Dienstag, 19. September 2017

Ernst Russ mit starkem Ergebnisswing. Der Turnaround nimmt Fahrt auf!

Die Ernst Russ AG kommt bei ihrem Turnaround einen großen Schritt voran, wie die Zahlen zum ersten Halbjahr 2017 zeigen. Der Hamburger Asset Manager mit Schwerpunkt Schifffahrt war früher als Fondsinitiator unter dem Namen HCI bekannt und hat seit der Beinahe-Pleite eine konsequente Wandlung vollzogen. Ich hatte das Unternehmen vor einem Jahr hier vorgestellt und auf als Turnaround-Spekulation auf meine Empfehlungsliste genommen ("Neuausrichtung: Ernst Russ AG (H.C.I. Capital) ist auf dem Weg zu neuen Ufern"). Nachdem der Aktienkurs um den Jahresanfang herum eine Zeit lang knapp über der Marke von 1 Euro konsolidiert hat, kennt er seitdem nur eine Richtung: nach oben. Und heute scheint er auch die Marke von 1,50 Euro zu überwinden - dank der vorgelegten Zahlen.


Halbjahresergebnis springt kräftig an
Die Umsatzerlöse für das erste Halbjahr 2017 sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 17,0 auf 20,8 Mio. Euro gestiegen, was vor allem auf den Bereich Ship Management zurückzuführen ist, der sich von 4,1 Mio. auf 8,6 Mio. Euro mehr als verdoppelt hat. Auch das Betriebsergebnis mit 2,1 Mio. Euro (H1/16: 0,6 Mio. Euro) sowie das Konzernergebnis mit 3,1 Mio. Euro (H1/16: 0,8 Mio. Euro) bestätigen diesen Trend.

Grundlage für diese erfolgreiche Entwicklung ist die konsequente strategische Neuausrichtung der Ernst Russ AG. Das frühere Schiffsfonds-Emissionshaus hatte Ende 2015 einen Kapitalschnitt und anschließende Kapitalerhöhungen durchgeführt und seine Geschäfte neu ausgerichtet hin zu einem Asset- und Investmentmanager mit maritimem Schwerpunkt. Ernst Russ betreibt eine Flotte von rund 50 Container-, Tanker- sowie Bulkschiffen, betreut weitere 180 Fondsschiffe und verwaltet als Asset-Manager Objekte u.a. aus den Bereichen Schifffahrt, Immobilien, Erneuerbare Energien und Private Equity. Nachdem man die Reedereien König & Cie und Ernst Russ übernommen hatte, erfolgte wenig später die Übernahme eines ersten Schiffsportfolios von der HSH Nordbank.

 Ernst Russ (Quelle: wallstreet-online.de
Und in diesem Bereich will Ernst Russ weiter mitmischen. Im November startete man ein Joint Venture mit dem norwegischen Finanzdienstleister Pareto, mit dem Restrukturierungsprojekte vorangetrieben werden sollen. So legt Pareto einen Fonds auf, mit dem Bestandsschiffe aus dem Markt aufgekauft werden sollen; ein auf die Eigenkapitalseite fokussiertes Projekt zunächst nicht für den deutschen Markt, sondern vor allem mit Blick auf institutionelle Investoren aus dem Ausland. Dabei wird auch die Ernst Russ AG ins Risiko gehen über Co-Investments.

Des Weiteren ging Ernst Russ mit der Ecofin Gruppe ein Jint Venture ein und dazu gründete man die Elbe Financial Solutions. Hier werden Kreditlösungen für die schiffsfinanzierende Branchenangeboten und Investitionsprodukten für Schiffskredite und Assets entwickelt, sowie mit dem gleichen Ansatz auch Investmentlösungen im Infrastruktur- und Energiesektor. Die EFS möchte es Banken ermöglichen, ihre Schiffskredite auszulagern und dadurch ihre Bilanz zu entlasten und sie unterstützt institutionelle Anleger und spezialisierte Investmentfonds bei ihrem Engagement in diese Kreditportfolien. Die EFS bietet darüber hinaus Lösungen für die Kreditverwaltung und die Bereederung der Schiffe und bietet für den Erwerb der notleidenden Darlehen strukturierte Finanzierungen an, beispielsweise über in Luxemburg regulierte Fonds.

