Freitag, 1. Mai 2026

Kissigs Börsengeschichte(n): Am 01.05.1976 wurde Kohlberg Kravis Roberts & Co. gegründet und wurde schnell zum gefürchtetsten Corporate Raider im amerikanischen Firmendschungel. Doch dann wandelte sich KKR zum begehrten Corporate Partner

Am 01.05.1976 wurde Kohlberg Kravis Roberts & Co. gegründet von Jerome Kohlberg Jr. und den beiden Cousins Henry Kravis und George R. Roberts. Sie legten damit den Grundstein für eine der einflussreichsten Entwicklungen der modernen Finanzgeschichte: die Etablierung von Private Equity als eigenständige Anlageklasse. Die drei KKR-Gründer hatten zuvor bei den Investmentbank Bear Stearns gearbeitet und dort erste Erfahrungen mit fremdfinanzierten Unternehmensübernahmen gesammelt. Ihr Ansatz, Unternehmen überwiegend durch Schulden zu erwerben und diese Schulden anschließend aus den Cashflows der übernommenen Gesellschaft zu bedienen, war damals noch weitgehend neu und entwickelte sich später zum Standardmodell des Leveraged Buyouts (LBO).

In den Anfangsjahren konzentrierte sich KKR auf kleinere Transaktionen, häufig bei familiengeführten Unternehmen, die vor Nachfolgeproblemen standen. Diese Firmen waren oft unterbewertet und boten Potenzial für operative Verbesserungen. Die Strategie war vergleichsweise konservativ: moderate Verschuldung, sorgfältige Auswahl der Zielunternehmen und ein langfristiger Anlagehorizont. Doch bereits in dieser Phase zeigte sich das enorme Renditepotenzial des Modells, was institutionelle Investoren zunehmend auf die neue Anlageklasse aufmerksam machte.

Der eigentliche Durchbruch gelang KKR in den 1980er Jahren, als sich das Unternehmen zu einem zentralen Akteur der sogenannten "Corporate Raider"-Ära entwickelte. In dieser Zeit traten Finanzinvestoren zunehmend aggressiv auf, indem sie börsennotierte Unternehmen gegen den Willen des Managements übernahmen, restrukturierten und anschließend gewinnbringend veräußerten - die sogenannten "Unfriendly Takeovers" wurden salonfähig. Und KKR wurde zum Inbegriff dieser Bewegung und zum meistgefürchtetsten "Räuberbaron"...

Entscheidende Faktoren für diesen Aufstieg waren die zunehmende Verfügbarkeit institutionellen Kapitals, insbesondere von Pensionsfonds, sowie Innovationen auf den Kapitalmärkten, die größere und komplexere Transaktionen ermöglichten.

Junk Bonds pflasterten ihren Weg

Ein wesentlicher Baustein dieser Entwicklung war die Entstehung des Marktes für Hochzinsanleihen, sogenannte Junk Bonds. Diese wurden maßgeblich von Michael Milken von Drexel Burnham Lambert vorangetrieben und ermöglichten es, Übernahmen in bislang ungekanntem Umfang zu finanzieren und zwar losgelöst von traditionellen Bankfinanzierungen. Für KKR bedeutete dies eine enorme Expansion der Handlungsspielräume: Deals konnten schneller strukturiert, größer dimensioniert und unabhängiger von traditionellen Bankkrediten umgesetzt werden. Junk Bonds wurden damit zu einem zentralen Instrument der KKR-Strategie und trugen entscheidend zur Dynamik der LBO-Welle bei.

Ein Paradebeispiel für die Flexibilität und Agilität von Milkens Junkbondfinanzierungen war die Übernahme von Cole National im Jahr 1984, bei der KKR kurzfristig 100 Millionen Dollar fehlten – Milken organisierte diese Summe innerhalb eines Tages. Junk Bonds waren damit das "Betriebssystem der LBO-Ära".

Die Trennung von Jerome Kohlberg

Parallel zu diesem Wachstum verschoben sich jedoch auch die internen Kräfteverhältnisse innerhalb des Unternehmens. Jerome Kohlberg Jr. bevorzugte weiterhin einen vorsichtigen, risikoarmen Ansatz mit Fokus auf kleinere Transaktionen. Henry Kravis und George Roberts hingegen trieben die Expansion in Richtung größerer und aggressiverer Deals voran. Diese strategischen Differenzen führten schließlich 1987 zum Austritt Kohlbergs aus dem Unternehmen; er wandte sich dem Corporate Lending zu und gründete mit seinem Sohn eine Business Development Company.

