Freitag, 27. Februar 2026

Kissigs Nebenwerte-Analyse zu Nemetschek: Make Bausoftware sexy again

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Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 05/2026 vom 25.02.2026

Aktien in dieser Ausgabe: Ionos, Nemetschek, Secunet Security Networks

Nemetschek: Make Bausoftware sexy again

Die Nemetschek SE zählt zu den weltweit führenden Softwareanbietern für die Bau-, Architektur-, Ingenieur- und Medienindustrie und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einem spezialisierten CAD-Entwickler zu einer breit diversifizierten Softwareplattformgruppe entwickelt. Doch das Geschäftsmodell wird derzeit hinterfragt und die Angst vor einer möglichen KI-Disruption ließ den Aktienkurs um die Hälfte zusammenschmelzen – und das mitten im Winter. Wir gehen daher auf die Suche nach Hoffnungsschimmern und Sonnenschein.

Im Grunde hat Nemetschek in den letzten Jahrzehnten fast alles richtig gemacht. Das Unternehmen profitiert strukturell von der fortschreitenden Digitalisierung der Bauwirtschaft, der steigenden Komplexität von Bauprojekten sowie dem wachsenden Bedarf an 3D-Visualisierung und digitalen Zwillingen.

Im Kern basiert das Geschäftsmodell von Nemetschek auf der Bereitstellung spezialisierter Softwarelösungen entlang des gesamten Lebenszyklus von Bauwerken sowie für ausgewählte Anwendungen in der Medien- und Entertainmentindustrie. Anders als viele große Softwareplattformen verfolgt das Unternehmen bewusst eine Multi-Brand-Strategie. Unter dem Dach der Gruppe agieren mehrere eigenständige Marken, die jeweils auf spezifische Nutzergruppen und Workflows ausgerichtet sind. Zu den bekanntesten Lösungen zählen Allplan, Graphisoft, Vectorworks, Bluebeam und Maxon.

Diese Struktur erlaubt es Nemetschek, tief in branchenspezifische Anforderungen einzudringen und gleichzeitig eine gewisse unternehmerische Flexibilität innerhalb der einzelnen Geschäftsbereiche zu bewahren.

4 solide Säulen

Operativ ist Nemetschek in vier Segmente gegliedert: Design, Build, Manage und Media. Diese Struktur spiegelt den digitalen Lebenszyklus eines Bauwerks wider und ermöglicht eine systematische Marktbearbeitung entlang der Wertschöpfungskette.

Das Segment Design ist das größte und strategisch wichtigste Geschäftsfeld. Hier bietet Nemetschek Software für Architektur, Gebäudemodellierung und Ingenieurplanung an. Zentraler technologischer Treiber ist Building Information Modeling (BIM), das die Erstellung digitaler Gebäudemodelle und die kollaborative Planung in Echtzeit ermöglicht. BIM gilt als einer der wichtigsten Digitalisierungstreiber im Bauwesen, da es Kosten- und Zeitrisiken reduziert und die Transparenz über den gesamten Projektverlauf erhöht. Für Nemetschek stellt dieses Segment den Kern der Wertschöpfung dar, da hier hohe Margen, starke Kundenbindung und langfristiges Wachstumspotenzial zusammenkommen. Gleichzeitig ist dies der Bereich mit dem intensivsten Wettbewerb durch globale Softwareanbieter.

Das Segment Build konzentriert sich auf die Bauausführung und das Baustellenmanagement. Hier unterstützt Nemetschek Unternehmen bei der Projektkoordination, Dokumentation und Kommunikation während der Bauphase. Besonders bedeutend sind in diesem Kontext die Lösungen Bluebeam sowie die 2024 übernommene Plattform GoCanvas für mobile Datenerfassung im Außeneinsatz. Dieses Segment wächst überdurchschnittlich schnell, weil die Digitalisierung der Baustelle im internationalen Vergleich noch relativ am Anfang steht. Strategisch ist der Bereich deshalb wichtig, weil hier ein großer Teil der Effizienzpotenziale der Bauindustrie liegt.

