Dienstag, 10. November 2020

Kissigs Kloogschieterei: Die Impfstoff getriebene große Rotation unbedingt mitmachen! Oder eher doch nicht?

Die große Rotation setzte schlagartig ein, man konnte dabei zusehen, wie die zuvor angesagten Technologiewerte und Coronagewinneraktien aus den Depots gekegelt wurden, um in Coronaloser und zyklische Konsumprofiteure umzuschichten.

Anlass war die Meldung des deutschen Biotech-Startups BioNTech, sein Corona-Impfstoff weise in Studien einen 90-prozentigen Schutz vor COVID-19 auf. Die Aktien von BioNTech und Partner Pfizer schossen in die Höhe. Aber nicht nur ihre, sondern vor allem DOW- und DAX-Werte, während die NASDAQ kräftig Federn lassen musste.

Eine erste Reaktion, die nachvollziehbar ist. Unternehmen, die von Corona profitieren werden es ohne die negativen Auswirkungen der Pandemie schwerer haben, sich zu behaupten, während die Corona gebeutelten Unternehmen wieder Morgenluft schnuppern und wieder aufblühen.

Soviel zur Theorie, die in bester Schwarz-Weiß-Manier daherkommt. Doch die Praxis sieht schon noch etwas anders aus und sollte wesentlich differenzierter betrachtet werden...

Diese Kloogschieterei schließt an meine letzte an, die ich vor fast genau einem halben Jahr von mir gab, als ich Mitte Mai fragte: "Sollte man gerade jetzt in Aktien investieren?". Nun, die Antwort ist inzwischen allen klar, doch nun, sechs Monate später, stellt sich wieder eine ganz ähnliche Frage: "In welche Aktien sollte ich jetzt investieren?". Tja, hieran werde ich mich mal ein bisschen abarbeiten.

Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass ich mich darüber freue, dass es diesem Schietvirus endlich an den Kragen zu gehen scheint und wir wieder Hoffnung haben können, unser gewohntes, normales Leben bald wieder aufnehmen zu können, ohne Gesichtsmasken, ohne Social Distancing, ohne Hygienekonzepte.

Leider wird da so nicht stattfinden (können). Und das bedaure ich sehr. Aber man muss sich den Realitäten stellen und darf sich nicht dem Wunschdenken hingeben. Die Menschheit hat bisher erst ein Virus erfolgreich töten können und zwar die Pocken. Alle anderen sind noch da und infizieren jedes Jahr tausende und bisweilen Millionen von Menschen. Oft mit tödlichem Ausgang. Ob die Masern, HIV, die Pest, Ebola, das Grippevirus, wir haben keines von ihnen besiegt. Ja, wir haben Mittel gegen sie, Impfstoffe oder Medikamente. Aber anstecken tun sich die Menschen trotzdem immer noch. Und so wird es auch bei Corona sein.

Das Virus Sars-2 ist eine Mutation eines Erregers, der uns vor rund zehn Jahren heimgesucht hat. Der war allerdings weit weniger infektiös, weniger tödlich und weniger subtil - die lange Inkubationszeit macht Corona so gefährlich. Und die wohl erheblichen Langzeitfolgen.

Es gibt inzwischen mehrere unterschiedliche Virenstämme, die sich unterschiedlich verbreiten. Und wer sich mit dem einen Virus angesteckt hat, ist nicht zwangsweise immun gegen die anderen Stämme. Des Weiteren baut sich die Immunreaktion über einige Monate hinweg ab, so dass eine erneute Ansteckung mit dem gleichen Virusstamm möglich scheint. Und die Tötung von Millionen Nerzen in Dänemark erfolgte, weil diese sich mit einem neuen Virusstamm angesteckt hatten, der sich von den bisherigen stark unterscheiden soll und gegen den unsere bisherigen "Mittelchen" kaum Wirkung zeigten.

Ich nehme nicht für mich in Anspruch, Experte auf diesem Gebiet zu sein oder schlauer und wissender als andere. Ich möchte mit dieser kurzen Darstellung nur aufzeigen, dass das Coronavirus nicht besiegt ist und nicht aus unserem Leben verschwindet, wenn sich der Impfstoff von BioNTech oder die Therapie von CureVac als wirkungsvoll erweist.

Und daraus folgt, dass alle Schlussfolgerungen, die auf dieser irrigen Annahme basieren, falsch sind!

