Samstag, 22. April 2017

Warum ich mich öfter mal bremsen muss. Und wie...

Es gibt viele Börsenweisheiten und Bonmots berühmter Investoren und doch stelle ich leider viel zu häufig im Nachhinein fest, dass ich eine ganz entscheidende mal wieder nicht beherzigt habe: cool bleiben. Das ist ärgerlich und nicht selten kostet mich das Geld, weil ich entweder total auf's falsche Pferd gesetzt habe, oder mich mit einem Investment einfach nicht wohl fühle. Und es deshalb verkaufe, mit den entsprechenden Folgen wie Gebühren und Spesen und, im besseren Fall, mit Steuern auf den Gewinn.

Grundsätzlich sollte man langfristig investieren und nicht schnell kaufen und verkaufen. Denn dieses schnelle Hin- und Her ist einer der meist begangenen Anfängerfehler und einer, den man sich noch am einfachsten sparen kann. Man muss schlicht bei der Auswahl seiner Investments behutsamer vorgehen, sich selbst ein wenig bremsen. Mehr braucht es nicht.

»Hat man eine schlaflose Nacht wegen eines Börsenengagements, soll man es sofort auflösen.«
(André Kostolany)

Wenn ich eine Aktie analysiert habe, mir also die Geschäftsberichte der letzten Jahre angesehen und die Bewertung überprüft habe, dann steht am Ende der Mühen oft die Kaufentscheidung. Denn naheliegenderweise treffe ich bereits eine Vorauswahl und suche nach Unternehmen, die in einem Geschäftsfeld tätig sind, das ich verstehe und bei denen ein erster Blick auf die Kennzahlen, wie KGV, Cashflow oder Dividendenrendite eine tiefer gehende Analyse lohnenswert erscheinen lassen.

Natürlich ist es falsch, sich mit dem Kauf einer Aktie für die Mühen des Analysierens dieses Unternehmens zu belohnen. Selbstverständlich sollte man nur dann eine Aktie erwerben, wenn am Ende der Analyse auch objektiv alles für einen Kauf spricht. Und nicht nur ein bisschen oder eben subjektiv, weil man vielleicht schon von vornherein voreingenommen war. Immerhin hat man sich ja eine viel versprechende Aktie ausgesucht und dann viel Zeit und Mühe in die Analyse gesteckt.


Und trotzdem... zu oft entscheide ich mich noch immer subjektiv für ein Investment. Mit der Folge, dass ich mich dann irgendwann nicht mehr richtig wohl damit fühle. Und dann konsequenterweise wieder aussteige. Unter dem Strich, ob es nun ein Gewinn- oder ein Verlustgeschäft war, hätte ich mir sowohl den Ankauf als auch den Verkauf sparen sollen! Gefreut hat sich in jedem Fall mein Broker, der hat zweimal kassiert, ob ich nun Geld mit dem Deal verdient oder verloren habe.

»Ich versuche nie, mit Aktien Geld zu verdienen. Ich kaufe in der Überzeugung, dass die Börse am nächsten Tag auch für fünf Jahre schließen könnte.«
(Warren Buffett)

Weil ich mir also bezüglich meiner eigenen Entscheidungen nicht wirklich über den Weg trauen kann, habe ich mir angewöhnt, mir am Ende des Analyseprozesses, also quasi direkt vor dem Absenden der Kauforder, noch einmal die entscheidende Frage zu stellen: "Will ich diese Aktie fünf Jahre lang behalten? Will ich fünf Jahre lang Miteigentümer dieses Unternehmens sein, Partner dieser Leute?"

Es klingt profan, aber das ist es nicht. Denn durch das bewusste Beschäftigen mit dieser Frage schaffe ich mir einen Kontrapunkt zu dem Wunsch, endlich meine Überlegungen an der Börse auszuprobieren. Denn hier kommt mein Spielnaturell durch, der Wunsch nach "Action", nach Aktivität, dieses Gefühl, das einen Spekulanten von einem Investor unterscheidet - und das mir immer wieder mal Stöcke zwischen die Beine wirft.

