Sonntag, 16. Februar 2020

Leserfrage: "Wie ist es Dir gelungen, Dein 'Hobby Börse' zum Beruf zu machen und finanziell unabhängig zu werden?"

Kürzlich erreichte mich eine Leserfrage von Daniel, wie es mir gelungen sei, mein "Hobby Börse" zum Beruf zu machen und finanziell unabhängig zu werden.

"Hallo Michael, ich finde Deinen Blog absolut inspirierend und super vielseitig. Mir gefällt die Mischung aus großen US-Technologie-Aktien und deutschen Nebenwerten sehr gut da ich ähnlich aufgestellt bin.

Kurz zu mir: Ich bin Anfang 30, habe ein Buy-and-Hold-Aktiendepot im unteren sechsstelligen Bereich und bin fest gewillt zu meinem 40. Geburtstag Millionär zu werden. Meine Aktienstrategie sind Dividendenwachstums-Unternehmen mit geringer Einstandsdividende und hohen jährlichen Dividendensteigerungen, z.B. Starbucks, Sartorius, etc.

In Deinem Jubiläumsartikel vom 21. November 2019 hattest Du geschrieben, dass Du es geschafft hast Dein Hobby zum Beruf zu machen. Mich würde brennend interessieren wann und wie Du den Absprung in die Selbstständigkeit geschafft hast? Hattest Du „einfach“ ab einer gewissen Vermögenssumme Deinen Job gekündigt, sodass Du von Dividenden leben konntest? Oder war ein erfolgreiches Nebenbusiness ausschlaggebend?"

Da dies nicht die erste Frage in dieser Richtung ist, stelle ich meine Antwort (und halbe Lebensgeschichte) hier für alle Interessierten ein.

Aktien und Börse faszinieren mich seit vielen Jahren, eigentlich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, also 1985. Ich habe auch deshalb eine Banklehre gemacht, um dem Thema aus der anderen Sicht auf den Grund gehen zu können. Allerdings besteht das Bankwesen ja aus viel mehr als nur Wertpapieren und daher habe ich in dieser Branche nicht meine Zukunft gesehen. Wobei mir die Kenntnisse, gerade auch im Kreditgeschäft und über Immobilien usw. immer wieder helfen, Sachverhalte und Zusammenhänge zu verstehen.

Während des Neuen Marktes war ich schon einmal auf dem Weg zu finanzieller Unabhängigkeit; neben den hohen Kursgewinnen hatte ich noch ein (sanierungsbedürftiges) Wohn- und Geschäftshaus in der Nähe von Leipzig und aus beidem generierte ich einen üppigen Cashflow. Durch die hohen Investitionen in das Haus und den wirtschaftlichen Zusammenbruch in Ostdeutschland nach der Wende schrumpfte meine Marge dort allerdings schnell zusammen. Hohe Kredite, hohe Zinskosten und sinkenden Mieteinnahmen (häufiger Mieterwechsel und zunehmender Leerstand) wurden immer mehr zum Problem und gleichzeitig crashte der Aktienmarkt. Erst das Platzen der Dotcom-Blase, dann die Terroranschläge von 11. September 2001. Meine beiden Haupteinnahmequellen standen also gleichzeitig unter Stress und mit der finanziellen Unabhängigkeit wurde es eng.

Nach meiner Banklehre hatte ich Volks- und Rechtswissenschaften studiert. Und mich währenddessen mit zwei Geschäftspartnern (ebenfalls Studenten) als Immobilienmakler selbständig gemacht. Aus dem Job habe ich zu der Zeit den Großteil meines Lebensunterhalts bestritten und das war schon hart. Es kann sich heute keiner mehr vorstellen bzw. erinnern, aber in den 1990ern und den 2000ern ging es wirtschaftlich in Deutschland rapide bergab, Deutschland wurde als „der kranke Mann Europas“ bezeichnet, kaum Wirtschaftswachstum, 5 Millionen Arbeitslose, zunehmende Firmenpleiten und stagnierende bis fallende (!) Immobilienpreise bei steigender Inflation und steigenden Zinsen. Damals war es ziemlich schwierig, Wohnungen zu vermieten oder zu verkaufen, selbst in Hamburg und dem Umland. Wenig Interessenten, zu hohe Preise/Mieten.

