Dienstag, 15. September 2026

Kissigs Börsengeschichte(n): Am 15.09.2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an, nachdem die US-Regierung dieser Investmentbank die Rettung verweigerte - und aus der US-Bankenkrise wurde so eine globale Finanzkrise

Am 15.09.2008 endete eine mehr als 150 Jahre währende Unternehmensgeschichte auf dramatische Weise. Lehman Brothers Holdings Inc. beantragte beim Insolvenzgericht in New York Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts. Mit bilanzierten Vermögenswerten von rund 639 Milliarden Dollar und Schulden von etwa 613 Milliarden Dollar war es damals die größte Unternehmensinsolvenz der US-Geschichte.

Doch Lehman Brothers war weit mehr als nur eine weitere Investmentbank, die an der Immobilienkrise gescheitert war. Das Unternehmen war ein Symbol für den Aufstieg der modernen Wall Street, für die zunehmende Bedeutung von Verbriefungen und Fremdfinanzierung – und schließlich für die Risiken eines Finanzsystems, in dem Banken mit immer komplexeren Produkten immer größere Risiken eingingen.

Der Zusammenbruch von Lehman war deshalb ein Wendepunkt. Bereits zuvor hatten die US-Behörden Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac stützen müssen. Kurz nach Lehman musste der Versicherungsriese AIG gerettet werden. Merrill Lynch verschwand durch die Übernahme durch Bank of America, während Morgan Stanley und Goldman Sachs ihre Geschäftsmodelle änderten und zu Bankholdinggesellschaften wurden. Innerhalb weniger Wochen verwandelte sich eine Immobilien- und Kreditkrise in eine globale Finanzkrise...

Von einem Baumwollhändler zum Wall-Street-Giganten

Die Geschichte von Lehman Brothers begann nicht an der Wall Street, sondern im amerikanischen Süden. Henry Lehman, ein aus Deutschland eingewanderter Kaufmann, eröffnete 1844 in Montgomery im Bundesstaat Alabama zunächst ein Geschäft für Textilien und andere Waren. 1850 schlossen sich seine Brüder Emanuel und Mayer Lehman dem Unternehmen an. Aus dem Familienbetrieb wurde Lehman Brothers.

Der wirtschaftliche Aufstieg des Unternehmens war eng mit der Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft verbunden. Aus dem Warenhandel entwickelte sich zunehmend ein Finanzgeschäft. Besonders wichtig war der Handel mit Baumwolle. Die Brüder verfügten über Kenntnisse über Warenmärkte und bauten Beziehungen zu Plantagenbesitzern, Händlern und Banken auf. Aus dem Händler wurde allmählich ein Finanzintermediär.

Lehman Brothers profitierte dabei von einem grundlegenden Wandel der amerikanischen Wirtschaft: Kapital wurde immer wichtiger, Unternehmen benötigten immer größere Summen für Investitionen und Infrastruktur, und die Finanzmärkte gewannen an Bedeutung. Lehman entwickelte sich deshalb über die Jahrzehnte hinweg von einem Handelsunternehmen zu einem Finanzdienstleister.

Im 20. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum der Geschäftstätigkeit endgültig nach New York. Lehman wurde zu einer bedeutenden Investmentbank und begleitete Unternehmen bei Kapitalbeschaffung, Börsengängen und Fusionen. Gleichzeitig baute die Bank ihr Geschäft im Wertpapierhandel aus. Damit entstand das Geschäftsmodell, das Lehman bis zu seinem Untergang prägen sollte: Investmentbanking, Wertpapierhandel, Finanzierung und zunehmend auch die Entwicklung und Vermarktung komplexer Finanzprodukte.

Die lange Unternehmensgeschichte erwies sich dabei als Vorteil. Lehman besaß einen hervorragenden Namen an der Wall Street, enge Beziehungen zu institutionellen Investoren und Unternehmen und eine jahrzehntelang gewachsene Expertise in den Kapitalmärkten. Doch gerade diese Stärke sollte später auch zur Schwäche werden. Der gute Ruf vermittelte Sicherheit – und erleichterte es der Bank, immer größere Risiken einzugehen.