Mit beiden Joint Ventures verspricht man sich in einem Markt punkten zu können, aus dem sich die bisher dominierenden Banken (Commerzbank, HSH Nordbank, Nord/LB) stark zurückziehen, teilweise auch aufgrund von Vorgaben der BaFin im Umstrukturierungsprozess, mittels derer gewährte Staatshilfen zurückgezahlt werden sollen.

Und dann noch Marenave...
Des Weiteren ist man Ende 2016 bei Marenave eingestiegen und hat kürzlich seinen Anteil auf annähernd 30% erhöht. Auf der Marenave-HV setzte sich Ernst Russ durch und hat das Neustartkonzept der weiteren Großaktionärin DEVK und der bisher noch nicht an Marenave beteiligten Hamburger Offen-Gruppe gekippt, das eine Kapitalherabsetzung und anschließende Kapitalerhöhung um 16 Mio. Euro vorsah. Der Marenave-Aufsichtsrat wurde auf vier Mitglieder erhöht und zwei Ernst Russ-Vertreter zogen ein, woraufhin die beiden anderen AR-Mitglieder zurücktraten. Somit werden zwei weitere AR-Mitglieder gerichtlich bestellt. Das dürften aber ER-nahe Personen werden, womit ER bei Marenave durchregieren kann.

Was Ernst Russ mit Marenave vor hat, bleibt abzuwarten. Ernst Russ ist langjähriger Partner von Marenave und hatte seine Beteiligung mitten im Umstrukturierungsprozess massiv aufgestockt; man ist also voll ins Risiko gegangen. Nachdem im Zuge der Sanierung sämtliche Schiffe verkauft wurden und die Banken Marenave "vollständig und ohne Ausnahme" aus der Haftung für die schlingernden Tochtergesellschaften entlassen haben, habe Marenave "weder Schiffe noch Schulden", wie der Vorstand auf der Hauptversammlung ausführte. Zudem bestehe nach dem Verkauf der Tochtergesellschaften nun kein Konzernverbund mehr, so dass es künftig nur noch Einzelabschlüsse für die Marenave AG gebe. Nutzbare Verlustvorträge gäbe es nicht, die Banken hätten Marenave auf der Habenseite 3 Mio. Euro allerdings gelassen, aus denen die laufenden Kosten bis zum erfolgreichen Neustart bedient werden sollen. Aktuell stellt sich die Marenave zum Jahresende 2017 als sauberer Börsenmantel mit freien Zahlungsmitteln in Höhe von 2,4 Mio. Euro dar; das Eigenkapital dürfte in einer vergleichbaren Größenordnung notieren, was etwa 1,60 Euro je Marenave-Aktie entspräche.

Wie es nun weiter geht mit Marenave, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Zunächst soll der Jahresabschluss für 2016 vorgelegt und auf der nächsten Hauptversammlung verabschiedet werden, dann dürfte es um den konkreten Neuanfang und das neue maritime Geschäftsmodell gehen, bei dem nach dem Rückzug von DEVK und Offen-Gruppe nun die Ernst Russ AG am Zug ist. Man dürfte also bereits in der Zwischenzeit Gespräche aufnehmen mit den anderen Anteilseignern, um mit diesen nach gemeinsamen Ansätzen zu suchen. Die Aktionärsstruktur wurde auf der Marenave-Hauptversammlung angegeben mit Ernst Russ 30%, DEVK 20%, Sparkassen 10%, DEKA 10%, Deutsche Balaton 4%, HSH Nordbank 4% und einem Freefloat von etwa 20%.