Im Segment Manage adressiert Nemetschek den Gebäudebetrieb, das Facility Management und digitale Zwillinge. Obwohl der Umsatzanteil derzeit noch vergleichsweise klein ist, besitzt dieser Bereich langfristig erhebliches Potenzial. Gebäude werden über Jahrzehnte betrieben, und mit steigenden ESG-Anforderungen, Energieeffizienzvorgaben und regulatorischem Druck wächst die Bedeutung datengetriebener Betriebsoptimierung. Digitale Zwillinge könnten sich in den kommenden Jahren zu einem wichtigen Wachstumstreiber entwickeln, da sie den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes digital abbilden und analysierbar machen.

Das Segment Media bildet eine strategische Ergänzung außerhalb des klassischen Bauökosystems. Hier bietet Nemetschek über die Marke Maxon Software für 3D-Visualisierung, Motion Graphics, Filmproduktion und Gaming an. Dieses Geschäft ist stärker konjunktur- und projektabhängig und unterliegt teilweise externen Einflüssen, wie beispielsweise den Streiks in Hollywood, die zeitweise die Nachfrage belastet haben. Dennoch bietet das Segment technologisches Synergiepotenzial, insbesondere im Bereich 3D-Rendering und Visualisierung.

Eine SaaS-Gewinnmaschine

Die Monetarisierung erfolgt inzwischen überwiegend über Subskriptions- und SaaS-Modelle, nachdem das Unternehmen in den vergangenen Jahren eine konsequente Transformation weg vom klassischen Lizenzgeschäft vollzogen hat. Diese Umstellung ist strategisch bedeutsam, weil sie die Planbarkeit der Umsätze erhöht, die Kundenbindung stärkt und die Skalierbarkeit des Geschäfts verbessert. Ergänzt werden die wiederkehrenden Erlöse durch Wartungs- und Supportverträge sowie zunehmend durch cloudbasierte Kollaborations- und Datenservices. Insgesamt liegt der Anteil wiederkehrender Umsätze inzwischen deutlich über 80%, was das Geschäftsmodell resilienter gegenüber konjunkturellen Schwankungen macht.

Und bis vor einem Jahr waren stetige Subskriptionserlöse das Zauberelixier für Geschäfts- und Aktienkurswachstum, von dem auch Nemeteschek profitiert hat. Doch der Glanz ist weg seit KI selbständig Softwarecode schreiben kann und damit die Branche unter enormen Stress setzt. Oberflächlich betrachtet damit auch Nemetschek.

Dabei liegt ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil von Nemetschek in den hohen Wechselkosten innerhalb der AEC-Softwarelandschaft. Architektur- und Ingenieurbüros integrieren ihre Planungssoftware tief in bestehende Arbeitsabläufe, Schulungsprogramme und Datenstrukturen. Ein Anbieterwechsel ist daher mit erheblichen Reibungsverlusten verbunden. Hinzu kommt der starke Branchenfokus des Unternehmens, der über viele Jahre ein tiefes Domänenwissen aufgebaut hat. Diese Kombination aus Lock-in-Effekten, Spezialisierung und wachsendem Ökosystem bildet den ökonomischen Schutzwall des Geschäftsmodells.

Eine Branche im Wandel

Die Branche, in der Nemetschek operiert, befindet sich aktuell in einer tiefgreifenden Transformationsphase. Die Bauindustrie gilt traditionell als eine der am wenigsten digitalisierten großen Industrien weltweit. Gleichzeitig wächst der Druck durch steigende Baukosten, Fachkräftemangel, regulatorische Anforderungen und Nachhaltigkeitsziele. Diese Faktoren treiben die Nachfrage nach digitalen Planungs- und Kollaborationslösungen strukturell an. Parallel dazu verlagert sich die AEC-Software zunehmend von On-Prem-Installationen in die Cloud. Diese Cloud-Transformation verändert die Wettbewerbsdynamik erheblich, weil sie Plattformeffekte stärkt und neue Geschäftsmodelle ermöglicht.

Vor diesem Hintergrund hat Nemetschek wichtige strategische Initiativen gestartet. Besonders hervorzuheben ist der Aufbau eines gruppenweiten AI & Data Innovation Hub, der die Entwicklung KI-basierter Produktfunktionen beschleunigen soll. Darüber hinaus treibt das Unternehmen seine internationale Expansion voran und stärkt mit der Übernahme von GoCanvas gezielt das Cloud- und Field-Management-Geschäft. Damit adressiert das Management die strukturellen Veränderungen im Markt aktiv.