Die wechselhafte Geschichte und der Verkauf an American Express

Die Geschichte von Lehman Brothers verlief keineswegs geradlinig. Wie andere große Investmentbanken musste das Unternehmen immer wieder auf Krisen und strukturelle Veränderungen reagieren. Eine besonders wichtige Zäsur kam in den 1970er- und 1980er-Jahren.

1984 wurde Lehman Brothers von Shearson übernommen, einer Tochter von American Express. American Express hatte sein Finanzimperium zu dieser Zeit massiv ausgebaut und wollte mit der Übernahme seine Position im Investmentbanking stärken. Die neue Organisation wurde als Shearson Lehman Brothers bekannt. Rechtlich entstand die spätere Lehman-Brothers-Holding aus dieser Struktur: Die Gesellschaft, die 2008 Insolvenz anmeldete, war ursprünglich Ende 1983 als "Shearson/American Express Holdings Inc." gegründet worden.

Die Verbindung war allerdings nicht dauerhaft erfolgreich. Die unterschiedlichen Unternehmenskulturen und strategischen Interessen sorgten für Spannungen. American Express war stärker auf ein breit aufgestelltes Finanzdienstleistungsgeschäft ausgerichtet, während das Investmentbanking von Lehman eine eigene Dynamik entwickelte.

1994 kam es schließlich zur Trennung. American Express spaltete Lehman Brothers durch einen Börsengang wieder ab. Damit war Lehman erneut ein unabhängiges Unternehmen. Die Abspaltung sollte sich im Nachhinein als entscheidend erweisen: Lehman konnte seine Strategie nun wieder weitgehend eigenständig bestimmen – und ging in den folgenden Jahren zunehmend größere Risiken ein.

An der Spitze des wieder unabhängigen Unternehmens stand Richard "Dick" Fuld, der Lehman Brothers über ein Jahrzehnt lang prägte. Fuld entwickelte sich zu einem der mächtigsten Manager der Wall Street. Unter seiner Führung wuchs Lehman zu einer globalen Investmentbank mit Geschäftsaktivitäten in Investmentbanking, Kapitalmärkten und Investmentmanagement. Die Bank war unter anderem im Aktien- und Anleihehandel, bei Unternehmensübernahmen und Kapitalmaßnahmen, in der Vermögensverwaltung sowie im Private-Equity-Geschäft aktiv.

Der Boom der Wall Street und die neue Welt der Verbriefungen

Der eigentliche Aufstieg von Lehman Brothers begann jedoch in einer Zeit, in der sich das Finanzsystem grundlegend veränderte. Nach der Jahrtausendwende wurden Kreditverbriefungen, Derivate und strukturierte Finanzprodukte zu einem zentralen Geschäft der großen Investmentbanken.

Besonders attraktiv war der amerikanische Immobilienmarkt. Steigende Immobilienpreise erzeugten die Erwartung, dass Häuser und Grundstücke langfristig an Wert gewinnen würden. Banken vergaben Hypotheken, diese Kredite wurden gebündelt und anschließend als Mortgage-Backed Securities (MBS) an Investoren verkauft. Aus diesen wiederum wurden komplexere Produkte wie Collateralized Debt Obligations (CDO) geschaffen.

Für Investmentbanken war dieses Geschäftsmodell ausgesprochen lukrativ. Sie mussten Kredite nicht unbedingt langfristig auf der eigenen Bilanz halten. Stattdessen konnten sie Kredite strukturieren, verbriefen und an Investoren weiterverkaufen. Dabei verdienten sie Gebühren und konnten gleichzeitig ihre Handelsaktivitäten ausweiten.