Sein Weggang markierte einen Wendepunkt: KKR verabschiedete sich endgültig von seiner konservativen Anfangsphase und entwickelte sich zu einem führenden Akteur im Hochrisiko-Segment der Finanzmärkte.

Ein frühes Beispiel für diese neue Ausrichtung war die Übernahme von Beatrice Companies im Jahr 1986. Der Mischkonzern war stark diversifiziert und KKR verfolgte die Strategie, das Unternehmen in einzelne Geschäftsbereiche zu zerlegen und diese separat zu veräußern. Dieses Vorgehen, das auf der Idee basierte, den sogenannten "Break-up Value" zu realisieren, wurde später zu einem Standardinstrument der Private-Equity-Industrie. Der Beatrice-Deal zeigte, dass KKR nicht nur Finanzstrukturen optimieren konnte, sondern auch aktiv in die strategische Neuausrichtung von Unternehmen eingriff.

Der Beatrice-Deal
KKR hat Beatrice für rund 6,2 Milliarden Dollar übernommen. Die Finanzstruktur entsprach ganz dem Stil der 80er Jahre und bestand aus 400 Millionen Dollar an Eigenkapital, 800 Millionen Dollar an neu emittierten Vorzugsaktien, 3,3 Milliarden Dollar an Bankkrediten sowie 2,5 Milliarden Dollar an Junk Bonds.

Doch die Banken stellten strenge Bedingungen und forderten als Sicherheit für ihre Kredite, dass Beatrice innerhalb von 18 Monaten Vermögenswerte im Wert von 1,5 Milliarden Dollar veräußern müsse. Dies erforderte sofortiges Handeln - und KKR verlor keine Zeit: KKR senkte die Kosten dramatisch, verkaufte Vermögenswerte und tilgte Schulden.

Weniger als 30 Tage nach Abschluss des Deals verkaufte Beatrice verkaufte Avis für 250 Millionen Dollar an Wesray, sparte über 100 Millionen Dollar bei den Gemeinkosten und startete den aggressiven Verkauf von Beteiligungen: Coca-Cola-Botteling brachte eine Milliarden Dollar ein, Playtex 1,5 Milliarden Dollar und zusammen mit weiteren veräußerten Geschäftsbereichen nahm KKR zusammen rund 3,5 Milliarden Dollar an Verkaufserlösen ein. 

Dieses Geld wurde verwendet, um fast alle Bankschulden zu tilgen, die Kapitalstruktur von Beatrice zu stabilisieren und das Risiko der Transaktion frühzeitig zu reduzieren. Nachdem dies gelungen war, setzte KKR die Aufspaltung von Beatrice fort und verkaufte im Lauf der Zeit in mehreren Transaktionen Vermögenswerte im Wert von rund 6,5 Milliarden Dollar.

Im Ergebnis stieg KKRs Eigenkapitalbeteiligung von 400 Millionen Dollar auf rund 2,2 Milliarden Dollar an, generierte also beinahe 2 Milliarden Dollar an Profit!

Doch Beatrice war nur der Anfang, denn nun war Blut im Wasser...

Den Höhepunkt der Übernahme-Ära bildete die Übernahmeschlacht um RJR Nabisco in den Jahren 1988 und 1989 - und wieder mischte KKR ordentlich mit. Ausgelöst durch einen Management-Buyout-Versuch entwickelte sich ein intensiver Bieterwettstreit zwischen verschiedenen Finanzakteuren.

Die Übernahmeschlacht um RJR Nabisco
RJR Nabisco, einem Tabak- und Lebensmittelkonzern, der selbst erst kurz zuvor aus der Fusion des Tabakkonzerns Reynolds mit Nabisco entstanden war. In einer nie dagewesenen Übernahmeschlacht, bei der alle führenden Wall Street Investmentbanken und Anwaltskanzleien gegeneinander und unter wechselnden Bündnissen in die Schlacht zogen, errang am Ende KKR den Sieg – und blätterte damals unvorstellbare 31 Milliarden Dollar auf den Tisch, der Großteil hiervon fremdfinanziert zu üppigen zweistelligen Zinssätzen.