Frisch gebackener Umsatzmilliardär

In den Geschäftszahlen schlägt sich die gefürchtete Disruption durch KI bisher nicht nieder. Nach vorläufigen Zahlen hat Nemetschek im vergangenen Geschäftsjahr erstmals die Umsatzmilliarde. Konkret stiegen die Erlöse stiegen 2025 um knapp ein Fünftel auf rund 1,2 Mrd. Euro, wobei Nemetschek auch von externem Wachstum aufgrund der Übernahme von GoCanvas profitierte.

Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) kletterte um 23,3% auf 371,1 Mio. Euro und die entsprechende Marge verbesserte sich um einen Prozentpunkt auf 31,2%. Umsatz und Profitabilität lagen den Angaben zufolge im Rahmen der Prognose des Unternehmens sowie der Analystenschätzungen – nachdem Nemetschek im Sommer seine Umsatzprognose erhöht hatte.

Im 2025er Schlussquartal verzeichnete Nemetschek weiteres Wachstum. So stiegen die Erlöse um knapp 12% auf 325,3 Mio. Euro an, insbesondere dank einer anhaltend starken Entwicklung im Bau-Segment, und die operative Marge erreichte 32,9%.

"Nemetschek hat sowohl bei Umsatz als auch beim operativen Ergebnis neue Rekordwerte erzielt" kommentierte Konzernchef Yves Padrines die Jahreszahlen. Die fortschreitende Digitalisierung und der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Bauwirtschaft eröffneten dem Unternehmen erhebliche zusätzliche Wachstumspotenziale. "Vor diesem Hintergrund blicken wir sehr zuversichtlich auf das Jahr 2026 und darüber hinaus und sehen uns bestens aufgestellt und erwarten weiteres starkes, nachhaltiges und profitables Wachstum."

KI als Game-Changer?!

Während der CEO Künstliche Intelligenz also vor allem als große Chance betrachtet, stellt sie für Nemetschek auch ein potenzielles Disruptionsrisiko dar. Der Markt wertet seine Aussagen zurzeit eher als Pfeifen im Walde, aber dieses emotionsgetriebene Agieren muss sich nicht als richtig erweisen. Sicherlich gibt es irgendwo Feuer, wenn man Rauch entdeckt, aber das muss deshalb nicht gleich zum Flächenbrand ausufern. Und wenn Risiken übertrieben gewertet werden, kann eine deutlich niedrigeren Kursbasis dennoch ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis bieten.

Auf der Chancenseite eröffnet KI erhebliche Effizienzpotenziale entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Im Design-Segment ermöglicht generative KI beispielsweise die automatische Erstellung und Optimierung von Gebäudeentwürfen. Architekten können damit in kürzerer Zeit mehr Varianten durchspielen und komplexe Anforderungen besser berücksichtigen. Auch statische Berechnungen, Kostenprognosen und Kollisionsprüfungen lassen sich zunehmend automatisieren.

Im Build-Segment kann KI die Baustellenüberwachung und Qualitätskontrolle deutlich verbessern. Bild- und Sensordaten lassen sich automatisiert auswerten, Baufortschritte präziser verfolgen und Risiken früher erkennen. Da die Baustelle bislang relativ wenig digitalisiert ist, könnte der Produktivitätsschub hier besonders groß ausfallen. Im Manage-Segment wiederum eröffnet KI neue Möglichkeiten für Predictive Maintenance, Energieoptimierung und intelligente Gebäudesteuerung. Gerade im Kontext von ESG-Vorgaben und steigenden Energiekosten entsteht hier ein strukturell wachsender Markt.

Auch im Media-Segment bietet generative KI kurzfristige Innovationschancen, etwa bei Rendering-Beschleunigung, Content-Automatisierung und Workflow-Optimierung. Insgesamt hat Nemetschek gute Voraussetzungen, KI wertschöpfend in bestehende Produkte zu integrieren, da das Unternehmen über umfangreiche branchenspezifische Datensätze und etablierte Kundenbeziehungen verfügt.