Lehman Brothers stieg massiv in dieses Geschäft ein. Nach dem Ende der Dotcom-Krise und dem Platzen der Technologieblase suchte die Wall Street nach neuen Wachstumsfeldern. Immobilien erschienen besonders attraktiv. Niedrige Zinsen, steigende Häuserpreise und eine scheinbar ständig wachsende Nachfrage nach Hypotheken schufen ein ideales Umfeld.

Doch Lehman beließ es nicht bei der Rolle des Vermittlers. Die Bank wurde selbst zu einem bedeutenden Akteur im Immobiliengeschäft. Zwischen 2003 und 2004 übernahm Lehman fünf Hypothekenanbieter, darunter Unternehmen, die sich auf Subprime-Kredite spezialisiert hatten. Damit finanzierte und vergab Lehman zunehmend selbst Hypotheken an Kreditnehmer mit schwächerer Bonität.

Genau darin lag später eines der größten Probleme.

Je größer der Immobilienboom, desto größer das Risiko

Das Geschäftsmodell funktionierte hervorragend, solange die Immobilienpreise stiegen und die Kreditausfälle niedrig blieben. Doch mit jedem zusätzlichen Kredit wuchs auch die Abhängigkeit vom Immobilienmarkt.

Lehman baute seine Immobilienpositionen massiv aus. Ende des Geschäftsjahres 2007 hielt die Bank laut zeitgenössischen Angaben rund 111 Milliarden Dollar an gewerblichen und privaten Immobilien sowie damit verbundenen Wertpapieren – mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

Damit hatte Lehman ein enormes Klumpenrisiko aufgebaut.

Die entscheidende Besonderheit einer Investmentbank bestand darin, dass sie ihre Vermögenswerte zu einem großen Teil mit kurzfristigem Fremdkapital finanzierte. Ein wichtiges Instrument dafür waren sogenannte Repurchase Agreements, kurz Repos. Dabei verkauft eine Bank Wertpapiere mit der Vereinbarung, sie später zurückzukaufen. Wirtschaftlich handelt es sich vereinfacht gesagt um kurzfristige besicherte Kredite.

Dabei ist "Fristenkongruenz" ein Schlüsselfaktor in der Risikokontrolle und insbesondere für Banken von elementarer Bedeutung: in Kurzform geht es darum, dass langfristige Kredite durch langfristige Refinanzierungen gedeckt sein müssen, um Zinsänderungsrisiken auszuweichen. Wer gierig wird, verletzt diese Grundregel. Und Lehman war extrem gierig...

Solange die Marktteilnehmer Vertrauen in Lehman hatten, konnte die Bank ihre Geschäfte problemlos refinanzieren. Doch dieses Modell hatte eine gefährliche Schwäche: Wenn die Marktteilnehmer das Vertrauen verloren, konnte die Finanzierung innerhalb kürzester Zeit wegbrechen.

Genau das geschah ab 2007.

Die Immobilienpreise begannen zu fallen, immer mehr Subprime-Kreditnehmer konnten ihre Hypotheken nicht mehr bedienen und die Verluste bei Mortgage-Backed Securities stiegen. Investoren erkannten, dass viele vermeintlich sichere Wertpapiere deutlich riskanter waren als angenommen. Die Preise fielen, die Liquidität trocknete aus und niemand wusste mehr genau, welche Bank wie stark belastet war.

Das eigentliche Problem war damit nicht nur der Wertverlust der Immobilien. Es war der Vertrauensverlust.

Lehman unterschätzt die Gefahr

Lehman Brothers hatte zwar durchaus erkannt, dass sich der Immobilienmarkt verschlechterte. Doch die Reaktion fiel zunächst zu zögerlich aus. Die Bank glaubte offenbar, ihre Positionen und Risiken kontrollieren zu können.

Als Bear Stearns im März 2008 in existenzielle Schwierigkeiten geriet und schließlich mit Unterstützung der US-Regierung von JPMorgan Chase übernommen wurde, war spätestens klar, dass die Krise auch große Wall-Street-Häuser erfassen konnte.

