Dienstag, 30. Januar 2018

Osram: Und es ward (wieder) Licht…

▸ Kissigs Kolumne vom 5.1.2018, Aktien Magazin 1/2018 

Der Name ist jedem bekannt, Osram steht für Tradition, für Licht. Der 111 Jahre alte Traditionskonzern hat viele von uns durch die Welt der zunehmenden Elektrifizierung geführt und noch heute haben die meisten von uns Osram-Leuchtmittel im Schrank und in ihrem Lampen. Sobald wir einen Baumarkt betreten, strahlen sie uns an, diese Leuchtmittel – dabei sind die meisten gar nicht mehr von Osram und wo heute Osram drauf steht, ist nicht mehr Osram drin.

Der Spin-Off
Osram war lange Zeit eine Siemens-Sparte, doch in dem Konzern entschloss man sich, sich vom absehbar schwächelnden Geschäft mit Beleuchtungsmitteln zu trennen. Das war 2013 und Siemens führt Osram seinerzeit mit einem Wert von rund 3,2 Milliarden Euro in den Büchern. Nachdem man lange geprüft und abgewogen hatte, entschied man sich gegen einen eigenen Börsengang von Osram, sondern für einen klassischen Spin-Off. Siemens selbst behielt noch 19,5 Prozent der Anteile und wollte wohl zeigen, dass man Osram für eine eigentlich gute Investition hielt.

Neben der reinen Kurspflege stand aber noch ein anderer Gedanke im Vordergrund und der heißt Geld. Genauer gesagt Wertschöpfung. Denn bei Mischkonzernen nimmt die Börse oft Konglomeratabschläge vor, so dass diese Mischkonzerne nicht selten an der Börse unter dem Wert ihrer einzelnen Sparten gehandelt werden. Dahinter steckt der Gedanke, dass ein eigenständiges und von Konzernzwängen befreites Unternehmen agiler am Markt agieren kann, während es als in die Konzernstrukturen eingebundene Sparte mit zu langen Entscheidungswegen und zurückzustellenden Eigeninteressen gegenüber anderen Konzerntöchtern konfrontiert ist.

Durch den Spin-Off von Osram wollte Siemens also auch den Konglomeratabschlag abschmelzen, der üblicherweise zwischen 10 und 20 Prozent liegt. Denn nach Untersuchung von 500 Spin-Offs aus den Jahren 2000 bis 2010 kamen die Analysten des US-Researchhauses „The Spinoff Researcher“ zu dem Ergebnis, dass die Aktien der abgebenden Muttergesellschaft innerhalb eines Jahres nach dem Spin-Off im Schnitt um 17 Prozent stiegen, während die neuen Aktien im gleichen Zeitraum sogar durchschnittlich um 23 Prozent zulegten. Zwei Jahre nach den Spin-Offs war der Kurs der neu an die Börse gebrachten Unternehmen im Mittel sogar um 37 Prozent geklettert.

Und natürlich hatte Siemens auch im Blick, dass das EU-Verbot klassischer Glühbirnen auch bei Osram zu heftigen Strukturveränderungen und Personalabbau führen würde. Und dies würde in einem eigenständigen Unternehmen Osram nicht mehr so sehr Siemens angelastet werden. Was dann aber folgte, damit hat niemand gerechnet…


Denn seit Anfang 2014 zeichnet Olaf Berlien als neuer Vorstandsvorsitzender bei Osram verantwortlich. Und der frühere Thyssen-Krupp-Manager machte schnell deutlich, dass er klare Vorstellungen von „seinem“ neuen Unternehmen hatte und nicht nur als Bestandsverwalter angetreten war. Denn Osram hat sich unter seiner Führung schnell vom konventionellen Leuchtmittelgeschäft getrennt - zum Entsetzen der Gewerkschaften und von Großaktionär Siemens. Ein Konsortium um das chinesische Unternehmen MLS hat die Sparte mit insgesamt 9.000 Mitarbeitern übernommen, die seitdem unter dem Namen Ledvance firmiert.

Berliens Überlegungen waren, dass sich der Markt für Glühbirnen, Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen allmählich auflöst. Und zwar politisch gewollt und verordnet! Denn die EU-Behörden haben erst die konventionellen Glühbirnen verboten, ihnen folgten bestimmte Halogenlampen und im kommenden Jahr kommt eine Reihe von Leuchtstoffröhren dran. Die traditionelle Lichttechnik geht runter, der Trend geht in allen Bereichen hin zu energiesparenden LED-Lampen.