Da ich seit 1999 zusätzlich auch noch als selbstständiger Unternehmensberater tätig war, wurde das einige Jahre lang meine Haupteinnahmequelle. Denn 2008 kam die Immobilien- und Finanzkrise. Die brach mir fast das Genick. Meine Immobilienkredite liefen aus (die Zinsbindung) und meine Bank weigerte sich, diese zu verlängern. Haus in Ostdeutschland, sinkende Mieteinnahmen, relativ hoher Investitionsstau (Baujahr 1545, das saniert man als Student mit begrenzten Eigenmitteln nicht mal eben so nebenbei) und die Folge war, dass ich anstelle der 6% bis 6,5% auf einmal Zinsen für täglich fällige Forderungen zahlen musste, also Giro-Konditionen. Und bei mehr als einer halben Million Euro Kredit macht es schon einen gewaltigen Unterschied aus, ob man 6% bezahlen muss an Zinsen oder 11% (beides natürlich kein Vergleich zu den heutigen knapp 1%). Da die Bank während der Bankenkrise selbst enorme Verluste schrieb, war sie auch nicht gerade entgegenkommend, sondern forderte von mir das Geld zurück. Legitim, aber existenzbedrohend.

Da die Aktienmärkte damals auch gerade implodierten, konnte ich hieraus auch nicht quer subventionieren, so dass ich irgendwann die Raten nicht mehr vollständig zahlen konnte. Und die Bank stellte die Kredite daraufhin fällig – was bedeutete, dass ich von dem Moment an Zinsen zahlen musste wie bei einem überzogenen Girokonto, also 15%. Und „meine“ Bank nutzte gleich auch noch eine weitere Chance und reichte meinen Kredit fast im gleichen Atemzug  an einen Finanzinvestor weiter, der seine Forderungen sofort ins Grundbuch eintragen ließ – was bei meinen Verhandlungen mit anderen Banken zu einem weiteren Hemmschuh wurde, weil die hierin (zurecht) ein Bonitätshemmnis sahen. Das machte die Sache nicht einfacher.

Doch auch der Finanzinvestor selbst geriet in Finanzprobleme (ich empfand das irgendwie als ausgleichende Gerechtigkeit) und wurde mir gegenüber konzilianter; die ursprünglichen unerbittlichen Forderungen wurde zunehmend weicher und flehentlicher formuliert, die wollten auch nur noch raus aus dem Dilemma.

Am Ende konnte ich mit dem Finanzinvestor einen Vergleich schließen (den habe ich selbst entworfen, da kamen mir meine Erfahrungen aus Banklehre und Jurastudium sehr gelegen): die haben auf einen Teil der überhöhten Forderungen (vor allem auf die horrenden Zinsen) verzichtet, und ich habe das Haus verkauft (deutlich unter Wert) und noch fast mein gesamtes Restvermögen (Lebensversicherung, Aktiendepot) versilbern müssen, um die Differenz auszugleichen. Das hat mir beinahe körperliche Schmerzen bereitet, denn ich habe auf dem Hochpunkt der Finanzkrise und fast am Tiefpunkt der Aktienmärkte meine Aktien verkaufen müssen, als ich doch lieber kaufen wollte. Zu diesem Zeitpunkt war das Thema finanzielle Freiheit für mich komplett abgehakt, auch wenn der Vergleich mir letztlich einen Neuanfang ermöglichte; zumal sich der von mir formulierte Vergleich ziemlich bewährt hat, denn am Ende musste ich unterm Strich weniger bezahlen, als die gegenseite sich das gedacht hatte).