Für Lehman war die Situation besonders gefährlich. Die Bank war stark im Immobiliengeschäft engagiert und gleichzeitig auf kurzfristige Finanzierung angewiesen. Je stärker die Märkte an der Werthaltigkeit der Lehman-Aktiva zweifelten, desto schwieriger wurde es für die Bank, sich zu refinanzieren.

Im Juni 2008 gelang es Lehman noch, rund sechs Milliarden Dollar neues Kapital aufzunehmen. Doch der Schritt reichte nicht aus.

Im Sommer verschärfte sich die Situation dramatisch. Investoren wollten wissen, wie viel die Immobilienbestände tatsächlich wert waren. Die Bank musste Abschreibungen vornehmen und versuchte, ihre Bilanz zu entlasten. Doch die Maßnahmen überzeugten die Märkte nicht.

Am 10. September 2008 kündigte Lehman Abschreibungen von 5,6 Milliarden Dollar auf problematische Vermögenswerte an und stellte für das dritte Quartal einen Verlust von 3,93 Milliarden Dollar in Aussicht. Gleichzeitig sollte ein Paket von rund 50 Milliarden Dollar an problematischen Immobilienwerten in eine eigenständige Gesellschaft ausgelagert werden.

Doch die Ankündigung hatte den gegenteiligen Effekt. Statt Vertrauen zurückzugewinnen, verstärkte sie die Zweifel an der Überlebensfähigkeit der Bank.

Showdown im September 2008

Die Ereignisse überschlugen sich. Anfang September 2008 mussten bereits Fannie Mae und Freddie Mac, die beiden zentralen US-Hypothekenfinanzierer, unter staatliche Kontrolle gestellt werden. Die US-Regierung stellte finanzielle Unterstützung bereit, um eine Destabilisierung des amerikanischen Immobilien- und Finanzsystems zu verhindern.
Lehman stand nun unmittelbar im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Am Wochenende des 12. bis 14. September trafen sich Vertreter von Lehman, der Federal Reserve Bank of New York, des US-Finanzministeriums und der Securities and Exchange Commission sowie Vertreter großer Banken in New York. Ziel war es, eine private Lösung zu finden.

Die Hoffnung bestand darin, Lehman an einen Konkurrenten zu verkaufen oder zumindest eine branchenweite Lösung zu organisieren.

Doch es gab ein fundamentales Problem: Niemand wollte Lehman ohne staatliche Unterstützung übernehmen.

Bank of America und Barclays: Die letzten Rettungsversuche

Ein möglicher Käufer war zunächst Bank of America. Doch Bank of America entschied sich schließlich gegen Lehman und übernahm stattdessen Merrill Lynch. Das war ein entscheidender Schlag für Lehman.

Als letzte große Hoffnung blieb Barclays.

Die britische Bank verhandelte intensiv über eine Übernahme. Doch auch dieser Versuch scheiterte. Ein wesentlicher Punkt waren die notwendigen regulatorischen Genehmigungen und die Frage, welche Risiken Barclays übernehmen müsste. Eine Übernahme hätte äußerst schnell erfolgen müssen, doch die erforderlichen Voraussetzungen ließen sich nicht rechtzeitig schaffen.

Die Situation war damit dramatisch: Lehman hatte keinen Käufer, seine Finanzierungsmöglichkeiten schwanden und die US-Regierung war nicht bereit, einen Rettungskredit oder eine staatliche Verlustgarantie bereitzustellen.

Am frühen Morgen des 15. September 2008 blieb deshalb nur noch der Gang zum Insolvenzgericht.

Warum die US-Regierung Lehman nicht rettete

Die Frage, weshalb Lehman Brothers nicht ebenfalls gerettet wurde, beschäftigt Ökonomen und Finanzhistoriker bis heute. Denn nur wenige Monate zuvor hatten die US-Behörden die Übernahme von Bear Stearns durch JPMorgan Chase mit erheblichen staatlichen Maßnahmen unterstützt. Kurz nach Lehman wurde AIG mit einem Kredit von zunächst 85 Milliarden Dollar stabilisiert.