Es ist falsch zu denken, dass Flugreisen wieder genauso ablaufen werden wie früher. Ebenso wenig wird es bei Kreuzfahrten sein und auch unser Alltag wird nicht wieder genauso werden wie vor Corona. Wir werden mehr von Zuhause arbeiten, aber auch wieder im Büro. Mit mehr Abstand zueinander, mit weitläufigeren Bereichen für den Sanitärbereich, für Küchen- und Gemeinschaftsräume, aber auch Besprechungszimmer werden großzügiger bemessen sein (müssen).

Ebenso wird es für Freizeitparks, Schwimmbäder, Saunen, Großveranstaltungen anders laufen als wir es kannten.

Warum? Nun, Corona ist tödlich und bleibt es. Und das Virus werden wir nicht ausrotten können. Es wird daher zum festen Bestandteil unseres Lebens, unseres Alltags werden. Ja, es wird seinen Schrecken ein Stück weit verlieren, denn durch den Impfstoff und wirksame Medikamente wird es zurückgedrängt werden, es wird sich weniger schnell verbreiten und deshalb werden die Infizierten auf eine ausreichend vorbereitete medizinische Versorgung stoßen und die Todesrate deutlich sinken.

Aber das Virus bleibt da. Wie HIV. Wir haben gelernt, damit zu leben, schützen uns mit Kondomen. Tun wir es nicht, besteht die Gefahr einer Ansteckung. Und an der leidet man dann den Rest seines Lebens. Man stirbt nicht mehr daran, weil es Medikamente gibt, die das Virus in Schach halten. Aber man muss sich regelmäßig testen lassen, weil das Virus immer im Körper und aktiv bleibt, und die Medikamente halten die Betroffenen am Leben - allerdings haben sie auf Dauer eben auch schlimme Nebenwirkungen.

Und so wird es auch mit Corona sein. Wir werden uns damit arrangieren müssen, es wird Menschen in unserem Umfeld und vielleicht uns selbst infizieren und wenn wir uns dann nicht schnell kümmern, sterben wir möglicherweise an COVID-19. Das ist so und das wird so bleiben.

Eine weitere Feststellung ist, dass Corona die erste weltweite Pandemie ist, mit der wir uns seit einhundert Jahren befassen müssen - seit der "Spanischen Grippe", die während und nach dem 1. Weltkrieg zig Millionen Menschen dahinraffte. Aber Corona wird nicht die letzte Pandemie sein, der wir uns stellen werden müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es eine vergleichbares Pandemie wieder geben wird, ist hoch. Ebenso die Hoffnung, dass wir dann besser darauf vorbereitet sind und effektive Konzepte in der Schublade haben, um besser damit umzugehen, als es bei Corona der Fall war.


Meine Schlussfolgerungen

Es ist verständlich, dass Fluggesellschaften, Reisebüros, Hotels, Shoppingcenter u.v.m. aufatmen und wieder besseren Zeiten entgegen sehen. Es ist nachvollziehbar, dass ihre Aktien gesucht sind, weil es hier wieder Hoffnung gibt. Ebenso verständlich ist, dass Konjunktur sensible Werte gefragt sind, denn Corona bzw. die Lockdowns treffen die Weltwirtschaft hart und die anstehenden Lockerungen sorgen für eine wirtschaftliche Erholung.

Aber... man sollte nicht blindlings umschichten, das wird sich nicht auszahlen. Kurzfristig orientierte Trader mögen zwischen den Branchen und Aktien hin- und herspringen, richtige Anleger unterlassen das. Sie wählen sich die wirklichen Gewinner aus und sie werfen nur die wirklichen Verlierer aus ihren Depots.

Ich kaufe jedenfalls keine Fluggesellschaften oder Kreuzfahrtanbieter, nur weil die absehbar wieder bessere Geschäfte machen werden. Ich kaufe ausschließlich Unternehmen, auf die ich auch ohne Corona setzen würde. Also habe ich keine ausschließlichen Corona-Gewinner im Depot und werde auch nicht auf die Ex-Corona-Loser setzen, nur um hier mögliche schnelle Kurssteigerungen abgreifen zu können.

Nein, ich setze weiter auf Qualitätsaktien mit aussichtsreichem Geschäftsmodell, breitem ökonomischen Burggraben, solider Bilanz, steigenden Cashflows.