Trotzdem waren meine finanziellen Möglichkeiten von da an erstmal eingeschränkt, gelinde gesagt. Ich habe dann meine Kosten gesenkt und alles an Geld zusammengekratzt, was ich finden konnte (altes Silberbesteck verkauft usw.) und damit wieder Aktien erworben. Das war Ende 2010 und ein Jahr später habe ich dieses Blog gestartet. Die Immobilienfirma hatte die schwere Zeit auch nicht schadlos überstanden und einen schönen Verlustvortrag aufgebaut – ich wollte meine Anteile an meinen verbliebenen Geschäftspartner verkaufen, weil ich mich aus dem Immobilienbereich komplett zurückziehen wollte. Das zog sich mehr als zwei Jahre hin, weil der nicht aus dem Quark kam. Und dann wollte er nicht mehr. Da habe ich die Chance ergriffen und seine Anteile übernommen, während er das operative Geschäft in seine andere Firma übernahm und dort weiterführte. Ich hatte Anfang 2014 nun eine GmbH ohne Geschäftsbetrieb, aber mit negativem Eigenkapital und einigen Verlustvorträgen. Also habe ich mein damaliges privates Wertpapierdepot in die GmbH übertragen, deren Eigenkapital schlagartig wieder positiv war und in den letzten Jahren die Verlustvorträge aufgebraucht, weil ich ansehnliche Renditen mit Aktien erziele.
»Ein Börsenspekulant, der in seinem Leben nicht mindestens zweimal pleite war, ist dieser Bezeichnung nicht würdig.«
(Andrè Kostolany)
Rückblickend betrachtet, habe ich früher (zu) oft spekuliert. Heute investiere ich, bin nicht mehr auf schnelle Kursgewinne aus, sondern auf stetige Vermögensmehrung.

Inzwischen sind meine privaten (Neben-) Einkünfte wieder so hoch, dass ich kein Geld mehr aus der GmbH ziehen muss; ein externes Büro hat die Firma auch nicht mehr, das spart natürlich auch schon mal eine Menge Geld. Daher steht fast der komplette Cashflow für Investments zur Verfügung (abgesehen von den Kosten, die eine GmbH verursacht, wie Jahresabschluss, Steuerberater, Handelsregister, LEI usw.). Neue Mandate als Unternehmensberater nehme ich schon länger nicht mehr an, ich betreue sporadisch nur noch einige kleinere „Altfälle“. Ich habe mich ab 2014, also seit Start meiner "privaten Vermögensverwaltungsfirma", zunehmend und fast völlig auf Aktien und das Investieren fokussiert, weil es das ist, was mir Spaß macht und was ich machen möchte. Alles andere diente immer nur dem Zweck, das Wesentliche zu finanzieren – hat aber letztlich auch zu Kollateralschäden geführt, die das Investieren negativ beeinträchtigt haben. Das habe ich aber erst viel zu spät erkannt.

So hatte ich Ende der 1990er Jahre die Chance, die Immobilie mit schönem Gewinn zu verkaufen; meine Investition hätte ich dabei fast verdreifacht, aber wegen der drohenden Steuern wäre davon mehr als ein Drittel wieder weg gewesen, ein weiteres Drittel für die damals noch überschaubaren Immobilienkredite. Dummerweise hat mich die drohende Steuerlast abgeschreckt und ich habe mich deshalb nicht ernsthaft (genug) mit dem Thema befasst; ein klassischer Fehler, was Howard Marks als „First-Level-Thinking“ bezeichnet. Der erste Gedanke, der erste Impuls ist nicht immer der beste und daher sollte man lieber tiefgründiger über wichtige Entscheidungen nachdenken. Andererseits hätte ich den Verkaufserlös vermutlich am Aktienmarkt 2000-2003 oder 2008 deutlich eingedampft. Aber wie ich da ohne Immobilie und hohe Kreditschulden durchgekommen wäre, bleibt wohl Spekulation. Meine Erfahrungen über Risiken und Kredite in Verbindung mit Aktien hätte ich dann jedenfalls nicht in diesem Maß gemacht und im Nachhinein betrachtet muss ich sagen, dass es letztlich sehr gut angelegtes Lehrgeld war. Kredit finanzierte Aktiengeschäfte (aber auch Immobilien) sind mit erheblichen Risiken verbunden und man unterschätzt die Gefahr, weil man nur auf die Chancen blickt. Ich weiß das, weil ich es gleich zweimal gemacht/erlebt habe. Andere wissen/glauben das nicht und die müssen dann halt ihre eigenen Erfahrungen machen. Ich will ja niemanden belehren.


Okay, der Text ist jetzt eindeutig viel länger geworden als gedacht. ツ Aber ich stelle fest, dass man (auch ich) mit zunehmendem Alter immer öfter ins Geschichtenerzählen verfällt. Hat mich bei meinen Großeltern immer genervt, aber da haben mich die Themen auch nicht interessiert. Wobei ich mit meinem Aktienanekdoten in meinem Bekanntenkreis auch nicht wirklich punkten kann. Da gelte ich eher als skurril, dass ich mit sowas "Windigem" wie Aktien und Börse beschäftige...

