Mittwoch, 4. Oktober 2017

Ist Kite Pharma Gilead Sciences (zu teurer) Befreiungsschlag?

▸ Kissigs Kolumne vom 22.09.2017, Anlegermagazin 5/2017 

Gilead Sciences Inc. ist eine wahre Erfolgsgeschichte im Biotechsektor. Erst vor 30 Jahren gegründet, bringt das Unternehmen aus dem kalifornischen Foster City immerhin 110 Milliarden Dollar auf die Börsenwaagschale – und es waren vor zwei Jahren mit über 150 Milliarden Dollar schon einmal erheblich mehr. Dabei ist Gilead mit seinen eigenen ursprünglichen Produkten gar nicht so überragend erfolgreich gewesen, sondern setzte vor allem mit seiner gut überlegten und fokussierten Übernahmestrategie Ausrufezeichen. Vor allem auf die hochpreisigen medizinischen Bereiche HIV und Hepatitis konzentriert sich Gilead heute und ist hier mit einigen Blockbusterpräparaten sehr erfolgreich tätig, Doch auch für Atemwegs-, Herz- und Stoffwechselerkrankungen und für die Behandlung verschiedener Krebstherapien hat der Konzern inzwischen Medikamente im Portfolio und weitere in verschiedenen Phasen der klinischen Forschung. Mit derzeit schon mehr als 20 zugelassenen Präparaten und über 40 weiteren Wirkstoffkandidaten in der Erforschung ist aus dem einstigen Biotech-Startup längst ein Pharmakonzern geworden.


Hepatitis C
Gilead ist mit großem Vorsprung Weltmarktführer bei der Bekämpfung von Hepatitis C, einer Infektionskrankheit, die durch Bluttransfer übertragen wird. Diese Krankheit wird schnell chronisch und führt zu irreparablen Leberschäden. Es gibt bisher keine Impfung dagegen, aber die meisten Patienten können mit Medikamenten behandelt und geheilt werden. Neben den klassischen Risikogruppen, wie homosexuellen Männern und Drogensüchtigen, wächst eine andere Gruppe rasant an, denn auch bei den weiterhin voll im Trend liegenden Tätowierungen und Piercings kommt es zu Infektionen mit Hepatitis C.

Zur Hepatitis-C-Sparte von Gilead gehören unter anderem die Medikamente Sovaldi und Harvoni und damit hat man den Medikamentenmarkt dominiert. Dabei hatte man 2012 noch kaum Umsätze in diesem Bereich generiert und erst dank der Übernahme von Pharmasset im Jahre 2011 hat sich aus dieser Sparte bis heute ein 19-Milliarden-Dollar-Business entwickelt. Und das weckt natürlich Begehrlichkeiten bei anderen Herstellern und setzt Gilead zunehmend unter Druck, auf die man mit Preisabschlägen reagierte und so seine eigenen Margen erodierte. Und um die Bedeutung dieser beiden Produkte für Gilead zu verdeutlichen, muss man nur auf die Zahlen schauen: beide zusammen halfen Gilead in nur drei Jahren den Umsatz des Konzerns zu verdoppeln, und stehen für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes.

Doch insbesondere AbbVie treibt Gilead die Sorgenfalten auf die Stirn. Nachdem dessen älteres HCV-Medikament Viekira nicht so erfolgreich war wie erwartet, könnte das neue Präparat Maviret allerdings Gileads neuen HCV-Hoffnungsträger Epclusa massiv bedrohen. Und Epclusa ist momentan das Präparat, das am ehesten die sinkenden Umsätze von Sovaldi und Harvoni ausgleichen kann. So fielen Gileads Hepatitis-C-Umsätze im zweiten Quartal 2017 zwar um 27,5 Prozent im Jahresvergleich auf 2,9 Milliarden Dollar, jedoch verlangsamte sich der Schwund erheblich. Dank Epclusa. Insofern ist verständlich, dass AbbVies Maviret mit Argusaugen beobachtet wird. Doch Gilead gibt sich nicht geschlagen und setzt auf seine gut gefüllte Wirkstoffpipeline. Und am 18. Juli ließ die FDA die Hepatitis-C-Kombination Vosevi zu und auch das europäische Komitee für medizinische Produkte gab grünes Licht für das Medikament. Gilead selbst glaubt nun, den Niedergang seiner Hepatitis-C-Sparte gestoppt zu haben und hob nach Vorlage der Zahlen zum zweiten Quartal vor allem ihretwegen seinen Jahresausblick an.

