Donnerstag, 11. August 2016

Neuausrichtung: Ernst Russ AG (H.C.I. Capital) ist auf dem Weg zu neuen Ufern

Die Ernst Russ AG ist vielen Anlegern noch unbekannt und doch ist sie schon seit vielen Jahren an der Börse gelistet, als HCI Capital AG. Unter diesem Namen war sie viele Jahre lang als Asset-Manager, insbesondere für geschlossene Schiffsfonds für Privatanleger unterwegs, bis die mit der Finanzkrise einhergehende Krise der Schifffahrt ihr das Genick brach - und vielen ihrer Anleger, die mit den von HCI Capital aufgelegten Fonds Schiffbruch erlitten.

Doch während die Anleger noch immer mit Problemen ihrer Fonds zu kämpfen haben und versuchen, die damals an den Verkäufen beteiligten Banken und Berater in Regress zu nehmen für die entstandenen Schäden, hat sich die HCI Capital selbst wieder Leben eingehaucht. Nachdem Ende 2015 ein Kapitalschnitt mit anschließender Rekapitalisierung durchgeführt wurden, nahm das Unternehmen mit frischem Geld und neuem Management langsam wieder Fahrt auf.

Januar 2016: Kauf des Assemtmanagers König & Cie
Die HCI Gruppe übernahm zum Jahresanfang 2016 die Anteilsmehrheit an dem Konkurrenten König & Cie. von den bisherigen Investoren Tennenbaum Capital Partners und Delos Shipping, wodurch das Investment- und Assetmanagement unter einem Dach vereinigt und gestärkt werden sollte. Der Erwerb von König & Cie. sei eine strategisch sinnvolle Ergänzung des Leistungsspektrums der HCI Gruppe, die sich als Investment- und Assetmanager mit Schwerpunkt im maritimen Bereich positioniert.

April 2016: Kauf der Hamburger Traditionsreederei Ernst Russ
Im April kaufte HCI Capital dass die bereits seit 1893 bestehende Hamburger Traditionsreederei Ernst Russ und erweiterte so seine eigene Schiffsflotte. Ernst Russ bereedert eine Flotte von sieben Container- sowie vier RoRo-Schiffen und verfügt über unterschiedliche Beteiligungen. Dazu gehören unter anderem Combi Trade, eine internationale Werftenvermittlung, und eine Beteiligung am Befrachtungsmakler Ernst Russ Shipbroker. Durch den Erwerb der Reederei verfügte HCI über rund 40 Schiffe im aktiven Management und über etwa 180 Fondsschiffe, die von Partnerreedern betreut werden. Der Erwerb erfolgte mittels einer Sacheinlage, aufgrund derer das Grundkapital der HCI Capital AG um €6,2 Mio. €32,4 Mio. erhöht wurde.

Mai 2016: Erwerb eine Schiffsportfolios von der HSH Nordbank
Die HCI-Gruppe hat dann im Mai im Zuge einer Portfoliotransaktion gemeinsam mit zwei weiteren Investoren aus dem Aktionärskreis dreizehn Schiffe aus dem Kreditportfolio der HSH Nordbank übernommen. Das Portfolio besteht aus Feeder-Schiffen zwischen 800 und 1.800 TEU mit einem durchschnittlichen Alter von knapp zehn Jahren. HCI Capital hat Anbindung des Portfolios strukturiert und ist selbst mit einem “substantiellen Anteil” beteiligt und im Zuge der Portfolio-Transaktion wurde die bestehende Finanzierung teilweise von der Deutschen Bank abgelöst. Das technische Schiffsmanagement wird durch die HCI-Gruppe in ihrer Eigenschaft als Generalbereederer an drei Adressen innerhalb des norddeutschen maritimen Clusters vergeben, während das kommerzielle Management der Schiffe über HCI gesteuert wird und durch Partner des Unternehmens erfolgt.

Juli 2016: Kauf des Immobilienfonds-Anbieter Westfonds
Und im Juli übernahm HCI Capital die Mehrheit der Anteile an der Westfonds Immobilien-Anlagegesellschaft von der Erste Abwicklungsanstalt AöR (EAA), der Rechtsnachfolgerin der WestLB. Westfonds betreut aktuell rund 12.000 Anleger in insgesamt 17 Fonds mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund €540 Mio.. Dazu gehören 12 überwiegend im Inland investierte Immobilienfonds mit fünfzehn Büro- und Hotelobjekten. Mit dem Kauf von West-Fonds will HCI Capital ihre Immobilienaktivitäten erweitern. Die Transaktion wurde maßgeblich durch die von Matthias Voss geführte Assetando Real Estate begleitet, die zukünftig auch die vollumfängliche Betreuung der Immobilienfonds der West-Fonds übernehmen wird. Die Assetando Real Estate wurde Anfang des Jahres 2016 als zentrale Immobilieneinheit gegründet und bündelt sämtliche Immobilienaktivitäten der zukünftigen Ernst Russ Gruppe, zu der inzwischen auch die Immobilienfondsbestände des Fondshauses König & Cie. zählen. Das Unternehmen betreut bereits bisher Immobilieninvestments mit einem zu managenden Eigenkapital von rund €350 Mio.