»Ich würde Spekulation als Handel definieren, der sich sehr auf die Kursausschläge einer Aktie konzentriert, weil man zum Beispiel denkt, dass die Quartalszahlen sehr gut ausfallen werden oder es einen Aktiensplit geben wird oder die Dividende steigt. Aber man schaut sich nicht die Anlage und die dahinterstehende Bilanz selbst an.«
(Warren Buffett)

Ich überlege also, ob die Bewertung und die guten Geschäftsaussichten des Unternehmens ausreichen, dass ich denen für fünf Jahre mein Geld überlassen und mich dann um dieses Investment nicht mehr kümmern würde. Gerade so, wie Buffett es beschreibt: als wenn die Börse fünf Jahre schließen würde. Und dieser Gedanke bringt mich zwangsläufig zu einem Aspekt, der ganz wichtig ist, aber eben auch schwierig zu beurteilen - und der daher zu oft hinten runter fällt: das Management.

»Good business, good management, good price.«
(Warren Buffett)

Buffett legt extrem großen Wert auf das Management, seinen Charakter, seine Fähigkeiten. Nur wenn er überzeugt ist, dass diese Leute ehrlich sind und fähig, nur dann vertraut er ihnen sein Geld an. Und diese Überlegung sollte auch für einen normalen Investor, der langfristig Investieren will, eine ganze entscheidende sein. Glaube ich, dass das Management dieses Unternehmen durch Krisen steuern kann, dass es sich anzupassen versteht, die Herausforderungen angeht und trotzdem bodenständig genug ist, im Sinn des Unternehmens zu handeln, nicht (nur) im eigenen? Möchte ich Geschäftspartner von diesen Leuten sein?

Wenn ich diese Fragen nicht oder nicht mit "Ja" beantworten kann, dann sollte ich nicht, nein, dann darf ich nicht in dieses Unternehmen investieren! Obwohl es sich vielleicht finanziell auszahlen würde, das kann durchaus sein. Aber für mich ist es nicht das richtige Investment, denn ich werde mir über kurz oder lang die Frage stellen, ob ich mich damit wohl fühle. Ob ich glaube, dass das Problem X für das Unternehmen eine Gefahr darstellt oder die Entwicklung Y negative Auswirkungen haben könnte. Spätestens an dieser Stelle muss ich die Frage beantworten können, ob das Management gut genug und fähig genug ist, diese neuen Herausforderungen anzugehen, um das Unternehmen durch diese Untiefen zu steuern. Und weil ich diese Frage ja irgendwann ohnehin beantworten muss, stelle ich sie mir jetzt gleich am Anfang. Eigentlich sogar kurz vor dem Anfang, bevor ich die Aktien überhaupt kaufe.

Selbstverständlich kann auch ein fähiges Management Fehlentscheidungen treffen und das Unternehmen in eine Schieflage bringen. Auch das ist ja ein Grund, weshalb man nicht alles nur auf eine Karte setzen sollte. Und weshalb man sich ein solides Unternehmen aussuchen sollte mit einem fähigen Management und einer attraktiven Bewertung.

Ein nicht zu unterschätzendes Element bei der Auswahl eines guten Managements kann der Eigennutz sein. Wenn also das Management einen größeren Anteil an dem Unternehmen besitzt, dann hat es eine ganz andere Motivation in Bezug auf dessen nachhaltige Entwicklung, als wenn das Management nur auf die Erfüllung des Vorstandsvertrages und die darin genannten Tantieme-Ziele aus ist. Wer Eigentümer der Gesellschaft ist, der verzichtet eher mal auf eine Chance mit zu großen Risiko, und setzt eher auch auf die langfristigen Entwicklungen, anstatt sich auf kurzfristige Erfolge zu fokussieren.

