Montag, 6. April 2026

Kissigs Börsengeschichte(n): Am 06.04.1865 wurde BASF gegründet und nach der Zerschlagung 1945 folgte der Wiederaufstieg zum größten Chemieunternehmen der Welt

Am 06.04.1865 wurde die Badische Anilin- und Sodafabrik gegründet, besser bekannt als BASF. Die Entstehung des Unternehmens fällt in eine Phase tiefgreifender industrieller Transformation im deutschsprachigen Raum. Die Chemieindustrie entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem der innovativsten und wachstumsstärksten Industriezweige, insbesondere durch die zunehmende Bedeutung synthetischer Farbstoffe.

Die BASF blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück aus kleinen Anfängen bis zum heutigen weltgrößten Chemiegigant en. Es ist eine Geschichte über einen kometenhaften Aufstieg, einen abgrundtiefen tiefen Sturz aufgrund der Verstrickungen in die Verbrechen des Nazi-Regimes und einen beinahe beispiellosen Wiederaufstieg in der Nachkriegszeit...

Die Gründerjahre
BASF wurde ursprünglich in Mannheim gegründet und zog kurz darauf nach Ludwigshafen um, wo bis heute der Hauptsitz des Unternehmens liegt. Die frühe Unternehmensstrategie konzentrierte sich auf die Herstellung von Teerfarbstoffen, die aus Steinkohle gewonnen wurden. Diese Produkte revolutionierten die Textilindustrie, da sie intensivere und beständigere Farben ermöglichten als natürliche Farbstoffe.

Bereits in den ersten Jahrzehnten zeigte sich BASF als technologisch ambitioniertes Unternehmen. Ein entscheidender Meilenstein war die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens zur Ammoniaksynthese zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dieses Verfahren ermöglichte die industrielle Produktion von Düngemitteln und war von enormer Bedeutung für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit weltweit.

Der Weg zur IG Farben: Konzentration und Machtbildung

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts verschärfte sich der Wettbewerb in der Chemieindustrie. Große deutsche Unternehmen wie BASF, Bayer und Hoechst standen im intensiven Konkurrenzkampf, gleichzeitig wuchs der Druck durch internationale Märkte. In diesem Kontext entstand der Trend zur Konsolidierung.

1925 wurde die Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG gegründet, bekannt als IG Farben. BASF ging gemeinsam mit anderen großen Chemieunternehmen in diesem Konzern auf. Ziel war es, Ressourcen zu bündeln, Forschung zu koordinieren und die globale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Die IG Farben entwickelte sich rasch zu einem der größten Chemiekonzerne der Welt. Sie dominierte zahlreiche Märkte, darunter Farbstoffe, Pharmazeutika und synthetische Materialien. Gleichzeitig wuchs die politische Bedeutung des Unternehmens, insbesondere in der instabilen Phase der Weimarer Republik.

Die Verstrickung mit dem NS-Regime

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann ein dunkles Kapitel in der Geschichte der IG Farben und damit auch der ehemaligen BASF-Strukturen. Der Konzern profitierte in erheblichem Maße von der Aufrüstungspolitik des Regimes. Chemische Produkte wie synthetischer Treibstoff und Gummi (Buna) waren für die Kriegswirtschaft von zentraler Bedeutung.

Die IG Farben war eng mit dem NS-Staat verflochten. Führungskräfte des Unternehmens kooperierten mit politischen Entscheidungsträgern und unterstützten aktiv die wirtschaftlichen Ziele des Regimes. Besonders gravierend war die Beteiligung an Zwangsarbeit und an der Errichtung von Produktionsanlagen in der Nähe von Konzentrationslagern.

Ein besonders bekanntes Beispiel ist das Werk in Auschwitz-Monowitz, wo IG Farben eine große Industrieanlage betrieb. Tausende Zwangsarbeiter, darunter KZ-Häftlinge, wurden unter unmenschlichen Bedingungen eingesetzt. Viele überlebten diese Arbeit nicht. Zudem war eine Tochtergesellschaft der IG Farben an der Produktion von Zyklon B beteiligt, das in Vernichtungslagern eingesetzt wurde.