Hat Amazon von Corona profitiert? Ja, unbestritten. Liefen Amazons Geschäfte nur wegen Corona besser? Nein. Zwar meldete der Handelsverband Deutschland (HDE), die erste Novemberwoche mit dem "Lockdown light" habe für innerstädtische Einzelhändler zu einem Umsatzminus von 40% ggü. dem Vorjahreswert geführt, aber Onlinehandel ist ein Megatrend, der durch Corona lediglich noch zusätzlich befeuert wurde und wird. "Disruptosaurus Rex" Amazon dringt in immer mehr Bereiche des Handels vor, wo ihm kaum jemand Paroli bieten kann. Auf lange Sicht ein Dauergewinner.

Hat Zalando von Corona profitiert? Ja, extrem. Aber das Sterben der kleinen Modelädchen fand schon vor Corona statt und Plattformanbieter sind die Zukunft, auch im Modeverkauf.

Anders sieht das bei Drägerwerk aus, die seit Jahren operativ Probleme haben und durch Corona geradezu aufblühten mit ihren Beatmungsgeräten.

Gelitten haben PayPal und Square, die von Corona stark profitierten, aber das wird sich nicht ändern, denn beide werden vom Megatrend Digital Payments und der Abkehr vom Bargeld angetrieben. PayPal verbreitert sein Angebot immer mehr und für Square wird eine Erholung bei seinem Händler-Netzwerk positive Effekte haben. Richtig ist, dass Mastercard und VISA besonders profitieren, weil sie unter den Corona-Einschränkungen im Luftverkehr und bei Hotels und Gastronomie besonders gelitten haben. 

Facebook wird weiter erfolgreich sein, auch wenn die Corona-Beschränkungen fallen. Hier liegt der Fokus viel mehr darauf, welche der vielen neuen Initiativen an den Start gehen, mit denen das soziale Netzwerk künftig noch mehr Geld verdienen wird: Facebook-Dating, Whatsapp Pay, Facebook Shops.

Abverkauft wurden jetzt auch Laborausrüster und Anbieter von Virentests, wie Danaher, Thermo Fisher, Qiagen, Satorius. Unverständlich. Denn auch künftig werden wir viele Tests brauchen, weil sich Menschen bei Partys, Konzerten, Demonstrationen anstecken. Und wir werden als Vorbereitung auf die nächste Pandemie dauerhaft höhere Ausgaben im Bereich Forschung sehen dazu werden neue und weitere Laborausrüstungen und medizinische Ausstattungen gehören. Diese Unternehmen werden also auch ohne Corona weiterhin glänzende Geschäfte machen.

Und die vielen Softwarefirmen... wird der Trend in die Cloud nach Corona stoppen? Nein. Wird weniger auf Software gesetzt und wieder mehr auf Hardware? Nein. Werden die Menschen weniger online Spielen? Ja, weil sie wieder mehr arbeiten und andere Freizeitangebote wieder am Start sind. Aber viele sind auf den Geschmack gekommen und daher wird sich das Wachstum zwar abflachen aber die vielen neuen Gamer werden sich nicht alle wieder verabschieden. Es gibt also keinen Grund zu glauben, dass Microsoft oder Apple deutlich schlechtere Geschäfte machen ohne Corona. Und auch Adobe wird eher profitieren, wenn die vielen Unternehmer wieder Aufträge haben und die Wirtschaft wieder anzieht.

Zoom, Slack und andere Videokonferenzsysteme haben ihren Hype gesehen. Aber sie verschwinden nicht in der Bedeutungslosigkeit, sondern sie sind und bleiben in unserem Alltag, auch und gerade im Business.

Costco Wholesale war ein Coronaprofiteur, aber die Geschäfte werden auch ohne Corona boomen, weil das Geschäftsmodell so genial ist und die Preise dauerhaft niedrig. Auch hier gibt es keinen Grund, weshalb man sich auch nur von einer einzigen Aktie trennen sollte.

Heimwerkermärkte werden weiterhin gut laufen (Hornbach, Loewe's); Online-Möbelhändler wie home24, aber auch Westwing werden hingegen an Dynamic verlieren, weil die Menschen wieder in die stationären Möbelgeschäfte gehen werden und zu Depot und anderen "Dekoläden". Ihre Sonderkonjunktur kühlt sich ab, aber nicht der grundsätzliche Trend hin zu Online-Shopping, auch in ihrem Segment. Viele der zuletzt gewonnen Kunden werden den Unternehmen treu bleiben und diese haben inzwischen die kritische Größe erreicht und arbeiten auf operativer Basis profitabel. Auf kurze Sicht wird sich das Wachstum abflachen, auf mittlere und lange Sicht werden sie weiter wachsen und erfolgreich sein.