Warum also Lehman nicht?

Ein wichtiger Grund war die rechtliche Situation. Die Federal Reserve durfte damals keine unbesicherten Kredite vergeben. Für einen ausreichend großen Kredit an Lehman fehlten nach Einschätzung der Notenbank geeignete Sicherheiten. Die vorhandenen Vermögenswerte waren nicht ausreichend, um einen Kredit in der notwendigen Größenordnung abzusichern.

Hinzu kam ein zweites Problem: Das US-Finanzministerium hatte damals nicht die notwendige rechtliche Grundlage, um die erwarteten Verluste einer Lehman-Rettung einfach zu übernehmen. Anders als später beim 700 Milliarden Dollar schweren TARP-Programm fehlte dem Staat ein entsprechendes Instrument.

Es gab zudem eine politische Dimension.

Die Probleme von Lehman waren seit Monaten bekannt. Der Markt hatte längst damit begonnen, das Unternehmen als besonders gefährdet einzuschätzen. Die Kosten für eine Absicherung der Lehman-Schulden über Credit Default Swaps waren stark gestiegen. Aus Sicht der US-Behörden hatten Investoren und Geschäftspartner deshalb ausreichend Zeit gehabt, sich auf einen möglichen Zusammenbruch vorzubereiten.

Auch das Moral-Hazard-Problem spielte eine Rolle. Wenn der Staat jedes große Finanzunternehmen rettete, konnte daraus die Erwartung entstehen, dass Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert würden. Genau dieses Prinzip hatte bereits bei den vorherigen Rettungsaktionen Kritik hervorgerufen.

Zudem standen die USA kurz vor den Präsidentschaftswahlen und die Demoraten waren strikt gegen jede Rettung der gierigen Wall Street-Bonzen, während die Republikaner gegen Staatsinterventionen waren. Eine Pattsituation, in der das Finanzministerium und die Notenbank wenig bis keine Karten in der Hand hielten.

Lehman sollte deshalb offenbar auch ein Signal sein: Nicht jedes Finanzinstitut kann und wird gerettet.

Das Problem war nur, dass die Behörden die systemischen Konsequenzen dieser Entscheidung offenbar unterschätzten.

Der Lehman-Moment

Mit dem Insolvenzantrag begann die eigentliche Katastrophe.

Lehman war nicht irgendein Unternehmen. Die Bank war tief mit anderen Finanzinstituten verbunden. Sie hatte Geschäfte mit Banken, Hedgefonds, Versicherern, Pensionsfonds und Unternehmen auf der ganzen Welt. Ihre Wertpapiere dienten als Sicherheiten, ihre Derivatepositionen waren mit den Geschäften anderer Institute verbunden und ihre kurzfristige Finanzierung war Bestandteil des globalen Finanzsystems.

Die Insolvenz führte deshalb zu einem Vertrauensschock.

Wenn eine der größten Investmentbanken der Welt tatsächlich pleitegehen konnte, stellte sich für Marktteilnehmer die Frage: Wer ist der nächste?

Diese Unsicherheit war besonders gefährlich, weil niemand genau wusste, welche Gegenpartei wie stark betroffen war. Banken wurden vorsichtiger, kurzfristige Kredite wurden zurückgefahren und die Liquidität an den Finanzmärkten verschlechterte sich dramatisch.

Die Federal Reserve beschrieb später, dass nach Lehman die kurzfristigen Finanzierungsmärkte zeitweise praktisch austrockneten. Auch der Markt für Commercial Paper, eine wichtige Finanzierungsquelle für Unternehmen, geriet massiv unter Druck.

AIG: Nur einen Tag später der nächste Schock

Die Lehman-Insolvenz blieb nicht isoliert. Am 16. September, nur einen Tag später, geriet American International Group (AIG) an den Rand des Zusammenbruchs. Der Versicherungsriese hatte in großem Umfang Kreditausfallversicherungen auf strukturierte Wertpapiere verkauft. Mit den fallenden Preisen der zugrunde liegenden Vermögenswerte musste AIG immer mehr Sicherheiten bereitstellen.