HIV
Der andere Bereich, in dem Gilead sehr erfolgreich unterwegs ist, ist die Immunschwächekrankheit HIV. Mit seinen Medikamenten Atripla und Stribild ist Gilead hier gut positioniert und kann mit der Zulassung der beiden TAF-basierten HIV-Mittel Odefsey und Descovy weitere Erfolge vermelden. Odefsey kombiniert die Wirkstoffe Emtricitabin und Tenofoviralafenamid von Gilead mit Rilpivirin, das von Janssen Sciences vermarktet wird. Darüber hinaus hat die Europäische Kommission die Vermarktung des HIV-Medikaments Truvada auch zur vorbeugenden Einnahme zugelassen. Diese verhindert HIV-Infektionen zuverlässig und wird in immer mehr Ländern Menschen mit hohem HIV-Risiko zur Verfügung gestellt. Die HIV-Prophylaxe ersetzt andere Schutzmöglichkeiten nicht, sondern bietet eine zusätzliche Option für Menschen, denen der Schutz mit Kondomen nicht immer gelingt.

Im zweiten Quartal konnten die Umsätze von Genvoya, Descovey und Odefsey die niedrigen Umsätze der älteren HIV-Medikamente Truvada, Atripla und Stribild mehr als ausgleichen und die HIV-Sparte generierte 3,6 Milliarden Dollar Umsatz oder einen Zuwachs von 16,1 Prozent im Jahresvergleich.

Und nun…?
So erfolgreich Gilead mit seinen beiden Hauptsparten HCV und HIV ist, das Unternehmen ist nicht unangreifbar. Da man sich nicht auf Massenprodukte verlegt hat, sondern auf extrem teure Spezialmedikamente mit entsprechend hohem Forschungsaufwand aber eben auch sehr hohen Margen, versuchen immer mehr Konkurrenten in diesen Markt vorzudringen und sich Anteile zu sichern. Bisher verstand es Gilead, diese Angriffe zu kontern und mit neuen Präparaten und Therapien sein Geschäft zu sichern. Doch dies geht teilweise auch zulasten der Margen und daher sind die hohen Wachstumsraten, an die man sich bei Gilead gewöhnt hatte, Vergangenheit. Der Aktienkurs und die optisch niedrige Bewertung tragen der Sorge um die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells Rechnung.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Gilead inzwischen zu einem passablen Dividendenzahler geworden ist und massiv eigene Aktien zurückkauft. Denn man generiert weiterhin hohe Cashflows und sitzt auf einer prall gefüllten Kriegskasse, die per Ende Juni mit 36,6 Milliarden Dollar schier zu platzen drohte. Doch irgendwie schien man damit nichts rechtes anfangen zu können. Bis jetzt…

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Übernahme von Kite Pharma
Denn kürzlich hat man 11,9 Milliarden Dollar in Kite Pharma investiert, einen Pionier in der zellbasierten Krebstherapie. Anfang des Jahres war das Unternehmen noch mit 2,3 Milliarden Dollar bewertet worden, doch die zunehmenden Erfolge und die angeheizte Übernahmephantasie trieben den Kurs immer höher. Und die Frage ist, ob Gilead sich hier vielleicht hat unter Zugzwang setzen lassen und zu teuer eingestiegen ist.