Wohnimmobilien bleiben gefragt, weil künftig mehr Home Office zur Regel (das heißt nun "Work-from-anywhere") wird und die Menschen daher öfter zuhause sind und mehr Platz benötigen, um eine adäquate "zuhause-Arbeitsatmosphäre" zu schaffen. Aber auch Büroimmobilien wird es keinen großen Einbruch geben. Arbeitsplatz-Sharing kommt nicht wirklich gut an, die Menschen wollen einen festen Arbeitsplatz haben und nicht nur einen Rollcontainer und ein Laptop, mit denen sie sich irgendwo im Bürohaus niederlassen können/sollen. Wenn die Menschen künftig zwei oder drei Tage von zuhause arbeiten, braucht man für die anderen zwei oder drei Arbeitstage im Büro genau das: ein Büro. Insofern werden Anbieter wie DIC Asset momentan völlig zu Unrecht vernachlässigt und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann die Börse sie wieder richtig wahrnimmt. Die jüngsten Verkaufserfolge und die 9-Monatszahlen von DIC Asset zeigen jedenfalls, dass operativ alles in der Spur ist und es keinen Grund dafür gibt, dass der Kurs so deutlich unter seinen fairen Wert von über €20 notiert!

Hypoport wurde ebenfalls abgestraft die letzten Tage. Dabei gab es zuvor eher Bedenken, dass durch Corona die Nachfrage nach Immobilienfinanzierung sinken würde - was nicht der Fall ist. Der Kostendruck bei den Banken dürfte durch die anstehenden Kreditausfälle eher nochmals zunehmen und da ist Hypoport mit seiner Kreditvermittlungsplattform EUROPACE erste Wahl. Der 30-prozentige Kursrückgang dürfte auf mittlere und lange Sicht eine tolle Gelegenheit darstellen.

Und dann sind da noch meine geliebten Beteiligungsgesellschaften... wenn sich die Konjunktur erholt, profitieren auch sie. Ob nun Mittelstandsholdings wie MBB, Blue Cap, Gesco, Indus oder Sanierungsexperten wie Aurelius oder Mutares. Aber auch Alternative Asset Manager wie KKR, die ihren hohen Bestand an liquiden Mittel kräftig unters Volk gebracht haben und zugekauft haben. 

Ebenfalls positiv sieht die Entwicklung bei Softbank Group und Prosus aus, auch wenn hier momentan die Technologieausrichtung zu Kursabsackern führt - wenn sie die allgemeine Wirtschaftslage aufhellt, machen auch sie bessere Geschäfte und ihre maßgeblichen Beteiligungen Alibaba bzw. Tencent gehören zu den großen Profiteuren in China, auch bei zunehmendem regulatorischem Gegenwind. Beide Investmentgesellschaften sind und bleiben daher aussichtsreiche Mittelfeldspieler in meinem Team.

Zu guter Letzt möchte ich noch kurz auf meine "Eisenbahnwerte" eingehen. Funkwerk und SBF profitieren von der Investitionsoffensive der Bahn und freuen sich über wachsende Auftragseingänge. Beide Aktien halte ich auf dem aktuellen Kursniveau für attraktiv und eine sich aufhellende Konjunktur wird ihnen ebenfalls helfen, obwohl sie unter Corona eher wenig zu leiden hatten.

Fazit

Gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass ich mit meiner Depotaufstellung kurzfristig nicht die besten Ergebnisse an der Börse erzielen werde. Hierzu müsste man wohl spekulativ komplett auf die Ex-Corona-Loser setzen und bisherige Corona-Gewinner konsequent aus dem Depot werfen. Allerdings besteht dann natürlich die Gefahr, dass sich die zweite Corona-Welle doch als hartnäckiger erweist, als man das zur Zeit hofft, und man dann nicht rechtzeitig genug wieder auf den anderen Zug aufspringt. Aktienhopping ist nicht mein Spiel. Ich bleibe meinen Qualitätsunternehmen, bei denen ich mich als Aktionär, als Miteigentümer wohl fühle. Wo ich sicher sein kann, dass die Unternehmen die Herausforderungen gut meistern und sich an die sich verändernden Bedingungen anpassen werden. Eine vorübergehende vermeintliche Underperformance nehme ich dafür gerne in Kauf.