Ausgangspunkt des Ganzen war übrigens, dass Henry Kravitz seinem Bekannten Ross Johnson, CEO von RJR Nabisco, ein MBO schmackhaft machen wollte. Nach über einem Jahr war Johnson schließlich überzeugt, denn der Aktienkurs von RJR Nabisco wollte einfach nicht aus dem Keller kommen. Nur holte er nicht KKR ins Boot, sondern ließ sich auf die American Express-Tochter Shearson ein, die gerade Lehman Brothers übernommen hatte und sich einen Namen in der M&A-Welt machen wollte (Merger & Acquisitions). Da die Investmentbanken und Private Equity-Firmen bei einem solchen Deal zwei- und dreistellige Millionenbeträge an Provisionen verdienen konnten, durfte KKR dies Johnson nicht einfach durchgehen lassen und zog in den Krieg. An der Seite von KKR stand die Investmentbank Drexel Burnham Lambert mit Junk Bond-König Michael Milken – und das wiederum war der Grund, weshalb von Anfang an und bis zum Ende das Kima zwischen allen Beteiligten vergiftet war. Milken dominierte damals den von ihm selbst geschaffenen Junk Bond-Markt und wollte auf keinen Fall einer anderen Investmentbank einen Anteil überlassen.

Funfact am Rande: Einer der engsten Mitarbeiter von Milken war Leon Black (der nie mit Milkens Insider-Deals in Verbindung stand und/oder gebracht wurde) und dieser gründete nach dem Untergang von Milken/Drexel die Private Equity Boutique Apollo Global Management. Aber das ist eine andere Geschichte...

Diese spektakuläre Übernahmeschlacht wurde in dem Beststeller "Barbarians at the Gate: The Fall of RJR Nabisco" verewigt. KKR gewann die Schlacht, bürdete dem Unternehmen die ganzen Schulden auf und spaltete es auf. Nabisco mit den berühmten Oreo-Keksen ist heute Teil von Mondelez. Das Unternehmen stand mit dem Rücken zur Wand und musste sich einer wahren Rosskur unterziehen, bei der viele Angestellte ihre Jobs verloren.

KKR setzte sich schließlich durch und erwarb das Unternehmen für rund 25 Milliarden Dollar – die bis dahin größte Übernahme der Wirtschaftsgeschichte. Der Deal wurde zum Symbol für die Exzesse der 1980er Jahre: extreme Verschuldung, aggressive Verhandlungstaktiken und enorme Gebühren prägten das Bild. Der Börsencrash von 1987 war auf den Beginn des Zusammenbruchs des Junk Bond Markts zurückzuführen und die RJR-Nabisco-Übernahme war auch der Schlusspunkt für die Ära der feindlichen LBOs.

Das mediale Echo war groß und führte auch zu großer Aufmerksamkeit in Washington. Zumal Drexel und Milken sich 1987 bereits mit Anklagen wegen Insiderhandels und Wertpapierbetrugs konfrontiert sahen, die einige Jahre später zu einer langjährigen Haftstrafe für Milken und den Untergang von Drexel führten. Der Zusammenbruch von Drexel Burnham Lambert und der Niedergang von Michael Milkens Junk-Bond-Imperium führten zu einem abrupten Einbruch des Marktes für Hochzinsanleihen.
Für KKR hatte dies gravierende Folgen: Refinanzierungen wurden schwieriger, Bewertungen brachen ein und mehrere Beteiligungen gerieten unter Druck. 1990 tätigte das Unternehmen erstmals seit Jahren keine neuen Investments. Die Krise machte deutlich, wie anfällig stark fremdfinanzierte Strukturen gegenüber externen Schocks sind.

KKR wandelt sich - und auf neuen Wegen

In den 1990er Jahren reagierte KKR mit einem grundlegenden Strategiewandel. Der Fokus verlagerte sich von spektakulären Großtransaktionen hin zu operativer Wertsteigerung und langfristiger Entwicklung von Portfoliounternehmen. Statt Unternehmen zu zerschlagen, setzte KKR zunehmend auf Wachstum, Effizienzsteigerung und strategische Neuausrichtung. Gleichzeitig wurde begonnen, bestehende Beteiligungen zu stabilisieren und Schulden abzubauen, etwa durch Asset-Verkäufe und Börsengänge.

Ein weiterer bedeutender Schritt in der Transformation war der Börsengang von KKR in den 2000er Jahren. Dieser eröffnete dem Unternehmen den Zugang zu einer breiteren Investorenbasis und schuf dauerhafte Kapitalquellen. Die spätere Umwandlung in eine börsennotierte Corporation erleichterte zudem die Aufnahme in wichtige Aktienindizes und erhöhte die Attraktivität für institutionelle Anleger. KKR entwickelte sich zunehmend von einer partnerschaftlich organisierten Investmentboutique zu einem globalen Finanzkonzern.