Die wichtigste Botschaft ist, dass Gilead mit der Übernahme sein drittes Standbein, die Krebstherapie, stärkt und sich so als Unternehmen deutlich breiter aufstellt. Allerdings ist Kite Pharma bisher noch hauptsächlich ein Hoffnungswert, denn es verfügt vor allem über eine verheißungsvolle Wirkstoffpipeline. Ob diese sich in zugelassene Medikamente und damit in Umsätze und Gewinne verwandeln, bleibt abzuwarten. Dabei könnte es bereits im November einen ersten Meilenstein geben, denn die FDA wird dann voraussichtlich ihre Entscheidung über die Zulassung von Axicabtagene Ciloleucel (Axi-cel) treffen. Mittels dieser Infusion werden körpereigene Immunzellen neu programmiert, um nach Krebszellen mit dem Protein CD19 zu suchen. Diese personalisierte zellbasierte Therapie wirkt sich für Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphomen, bei denen nach Erhalt der verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten der Krebs wieder auftritt, unglaublich gut aus. Des Weiteren könnte Axi-cel riskante Knochenmarkstransplantate als Second-Line-Option für mehrere Lymphome verdrängen. Aggressive, therapieresistente Non-Hodgkin-Lymphome haben sich bisher als praktisch unheilbar erwiesen, aber Axi-cel hat gezeigt, dass damit bei einem großen Teil der Patienten eine vollständige Remission möglich ist.

Sollte die FDA also Axi-cel genehmigen, wird der jährliche Umsatz des Medikaments voraussichtlich bei etwa 2,5 Milliarden Dollar liegen. Für das Unternehmen und die Aktionäre wird allerdings auch die Frage entscheidend sein, was die Krankenkassen am Ende für die Therapie als Kostenerstattung akzeptieren werden.

Ausblick
Es geht Gilead bei dem Kauf von Kite Pharma jedoch nicht nur um die Produktpipeline, sondern Kite soll zu Gileads Abteilung für Zelltherapie werden. Hier will Gilead also künftig einen weiteren Schwerpunkt setzen und wird den hohen Forschungs- und Entwicklungsaufwand finanzieren. Dabei dürfte helfen, dass Gileads Cashflow immer noch so stark ist und daher der Aufwand zu stemmen sein wird, bis sich aus der Forschung in Zukunft einmal lukrative Medikamente entwickelt haben werden. Und das Potenzial ist riesig, denn die weltweiten Ausgaben für Krebsmedikamente dürften von 107 Milliarden Dollar im Jahr 2015 auf etwa 150 Milliarden Dollar im Jahr 2020 ansteigen. Und auch danach kaum sinken. Sollte sich also herausstellen, dass die Prognosen des Unternehmens über die Rolle zellbasierter Krebstherapien zutreffen, könnte dies einer der wichtigsten Deals in der 30-jährigen Unternehmensgeschichte sein und Gilead den Zugang zu einem weiteren Blockbuster-Markt geebnet haben.

Da nach dem Kauf von Kite Pharma noch immer mehr als 20 Milliarden Dollar in der Kriegskasse von Gilead schlummern, dürfte dieser Zug nicht der letzte gewesen sein. Auch wenn die nächste Übernahme vielleicht nicht ganz so groß ausfallen wird. Gilead hat mit der Kite-Übernahme bewiesen, dass man sich in aller Ruhe die aussichtsreichsten Unternehmen aussucht, die das eigene Unternehmen stärken und sein Business auf eine breitere Basis stellen. Und dass man vor hohen Kaufpreisen nicht zurückschreckt, wenn man den richtigen Kandidaten ins Visier genommen hat. Angesichts der äußerst erfolgreichen Vergangenheit von Gilead bei der Übernahme von aussichtsreichen Wettbewerbern, stehen die Chancen sehr gut, dass auch Kite Pharma zu einer Gilead-Erfolgsgeschichte wird. Gilead hat bewiesen, dass man zu handeln bereit und in der Lage ist und sich nicht einfach nur auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen gedenkt. Angesichts der verbesserten Aussichten erscheint Gilead bei einem einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis ein langfristiges Value Investment wert zu sein.

Gilead Sciences befindet sich auf meiner Empfehlungsliste.

Kommentare:

  1. Ich bin im deutschen Bio-Tec-Bereich auf BB Biotec (A0NFN3) gestoßen. Gibt es eine Einschätzung zu dieser Gesellschaft? Ist eine Beteiligungsgesellschaft und guter Dividen-Zahler, sollte also doch prinzipiell auch Ihr Interesse wecken?