Diese Verstrickungen führten nach dem Zweiten Weltkrieg zu umfassenden juristischen und moralischen Konsequenzen. Im sogenannten IG-Farben-Prozess wurden führende Manager angeklagt, einige von ihnen verurteilt. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit bleibt bis heute ein zentraler Bestandteil der Unternehmensgeschichte von BASF und den anderen Nachfolgefirmen.

Zerschlagung und Neuanfang nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschlossen die Alliierten die Zerschlagung der IG Farben. Der Konzern wurde in mehrere unabhängige Unternehmen aufgeteilt. BASF wurde 1952 als eigenständige Gesellschaft neu gegründet.

Der Wiederaufbau erfolgte in einer Zeit großer wirtschaftlicher Herausforderungen, aber auch enormer Chancen. Die westdeutsche Wirtschaft erlebte in den 1950er und 1960er Jahren ein starkes Wachstum, das sogenannte Wirtschaftswunder. BASF profitierte von dieser Entwicklung und konnte seine Produktionskapazitäten schnell erweitern.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor war die konsequente Ausrichtung auf Forschung und Entwicklung. BASF investierte stark in neue Technologien und baute ein breites Produktportfolio auf, das von Chemikalien über Kunststoffe bis hin zu Pflanzenschutzmitteln reichte.

Expansion und Globalisierung

Ab den 1960er Jahren begann BASF, sich zunehmend international auszurichten. Produktionsstandorte wurden in Europa, Nordamerika und später auch in Asien aufgebaut. Diese Globalisierungsstrategie ermöglichte es dem Unternehmen, neue Märkte zu erschließen und Risiken besser zu diversifizieren.

Ein weiteres zentrales Element der Unternehmensstrategie war die sogenannte "Verbundstruktur". Dabei handelt es sich um ein integriertes Produktionssystem, bei dem Nebenprodukte eines Prozesses als Rohstoffe für andere Prozesse genutzt werden. Dieses Konzept steigert die Effizienz und reduziert Kosten sowie Umweltbelastungen.

Durch kontinuierliche Innovation und strategische Übernahmen konnte BASF seine Marktposition weiter stärken. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem führenden Anbieter in zahlreichen Segmenten der Chemieindustrie.

Verantwortung und Aufarbeitung der Vergangenheit

In den letzten Jahrzehnten hat sich BASF intensiver mit seiner historischen Verantwortung auseinandergesetzt. Die Rolle innerhalb der IG Farben und die Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes wurden wissenschaftlich untersucht und öffentlich thematisiert.

Das Unternehmen beteiligt sich an Entschädigungsprogrammen für ehemalige Zwangsarbeiter und unterstützt Initiativen zur Erinnerung und Aufklärung. Diese Maßnahmen sind Teil eines umfassenderen Verständnisses von unternehmerischer Verantwortung, das über wirtschaftliche Aspekte hinausgeht.

Der Aufstieg zum weltgrößten Chemieunternehmen

Heute gilt BASF als das größte Chemieunternehmen der Welt. Mit einem breiten Portfolio, das von Basischemikalien über Spezialprodukte bis hin zu Lösungen für nachhaltige Entwicklung reicht, ist das Unternehmen in nahezu allen Industriezweigen präsent.

Die Innovationskraft bleibt ein zentraler Wettbewerbsvorteil. BASF investiert jährlich Milliardenbeträge in Forschung und Entwicklung, insbesondere in den Bereichen Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und digitale Transformation.

Gleichzeitig steht das Unternehmen vor großen Herausforderungen. Der Druck zur Reduktion von CO₂-Emissionen, volatile Rohstoffpreise und geopolitische Spannungen beeinflussen die Geschäftsentwicklung. Dennoch gelingt es BASF bislang, sich als globaler Marktführer zu behaupten.

Mein Fazit

Die Geschichte von BASF ist ein Spiegelbild der industriellen Entwicklung Deutschlands und Europas. Von den Anfängen in der Farbstoffproduktion über die Integration in die IG Farben und die Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes bis hin zum Wiederaufbau und globalen Aufstieg zeigt sich ein komplexes Bild.