 Ernst Russ AG (Quelle: finanzen.net) 
HCI Capital heißt nun Ernst Russ
Aber die Neuausrichtung der HCI Capital erstreckt sich nicht nur über Kapitalmaßnahmen und Zukäufe bzw. Sacheinbringungen. Die Hauptversammlung hatte beschlossen, den Namen des Unternehmens in Ernst Russ AG zu ändern und so die Neuausrichtung zu unterstreichen. "Dieser neue Name baut auf einer langen hanseatischen Tradition auf und verdeutlicht, wo wir unsere Basis sehen: in Qualität und Zuverlässigkeit. Er verdeutlicht den Aufbruch, in dem wir uns mit unserem neuen Geschäftsmodell als ‘One-Stop’-Shop entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Asset- und Investment-Management befinden”, so Vorstandssprecher Jens Mahnke.

2015er Geschäftszahlen deuten den Turnaround bereits an
Bereits Ende April hatte das Unternehmen bekanntgegeben, dass man im Geschäftsjahr 2015 ein positives Konzernergebnis von €1 Mio. erzielt habe, nach €0,1 Mio. im Vorjahr. Das Betriebsergebnis ging von €3 Mio. auf €1,6 Mio. zurück. Die Umsatzerlöse konnten um €1 Mio. auf €20,7 Mio. erhöht werden, während sich investitionsbedingt die liquiden Mittel von €20,3 Mio. auf €12,8 Mio. verringerten. Die Eigenkapitalquote erhöhte sich von 34,9 Prozent auf 35,3 Prozent.

Neuausrichtung wird sich erst in den 2016er Zahlen richtig niederschlagen
Im Geschäftsjahr 2015 habe man den Wandel zum Asset- und Investmentmanager mit Betonung auf den Bereich Schifffahrt vollzogen. Nach dem Kauf zweier Treuhandgesellschaften zu Beginn des Jahres 2015 sei der Bereich Investmentmanagement insbesondere durch den Anfang 2016 erfolgten Erwerb von König & Cie. gestärkt worden und durch den Kauf der Reederei Ernst Russ, wurde der Schifffahrtsbereich erheblich ausgebaut.

Die Selbstdarstellung des Unternehmens liest sich so:
»Die Ernst Russ AG ist ein börsengehandelter Asset- und Investmentmanager mit maritimem Schwerpunkt. Wir managen eine Flotte von rund 50 Container-, Tanker- sowie Bulkschiffen, betreuen weitere 180 Fondsschiffe und verwalten als Asset-Manager Objekte u.a. aus den Bereichen Schifffahrt, Immobilien, Erneuerbare Energien und Private Equity.
Zu unserem Geschäft gehören außerdem Treuhanddienstleistungen, eine vollzugelassene Service-KVG sowie die Konzeption und Realisierung von Alternativen Investment Funds. Die Unternehmen der Ernst Russ AG verwalten aktuell ein Gesamtinvestitionsvolumen von über 7,5 Mrd. Euro in mehr als 200 laufenden Fonds – vor allem in den Bereichen Schiff, Immobilien und Energie. 
Die Ernst Russ AG ist 2016 aus dem Zusammenschluss der HCI Capital AG, der König & Cie. Gruppe und der Traditionsreederei Ernst Russ entstanden und vereint das Wissen und Können aus über 120 Jahren Erfahrung in den Bereichen Schifffahrt sowie Asset- und Investment-Management.«
Meine Einschätzung
Ich hatte ja bereits Mitte Mai angekündigt, mich verstärkt im Bereich deutscher Nebenwerte und insbesondere in der Sparte "alternative Assets" zu engagieren, auch bei Turnaroundwerten aus der Schifffahrtsbranche. Dabei habe ich mit Patrizia Immobilien und Publity nach meiner Alt-Empfehlung WCM zwei weitere Immobilienwerte aufgegriffen, mit Lloyd Fonds und MPC Capital zwei Asset-Manager aus der Immobilien- und Schifffahrtsbranche sowie mit Softship einen maritimen Software-Dienstleister. Und ich hatte mir zu knapp €0,80 eine Einsteigerposition in HCI Capital gegönnt, die ich im Zuge der positiven Unternehmensnachrichten hinsichtlich der Neuausrichtung ausgebaut habe. Nachdem das Unternehmen nun Ernst Russ heißt und das Management die Neuausrichtung nicht nur verbal, sondern vor allem durch Taten angeht, habe ich die Ernst Russ AG nach Verlassen des Pennystock-Terrains und Durchbrechen der 1-Euro-Marke auch auf meine Empfehlungsliste genommen.

