Freitag, 23. Oktober 2020

Würde Kostolany jetzt Hypoport kaufen? Eine Geschichte über Hartgesottene und Zittrige...

Hypoport gab seine Zahlen zum dritten Quartal 2020 bekannt und die Börse reagierte mit einem scharfen Abverkauf der Aktien, die gegenüber dem kürzlich erreichten Allzeithoch fast 20% in den Keller rauschten.

Ist dies nur eine verdiente Konsolidierung des Kurses und damit eine Einstiegschance für Investoren, oder vielleicht doch das Ende der Wachstumsstory bei Deutschlands Vorzeige-Fintech? Für Kostolany wäre die Sache sicher klar...

Der legendäre Börsenaltmeister André Kostolany liebte es, die Börse leicht und verständlich zu erklären. Er schrieb unzählige Bestseller über das Thema und verstand es, auch schwierige Zusammenhänge in einfachen Worten darzulegen und mit lustigen Anekdoten anzureichern.

Kostolany prägte einst das Bild von den zittrigen und den hartgesottenen Anlegern. Die Hartgesottenen haben emotional Abstand zur Börse und achten auf den Wert ihrer Aktien, während die Zittrigen sich auf die Schlagzeilen konzentrieren und auf den Aktienkurs starren. Kommt einem vom Value Investing bekannt vor. Dabei ist nicht gemeint, dass Hartgesottene einfach stur um jeden Preis Kursabstürze aussitzen oder abgestürzte Aktien kaufen. Nein, es geht vielmehr darum, dass sie sich von Panik und Gier nicht beeinflussen lassen und anhand der Faktenlage entscheiden - und damit Chancen ergreifen.

Was bei Hypoport geschah

Am 21.10.2020 hab Hypoport eine kurze Meldung ab:
Hypoport mit Umsatzsteigerung in Q3 2020 auf rund 95 Mio. und einem EBIT von ca. 7 Mio. Euro 
In der heutigen Vorstandssitzung wurden die Geschäftszahlen des Hypoport-Konzerns für das dritte Quartal ausgewertet. Der Hypoport-Vorstand erwartet auf Basis dieser vorläufigen Zahlen die folgenden Ergebnisse: 
  • Umsatz Q3 2020 mit ca. +5% auf ca. 95 Mio. € (Q3 2019: 91 Mio. €) 
  • Umsatz 9M 2020 mit ca. +15% auf ca. 285 Mio. € (9M 2019: 248 Mio. €) 
  • EBIT Q3 2020 mit ca. -20% auf ca. 7 Mio. € (Q3 2019: 9 Mio. €) 
  • EBIT 9M 2020 leicht unter Vorjahresniveau mit ca. 24 Mio. € (9M 2019: 25 Mio. €) 
Das geringere EBIT im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum resultiert im Wesentlichen aus dem strategisch beabsichtigten Wegfall von Projektgeschäft in den Segmenten Immobilienplattform und Versicherungsplattform.
Was an der Börse (ganz schlecht) ankam, war das Umsatzwachstum von 5% und ein sich sogar verringerndes EBIT. Autsch! Für ein Wachstumsunternehmen sind das natürlich grottenschlechte Werte und stellen die Story infrage. Und nachdem die ersten Verkäufe einsetzten und der Kurs fiel, zogen immer mehr Anleger nach, weil der Kursverlust ja die schlechte Meldung bestätigte. Zittrige eben...

Das zweite Nachdenken

Starinvestor Howard Stanley Marks empfiehlt, lieber zweimal nachzudenken und gründlicher, tiefer. Er nennt das "Second Level Thinking". Ein guter Rat, ein sehr guter Rat. Und das sollte man auch bei Hypoport tun.

Zugegeben, die Meldung ist kurz und weitgehend nichtssagend. Andere Unternehmen hätten ellenlang ausgeführt, weshalb die Zahlen so ausfallen, wie sie ausgefallen sind. Nicht aber Hypoport. Es gab alleine eine Meldung über die neuen Erkenntnisse aus der Gremiensitzung. Und den Hinweis auf das Zahlenwerk am 2.11., wo es dann auch Erläuterungen geben wird. Die Anleger fischen also im Trüben. Etwas...

