Mittwoch, 15. April 2020

"Pessimismus ist dein Freund an der Börse, Euphorie ist dein Feind" lehrt Warren Buffett

Die Entwicklung der Wirtschaft und auch die der Börsenkurse hängt zum Großteil von Emotionen ab, von der gefühlten Lage, nicht der wirklichen.

Wie schon viele Krisen gezeigt haben, erholen sich die Börsenkurse bereits, während aus der Wirtschaft noch täglich negative Meldungen auf uns hereinprasseln und die Zukunftsaussichten immer düsterer zu werden scheinen. Doch für Aktieninvestoren ist dann oft schon die Zeit zum Handeln gekommen und daher sollte man genau darauf achten, ob und wie stark der Pessimismus regiert...

Denn Sir John Templeton, der größte Stock-Picker aller Zeiten, wie ihn das Anlegermagazin "Money" 1999 nannte, riet Anlegern dazu, Aktien in der Zeit des größten Pessimismus zu kaufen - auf lange Sicht bietet sich hier die größte Renditechance.

Der Grund liegt darin, dass Pessimismus getragen wird von Angst, von Panik, dass Anleger kapitulieren und ihre Wertpapiere auf den Markt schmeißen, egal zu welchem Preis. Da diese Emotionen in der Börsenpanik vorherrschen und von fast allen gleich empfunden werden, trifft das riesige Angebot an Aktien auf nur eine verschwindend geringes Kaufinteresse und durch dieses Überangebot fallen die Kurse schier ins Bodenlose. Wer zu diesem Zeitpunkt kauft, kann wahre Schnäppchen machen und diese Phasen nutzt auch Warren Buffett gerne, der erfolgreichste Investor aller Zeiten.
»Pessimismus ist dein Freund an der Börse, Euphorie ist dein Feind.«
(Warren Buffett)

Herrscht denn (noch) Pessimismus?

Doch wie erkennt man, ob gerade Pessimismus herrscht? Klar, die Börsenkurse sind abgestürzt und notieren deutlich unter ihren alten Höchstständen. Die Nachrichten sind voll von negativen Schlagzeilen und alle Gedanken und Gespräche drehen sich um ein zentrales Thema, das die Zukunft der Menschheit bedroht oder zumindest unseren Wohlstand, unser gesellschaftliches Leben. Und der Ton wird immer schriller, die Kommentatoren und (vermeintlichen) Experten überschlagen sich fast, um sich mit immer radikaleren und übertriebeneren Schilderungen gegenseitig zu überbieten.

Kommt uns das bekannt vor, jetzt, mitten im Lockdown, wo die Wirtschaft auf Talfahrt geht, die Arbeitslosenzahlen explodieren, die Unternehmen enorme Umsatz- und Gewinneinbußen vermelden, die Staaten und Notenbanken immer neuere und gewaltigere Notprogramme auflegen und irgendwie jeder (gefühlt) zum Virologen und Experten für Pandemiebekämpfung mutiert ist?

Schauen wir auf die Schlagzeilen. Es ist von "der größten Rezession aller Zeiten" die Rede, mindestens aber seit 1929, der Internationale Währungsfonds (IWF) geht von einer Absenkung der globalen Wirtschaftsleistung in 2020 um 3% aus, für Deutschland sind die Prognosen mit einem Minus von 7% noch düsterer. In der Finanzkrise lag der "Maximalschock" noch bei -5,4% in einem Jahr.

Parallel dazu passt die Meldung, dass die Fondsmanager auf der höchsten Cashquote seit Jahrzehnten sitzen, die sogar den Hochpunkt des Krisenjahres 2008 übertrifft. Und das nicht etwa, weil ihnen so viele frische Anlegergelder zufließen, sondern weil sie Kasse gemacht haben - also während der Panik verkauft haben (und damit die Panik mit verursachten). Fondsmanager als Schafe...

Diese Fondsmanager haben einer Umfrage der Bank of America zufolge den höchsten Cashbestand seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und wiesen am 7. April eine Cashquote von 5,9% aus, die in nur einer Woche von 5,1% nach oben geschossen war, sondern die Hälfte von ihnen schätzt den eigenen Cashbestand auch als "übergewichtet" ein verglichen mit ihren Kollegen. Und diese Einschätzung erreicht mit 50% einen absoluten Rekordwert, der selbst den Spitzenwert von 2008 übersteigt. Und wie man am Chart sieht, hat der Wert sich nicht etwa über einen längeren Zeitraum aufgeschaukelt, wie 2008, sondern er schoss innerhalb kürzester Zeit astronomisch in die Höhe. Und da sind wir wieder bei den Emotionen Angst und Gier. Wobei Gier momentan wohl zu vernachlässigen ist; es regiert die Angst, die Panik, der Pessimismus. Der BoA Angst & Gier-Indikator zeigte dem entsprechend am 7. April auf einer Skala von 0 bis 10 einen Wert von... 0,0. Absolute Bärendominanz.

