einen Plan vorgestellt, wie man seine hohen Cashflows investieren wolle. Danach wird Corning bis Ende 2019 mehr als 20 Milliarden US-Dollar investieren und zwar jeweils hälftig für Forschung und Entwicklung sowie strategische Fusionen und Übernahmen als auch für Dividenden und Aktienrückkäufe. In Folge dessen hat man die Quartalsdividende von seinerzeit 12 Cents auf inzwischen 15,5 Cents hochgeschraubt, was auf eine aktuelle Dividendenrendite von 2,2 Prozent hinausläuft.

Corning ist ein grundsolider Wachstumswert in einer boomenden Branche und in dieser mit seinen Produkten technologisch führend. Neben bodenständigen Produkten ist man in starken Wachstumsfeldern aktiv, so dass Anleger sich die Aktien gut ins Depot legen können, ohne dass sie sich ständig Sorgen um ihr Investment machen müssten. Corning sollte einfach vor sich hinwachsen und gedeihen. Glasklar.

Ich habe Corning auf meiner Empfehlungsliste und in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Hallo Michael,

    danke für die gut zu lesende Analyse! Wo siehst du denn mögliche Risiken bei Corning? Der Markt ist ja weniger "bullish" für die Aktie (KGV 16) wie für den restlichen Markt (KGV 20) und muss dafür ja Gründe haben..
    Mir würden ggf. (steigende?) Rohstoffpreise oder Konkurrenz insb. durch asiatische Firmen einfallen.

    VG

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    1. Corning ist nicht nur in den viel beachteten Wachstumssparten aktiv, sondern eben auch im klassischen, bodenständigen Bereich. Und hier gibt es keine so großen Wachstumsraten - was andererseits den Kurs auch nach unten absichert.

      Größte Unsicherheit ist natürlich, ob Corning seine technologische Führerschaft behalten kann. Vor zwei, drei Jahren hatte Apple ja auf eine eigene Konkurrenzproduktion gesetzt und damit voll ins Klo gegriffen. Das hätte aber eben auch zu einem großen Problem für Corning werden können. Steigende Rohstoffpreise wären auch für die Wettbewerber ein Problem, nicht nur für Corning. Und wenn alle gleich betroffen sind, entsteht ja kein direkter Wettbewerbsnachteil. Allenfalls dadurch, dass man seine Produkte nicht mehr loswird - was sollen aber die Smartphone- und Tablethersteller machen, wenn alle Displayhersteller die preise anheben (müssen)? Sie können ja nicht ohne Displays weitermachen und auch nicht einfach auf andere Anbieter setzen.

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    2. Nachdem Apple Corning den Rücken gekehrt hatte, hat sich Samsung dort eingekauft. Daher sehe ich auch den Kurs nach unten abgesichert. Ich weiß jetzt allerdings nicht, ob Apple sich nach ihrem "Klogriff" wieder in Corning eingekauft hat?!? Die hielten wohl, vor ihrem Saphierglasversuch, auch Anteile von Corning. Wenn ja, wäre es eine doppelte Absicherung von Apple und Samsung. Vielleicht weiß einer, ob beide Abnehmer noch an Corning aktuell beteiligt sind?

      Hans-Jürgen

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  2. Ich wäre mit einem Investment etwas vorsichtiger.

    1) Ich weiß nicht wieso noch immer so viele Investoren auf das KGV achten. EV/EBITDA kann ich noch verstehen. Aber wenn ihr wirklich verstehen wollt wie gut ein Investment ist, dann schaut euch das Price/Cash Flow Ratio an.

    2) Wie Michael richtig erkannt hat, ist Corning zum Teil in Hyper Growth- Märkten tätig (Glasfaser-Technologie, etc.). Dennoch ist der Umsatz von 2014 bis 2016 um 1.7% p.a. geschrumpft. Was zeigt das Corning Marktanteile verliert. Deutlich. Die Cash Flow Conversion ist von 35% im jahre 2014, auf 15% im Jahre 2016 zurückgegangen.

    3). Nehmt euch einige Teilbereiche vor und vergleicht Corning mit dem Wettbewerb. Nehmen wir zum Beispiel den Bereich Glasfasertechnologie. Datacenters, Laser, etc. werden nachgefragt wie noch nie, da die derzeitigen Kupfer/elektronenbasierten Netzwerke einfach zu langsam sind. Man braucht Laser um mit nahezu Lichtgeschwindigkeit zu operieren. Firmen wie Applied Optoelectronics (AAOI) wachsen mit 100% p.a. und das profitabel. Die Nachfrage ist größer als das Angebot. Man muss in dem Bereich allerdings Qualitäts- und Preisführend sein um erfolgreich zu sein und ich glaube einfach, dass Corning das nicht sein kann bzw. es derzeit einfach nicht ist.

    Ich glaube wir liegen min 20% über dem Intrinsic Value, ich habe aber auch wie immer konservativ gerechnet.

    Michael

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  3. "Und deshalb betont Investmentlegende Warren Buffett immer wieder, wie wichtig ein verlässliches und charakterlich einwandfreies Management ist."
    Mich würde bei allen Analysen Informationen zu den Stationen des Managements interessieren.

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  4. Corning hat heute sehr schöne Zahlen vorgelegt, Aktie kann 7% im Plus. Schreib doch mal ein Update zu deinem lesenswerten Beitrag bei Gelegenheit!

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