Ich hoffe, ich konnte Deine Frage(n) halbwegs beantworten. Einen stringenten Weg habe ich nicht verfolgt, auch wenn das von außen rückblickend betrachtet so aussehen mag. Mit fast 50 Jahren ist das allerdings etwas, was ich bereue: ich habe mir als junger Mensch nie die Frage gestellt, welches Ziel ich habe und was ich wirklich will. Um dann zielgerichtet darauf hin zu arbeiten. Ich habe immer die sich bietenden Chancen ergriffen und daraus etwas zu machen versucht. Und mich dabei leider auch auf meinem eigentlichen Weg immer mal wieder verzettelt. Was ich damals nicht erkannt habe, mir heute aber völlig klar ist. (Erst) nachdem ich mein Ziel erreicht hatte, wurde mir klar, dass dies schon immer mein Ziel gewesen ist. Auch deshalb schreibe ich so gern darüber, weil es für mich so viel mehr ist als bloß Geld zu verdienen: ein Stück Lebensfreude.

Kommentare:

  1. Toll!!! Gescheitert, nicht aufgegeben und weiterhin Vollgas gegeben. Das macht erfolgreiche Menschen aus. Zu dem Fragensteller --> ebenso bemerkenswert was du mit Anfang 30 aufgebaut hast. Da wir beide hier schonmal in einer ähnlichen Situation stecken, melde dich mal bei mir! Bzw. antworte hier mal unter meinem Post.

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    1. Finde ich auch, absolut beeindruckend!
      Ja gerne, meine Email siehst du im meinem Namen/Profil.

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  2. Hat das Geld Ende 2010 gereicht für ein ordentliches Aktiendepot?? Mit welchen Einkünften hast du deine laufenden Kosten (Miete etc.) bezahlt?? Respekt vor dem Comeback!

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    1. Nein, für ein "ordentliches" Aktiendepot hat das Geld Ende 2010 nicht gereicht. Ich habe klein wieder angefangen und meine Kosten/Ausgaben massiv reduziert, um eine möglichst hohe Sparquote zu erzielen, die ich dann komplett in Aktien angelegt habe. Der heftige Kursrücksetzer Ende 2011 half mir dabei, weil ich damals noch in der Phase des Analysierens war, so dass ich eine vergleichsweise hohe Cashquote hatte und die günstigen Kurse dann zum Einstieg nutzen konnte; zunächst überwiegend in deutsche Nebenwerte (Datagroup, Dresdner Factoring, MBB, Villeroy & Boch, Steico). Unternehmerische Einkünfte habe ich damals v.a. über die Unternehmensberatung erzielt.

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    2. Danke für die Antwort! Ich kann mich auch noch damals an die Zeit 2009,2010 und 2011 erinnern. Wollte eigentlich nachkaufen, aber überall waren Hiobsbotschaften zu lesen, dass es bald crasht und sich die Aktienmärkte halbieren und die Eurozone auseinanderfällt usw. Viele der damaligen Crashpropheten sind auch heute noch aktiv. Habe daher einiges an Kursgewinnen verpasst. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass wir heute da stehen wo wir stehen...Naja habe für mich mitgenommen nicht auf die Crashpropheten mehr zu hören und sich auf die Unternehmen und deren Zukunftsaussichten zu konzentrieren. Dein Blog hilft mehr sehr dabei und habe auch einiges gelernt aus deinen Ergüssen. :)

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    3. Auf Crash-Propheten zu hören, zahlt sich richtig aus - für die Crash-Propheten. Alle anderen zahlen meistens drauf. Oder wie Börsenlegende Bernard Baruch es mal formulierte: "Die Bären machen Schlagzeilen, die Bullen machen Geld".

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  3. Hallo Herr Kissig, ich bin ein großer Fan ihres Blogs! Nochmals vielen Dank für Ihre Antwort zu Dic Asset! Ich stehe noch weit am Anfang meiner Investorkarriere. Ich finde Ihre angepeilte Rendite von 15 % p.a sehr beeindruckend. Gerade mit einem kleinen Depot stehe ich oft vorm Problem, dass Werte wie Amazon recht schnell eine hohe Gewichtung mit Risko einhergehen und die Angst vorm Verlust überwiegt und das hat mir im nachhinein recht viel Rendite gekostet. Die richtigen Ideen fehlen mir weniger. Wenn ich mir selbst auf die Finger klopfe, sollte ich mir auf die Diversifkation achten. Bisher habe ich ganz gute Erfahrungen mit ETFs (Arero World) gemacht, aber damit wird man nie besser als der Durchscnitt abschneiden - besser immerhin als der Zins auf der Bank und es kostet weniger Arbeitet.