AIG war praktisch die einzige Versicherung weltweit, die diese lukrativen Kreditausfallversicherungen verkauft hatte. Damit war sie de facto der Versicherer von allen Finanzinstituten weltweit - und durch die Lehman-Pleite forderten nun alle diese Versicherten gleichzeitig ihre Versicherungsleistungen ab und das Kartenhaus brach in sich zusammen.

Private Investoren, die AIG hätten finanzieren können, zogen sich zurück. Die Federal Reserve entschied sich deshalb für einen Notfallkredit von zunächst 85 Milliarden Dollar.

Der Unterschied zwischen Lehman und AIG war aus Sicht der US-Notenbank entscheidend: Bei AIG sah die Federal Reserve ausreichend werthaltige Vermögenswerte als Sicherheit an. Außerdem befürchtete sie, dass ein ungeordneter AIG-Zusammenbruch das globale Finanzsystem noch stärker destabilisieren würde.

Damit wurde innerhalb weniger Tage eine paradoxe Situation sichtbar: Lehman durfte zusammenbrechen, AIG wurde gerettet.

Merrill Lynch verschwindet – und die Wall Street verändert sich

Auch Merrill Lynch geriet durch die Lehman-Pleite massiv unter Druck. Das Unternehmen hatte ebenfalls hohe Risiken im Immobilien- und Kreditgeschäft aufgebaut. Um einen Zusammenbruch zu verhindern, stimmte Merrill Lynch einer Übernahme durch Bank of America zu.

Damit verschwanden innerhalb weniger Tage zwei der großen unabhängigen Investmentbanken als eigenständige Größen von der Wall Street: Lehman war insolvent, Merrill Lynch wurde übernommen.

Morgan Stanley und Goldman Sachs gerieten ebenfalls unter Druck. Beide wandelten sich schließlich zu Bankholdinggesellschaften und erhielten dadurch Zugang zu stabileren Finanzierungsmöglichkeiten innerhalb des Bankensystems. Damit endete die Ära der großen, eigenständigen US-Investmentbanken faktisch.

Die Wall Street, wie sie über Jahrzehnte existiert hatte, war damit Geschichte.

Der Zusammenbruch der Geldmarktfonds

Eine besonders gefährliche Folge der Lehman-Insolvenz spielte sich außerhalb der klassischen Banken ab.

Ein großer Geldmarktfonds, der Reserve Primary Fund, hielt Lehman-Schuldtitel. Nach der Insolvenz musste der Fonds den Wert seiner Lehman-Positionen massiv nach unten korrigieren. Der Nettoinventarwert fiel unter den für Geldmarktfonds kritischen Wert von einem Dollar je Anteil – der Fonds "brach den Dollar", wie es an den Finanzmärkten heißt.

Das löste einen Ansturm auf Geldmarktfonds aus. Anleger zogen in großem Umfang Kapital ab. Die Fonds wiederum mussten ihre Anlagen verkaufen, wodurch der Druck auf die Märkte weiter zunahm.

Die Federal Reserve beschreibt die Entwicklung als einen wesentlichen Faktor dafür, dass der Markt für Commercial Paper unter erheblichen Druck geriet. Unternehmen, die normalerweise kurzfristig Geld über diesen Markt aufnehmen konnten, hatten plötzlich Schwierigkeiten, sich zu refinanzieren.

Aus einer Bankenkrise wurde damit eine allgemeine Liquiditätskrise.

Die Krise wird global

Lehman Brothers war global tätig. Die Bank unterhielt bedeutende Aktivitäten in Europa und Asien und war mit Finanzinstituten rund um den Globus verbunden. Deshalb blieb der Zusammenbruch nicht auf die USA beschränkt.

