Samstag, 28. Dezember 2019

Mein Abschied von Square und Shopify

Zum Jahresende habe ich mir die Zeit genommen und meine Positionen überdacht unter mittelfristigen Gesichtspunkten. Dabei sind mir zwei Werte unter das Messer geraten, die ich noch gar nicht so lange an Bord habe, die ich allerdings auch überwiegend als Ergänzung zu bestehenden Sektorpositionen aufgenommen hatte. So ein bisschen im Widerspruch zu Warren Buffetts Ratschlag, sich nicht auf die zweit- und drittbesten Unternehmen einzulassen, wenn man auch die besten kaufen kann.

In diesem Fall trifft es den Zahlungsdienstleister Square und den kanadischen Webshop-Plattformbetreiber Shopify, die nun beide von meiner Beobachtungsliste fliegen.

Shopify

Shopify hatte ich Anfang 2019 gekauft nach dem heftigen Rücksetzer im Schlussquartal 2018. Eine kleine Position nur, die ich dann Mitte des Jahres aufgestockt habe, nachdem sie sich rasant entwickelt hatte. Seitdem führe ich sie auch auf meiner Beobachtungsliste und die Aktie hat keineswegs enttäuscht.

Meine Überlegungen waren, dass Shopify sich als "Anti-Amazon-Unternehmen" eine Nische erobert hat und dass der Schritt Richtung Fulfillment weitere Dynamik entfalten würde. Inzwischen habe ich hier einige Bedenken bekommen, jedenfalls auf mittlere und lange Sicht. Amazon führt das One-Day-Delivery ein und damit hat man Prime noch viel attraktiver gemacht - was im Umkehrschluss bedeutet, dass diese neuen Prime-Mitglieder woanders weniger (online) einkaufen. Gleichzeitig rüstet auch Walmart weiter auf, und die haben reichlich Firepower, auch wenn sie eigentlich nicht wirklich was gerissen bekommen (ertragsseitig, was das Online-Business angeht). Und Spezialisten wie Etsy, aber auch eBay machen das Leben für unabhängige Webshops immer schwerer. Und dann werden die Chinesen auch in den USA Fuß fassen, allen voran Alibaba, und die werden alle mit ihren enormen Cashflows und Rücklagen den Wettbewerb massiv anheizen - wer sich nicht auf diese Plattformen einlässt, der wird kaum alleine bestehen können. Die Kosten für Werbung abseits der Plattformen für den eigenen Webshop werden viele nicht (mehr) stemmen können. Und spätestens wenn Google (Alphabet) und Facebook richtig ernst machen mit eigenen Shoping-Angeboten, dann dürfte für die kleinen endgültig die Totenglocke schlagen. Vielleicht noch nicht zum letzten Mal, aber das Ende ist absehbar. Und damit schrumpft auch das Wachstumspotenzial für Shopify.

Ich habe mich daher von der extrem hoch bewerteten Aktie von Shopify getrennt, weil ich fürchte, dass die Wachstumsraten bald nicht mehr zur hohen Bewertung passen, und weil ich bei Wettbewerbern (z.B. Amazon, Alphabet, Facebook, Costco) bessere Chance-Risiko-Verhältnisse sehe. Und eBay also Sondersituation und möglichen Übernahmekandidaten habe ich ja auch noch an Bord. Nach fünf Monaten streiche ich satte 29% an Kursgewinnen ein. Ziemlich gut...

Square

Den Zahlungsdienstleister Square habe ich mir nach enttäuschenden Quartalszahlen und einem satten zwanzigprozentigen Kurssturz ins Depot geholt. Und schaut man auf den Kurs, hat sich da nicht wirklich viel getan. Meine Überlegung war, neben PayPal auch noch auf deren schärfsten Konkurrenten bzgl. Venmo zu setzen, dem großen Wachstumstreiber von PayPal. Mit seiner Cash-App ist Square sehr gut positioniert und schwer zu schlagen. Kürzlich ist allerdings Sarah Friar von Bord gegangen, die bei Square seit 2012 für alle Produktinnovation verantwortlich war, und das könnte das Unternehmen um seine Innovationskraft bringen.