Dabei sollten Anleger beachten, dass es sich um einen marktengen Titel handelt, der sich in einer Umbruch- und Turnaroundsituation befindet. Man benötigt auch hier einen langen Atem und entsprechende Geduld sowie eine gewisse Risikobereitschaft. Denn die Schifffahrtsbranche ist noch immer von Überkapazitäten und Preisdruck bei den Frachtraten gekennzeichnet und ob der Turnaround wirklich gelingt, wird sich erst noch zeigen. Ein Engagement in Aktien der Ernst Russ AG ist eine Turnaround-Spekulation, kein Value Investment im klassischen Sinn. Die Risiken sind entsprechend höher, die Chancen im Erfolgsfall ebenso.

Kommentare:

  1. Hallo Herr Kissig,

    "Doch während die Anleger noch immer mit Problemen ihrer Fonds zu kämpfen haben und versuchen, die damals an den Verkäufen beteiligten Banken und Berater in Regress zu nehmen für die entstandenen Schäden, hat sich die HCI Capital selbst wieder Leben eingehaucht."

    Gibt es irgendwelche Anzeichen/Riskien dass HCI/Russ auch Forderungen hierraus entstehen?


    Grüße
    Valuetradeblog

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    1. Nach Aussage des Unternehmens hat es alle bisherigen Prozesse bzgl. Prospekthaftung siegreich bestritten. Die meisten Klagen von Anlegeranwälten richten sich denn auch gegen die Banken und Vermittler, die die Anleger nicht über in den Prospekten aufgeführten Risiken und/oder Kosten ausreichend informiert hatten.

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  2. Guten Morgen Herr Kissig!
    Erstmal großes Lob für Ihren Blog. Ich hole mir immer gerne Anregungen von hier. Auch diesmal ist mir die Ernst Russ AG aufgefallen. Bei diesen marktengen Werten ist es immer schwierig einen guten Zeitpunkt zum Einstieg zu erwischen. Mir ist der Kurs in den letzten Wochen auf jedenfall regelrecht davongelaufen. Denken Sie die derzeitigen Kurse sind noch gute Einstiegskurse? Da der Kurs in letzter Zeit doch ziemlich angestiegen ist würde mich interessieren was Sie dazu sagen.

    Beste Grüße
    Chris

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    1. Moin Chris,
      vielen Dank für das freundliche Lob!
      Market-Timing ist ja nicht gerade meine Stärke, ich setze eher auf das Fundamentale. Ich denke, dass sich die Ernst Russ AG in den nächsten Jahren stark entwickeln und dass der Aktienkurs dieser Entwicklung folgen wird. Da wird jetzt vor den beiden schwierigsten Börsenmonaten des Jahres stehen und die Aktienmärkte eine fulminante Sommerrallye hingelegt haben, ist eine stärkere Korrektur an den Börsen wahrscheinlich(er) geworden. Dem entsprechend dürften dann auch die Kurse der Nebenwerte unter Druck geraten und dann auch Aktien der Ernst Russ AG. Ob dies allerdings unterhalb des jetzigen Kursniveaus sein wird, oder die Aktien zuvor noch weiter deutlich ansteigen, kann ich nicht einschätzen. Heute morgen gab es jedenfalls ein paar Verkäufe, die den Kurs zwischenzeitlich um gute 10% gedrückt hatten. Dies hat der Kurs schnell wieder aufgeholt. Auch das ist ein starkes Zeichen. Also... langfristig sollte die Ernst Russ AG auch bei €1,50 ein Kauf sein.

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    2. Vielen Dank für die Einschätzung. Denke auch das nochmal eine Korrektur kommen wird. Hoffe dann natürlich das der Kurs ein wenig zurück kommt und ich etwas Glück beim Timing habe ;).

      Beste Grüße
      Chris

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    3. So, Chris, die Korrektur ist da. Und ich habe zu €0,96 heute noch einmal ein bisschen aufgestockt...

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