Das Unternehmen hat sich von einem regionalen Hersteller zu einem weltweit führenden Chemiekonzern entwickelt. Gleichzeitig bleibt die historische Verantwortung ein wichtiger Bestandteil seiner Identität. Die Fähigkeit, Innovation mit kritischer Selbstreflexion zu verbinden, wird entscheidend dafür sein, wie BASF auch in Zukunft seine Rolle in der globalen Wirtschaft gestaltet. Eine Herausforderung auch insbesondere angesichts des in Europa und vor allen in Deutschland herrschenden deutlich erhöhten Energiepreisniveaus, das in einer zyklischen und energiehungrigen Branche wie der Chemie ein ganz entscheidender Wettbewerbs- und damit Standortfaktor ist.

6 Kommentare:

  1. BASF am Standort Deutschland (LU, Schwarzheide) ist faktisch tot, revenue generation wird nur noch im nicht EU Ausland stattfinden. Leider spricht das wider besseren Wissens niemand aus, weder die Führungsriege in Europa, noch der VCI. Managed decline.

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  2. Guter Artikel, allerdings fehlt mir der Hinweis auf die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte, nämlich das für fast 9 Mrd Euro gebaute, kürzlich eröffnete Mega-Werk in Zhanjiang. Ferner die (mittlerweile veräußerten) Joint-Ventures in der chinesischen (Uiguren-) Region Xinjiang. Und last not least die jahrzehntelange "Energie-Partnerschaft" mit Rußland, welche lange für günstiges Gas gesorgt hat, nach 2022 aber zu Milliarden-Verlusten geführt hat.
    Man ist w/Zhanjiang geneigt zu sagen: nichts aus der Geschichte gelernt.

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    1. Hallo Stefan, wo hättest Du denn - aus der Geschichte lernend - den 7. Verbundstandort der BASF eröffnet, wenn nicht in China?

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  3. Was IG-Farben betrifft, sollte man sich um alle Details kümmern, bevor man (heutzutage) die moralische Keule erhebt, was aber nicht das menschliche Leid verharmlosen soll. Mein Eindruck ist eher, dass es bei der Gründung der IG Farben ums Überleben der Firmen ging; es war wirtschaftlich eine sehr schwierige Zeit. Ich bin in einem Ort aufgewachsen, in der es seinerzeit ein Chemieunternehmen gab (Ein später bei BASF führender Chemieingenieur hat dort sogar Mal eine Zeitlang gearbeitet). Es hat sich nicht an den IG Farben beteiligt, war dann ganz schnell weg.

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  4. Vielen Dank für den Artikel! Ich finde noch den Pharma-Aspekt interessant. 1975 erwarb die BASF die Knoll AG, ab 1982 eine 100%-Tochter. 2001 ging die Tochter inkl. dem späteren Präparat Humira für 6,9 Mrd. USD an Abbott. 2003 brachte Abbott dann Humira auf den Markt. Abbott spaltete sich auf und Humira ging an Abbvie. 2022 stand es allein für 21,2 Mrd. USD Umsatz (in einem Jahr!).

    Artikel in der Welt vom 19.01.2011: ... „Das ganze ist ein Krimi, nur ohne echte Verbrecher: Diejenigen, die damals im Konzern den Verkauf von Knoll vorangetrieben haben, waren falsch beraten, die Umsatzprognosen waren viel zu niedrig“, kommentiert ein ehemals sehr ranghoher BASF-Manager, der bis 1997 für Knoll mitverantwortlich war. „Heute will kein Beteiligter mehr über den Verkauf reden, denn das ist für alle furchtbar peinlich – wir hatten in Deutschland die Speerspitze der erfolgreichsten Biotechnologie überhaupt in der Hand, und haben sie für weniger als einen Jahresumsatz nach USA verkauft.“

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    1. Tolle Ergänzung! Die Knoll-Story war/ist mir völlig neu.

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