Ein Erich Sixt, ein Günther Fielmann, ein Warren Buffett oder ein Starbucks Howard Schultz profitieren eben nicht nur von ihrem Vorstandsgehalt, sondern vor allem durch die Erhöhung des Unternehmenswertes ihres eigenen Unternehmens. Und das sind Geschäftspartner, bei denen man gerne mit an Bord sein möchte. Weil man darauf vertrauen kann, dass sie das Unternehmen auch in den nächsten fünf Jahren pfleglich behandeln und weiter entwickeln werden. Ist dann das Unternehmen selbst zu einem attraktiven Preis zu erwerben, dann schlage ich zu . Und nur (noch) dann!

Kommentare:

  1. Herrausragender Artikel. Mir geht es genau gleich. Ich stelle immer wieder fest, dass ich sowohl bei Kauf als auch bei Verkaufsentscheidung noch viel, viel cooler sein könnte. Es gibt idr. keinen Grund zur Hast, es sei denn man fühlt sich wirklich nicht wohl mit einem Unternehmen (wichtig Unternehmen! nicht Aktie).

    Was meiner Meinung nach hilft, wenn man einsehen muss eine schlechtes Investment getätigt zu haben, ist es sich sehr klar und gnadenlos mit seinem Fehler, seiner Dummheit auseinander zu setzen und zu überlegen wie dies hätte verhindert werden können.Ob man zu hastig war, in der Rechersche zu schlampig oder falsche Rückschlüsse gezogen hat, idr. kann man seinen Fehler ausmachen.Das heißt nicht, dass man depressiv werden soll, aber das Gefühl, dass ich was gelernt habe, auch wenn dieses gelernte teuer erkauft ist,lässt mich optimistisch nach vorne blicken,obwohl ich weiß, dass ich auch in Zukunft wieder ein dummes Investment tätigen werde.Langsam aber sicher wird man so ein immer besserer Investor.

    Danke für den Artikel!

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  2. Ja, ein sehr guter Artikel, den man sich am besten langsam - vor jeder Eingabe einer Order-TAN - durchlesen sollte. Eigentlich sollte investieren sehr einfach sein. Was es extrerm schwer macht, ist die notwendige Coolness möglichst selten wirklich aktiv zu werden. Erst Recht, wenn relativ hohe Einsätze im Spiel sind (z.B. mehrere Jahresgehälter)...

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  3. Zitat: »Ich versuche nie, mit Aktien Geld zu verdienen. Ich kaufe in der Überzeugung, dass die Börse am nächsten Tag auch für fünf Jahre schließen könnte.«
    (Warren Buffett)

    Da kommt man schon ins Grübeln, ob man die kommenden 5 Jahre ganz ohne Börse in publity oder Corestate investiert sein möchte...

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    1. Weshalb gibt es aus Deiner Sicht bzgl. Corestate und Publity etwas zu grübeln? Was spricht dagegen, sich für fünf Jahre an diesen beiden Unternehmen zu beteiligen?

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    2. Zu Publity gab es doch den Artikel in der Vorstandswoche, in welcher Volker Glaser behauptete, dass Olek von Publity die publity Vertriebs GmbH für 22 Mio EUR gekauft habe, die er dann nach mehreren Kapitalerhöhung als Consus für das 15-fache an die Börse gebracht hat. Die dabei entstandenen Gewinne aus den Kapitalerhöhungen und dem IPO sind n.m.V. in Oleks Privatvermögen geflossen. Hätte er die Gesellschaft im Besitz von Publity belassen, wären dies Gewinne der Publity Aktionäre gewesen, somit scheint der Gewinn an den Aktionären vorbei gemauschelt worden zu sein. Verstehe ich das falsch bzw. wie schätzt Du das ein?

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    3. Publity ist ein Asset-Manager. Das bedeutet, man betreut anderer Leute Geld. Dieses Geld legt man in Immobilien an. Dabei beteiligt sich Publity jeweils mit etwa 3% an Eigenmitteln an den Investitionen. (Nur) aus diesem Grund kann Publity mit relativ wenig Eigenkapital fast 5 Milliarden AuM (Asset und Management) managen.