Der Untergang (beinahe)

Die globale Finanzkrise 2007 bis 2009 stellte das Unternehmen erneut vor große Herausforderungen. Besonders problematisch waren hochverschuldete Beteiligungen wie Energy Future Holdings und First Data, die KKR kurz vor Ausbruch der Finanzkrise für zweistellige Milliardenbeträge und das bei maximalem Leverage (Kredithebel) übernommen hatte.

Während Energy Future Holdings schließlich Insolvenz anmelden musste, stand First Data zeitweise kurz vor dem Zusammenbruch. Diese Fälle verdeutlichten erneut die Risiken hoher Verschuldung in volatilen Marktphasen. Dennoch gelang es KKR, die Krise zu überstehen, unter anderem durch Restrukturierungen, Kapitalzuführungen und die Unterstützung langfristiger Investoren.

Wandel vom Corporate Raider zum Corporate Partner

Die Erfahrungen der Finanzkrise führten zu einem erneuten Wandel in der Unternehmensstrategie. KKR begann, sich bewusst vom Image des aggressiven "Corporate Raiders" zu distanzieren und positionierte sich stattdessen als langfristiger "Corporate Partner". Dieser Ansatz betont die Zusammenarbeit mit Managementteams, nachhaltiges Wachstum und die Schaffung von Mehrwert über längere Zeiträume. Auch Themen wie Umwelt, Soziales und Unternehmensführung gewannen an Bedeutung.

Heute ist KKR ein global diversifizierter Investmentmanager mit Aktivitäten in den Bereichen Private Equity, Infrastruktur, Immobilien, Kreditmärkte und Versicherungen. Die Unternehmensführung liegt bei den Co-CEOs Joe Bae und Scott Nuttall, während die Gründer weiterhin als Executive Chairmen fungieren. Die strategische Ausrichtung basiert auf der Diversifikation der Kapitalquellen, der globalen Expansion und der Etablierung langfristiger Partnerschaften.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist die Integration von Versicherungsplattformen, die stabile und langfristige Kapitalströme liefern. Dadurch hat sich das Geschäftsmodell von KKR weiterentwickelt: Weg von rein transaktionsgetriebenen Gewinnen hin zu kontinuierlichen Erträgen aus langfristig gebundenem Kapital.
Heute präsentiert sich KKR als breit aufgestellten Finanzinvestor, dessen Business auf fünf Säulen ruht. Und in allen Bereichen zu den führenden Playern zählt - weltweit.

Mein Fazit

Die Entwicklung von KKR spiegelt die Evolution der gesamten Private-Equity-Branche wider. Von den experimentellen Anfängen über die exzessiven Boomjahre der 1980er, die Krisen und Anpassungsprozesse der folgenden Jahrzehnte bis hin zur heutigen institutionellen Reife zeigt die Geschichte des Unternehmens eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung. KKR hat es verstanden, aus Krisen zu lernen, seine Strategie kontinuierlich weiterzuentwickeln und sich immer wieder neu zu positionieren.

Heute steht KKR nicht mehr für kurzfristige, aggressive Übernahmen, sondern für eine professionelle, global vernetzte Kapitalallokation. Dennoch bleibt ein zentrales Element unverändert: die konsequente Nutzung von Finanzstrukturen zur Maximierung von Renditen. Gerade diese Kombination aus Kontinuität und Wandel erklärt, warum KKR auch Jahrzehnte nach seiner Gründung zu den prägendsten Akteuren der internationalen Finanzwelt gehört.

"Wir haben KKR 1976 mit dem Ziel gegründet, durch den Erwerb und die Optimierung von Unternehmen langfristige Werte zu schaffen, indem wir gute Unternehmen in großartige verwandeln und so letztlich Alpha für die Investoren generieren, die uns ihr Kapital anvertraut haben."
(Henry Kravis)

Dieser Wandel zahlt sich aus - auch für die Aktionäre, wie ich einer bin, seit ich 2014 erstmals KKR-Aktien erworben habe. KKR hebt sich auch dadurch von seinen Wettbewerbern ab, dass ein Drittel des Unternehmens den eigenen Mitarbeitern gehört. Diese sind also besonders motiviert, KKR zum Erfolg zu helfen. Eigennutz ist seit jeher eine der stärksten Triebfedern und ein prima Motivator.

Disclaimer: Habe Apollo, KKR, Mondelez auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

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