Denn einen entscheidenden Hinweis gibt die Meldung schon her: "Das geringere EBIT im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum resultiert im Wesentlichen aus dem strategisch beabsichtigten Wegfall von Projektgeschäft in den Segmenten Immobilienplattform und Versicherungsplattform". Da steht es, aber natürlich versteht das niemand. Also wage ich mich mal an eine Erklärung und einen Vergleich.

Subskriptionsmodell: Das Geheimnis hinter dem Erfolg von Microsoft und Adobe

Microsoft und Adobe verkaufen hauptsächlich Software. Früher verkaufte man die und strich dafür einmalig den Verkaufspreis ein. Später stellte erst Adobe und inzwischen fast jedes Softwareunternehmen auf ein Subspriptionsmodell um, also Abonnements. Anstelle der einmaligen hohen Lizenzeinnahme beim Verkauf verkauft man ein Abo, man vermietet die Software. Dafür erhält man eine (wesentlich kleinere) Mietrate, aber die in jedem Monat.

Quelle: wallstreet-online.de
Beispiel Microsoft: statt einmalig €250 fürs Office 2019 einzunehmen, möchte Microsoft lieber €30 mtl. für MS 365 einstreichen. Das verstetigt die Einnahmen und macht sie besser planbar.

ABER... anfangs sieht diese Umstellung wie ein Umsatz- und Ergebnisrückgang aus. Denn im Vorjahr nahm man ja €250 für den Verkauf ein (entsprechend hoch waren Umsatz- und Gewinnanteil), während man nun nur €30 einnimmt. Doch man vergleicht natürlich Äpfel mit Birnen, denn die €30 fließen ja nicht einmalig, sondern jeden Monat aus Neue. Womit sich die Umstellung in diesem Beispiel nach 8,3 Monaten "amortisiert" hat!

Im nächsten Jahr entfällt dieser "negative" Effekt, weil man dann ja Umsatz- und Ergebnisanteile jeweils von den Aboeinnahmen miteinander vergleicht.

Bei Adobe und Microsoft gab es ebenfalls "Verstimmungen" während der Umstellung, weil bei der Zahlenpräsentation dieser Umstand immer wieder ausgeblendet und nur auf die reinen Zahlen geschaut wurde. Es ergaben sich hier einige Quartale lang immer wieder Nachkaufgelegenheiten, bevor dann die Kurse zu einem wahren Höhenflug ansetzten. Weil die Umstellung von einmaligen hohen Lizenzeinnahmen auf stetige Aboeinnahmen ("Subskriptionen") unterm Strich die Gewinne nicht schmälert, sondern sie verstetigt, übers Jahr verteilt - und letztlich steigert!

Im obigen Beispiel müsste der Käufer ja alle 8,3 Monate ein neues Office-Paket kaufen, damit Microsoft genauso viel Geld einnimmt (€250), wie mit den Aboeinnahmen (€30 mtl.). Aber niemand tut das. Ich selbst habe mein Office 2010 satte 10 Jahre genutzt und gerade erst auf Office 2019 umgestellt. Hätte ich die ganze Zeit die niedrigeren Abogebühren gezahlt, wäre das sehr viel mehr Geld gewesen. Als "Tausch" für eine stets aktuelle Software. Meine Version wurde zwar upgedatet und Fehler behoben, aber eben nicht grundlegend angepasst. Die Zwischenversionen zwischen 2010 und 2019 habe ich verpasst. Oder bewusst ausgelassen, denn ich brauchte sie nicht.

Was wirklich bei Hypoport geschah

Hypoport erzielt zum größten Teil Monatsgebühren für seine Plattformen. Aber früher nahm man auch viel Projektgeschäft mit, also einmalige Lizenzeinnahmen für eine bestimmte Nutzungszeit und ein bestimmtes Volumen. Davon rückt Hypoport ab, was das Unternehmen als "strategisch beabsichtigter Wegfall von Projektgeschäft" bezeichnet. Ziel ist, in absehbarer Zeit nur noch Subskriptionen einzufahren, keine Einmaleinnahmen mehr. Man stellt also genau auf das Businessmodell um, das bei Adobe, Microsoft, Salesforce usw. zu deutlich höheren Bewertungsmultiplen geführt hat. Die Börse bepreist dieses Businessmodell deutlich höher als den klassischen Einmalverkaufserfolg. Jedenfalls nach der Übergangszeit.