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    1. Na, das ist ja ein Zufall. Ich habe BB Biotech als mittelgroße Position in meinem Depot und gerade heute meine aktuelle Kolumne für das Aktien Magazin verfasst, in der es um BB Biotech geht.

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    2. P.S.: Hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass ich im Zuge meiner Recherchen zu BB Biotech zu der Überzeugung gekommen bin, dass ich die Aktie unbedingt im Depot und auf meiner Empfehlungsliste haben muss. Auf der Liste ist sie seit der heutigen Veröffentlichung zu sehen, der entsprechende Artikel wird noch etwas auf sich warten lassen. Jedenfalls hier im Blog. Wer ihn früher lesen möchte, findet ja meine Kolumne im Aktien Magazin von Traderfox.

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    3. Schön, dann freue mich auf den Artikel; bin insgesamt auch sehr überzeugt von deren anscheinendem KnowHow und der breiten Streuung amerikanischer Biotecs, die man sich da einkauft. Ihre Einschätzung als Standard-Aktie bestätigt ja auch, dass das nicht die ganz experimentellen Buden sind.

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  2. Guten Morgen,
    Mal eine Frage am Rande.
    Wieso gibt es immer wieder ein paar werte die als im Depot erwähnt werden aber nicht auf der empfehkungsliste erscheinen!?
    Ist nicht wertend gemeint da ja keine Verpflichtung dazu besteht aber einen Grund wird es dennoch dafür geben ;)

    Schönen Tag zusammen

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    1. 1. Werte, die ich auf die Empfehlungsliste nehme, zu denen möchte ich auch regelmäßig etwas schreiben. Je länger die Liste, desto schwieriger wird das natürlich. Insbesondere zu Zeiten, wo alle (fast) gleichzeitig Quartalsergebnisse melden.

      2. Mein Depot entspricht nicht der Empfehlungsliste, wenngleich es hohe Überschneidungen gibt. Es gibt eine recht hohe Nachfrage nach meinen Investor-Updates, bei denen ich über Depotbewegungen berichte. Das trifft dann auch mal Werte, die nicht auf der Empfehlungsliste stehen.

      3. Ich veröffentliche hier im Blog auch meine Artikel aus meiner Kolumne, die im Aktien Magazin erscheint, allerdings mit rund 4 Wochen Verzug. Die Werte aus meiner Kolumne stehen nicht zwangsläufig auf meiner Empfehlungsliste. Wäre auch schwierig, weil ich in der Kolumne keine Nebenwerte und keine Turnaroundwerte bespreche, ist eine Vorgabe. Es geht also vor allem um MidCaps und Blue Chips. Ab und zu schreibe ich auch über solche Werte hier im Blog und habe auch vereinzelt welche auf der Empfehlungsliste, aber sie sind nicht der Schwerpunkt.

      Das ist im Grunde das ganze "Geheimnis"...

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  3. Sehr schöner Bericht zu Gilead Sciences,
    der einmal mehr das ungeheure Potential
    des Unternehmens beschreibt.

    Viele Grüße

    Dieter

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  4. Danke für den Artikel Michael!

    Rein von den Kennzahlen her könnte es natürlich einen Value-Invest sein. Meine persönliche Meinung: Das HCV-Kerngeschäft steht doch stark unter Beschuss (erhöhter Wettbewerb, Preisdruck, etc.) - Tendenz zunehmend. Wenn ich den Aktienkurs in Relation mit dem Kerngeschäft setze, würde ich sagen es ist überbewertet. Der Kriegskasse stehen natürlich noch hohe Schulden in Höhe von über 26 Mrd. gegenüber.

    Wie du schon so präzise geschrieben hast ist die neue Akquisition ein Hoffnungswert, was wiederum die Bewertung extrem erschwert. Da mir hierfür leider das Know-How fehlt wäre es für mich ein spekulatives Investment.

    Wünschen würde es man den vielen Shareholder von Gilead natürlich, da viele nördlich von $90 eingekauft haben und lange Zeit zusehen mussten wie das eigene Investment dahinschmilzt.


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