Aber nicht nur die Fondsprofis haben den Verkaufsknopf gedrückt, auch die Privatanleger kehrten der Börse in Scharen den Rücken. Das legen jedenfalls die Zahlen nahe, die Morningstar über die Mittelabflüsse aus ETFs vorgelegt hat. Danach zogen Anleger im März 2020 €13,1 Mrd. aus Aktien-ETFs ab und nochmals €13 Mrd. aus Anleihen-ETFs. Dazu Morningstars Ali Masarwah: "Während Aktien-ETFs im März damit 2,3% ihres per Ende Februar verwalteten Vermögens durch Abflüsse verloren, wog der Verlust bei Anleihe-ETFs relativ zu ihrer Größe noch schwerer: Sie verloren in einem Monat 5,3% ihres verwalteten Vermögens durch Abflüsse. (...) Selbst in den dunkelsten Tagen der globalen Finanzkrise von 2008 und auch während des Höhepunktes der Schuldenkrise der Eurozone 2001 wurden nicht annähernd so hohe Liquidationen notiert". Anders als mit Pessimismus und Panikverkäufen kann man dieses Verhalten kaum beschreiben...
»Wenn die Börse auf gute Nachrichten nicht mehr reagiert, herausgehen – und wenn schlechte Nachrichten keine Wirkung mehr haben, hineingehen.«
(Andrè Kostolany)
Nun haben sich die Börsenkurse allerdings schon ein gutes Stück von ihren zwischenzeitlichen Tiefstständen aus dem März erholt, das sieht nicht nach Pessimismus aus. Nachdem der längste Bullenmarkt der Geschichte mit einem Knall zu ende ging, wird bereits über den kürzesten Bärenmarkt der Geschichte gewitzelt. Doch auch hier muss man unterscheiden zwischen Wert und Preis, konkret zwischen Wirtschaftslage, Emotionen und Börsenkursen.

Die starke Erholung der Aktienkurse wird nur von wenigen Branchen und Werten getragen. Es sind vor allem die Technologiewerte, die von der Krise weniger stark getroffen werden und sogar von ihr profitieren dürften. Ebenso Aktien von Konsumgüterherstellern, Lebensmittelhändlern, Drogerien, Medizintechnik- und Pharmaunternehmen. Amazon und Microsoft als zwei der Schwergewichte notieren auf oder nahe an ihren Allzeithochs und sie ziehen die Indizes, in denen sie enthalten sind, entsprechend mit nach oben. Schaut man sich aber die Automobilwerte an, wie Daimler, oder die deutschen Banken, wie Commerzbank und Deutsche Bank, oder Touristikkonzerne wie Tui, dann ist hier von Erholung wenig zu sehen. In den USA beginnt nun wieder die Berichtssaison und einige Großbanken haben bereits den Anfang gemacht. Wie JPMorgan Chase und Wells Fargo, die hohe Milliardenbeträge auf (erwartete) Kreditausfälle wertberichtigt haben, wodurch ihre Ergebnisse mächtig abgesackt sind. Und die Krise dauert mal gerade ein paar Wochen! Hier ist also mit weiteren Abschreibungen zu rechnen in den kommenden Quartalen. Allerdings gehen die US-Banken auch aus einer bilanziellen Position der Stärke in die Krise, während die deutschen Großbanken sich seit 2008 in einem Dauerkrisenzustand befinden und gehörig zittern dürften angesichts der enormen Belastungen, die auf sie zukommen.

Am Ende sollte der Stand der Börsenindizes niemanden ins Bockshorn jagen. Die Profiteure der Krise stehen gut da, auch was ihre Börsenkurse betrifft. Das wiederum verzerrt die Sicht, weil sie in den letzten Jahren zu den Schwergewichten in den Indizes aufgestiegen sind. Vor 20 Jahren wurden diese noch dominiert von Industriewerten, wie General Electric, ExxonMobil, Boeing, General Motors. Ein Blick auf deren Aktienkurse zeigt, wie wenig Optimismus in der Breite der Kurse steckt.

Für Anleger bieten sich hier nun Chancen, auch weil die Notenbanken und die Regierungen die Märkte und die Wirtschaft mit Geld fluten und gleichzeitig so viel Geld aus dem Markt abgeflossen ist, das auf Wiederanlage, auf Renditechancen wartet. Und mit jedem Tag weiterer Kurssteigerungen steigt die Panik der Cashhorter an, eine wachsende Kaufpanik, die in einem Short-Squeeze enden könnte. Dabei sollte man jedoch gar nicht erst den Versuch unternehmen, unbedingt den billigsten Kurs zu erwischen. Denn Star-Investor Howard Marks mahnt uns ja gerade, nicht auf Bottom-Fishing zu setzen, da einem ansonsten die besten Gelegenheiten durch die lappen gehen. Und damit mächtig Rendite...

(Was) kann man denn kaufen?