      Die Consus ist darauf ausgelegt, Immobilien für den Eigenbestand zu kaufen. Das ist also genau das Gegenteil von einem Asset Manager. Es erfordert ein sehr viel höheres Eigenkapital, da man den Bestand ja nicht komplett fremdfinanzieren kann, sondern allenfalls zu 40%. Bei Geschäftsmodelle passen nicht zusammen!

      Ob Olek nun eine neue GmbH/AG gründet oder eine nicht mehr benötigte von der Publity AG erwirbt, um mit seinem Privatvermögen eine völlig neue Gesellschaft zu gründen, ist doch unerheblich.

      Olek ist halt clever, dass er mit seinen Millionen aus den Publity-Dividenden eine weitere lukrative Firma hochzieht und sich so noch einmal eine goldene Nase verdient. Das kann man ihm neiden, bringt aber nichts. Man kann es auch als guten Geschäftssinn anerkennen. Und zwar genau so lange, wie Publity und seinen Aktionären dadurch kein Schaden zugefügt wird. Und ich sehe hier keine Benachteiligung für Publity-Aktionäre.

      Im Gegenteil: man stelle sich mal vor, Olek hätte verkündet, die Publity würde über eine 100-Prozent-Tochter nun auch noch ein Immobilienbestandsgeschäft aufbauen. Und dazu würde er eine sehr umfangreiche Kapitalerhöhung bei der Publity durchführen. Glückwunsch, wir haben vor einem Jahr gesehen, was eine KE mit dem Aktienkurs angerichtet hat! Das wäre am Markt extrem negativ angekommen.

      So hat Publity im Ergebnis einen weiteren Kunden für seine Research- und Asset-Management-Abteilung und kassiert schöne Provisionen und Gebühren. Und das in einem Bereich, für den man vorher keine Kunden hatte, nämlich für Liegenschaften im kleinen Millionenbereich.

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  4. Sehr schön, wie Sie das gefühlte Dilemma in Worte gefasst haben. Mein Problem ist weniger, cool zu bleiben, wenn einmal ein Kurs fällt - das kann man mit einem breit gestreuten Depot aus ETF und auf Buy and hold ausgerichteten Einzeltiteln aussitzen. Da würde ich eher versuchen, die Bargeldreserven strategisch einzusetzen. Auch wenn die ganze Börse fällt, weiß man ja zumindest rational, was passiert.

    Aber wie unterscheidet man den Flop des Einzeltitels von der Kaufgelegenheit? Neben den "Langweilern" der Kategorie "sichere Bank" sind bei mir auch ein paar wenige deutlich spekulativere Investments dabei. Nicht immer ist ja der Angriff einer halbseidenen Analysten-/Shortietruppe erkennbar, wie das bei Aurelius oder Wirecard war. Manchmal ist was dran, manchmal nicht. Siehe z.B. Dialog.

    Rational kann man auch dort agieren - und Sie helfen da ja bei vielen Titeln mit Ihren Analysen, wofür ich Ihnen sehr dankbar bin, auch weil sie flüssig zu lesen sind. Aber es ist beim Einzeltitel gefühlt ungleich schwerer, ruhig zu bleiben, oder eben die Reißleine zu ziehen, wie Kollege Powell oben beschrieben hat.

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  5. Achso- Na klasse!!
    Man sieht es - bei der ach so tollen Aurelius-Einstiegsempfehlung!
    Gute Nacht und schöne extreme Verlustträume!

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    1. Heute schonmal auf den Aurelius-Kurs geschaut?? So darf es weitergehen :-) ...

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    2. Meine Erstempfehlung erfolgte zu 10,93 Euro (splitbereinigt). Weshalb ich da "Verlustträume" haben sollte, erschließt sich mir nicht. Und ob Aurelius sich nach der Short-Attacke und den heutigen "Gegenmaßnahmen" nicht auch noch für die erst später eingestiegenen auszahlen wird, bleibt abzuwarten...

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