Das Investieren ist ein Marathonlauf, kein Sprint. Und wer glaubt, er könne den Marathon gewinnen, indem er ständig kurze Strecken hin und her spurtet, der soll das ruhig versuchen. Und sollte es ihn doch gelingen, am Ende wider Erwarten die Nase vorn zu haben, ärgere ich mich nicht. Denn es ist und bleibt nicht mein Spiel.

Disclaimer: Adobe, Amazon, Apple, Blue Cap, Costco, Danaher, DIC Asset, Facebook, Funkwerk, KKR, Mastercard, MBB, Microsoft, PayPal, Prosus, SBF, Softbank Group, Square, Thermo Fisher, VISA befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und/ oder in meinem Depot/ Wikifolio.

Kommentare:

  1. Super Michael, vielen Dank für die prompte und knackige Einschätzung der aktuellen Situation. Hat mich nochmal darin bestärkt, nix an meinem Depot zu ändern.
    Beste Grüße
    Isabelle

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Michael,

    eine Schere wie gestern habe ich in meinem Depot noch nie gesehen, wo Werte schlagartig um bis zu 25% hochgejubelt und andere um -25% abgestraft wurden. Ich sehe die Marktreaktion als verständlich, aber irrational an und bleibe bei meinen Investments, kaufe bei einigen besonders abgestraften Werten etwas nach (wie Du wohl auch).

    Ich denke, es gibt auch noch zwei weitere Punkte, die den Impfstoff-Wein etwas verwässern. Erstens unterschätzt der Markt m.E. den Zeitraum, bis eine kritische Anzahl von Menschen geimpft ist. Wenn "nur" ca. 100 Millionen Impfdosen pro Monat hergestellt werden können (ich weiß allerdings nicht, ob diese Schätzung von BioNTech noch aktuell ist), kann man sich ausrechnen, dass sich die Gefahr weiterer Lockdowns durchaus noch ein Jahr lang hinziehen kann. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Impfbereitschaft der Bevölkerung zumindest hierzulande. Nach meinem Kenntnisstand liegt diese hierzulande derzeit nur bei knapp 60%, was nicht ausreicht, um die kritische "Durchseuchungsmasse" zu erreichen. Und mit dem m.E. idiotischen Ansinnen, die Impfungen anstatt ortsnah bei den Hausärzten nur in wenigen Impfzentren durchführen zu lassen, wird man dem Ziel einer höheren Akzeptanz garantiert nicht näherkommen.

    Danke für den Artikel & Gruß
    Jens

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du hast mit beiden Punkten völlig Recht, Jens. Es wird eine ganze Zeit dauern, bis die Impfungen erfolgt sind und es müssen auch genügend Leute mitmachen, um die gewünschte Herdenimmunität zu erreichen. Bzgl. des BioNTech-Wirkstoffs habe ich heute gelesen, jeder müsste zwei Impfdosen erhalten, damit der Schutz wirklich wirkt. Bedeutet, dass 100 Millionen Impfdosen für Deutschland "nur" für 50 Millionen Menschen reicht. Aber es bedeutet eben auch, dass doppelt so viel Zeit ins Land geht, bis die Impfungen alle erfolgt sind.

      Löschen
    2. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann sind diese Impfzentren kein "idiotisches" Ansinnen sondern eher Notwendigkeit, da der Impfstoff scheinbar bei extremen Minustemperaturen (ca. - 70°C) gelagert werden muss. Das ist in den allermeisten Hausarztpraxen wohl eher nicht möglich!
      VG Michi

      Löschen
    3. Hallo Michi,

      das mit der Kühlung mag schon sein, und ich habe auch nichts gegen spezielle Impfeinrichtungen, nur sollten diese dann tatsächlich für jedermann ohne weitere Anreise erreichbar sein. Sofern ich es richtig verstanden habe, sollen es bundesweit "bis zu 60" Zentren sein, unter das erscheint mir unter diesem Aspekt sehr wenig. Und es erscheint mir vor dem Hintergrund der Aufforderung an die Bürger, möglichst am Heimatort zu bleiben, vollkommen widersinning, auf der anderen Seite eine Art Impf-Sonderreiseverkehr in Kauf zu nehmen.