Gleichzeitig entstehen jedoch auch erhebliche Risiken, insbesondere durch die zunehmende Plattformisierung der Branche. Große Softwareanbieter könnten KI-native End-to-End-Lösungen entwickeln, die mehrere Wertschöpfungsstufen integrieren und damit den Wettbewerb verschärfen. KI senkt zudem in bestimmten Bereichen die Eintrittsbarrieren für neue Softwareanbieter, da Entwicklungsprozesse beschleunigt und automatisiert werden können. Besonders im unteren Marktsegment könnte dies zu stärkerem Preisdruck führen.

Ein weiteres Risiko besteht darin, dass Kunden durch KI-bedingte Produktivitätsgewinne niedrigere Softwarepreise erwarten oder stärker nutzungsbasierte Modelle fordern. Dies könnte langfristig die Margenstruktur der Branche verändern. Hinzu kommen Integrations- und Transformationsrisiken, denn der Aufbau leistungsfähiger KI-Funktionen erfordert erhebliche Investitionen in Forschung, Dateninfrastruktur und Fachpersonal. Fehlallokationen könnten kurzfristig auf die Profitabilität drücken.

Unabhängig von technologischen Faktoren bleibt zudem die strukturelle Zyklizität des Bauwesens ein externer Risikofaktor. Konjunkturelle Abschwünge, steigende Zinsen oder schwache Immobilienmärkte können die Investitionsbereitschaft der Kunden dämpfen, auch wenn Softwareausgaben typischerweise weniger volatil sind als Bauvolumina selbst.

Bullcase vs. Bearcase

Langfristig dürfte Nemetschek ein wesentlicher Profiteur der fortschreitenden Digitalisierung der Bauindustrie bleiben. Die Kombination aus BIM-Durchdringung, Cloud-Migration und datengetriebenem Gebäudemanagement bietet erhebliche strukturelle Wachstumspotenziale.

Entscheidend wird jedoch sein, wie gut das Unternehmen die Balance zwischen Spezialisierung und Plattformintegration meistert und ob es gelingt, die Chancen der Künstlichen Intelligenz schneller und wirkungsvoller zu nutzen als die zunehmend global agierende Konkurrenz. Der starke Burggraben aufgrund hoher Wechselkosten ist solide und dürfte vor einem Abwandern von Kunden schützen. Die Gewinnung weiterer Kunden wird allerdings deutlich schwieriger, weil Nemetscheks Burggraben hier keine Wirkung zeigt. Strategische Zukäufe könnten daher an Bedeutung gewinnen – nicht zuvorderst, um neue Technologie einzukaufen, sondern etablierte und stabile Kundenbeziehungen!

Fazit

In der Gesamtbetrachtung präsentiert sich Nemetschek als strategisch solide positioniert. Das Unternehmen verfügt über eine starke Marktstellung im AEC-Softwaremarkt, einen hohen Anteil wiederkehrender Umsätze, robuste Margen und tiefe Kundenintegration. Die erfolgreiche SaaS-Transformation verbessert die strukturelle Qualität des Geschäfts zusätzlich. Gleichzeitig wird die Fähigkeit, KI effektiv in die Plattform zu integrieren, zunehmend zum entscheidenden Differenzierungsfaktor.

Der brutale Kurssturz sollte daher ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis bieten und risikoaffinen Anleger einiges an Chancen. Allerdings ist die Stimmungslage schlecht und wird auf absehbare Zeit alle fundamentalen Erfolge übertünchen. Anleger mit einem robusten Magen könnten hier aber schon jetzt ihre Chancen suchen.

Die 4 wichtigsten Dinge, die man über Nemetschek wissen muss

  1. Nemetschek ist ein führender Spezialsoftwareanbieter für die Bau-, Architektur- und Medienindustrie mit Fokus auf den digitalen Gebäudelebenszyklus.
  2. Das Unternehmen hat erfolgreich auf ein stark wiederkehrendes SaaS- und Subskriptionsmodell umgestellt, was Planbarkeit und Skalierbarkeit erhöht.
  3. Die vier Segmente Design, Build, Manage und Media decken zentrale Wertschöpfungsstufen von Planung über Bau bis Betrieb und Visualisierung ab.
  4. Künstliche Intelligenz bietet großes Effizienz- und Wachstumspotenzial, erhöht aber zugleich den Wettbewerbsdruck durch Plattformanbieter.
Disclaimer: Habe Nemetschek weder auf meiner Beobachtungsliste noch im Depot/Wiki.

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