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    1. "Die Angst vor Verlust"... davon sollte man sich beim Investieren frei machen. Kursverluste gehören dazu, selbst die besten Investoren liegen selten in mehr als 55% der Fälle richtig. Daher sollte man sich auf die relativ sicheren Investments konzentrieren und nicht auf die gehypten Hot-Stocks, Kursraketen, Renditeknaller usw. Ich habe auch erst mit der Zeit herausgefunden, dass ich mit Quality Investments am besten fahre: überdurchschnittliche Renditen bei geringerem Risiko. Allerdings muss man dabei ertragen, dass man nicht die Heißesten, angesagtesten Aktien hat und dass andere (vermeintlich) cleverer sind, wenn sie von ihren Kursraketen berichten. Die ganzen Rohrkrepierer erwähnen sie nicht, dabei sind die der Preis dafür, dass man auch mal die Granaten im Depot hat. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich die Aktien behalten müsste für eine längere Zeit, während die Börsenkurse auf Talfahrt gehen. Und bei den Qualitätsunternehmen mit hohem Cashflow, hohen Barmitteln, breitem Burggraben, da habe ich damit überhaupt keine Probleme. Damit bin ich Ende 2018 ziemlich entspannt durch die drei Monate der heftigen Kursrückgänge gesegelt. Mit z.B. Microsoft, MasterCard, Adobe, Alphabet, Amazon. Klar, die Kursverluste sehen nicht schön aus im Depot, aber es sind halt nur Buchverluste. Die Aktie stellt ja einen Wert dar, einen Anteil an dem jeweiligen Unternehmen. Und dieser Gedanke beruhigt, weil Microsoft in einer Krise nicht umfällt, weil MasterCard trotz Corona-Virus weiter hervorragende Geschäfte macht, weil Amazon von mehr Online-Shopping, mehr Cloud-Anwendungen und immer mehr Prime-Nutzern weiter profitiert, auch wenn es mal in der Wirtschaft kriselt oder die Kurs nachgeben. Diesen Unternehmen geht nicht so schnell das Geld aus, daher kann man mit denen ohne Panik durch schwere See steuern. Und die vorübergehenden Kursverluste aussitzen. Bei einer gehypten "Wasserstoffperle" ohne Aussicht auf operative Gewinne oder dem neusten Softwarestartup sieht das anders aus. Das ist eine meiner Lehren aus der "New Economy" vor 20 Jahren, als die Buden dann reihenweise pleite gingen, als keiner mehr frisches Geld nachgeschossen hat. Sowas darf man immer nur als Beimischung im Depot haben, sonst brechen einem diese Klitschen irgendwann mal das Genick - egal, wie aussichtsreich die vorher aussahen und welche Kursexplosionen die mal hingelegt hatten. Entspannt reich werden, mit Qualitätsunternehmen. Und wenn die einen relativ hohen Depotanteil haben, dann kann man auch damit entspannt(er) umgehen... ;-)

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    2. Diesen Abschnitt kannst Du fast 1:1 in die Börsenweisheiten kopieren. Man merkt, dass da 20 Jahre Börsenerfahrung enthalten sind. Es passt zu Graham's Rat, immer zuerst auf die Risiken zu schauen und erst dann auf die Chancen. Denn wenn man einen Wackelkandidaten im Depot hat, von dem man selbst nicht so recht überzeugt ist oder bei dem plötzlich etwas eintritt, was man vorher als Risiko nicht bedacht hat, wird man ihn beim ersten Gegenwind mit Verlust verkaufen. Und dann ggf. den Wiederanstieg verpassen. Nur wenn man überzeugt ist, dass das Unternehmen jede Krise durchstehen wird, bleibt man am Ball und kann etwaige Buchverluste mehr oder weniger entspannt aussitzen.

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  4. Daumen hoch Michael. Anständig!

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  5. Hallo Michael, danke für diesen offenen Einblick in deine "halbe Lebensgeschichte". Hier trifft wirklich zu: Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, Weitergehen ...