Wer wissen will, ob und wie stark Hypoport im dritten Quartal gewachsen ist, schaut sich die Meldung zu den operativen Kennzahlen von letzter Woche an (13.10.2020):
Weitere Marktanteilsgewinnung in den ersten neun Monaten 2020 
  • Gesamtes Transaktionsvolumen auf Europace-Plattform in den ersten neun Monaten 2020 30% über Vorjahresniveau 
  • Genossenschaftsbanken mit +85% Transaktionsvolumen weiterhin am stärksten wachsende Nutzergruppe, Sparkassen bei +33% 
  • Vertriebsvolumen Dr. Klein Privatkunden liegt mit +24% über dem durchschnittlichen Wachstum der letzten Geschäftsjahre 
  • Wert über Bewertungsplattform Value AG besichtigter und begutachteter Wohnimmobilien um 42% angestiegen
Das lesenswerte Blog "Finanz-Szene.de" titulierte diese Meldung mit "Was Hypoports Hammerzahlen über den Immo-Markt verraten". Und diese Überschrift sagt mehr über das wirkliche Wachstum von Hypoport als die vermeintlich negativen Quartalszahlen.

Auf Nachfrage von mehren Seiten erklärte die IR von Hypoport folgerichtig, dass Hypoport an seinen Planzahlen für das Gesamtjahr festhalte. Hypoport und CEO Slabke sehen also keinen Bedarf für eine Prognoseanpassung. Was bei einem Wachstumseinbruch ja wohl nötig wäre.

Die Umstellung bzw. die Abkehr vom Projektgeschäft hatte Slabke im Conference-Call zu den Q2-Zahlen bereits. angesprochen. Ich gehe stark davon aus, dass er dies am 2.12. noch mal ausführlicher machen wird, wenn Hypoport den ausführlichen Quartalsbericht zu Q3 vorlegt und erläutert. Möglicherweise wird dann von der Börse erkannt, welchem Trugschluss man gerade aufgesessen ist und dass die Hypoport-Wachstumsstory nicht am Ende ist, sondern mit Volldampf weiter läuft.

Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, mich von Hypoport abzuwenden. Ist meine größte Position im Depot und unter den Top-Werten in meinen beiden Wikis. Und ich habe gestern ein paar weitere Hypoport-Aktien eingesammelt...

Disclaimer: Adobe, Hypoport, Microsoft, Salesforce befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot/ Wikifolio.

Kommentare:

  1. Omg. Das Unternehmen ist trotzdem völlig überbewertet. es weißt ein Wachstum gerade noch 10-15 % Prozent auf. Egal wie sie es drehen oder wenden. Und Sie sollen ein Hartgesottener sein?

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    1. Marc Ellerich23.10.20, 11:09

      Wieso werden Leute wie Sie immer sofort persönlich? Lassen Sie doch den letzten Satz weg, dann denkt man über Ihren Beitrag vielleicht sogar ernsthaft nach. Außerdem brauchen Sie die Aktie doch nicht zu kaufen, wenn Sie sie für völlig überbewertet halten.
      Danke Michael, für die interessante Einordnung. Genau deswegen finde ich deinen Blog klasse!
      Beste Grüße! Marc

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    2. Es gibt eben leider Menschen, für die der Begriff "konstruktive Kritik" ein Fremdwort ist und die die Möglichkeit zur persönlichen Meinungsäußerung nicht wertschätzen. Sieht man leider gerade bei Börsenblogs und -kanälen immer wieder.