      Ich zum Beispiel habe kein eigenes Auto, arbeite derzeit im Home Office und meide den öffentlichen Nahverkehr, so gut es geht. Ist die Impfeinrichtung für mich problemlos erreichbar, werde ich mich gern impfen lassen und trage auch gern selbst die Kosten; ansonsten aber werde ich mir das zweimal überlegen, und da bin ich sicherlich nicht der Einzige. So meinte ich das mit der Akzeptanz.

      Beste Grüße
      Jens

      Löschen
    4. Nachtrag: Gerade kommt mir aber der Gedanke, dass die geplanten Zentren ja auch mobil sein könnten. Das wäre dann natürlich etwas Anderes.

      Gruß
      Jens

      Löschen
    5. Hallo Jens,

      ich bin bei Dir, dass die genaue Ausgestaltung des Impfzentrenkonzepts wesentlich dafür verantworlich ist, wie das Ganze von den Menschen angenommen werden wird. Doch egal wie es letztlich auch aussehen wird, zu 100% wird man es nie allen recht machen können!
      VG Michi

      Löschen
  3. Die ganzen Corona-Verlierer, und das ist eine ganze Menge, hatten die letzten Monate über bis zu 95% Umsatz-Verluste zu verzeichnen. Gerade dank der Impfung wachsen nun parallel dazu auch die unrealistischen Analysten-Erwartungen, was bedeutet dass diese gebeutelten Unternehmen Quartal für Quartal wieder abliefern müssen. Innovative Wachstums-Unternehmen hingegen werden weiter wachsen und genau dort kann es jetzt vorkommen, dass Analysten erst mal die Ziele senken werden, weil sie nicht in der Lage sind, organisches Wachstum vom Corona-Profit zu trennen.

    Nach der Wahl von Trump im November 2016 hiess es überall, raus aus Tech und rein in die Industrie- und Bankenwerte. Wer hatte am Ende wohl einmal mehr die Nase vorne?

    AntwortenLöschen
  4. Impfstoff ist übrigens nicht gleich Impfstoff, ein Arzt hat mir erklärt, das er sich nicht sofort impfen lassen würde und zwar deshalb, weil man überprüfen sollte, welcher Impfstoff für welchen Patienten am sinnvollsten ist. Dazu kommt noch das mit den Impfzentren, ich wohne auf dem Land, mal sehen wie das gehandhabt werden soll. Das mit den zwei Impfungen in einem bestimmten Abstand kann ich nachvollziehen, ich hatte auch so eine, kann mich nicht mehr erinnern welche, FSME oder Pneumokokken, eine davon...egal.
    Ich habe in meinem Depot momentan keine Corona Gewinner mit aufgenommen, ich denke es wäre jetzt sowieso zu spät, wer schon welche hatte, Glückwunsch ansonsten sehe ich es ebenso wie Michael. Hin und her, ihr wisst schon...

    VG aus Bayern
    Joe

    AntwortenLöschen
  5. Super Beitrag und danke für diese klasse Einschätzung des Marktes. Ich war auch die Tage sehr erstaunt wie einige Unternehmen 25 Prozent gestiegen sind und andere wiederum gefallen.

    Super das ein Impfstoff da ist, doch wird es noch eine Weile dauern und dieser Winter wird so bleiben wie er ist. viele Branchen werden noch eine Weile dran zu knabbern haben, wie z.B. der Luftverkehr oder Touristik.

    AntwortenLöschen
  6. Hallo Michael!
    Ich finde immer wieder Artikel, die Facebook nur für whatsapp, ..pay, ...shop und der damit verbundenen Skalierung des Geschäftes preisen.
    Ich finde aber fast nie eine Erwähnung der ultimativen Disruptierung durch Facebook, wie es einst durch Apple, das Iphone und das Tablet war. Ich bin zu 1000% überzeugt das VR und AR das Zeug dazu haben, ich bin keine 20 oder 30 und bin einfach nur begeistert. Man muss sich die ganzen Möglichkeiten mal auf der Zunge zergehen lassen! Beim Konzert in der ersten Reihe, live face to face mit den Fans und dem Star, bwohl man keine läßtigen earphones hat, erlebt man einen Sound den man nur von den besten Surroundanlagen oder einem Kinosaal kennt.
    Oculus (VR) ist der genialste Sch... zur Zeit, nächstes Jahr kommt noch dazu AR, in Kooperation mit Ray Ban, erlebt es selber, nur 350,- für eine Oculus. Das wird ein zusätzlicher riesiger Wachstumsbeschleuniger!

    AntwortenLöschen