    Das hast du sehr beeindruckend beschrieben. Manche würden in so einer Situation nicht mehr aufstehen und sich in die soziale Hängematte fallen lassen oder einfach nur noch in einem freudlosen Angestelltenjob ohne Risiko weiterarbeiten.

    Als Kern vom Kern sehe ich diesen Satz: "Rückblickend betrachtet, habe ich früher (zu) oft spekuliert. Heute investiere ich, bin nicht mehr auf schnelle Kursgewinne aus, sondern auf stetige Vermögensmehrung."

    So erfahrene "Hasen" wie dich wird es brauchen, wenn der nächste wirklich große Crash kommt. Danke, für dein großartiges Engagement auf diesem Blog!

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  6. mit sehr hoher Aufmerksamkeit verfolge ich Ihren Blog bereits seit 2 Jahren. Ich finde es sehr gut, wie sie immer sachlich bleiben und versuchen die Situation Neutral zu Analysieren. Irgendwelche Lobeshymnen wird man bei Ihnen nie finden. Dieser Artikel spiegelt genau das wieder. Sie stellen sich nicht in den Vordergrund, sondern teilen uns allen ihre Erfahrungen, egal ob positiv oder negativ mit, damit wir daraus lernen können. Tausend Dank dafür.

    Da Sie ja bereits einige Börsenjahre "auf dem Buckel" haben und einige Hypes und Blasen mitgemacht haben, würde mich mal ihre Meinung zum Thema Wasserstoff interessieren. Sie haben im August mal einen Artikel darüber geschrieben. Seitdem haben sich die Kurse vervielfacht. Steuern wir auf eine gigantische Blase zu oder erfolgt das alles sogar mit Nachhaltigkeit. Vielleicht schreiben Sie ja auch nochmal einen Artikel dazu, denn das Thema gewinnt immer mehr an Fahrt.

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    1. Wasserstoff kann eine sehr wichtige Energiequelle werden, allerdings gibt es eben auch einige nicht gerade kleiner Hürden. Erst neulich las ich wieder den Anfang einer "Analyse" zum Thema, die mit den Worten begann, Wasserstoff sei die ultimativ saubere Energiequelle und Wasserstoff stehe in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Da schüttelt es mich gewaltig, denn wenn man über die entscheidenden Details einfach so hinweggeht, dann sind alle weitere Ausführungen und Schlussfolgerungen genauso ein Mist. Denn Wasserstoff ist überhaupt keiner vorhanden auf unserem Globus, jedenfalls nicht "pur". Das kann man innerhalb einer Sekunde bereits bei Wikipedia erfahren. Vor allem das Suggerieren der Gleichheit von Wasser und Wasserstoff führt natürlich zu aberwitzigen Phantasien.

      Ich finde die Entwicklung im Bereich regenerativer Energien sehr spannend. Ich kann überhaupt nicht abschätzen, was sich dabei durchsetzt, für welche Anwendung und in welchem Zeitraum. Und selbst wenn sich Wasserstoff am Ende gegen alles andere final durchsetzen sollte, dann ist heute noch überhaupt nicht absehbar, welches Unternehmen daran wirklich verdienen wird. Es gab früher einmal hunderte (tausende?) Eisenbahngesellschaften; die meisten davon gingen pleite und/oder wurden billig aufgekauft. Später passierte das selbe mit den ganzen Automobilunternehmen. Obwohl sich die Erfindung, die Technik durchgesetzt hat, haben unzählige Menschen mit den beteiligten Unternehmen Geld verloren.

      Warren Buffett hat das Dilemma mal treffend auf den Punkt gebracht: "Der Schlüssel zum erfolgreichen Investieren liegt nicht in der Frage, wie sehr eine Industrie die Gesellschaft beeinflusst oder ob sie wachsen wird, sondern darin, herauszufinden ob ein bestimmtes Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil hat, und wenn ja, wie lange dieser anhalten wird."

      Oder mal ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: wer kann noch einige Suchmaschinen benennen, die nicht Google sind? Es gab mal eine Vielzahl von denen, die vor 20 Jahren an der Börse viel Geld einsammeln konnten und fast alle vom Markt verschwunden sind. Oder wer kann noch die "erfolgreichen" Internetbuchhändler von vor 20 Jahren benennen? Übrig geblieben ist fast nur Amazon, aber es gab mal eine ganze Menge davon. Es war auf Dauer nicht einträglich, auf Altavista, Lycos, bücher.de, buch.de, bol.de zu setzen als Investor oder auf ricardo.de oder selbst auf Urgestein Yahoo.