Und Berlien behielt Recht, denn Ledvance musste jüngst deutliche Personaleinschnitte verkünden: von der Schließung der Werke in Berlin und Augsburg sind etwa 800 Mitarbeiter betroffen und auch an den beiden übrigen deutschen Standorten in Wipperfürth und Eichstätt sollen weitere Arbeitsplätze wegfallen. Doch die Chinesen sind keine dummen Investoren, sie haben erreicht was sie wollten: ihnen war weniger an der Produktion gelegen, als vielmehr an den Vertriebskanälen, über die sie nun ihre in Asien gefertigten Produkte in Deutschland und Europa vertreiben können. Und zwar unter dem Namen Osram, denn diesen klangvollen Markennamen dürfen sie noch zehn Jahre lang nutzen.

Es war ein harter Schritt, den Berlien ging, aber er war aus Sicht des Unternehmens der richtige. Trotz der fetten Kröte mit den Markenrechten, die Osram schlucken musste. Doch Berlien ging sogar noch weiter und kündigte vor zwei Jahren an, Osram werde eine Milliarde Euro in die Fertigung von LED-Chips investieren und den überwiegenden Teil davon in eine riesige neue Halbleiterfabrik im malaysischen Kulim. Mit dieser Ankündigung löste er einen Sturm des Entsetzens aus, Analysten und Kommentatoren waren einhellig der Auffassung, Berlien schaufle Osram ein Milliardengrab, da asiatische Hersteller LED-Chips besser und günstiger fertigen könnten. Doch Berlien hielt an seinem Kurs fest, auch gegen den Kursabsturz von rund 30 Prozent an der Börse und gegen die öffentliche persönliche Demontage seitens des Großaktionärs Siemens.

 Osram (Quelle: wallstreet-online.de
Unbeirrt hielt Berlien Kurs und die Aktionäre haben ihm längst verziehen, wie der Aktienkurs zeigt; er erklimmt munter neue Höchststände. Und auch Siemens hat sich mit der Entscheidung und der Eigenständigkeit von Berlien arrangiert und als Siemens jetzt im Oktober die restlichen 17 Prozent seiner Osram-Aktien veräußerte, fuhr man einen stattlichen Gewinn ein.

Das Kapital Osram ist damit für Siemens beendet, während das Kapital LED-Chipfertigung für Osram gerade erst beginnt. Denn vor wenigen Wochen wurde die erste Ausbaustufe des neuen Werks in Kulim eingeweiht. 370 Millionen Euro haben die Münchner hier bisher investiert und zwei weitere Ausbaustufen werden noch folgen. Wenn die erste Stufe der Fertigung Ende 2018 unter Volllast läuft, sollen in den Werkshallen 1.500 Menschen arbeiten. Kurz darauf dürfte der weitere Ausbau der Fertigungskapazitäten starten. Somit werden gut ausgebildete Mitarbeiter bald schon zu einer knappen Ressource werden, da auch andere ausländische Konzerne in Malaysia um sie werben. Bildung wird zum Schlüsselthema, auch in Asien.

Wozu braucht man LED-Chips?
Als erstes kommt man im Baumarkt mit ihnen in Berührung, denn LEDs sind die Zukunft der Beleuchtung. Sie sind stromsparend und vergleichsweise lange haltbar. Da sie im Prinzip jede Farbe des Lichtspektrums abdecken können, sind sie auch weit mehr als nur ein bloßer Ersatz für Glühbirnen oder Hallogen-Lampen. Sie ermöglichen völlig neue Beleuchtungskonzepte, sowohl in den Innenräumen von Gebäuden als auch im Stadtbild, ob als Ampeln oder Straßenbeleuchtung, wo sie heute schon zunehmend flächendeckend eingesetzt werden, oder als Beleuchtungselemente für Brücken und Bauwerke.