Im Grunde gilt bzgl. Square das gleiche wie bei Shopify: weshalb auf den zweitbesten setzen, wenn man auch den besten kaufen kann. Und im Payment-Sektor bin ich breit aufgestellt mit MasterCard als einer meiner größten Positionen, ergänzt um PayPal, Opera, MercadoLibre. Und, nicht zu vergessen, Alphabet (GooglePay), Amazon und Facebook, die hier eigene Dienste anbieten, sowie Wirecard. Des Weiteren würde ich mich sehr wundern, wenn Microsoft den Payment-Sektor weiterhin so vernachlässigen und sich nicht auch bald stark positionieren würde. Ich bin also gut investiert in diesem Bereich und Square wäre natürlich unter dem Aspekt Übernahmephantasie weiterhin haltenswert. Aber das ist mir als Investmentcase zu wenig und ich setze lieber auf die bewährten und weiterhin aussichtsreichen Platzhirsche in meinem Depot. Daher endet meine Liaison mit Square an dieser Stelle; nach knapp viereinhalb Monaten verbleibt ein Minus von knapp einem Prozent.

Disclaimer
Ich streiche daher Shopify und Square von meiner Beobachtungsliste und aus meinem Depot.

Kommentare:

  1. Jack Dorsey zu Square: Ich habe viele Leute gesehen, die Lösungen für Teile des Ökosystems gebaut haben, aber nur sehr wenige, die ein echtes Ökosystem aufgebaut haben, und das ist es, was uns weiterhin auszeichnet, sowohl auf der Verkäuferseite als in jüngster Zeit auch auf der Kassenseite.

    Leider verstehen viele Investoren das Square Ecosystem nicht wirklich (das war bei SBUX/AMZN auch nicht anders). Square kratzt zur Zeit gerade mal etwas an der Oberfläche besonders, bei der Int. Expansion...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ökosysteme können auch kippen. Wie stehst Du zu dem Abgang von Sarah Friar? Immerhin war sie es doch, die seit 2012 für alle Produktinnovation verantwortlich von/bei Square verantwortlich war, nicht Jack Dorsey.

      Löschen
    2. Rudolf Rentier30.12.19, 21:15

      Als Bill Gates aufhörte Codes zu schreiben, hätte man also sofort aus Microsoft raus müssen?
      Ich bin auch ziemlich sicher, dass Jeff Bezos nicht eigenhändig an der Amazon-Cloud werkelt.
      Square gibt es seit 2009. Dorsey hat es gegründet, und ich habe keine Ahnung, wer vor 2012 für Produktentwicklung zuständig war. Bis zu diesem Artikel wusste ich auch nicht, wer seit 2012 zuständig war. Mag also sein, dass die Dame sehr gut ist. Sie ist wahrscheinlich trotzdem weniger unersetzlich als der Kopf hinter dem Unternehmen. Natürlich ist so ein Wechsel ein Risiko. Eine Chance aber auch.
      Wir werden sehen. Meine Square Position ist ja nicht allzu groß (lumpige 200 Stk.), also sehe ich keinen Grund, jetzt auszusteigen.

      Löschen
    3. Das Problem ist ja eher, dass Jack demnächst für 3 Monate nach Afrika zieht und ganz nebenbei auch noch CEO von Twitter ist:
      https://www.profgalloway.com/twtr-enough-already

      Part-time CEO... darf sich sonst nur Elon Musk leisten :-)

      Löschen
    4. Rudolf Rentier07.01.20, 19:19

      Bei Elon funktioniert es. ;-)

      Löschen
  2. Genau meine Meinung, ich setze auch auf die Besten. Schliesslich muss man seine Wahl treffen, man kann ja leider nicht in alle interessanten Titel investieren. Ein großes Lob für Deinen Blog, ich lese immer wieder gerne hier und hole mir auch viele Tipps ab. Also weiter so und vielen Dank.
    VG
    Harald

    AntwortenLöschen