      Zurück zum Wasserstoff: einfach mal den Chart von Ballard Power aufrufen. Auf 5 Jahressicht sieht man vier Jahre lang Siechtum und dann einen Raketenstart mit Kursvervielfachung. Sieht nach einer entgangen Chance aus, Wasserstoff ist doch hip, da lässt sich bestimmt viel Geld verdienen. Und nun... einfach mal den Chart auf "Maximum" erweitern und dann sieht man, dass die Aktie Mitte und Ende der 1990er Jahre schon zweimal einen Hype hinter sich hatte. Ja, Wasserstoff war schon einmal "das ultimative Thema", die "ultimative Alternative" zum Erdöl. Allerdings sieht man auch, dass die Kursrakete von 2019/2020 kaum der Rede wert ist, wenn man sich die irrwitzigen Kursregionen ansieht, wo Ballard Power damals rangierte. Wer damals den Hype gekauft und die Aktien bis heute im Depot hat, der sitzt noch immer auf 80% oder 90% Kursverlusten. Nach mehr als 20 Jahren! Die Deutsche Telekom ist ein Witz dagegen.

      Mein Fazit: Wasserstoff ist eine spannende Technologie und sie dürfte sich durchsetzen und eine Reihe von sinnvollen Einsatzmöglichkeiten finden. Was die beteiligten Unternehmen angeht und deren Kurse, ist das aus meiner Sicht eine riesige Blase, aus der 95% abgelassen wird. Viele, vielleicht die meisten der Unternehmen, werden nicht (lange) überleben. Einige wenige werden sich durchsetzen und dann ggf. auch die heutigen Kurse rechtfertigen. In 5 oder 10 Jahren. Für mich ist dieser Sektor kein Investmentspielfeld, sondern ein Zock, ein Gamble. Was nicht heißt, dass man dort kein Geld verdienen kann. Nicht jetzt, nicht in diesem "Reifegrad" der Technik.

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    2. Auch hier Chapeau! Neben der offenen Frage, welche Technologie sich durchsetzt und welche Unternehmen innerhalb der Technologie, stoße ich bei solchen "Zukunftsthemen" meistens auf das Problem, dass man die Unternehmen einfach nicht seriös bewerten kann. Selbst unter der Annahme, dass Technologie & Unternehmen grundsätzlich erfolgreich sein werden. Welche Gewinnmargen kann man im erwachsenen Zustand erwarten? Wie groß wird der Markt sein und welches Stück vom Kuchen bekommt das Unternehmen ab? Wie schnell wird das Ganze gehen, d.h. welche Wachstumsraten kann man erwarten? All das ist so schwer abzuschätzen, dass man die Frage, welchen fairen Wert das Unternehmen aktuell hat, gar nicht beantworten kann. Wenn man investiert, bedeutet das dann, die Kuh auf's Eis zu stellen und zu hoffen und zu bangen, dass die Nachfrage nach den Aktien schon steigen wird. Aber man kann wiederum nicht abschätzen, ob und wie stark das passieren wird. Ist bei Ballard bei 12 € jetzt das Ende der Fahnenstange erreicht? Oder geht es noch auf 24 €, auf 48 € oder auf 96 €? Wenn man ein Unternehmen nicht bewerten kann, dann kann man diese Fragen auch nicht beantworten. Und dann sitzt man statt vor den Unternehmensdaten vor den Kursen und versucht, dort etwas aus dem Chart (Kaffeesatz) zu lesen. Und während man auf steigende Kurse hofft, hat man gleichzeitig ununterbrochen Angst, es könnte einen Crash geben, weil man sich ja bewusst ist, dass man das Unternehmen eigentlich gar nicht bewerten kann. Es könnte ja schließlich auch auf 6€, 3€ oder 1,50€ runtergehen. Wenn man keine Kriterien hat, an denen man den Ein- und ggf. Ausstieg orientieren kann, ist man dem Marktgeschehen hilflos ausgeliefert wie ein kleines Boot auf hoher See.

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  7. Ja, Baujahr 1545, lange vor dem 30-jährigen Krieg. "Altbau" trifft es völlig richtig... ;-)

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