Und natürlich bei den Autos. Wo es früher eigentlich nur um die Frage ging, ob die Scheinwerfer rund oder eckig sind, ist das Lichtdesign heute geradezu eine Kunst geworden und verhilft den Fahrzeugen zu einer neuen Art der Individualität. Die Automobilindustrie hat aber noch viel mehr zu bieten für Osram. Denn einer der größten Treiber des LED-Booms ist der rasante Wandel hinzu immer mehr Fahrerassistenzsystemen sowie einer stark steigenden Zahl neuer Elektromodelle nach dem Dieselskandal. Insbesondere für die Anwendungen beim autonomen Fahren braucht es Premium-Infrarot-Chips, also quasi die Elite unter den LED-Chips. Und auch diese will Osram demnächst in Kulim fertigen und geht das dazu erforderliche Qualifizierungsverfahren für die Automobilindustrie im kommenden Jahr an.

Die Nachfrage nach LED-Chips schnellt jedoch auch aufgrund anderer Entwicklungen in die Höhe. So entstehen weitere Anwendungsfelder durch Virtual-Reality-Brillen, Fitnessarmbänder, Scanner, die den Frischegrad von Obst anzeigen oder die Iris-Erkennung bei Smartphones. Und Osram ist mit seinen LED-Chips immer vorne mit dabei. Dennoch, und trotz der wegweisenden Entscheidungen in der Vergangenheit, ist auch Osram von der Massivität der Nachfragesteigerung überrascht worden. „Der Markt hat sich im Vergleich zu den Annahmen von 2015 radikal verändert“, meint Berlien, und daher baut Osram auch seine Kapazitäten in Regensburg aus, wo man 1.000 neue Mitarbeiter beschäftigen möchte. Des Weiteren will Osram seine Fertigung im ostchinesischen Wuxi glatt verdoppeln.

Auch die Konkurrenz schläft nicht
Das LED-Geschäft wuchs zuletzt um 19 Prozent und bietet üppige Margen von bis zu 28 Prozent. Bis 2020 dürfte die Konzernsparte Opto Semiconductors, zu der das LED-Geschäft gehört, die größte des Unternehmens werden, und damit den Bereich Automobilbeleuchtung ablösen. Die Automobilbeleuchtung steuerte im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr immerhin noch 2,3 Milliarden Euro zum Konzerngesamtumsatz von 4,1 Milliarden Euro bei, während Opto Semiconductors noch bei etwas mehr als 1,7 Milliarden lag.

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Nun ist Osram nicht der einzige Hecht im LED-Karpfenteich und gerade erst hat der chinesische Konkurrent Sanan Optoelectronics eine Milliardeninvestition in ein neues Produktionswerk für LED- und Lasertechnik angekündigt. Und auch Foshan Electrical and Lighting will sich in diesem Bereich verstärken und hat in München die FSL Europe gegründet, wo "Produktion, Forschung, Entwicklung und Verkauf" von Beleuchtungen vielfältigster Art bis hin zu LED-Produkten geplant sind. Das ist insofern interessant, als dass Osram bis Ende 2015 eine 13,5-prozentige Beteiligung an Foshan hielt, diese aber als „nicht-strategisch“ veräußerte. Nun schickt sich Foshan an, in Teilbereichen zum direkten Osram-Konkurrenten zu werden und ist mit 9.000 Beschäftigten im Heimatmarkt China sicherlich kein Leichtgewicht.

Doch Osram wird sich hiervon nicht beirren lassen und seinen Weg der gezielten Investitionen in Zukunftsfelder konsequent weitergehen. Und hierin liegen die Chancen und die Risiken. Denn nur durch hohe Investitionen in neue innovative Produkte und die entsprechenden Fertigungsstraßen kann Osram sich dauerhaft im Markt halten und dort einer der Innovationstreiber bleiben. Und solange sich der Markt für LED-Anwendungen weiterhin so rasant vergrößert, wird auch zunehmende Konkurrenz am starken Wachstum nichts ändern.

Osram hat frühzeitig auf das richtige Pferd gesetzt und hat daher einen Vorsprung. Das dürfte die Umsätze und Gewinne auch in nächster Zeit weiter antreiben. So wie auch den Aktenkurs und die Dividende. Hier hat sich Osram etwas Besonderes ausgedacht zum einhundertelften Firmenjubiläum und wird 111 Cents je Aktie ausschütten und damit elf Prozent mehr als im Vorjahr. Und Berlien ist sich sicher, dass Osram dieses Dividendenniveau auch in den Folgejahren mindestens halten werden kann. Für Anleger stehen bei Osram daher alle Ampeln auf Grün.

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