      Gruß
      Jens

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  2. Ich kopiere is mal aus W:O hier hinein, falls nicht alle Blogleser auch im Forum sind:

    Moin, VERMUTEST du, dass das mit wegfallendem Projektgeschäft gemeint ist, oder ist das eine gesicherte Erkenntnis? Falls das stimmt, ist das ja extrem beknackt ausgedrückt ! Warum schreiben die dann nicht einfach, dass auf Subskriptionsmodell umgestellt werden soll? Ist genau so lang im Text, erklärt den Sachverhalt nachvollziehbarer, ist vom Ausdruck her richtiger und klingt sogar besser für den Markt ! Warum man Lizenzeinnahmen als Projektgeschäft umtituliert, kann ich mal gar nicht nachvollziehen.

    lg

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    1. Ich vermute es "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit". Weil es so bereits von Slabke im Q2-Call kommuniziert wurde und weil es logisch ist.

      Weshalb das nicht anders kommuniziert wurde? Tja, die offizielle Q3-Präsentation findet am 2.11. statt. Zuvor hat man schon operative Kennzahlen/Entwicklungen kommuniziert. Und nun gab es eine Gremiensitzung, bei der die Eckpunkte zu Umsatz und Ergebnis mitgeteilt wurden. Über diese gab Hypoport eine Ad-hoc heraus.

      Die Informationen sind also alle im Markt, nachdenken muss jeder selbst. Auch eine rege IR-Abteilung und ein kommunikativer Vorstand kann nicht jedem Investor einzeln die Hand führen und ihm jederzeit 24/7 alle Sorgen nehmen und Erläuterungen abgeben. Man hat die (markt-)relevanten Infos herausgegeben; andere hauen eine nichtssagende Ad-hoc nach der anderen heraus. Als Leser/Empfänger hat man oft die Meinung, "die hätten das doch so und so machen können". Aber letztlich führen die ein Unternehmen und das operative Geschäft ist der zentrale Punkt. Ständig den Aktienkurs im Blick zu halten, ist aus meiner Sicht nicht erforderlich. Im Gegenteil, eher schädlich. Man schaue nur auf IBM und die acht Jahre des Financial Engineering anstelle von Innovationen. Ein Konzern, der - mal wieder - sein Heil darin sieht, sein zugrundegerichtetes Kerngeschäft loszuwerden und sich lieber auf die "hippen" Geschäftsbereiche zu konzentrieren. In denen andere längst führend sind. Nicht wirklich inspirierend...

      Im aktuellen Marktumfeld reagieren Anleger auf alles mögliche hypersensibel. Das bietet auch Chancen. In ein paar Tagen weiß niemand mehr, weshalb der Kurs ein paar Prozente runtergegangen ist (nachdem er ja zuvor auch ohne große Nachrichten weiter angestiegen ist). Insofern "business as usual"...

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    2. Hallo Michael,

      danke für die Einschätzung.

      Ich habe gestern selbst auch moderat nachgelegt, aber zugegebenermaßen ins Blaue. Und ich muss anonym recht geben, denn die Meldung wurde ja vollkommen ohne Not lanciert, und eine unklare Formulierung schafft dann natürlich Unsicherheit. Eigentlich sollten doch gerade die jüngsten Short-Attacken auf Unternehmen der DACH-Region Unternehmensführung und IR-Abteilung zu einer sauberen Kapitalmarktkommunikation mahnen.

      Beste Grüße
      Jens

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    3. Sehe gerade, dass sich meine Zahl an "Followern" bei wallstreet-online.de (w:o) schlagartig von den "festzementierten" 168 auf 198 nach oben katapultiert hat. Was ist da denn passiert? oO

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  3. aber irgendwie hat der obige User schon recht. Hypoport wächst zwar deutlich, ist aber trotzdem recht teuer. Da muss man noch 3-4 Jahre reinwachsen. Oder anders gesagt, man preist schon jetzt die Zahlen ein, die man irgendwann 2024 erreicht.

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  4. Hallo Herr Kissig,
    ich bin seit kurzem Leser ihres Blogs und finde ihre Ansichten und Blickwinkel zu den Aktien/Themengebieten echt gut beschrieben und für jedermann nachvollziehbar. Unabhängig davon ob man den Inhalt teilt oder nicht. Weiter so, mir gefällt es schon mal. Wie schätzen Sie die Gefahr für Hypoports Geschäftsmodell durch Vergleichsportale wie Check24 ein? Hypoports eigenes Vergleichsportal vergleich.de ist auf jeden Fall deutlich unbekannter wie Konkurrenten.
    Viele Grüße
    Martin K

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