Die globalen Dollar-Finanzierungsmärkte gerieten unter enormen Druck. Europäische Banken waren von US-Hypothekenpapieren betroffen, gleichzeitig hatten sie sich über kurzfristige Dollar-Finanzierung stark von den internationalen Kapitalmärkten abhängig gemacht.

Auch außerhalb der USA gerieten große Institute ins Wanken. In Großbritannien musste HBOS mit Lloyds TSB fusionieren. In den Benelux-Staaten wurde der Finanzkonzern Fortis faktisch verstaatlicht. Weitere Banken mussten staatlich gestützt oder von Wettbewerbern übernommen werden.

Die Aktienmärkte brachen ein. Die Nachfrage nach sicheren Staatsanleihen explodierte, während riskante Vermögenswerte massiv an Wert verloren. Kredit wurde knapp und teuer. Unternehmen verschoben Investitionen, Verbraucher wurden vorsichtiger und Banken reduzierten ihre Kreditvergabe.

Die Krise hatte damit endgültig die Realwirtschaft erreicht.

Die US-Regierung muss ihre Strategie ändern

Der Zusammenbruch von Lehman hatte eine wichtige politische Konsequenz: Die US-Regierung erkannte, dass die bisherigen Instrumente nicht ausreichten.

Am 3. Oktober 2008 verabschiedete der US-Kongress den Emergency Economic Stabilization Act. Kernstück war das Troubled Asset Relief Program, besser bekannt als TARP, mit einem Volumen von bis zu 700 Milliarden Dollar. Damit erhielt die US-Regierung wesentlich größere Möglichkeiten, das Finanzsystem zu stabilisieren.

Nun konnten Banken rekapitalisiert und problematische Vermögenswerte beziehungsweise Risiken gezielt gestützt werden. Parallel weitete die Federal Reserve ihre Kreditprogramme massiv aus. Die FDIC garantierte zusätzliche Bankverbindlichkeiten, während Zentralbanken weltweit ihre Liquiditätsversorgung ausweiteten.

Die Politik hatte damit innerhalb weniger Wochen die Konsequenzen aus dem Lehman-Experiment gezogen.

Die Botschaft war eindeutig: Der Markt sollte grundsätzlich funktionieren – aber der Staat konnte das globale Finanzsystem nicht einfach zusammenbrechen lassen. Doch die Vertrauenskrise hielt noch Monate und Jahre an, das internationale Finanzsystem blieb ausgetrocknet, weil keine Bank der anderen mehr Geld leihen wollte.

Warum Lehman zum Symbol der Krise wurde

Lehman Brothers war nicht allein für die Finanzkrise verantwortlich. Die Ursachen lagen tiefer: jahrelang steigende Immobilienpreise, zu lockere Kreditvergabe, eine massive Verschuldung, komplexe Verbriefungen, falsche Risikoeinschätzungen, unzureichende Regulierung und die Abhängigkeit vieler Finanzinstitute von kurzfristiger Finanzierung kamen zusammen.

Lehman war jedoch die Institution, bei der diese Schwächen besonders sichtbar wurden.

Das Unternehmen hatte sich von einer traditionsreichen Investmentbank zu einem hochkomplexen Finanzkonzern entwickelt. Es war tief in den Immobilienmarkt eingestiegen, hatte erhebliche Bestände an Immobilienwerten aufgebaut und finanzierte einen Teil seiner Geschäfte kurzfristig. Solange die Märkte funktionierten, konnte dieses Modell enorme Renditen erzeugen.

Als die Immobilienpreise fielen und das Vertrauen verschwand, kehrte sich der Mechanismus um. Sinkende Vermögenswerte führten zu höheren Verlusten. Die Verluste führten zu Misstrauen. Das Misstrauen erschwerte die Refinanzierung. Die fehlende Refinanzierung zwang zum Verkauf von Vermögenswerten. Diese Verkäufe drückten die Preise weiter nach unten – und erhöhten damit die Verluste.