Ausblick
"Das Management geht weiterhin davon aus, dass sich die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Ernst Russ Gruppe im weiteren Verlauf des Geschäftsjahres planmäßig entwickelt und mit einem positiven Betriebsergebnis abschließt, das mindestens das Vorjahresniveau erreicht". Dieses nicht wirklich spannend klingende Avis eine Ergebnisses auf Vorjahresniveau sollte dennoch aufhorchen lassen, denn das Ergebnis 2016 war vor allem durch Einmal- und Sonderaufwendungen aufgrund der Sanierung der der diversen Firmenübernahmen geprägt. Insofern sollte man den Blick eher auf die Entwicklung des operativen Ergebnisses richten und da kommt Ernst Russ gut voran.

Risiken
Es gibt drei wesentliche Risiken bei Ernst Russ. Zunächst sind da alte Rechtsstreitigkeiten, denn als HCI hat man vor allem geschlossene Fonds vertrieben aus den Bereichen Immobilien und Schiffe und von denen sind in der Finanzkrise viele in Schieflage geraten. Nicht wenige Anleger klagen nun gegen die Banken, die diese Fonds vertrieben haben und natürlich gegen HCI/Ernst Russ auf Prospekthaftung. Der Umfang der möglichen Klagen beläuft sich noch auf 135 Mio. Euro und Ernst Russ bewertet diese möglichen Ansprüche im Rahmen seines Risikomanagements quartalsweise und unterlegt sie mit Eintrittswahrscheinlichkeiten. Auf dieser Basis hat man 5 Mio. Euro an Rückstellungen gebildet. Es ist aber nicht auszuschließen, dass hier noch einmal nachgebessert werden muss. Oder auch das Gegenteil ist möglich, dass die Ansprüche nicht und in geringerem Umfang greifen und dann die Rückstellungen irgendwann ergebniswirksam aufgelöst werden können. An dieser Stelle empfehle ich die Lektüre des Halbjahresberichts von Ernst Russ. Dort sind sowohl die Aktivitäten als auch die Risiken anschaulich beschrieben!

Risiko Nummer zwei ist die Branche. Schifffahrt ist neue Schwerpunktbranche bei Ernst Russ und die durchwandert eine bereits zehnjährige Krise. Aktuell weist sie deutliche Erholungstendenzen auf, aber die Frachtraten sind noch immer verhältnismäßig niedrig und die Überkapazitäten am Markt noch nicht vollständig abgebaut.

Und das dritte Risiko betrifft alle Asset Manager: das Zinsänderungsrisiko. Sollte sich die EZB irgendwann wirklich von ihrer Niedrigzinspolitik abkehren und das Zinsniveau nachhaltig steigen, dann wird die Nachfrage nach alternativen Anlageprodukten sinken, da Zinsanlagen wieder attraktiv(er) werden. Das würde auch die Geschäfte von Ernst Russ erschweren. Allerdings sieht es bisher nicht danach aus, als würde sich das Zinsniveau dauerhaft erhöhen.

Meine Einschätzung
Aus dem einstigen Pleitekandidaten ist ein hoffnungsvoller Turnaroundwert geworden und die Neuausrichtung von Ernst Russ verspricht Potenzial. Die sich abzeichnenden Erholungstendenzen in der Schifffahrtsbranche und die kapitalstarken Partner verhalfen Ernst Russ zu einer aussichtsreichen Positionierung und man setzt seine Vision konsequent um. Die beiden NPL-Joint Ventures und der Einstieg bei Marenave dürften Ernst Russ noch einige Zeit interessante Meldungen verschaffen und sollten sich am Ende auch für die Aktionäre auszahlen. (Nur) risikofreudige und geduldige Anleger können sich die Aktien des marktengen Wertes als Turnaround-Spekulation ins Depot legen.

Ich habe Ernst Russ auf meiner Empfehlungsliste und eine Position in meinem Portfolio.

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