Kaufchancen bieten sich dergestalt, entweder auf Qualitätsunternehmen zu setzen mit soliden Bilanzen, hohen, sicheren Cashflows, breitem ökonomischem Burggraben oder aber sich bei den besonders abgestraften Aktien umzusehen, die von einer Entspannung der Lage besonders profitieren werden, weil ihre Kurse auch besonders unter die Räder gekommen sind. Solide Bilanzen und die Aussicht, die Krise zu überstehen, sind allerdings auch hier Bestandteile des Basic-Researchs! Die Risiken sind bei letzteren allerdings sehr viel größer, die Chance auf Kursgewinne vermutlich aber auch.
»Wenn die Verluste minimiert werden, erzeugen durchschnittliche Gewinne überdurchschnittliche Ergebnisse.«
(Benjamin Graham)
Wer weniger Vabanque spielen möchte, setzt auf die relativ sicheren Aktien, wie Amazon, Microsoft, American Tower, Costco, MasterCard, PayPal, VISA. Trotz der Einschläge, die auch diese Unternehmen in der Krise einstecken werden müssen, dürften die doch relativ ruhig durch die Krise schaukeln. Nicht spektakulär, aber aussichtsreich - auch für die Zeit nach Corona. Und sollten die Börsenkurse doch wieder sinken, kann man auch diese Phase mit Qualitätswerten gut durchstehen...

Disclaimer
Amazon, American Tower, Costco, MasterCard, Microsoft, PayPal und VISA befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Hallo Herr Kissig,

    wirklich guter Artikel, den sie da geschrieben haben. Ich bin sehr gespannt was die nahe Zukunft uns noch bringen wird.
    Ich denke aber nicht, das es der kürzeste Bärenmark gewesen sein wird, sondern wir uns noch darin befinden werden.

    Gruß Stefan

    AntwortenLöschen
  2. Mal wieder alles auf den Punkt getroffen und perfekt zusammengefasst! Ich gebe Stefan recht. Ich denke ebenfalls, dass der Bärenmarkt noch eine Weile anhalten wird und uns Corona noch einige Monate auf Trab halten wird.

    AntwortenLöschen
  3. Vielen Dank für deinen guten Artikel. Welche soliden Unternehmen, die unter die Räder gekommen sind, findest du zu den aktuellen Kursen interessant? Ich finde z. B. Unternehmen wie American Express, Booking Holding, amerikanische Großbanken (Wells Fargo, Bank of America etc.), Synchrony Financial, Berkshire Hathaway, Walgreens Boots sehr interessant. Aber auch Unternehmen, welche im Einzelhandel tätig sind, aber finanziell stark aufgestellt sind, finde ich nicht schlecht (z.B. American Eagle Outfitters und Movado).

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mit Modeunternehmen habe ich keine guten Erfahrungen gemacht und mir fehlt hier auch die Expertise - sagt meine Ex. Auf die höre ich ja immer. =)

      Genauso verhält es sich bei Booking Holdings - da ist bestimmt eine tolle Firma mit einem sensationellen Business. Ich nutze sowas allerdings nicht, weil ich wenig reise/Urlaub buche und kann daher mit dem Geschäftsmodell wenig anfangen; bzgl. Wettbewerbern und vor allem der Frage, inwieweit da Google oder andere mit Änderung ihrer eigenen Suchanfragen die Einnahmen belasten können (und weshalb Bookings hier weniger getroffen werden sollte als z.B. Expedia).

      Was die Banken und auch AMEX angeht, dürften wir mit den Wertberichtigungen erst den Anfang gesehen haben; ich gehe davon aus, dass das zweite Quartal hier zu einem Desaster wird und die Banken tief in die Verlustzone rutschen werden. ihre Einnahmen erodieren wegen Corona, sie machen wenig Neugeschäft, aber die Risikovorsorge für Kreditausfälle und die Abschreibungen auf Ausfälle dürften explodieren. Das wird vermutlich ein Schock, diese Zahlen zu sehen. Dann aber könnten US-Banken wirklich interessant sein, also so ab Mitte Juli, weil dann das Schlimmste offenbart ist und es von da an wieder aufwärts geht (die Risikovorsorge wird vermutlich übertrieben und später zu Zuschreibungen führen). Aber aktuell? Da sind mir Banken viel zu heiß (und AMEX eben auch, die werden viel stärker leiden als MasterCard oder VISA, weil sie ja ein eigenes Kreditbuch haben)...

      Löschen
    2. Vielen Dank für deine Einschätzung. Welche Unternehmen findest du aktuell günstig bewertet?

      Löschen
    3. Günstig im Sinne von Schnäppchen... da fällt mir momentan nichts zu ein. Die Unsicherheit ist da viel zu groß; wo ich die letzte Zeit aufgestockt habe, das ist bei den relativ sicheren Werten: Microsoft, American Tower, Amazon, PayPal, MBB. Auch die gibt es manchmal ja mit 5% Kursabschlag oder mehr, da kann greife ich dann mal zu. "Schnäppchen" sind das aber nicht, doch zu diesen Kursen durchaus faire Preise auf lange Sicht.

      Löschen