Es entstand eine klassische Abwärtsspirale.

Das Erbe von Lehman Brothers

Der unmittelbare Zusammenbruch von Lehman war nur der Anfang. In den folgenden Monaten verschärfte sich die globale Finanzkrise weiter. Die Aktienmärkte fielen massiv, Banken mussten abgeschriebenes Kapital ersetzen, Regierungen und Zentralbanken griffen mit beispiellosen Maßnahmen ein und die Weltwirtschaft rutschte in eine schwere Rezession.

Die Federal Reserve stellte später fest, dass von Anfang 2008 bis Anfang 2010 allein in den USA netto fast neun Millionen Arbeitsplätze verloren gingen. Millionen Menschen verloren ihre Häuser, während der globale Handel und die wirtschaftliche Aktivität in einem Ausmaß einbrachen, das seit der Großen Depression nicht mehr beobachtet worden war.

Auch regulatorisch hatte Lehman enorme Folgen. Die Krise zeigte, dass große Finanzkonzerne zwar systemische Bedeutung besitzen konnten, die Behörden aber nicht über ausreichende Instrumente verfügten, um solche Unternehmen im Krisenfall geordnet abzuwickeln. Die späteren Reformen zielten deshalb unter anderem darauf, Abwicklungsmechanismen für systemrelevante Finanzinstitute zu schaffen und deren Kapital- und Liquiditätsausstattung zu stärken.

Auch die Bilanzierungspraktiken von Lehman wurden nach der Insolvenz intensiv untersucht. Besonders bekannt wurden sogenannte Repo-105-Transaktionen, mit denen die Bank ihre Bilanz zeitweise kleiner erscheinen ließ. Fed-Chef Ben Bernanke erklärte später, die Federal Reserve habe von diesen Transaktionen nichts gewusst; selbst mit deren Kenntnis hätte sich ihre Einschätzung der gravierenden Kapital- und Liquiditätsprobleme Lehman's aber nicht grundlegend verändert.

Die Lehman-Insolvenz wurde damit zum Lehrstück über die Gefahren von Verschuldung, Liquiditätsrisiken und komplexen Finanzstrukturen.

Ein Ende – aber kein vollständiges Verschwinden

Lehman Brothers verschwand nach dem 15. September 2008 nicht sofort vollständig. Große Teile des operativen Geschäfts wurden verkauft. Barclays übernahm die nordamerikanischen Investmentbanking- und Kapitalmarktaktivitäten. Der Verkauf wurde wenige Tage nach der Insolvenz vom Insolvenzgericht genehmigt und sollte unter anderem dafür sorgen, dass Kundengelder und Wertpapierkonten möglichst schnell übertragen werden konnten.

Auch die Investmentmanagement-Sparte wurde später verkauft. Bain Capital und Hellman & Friedman übernahmen gemeinsam mit dem Management unter anderem Neuberger Berman und weitere Teile des Asset-Management-Geschäfts.

Die juristische Aufarbeitung dauerte hingegen Jahre. Die Insolvenzverfahren wurden zu einem der komplexesten und umfangreichsten Verfahren der Finanzgeschichte.

Der Name Lehman Brothers blieb damit erhalten – allerdings nicht mehr als eigenständiger Wall-Street-Gigant.

Der 15. September 2008 als Wendepunkt der Finanzgeschichte

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers war letztlich das Ergebnis einer langen Entwicklung. Die Bank war über mehr als 150 Jahre gewachsen, hatte Kriege, Depressionen, Börsencrashs und strukturelle Veränderungen überstanden. Sie hatte sich vom Baumwollhändler zum internationalen Investmentbanking-Konzern entwickelt, war von American Express übernommen und wieder abgespalten worden und hatte sich unter Richard Fuld erneut zu einem der mächtigsten Finanzhäuser der Welt entwickelt.

Doch in den Jahren vor 2008 wurde aus Wachstum zunehmend Risiko. Lehman setzte stark auf Immobilien, Verbriefungen und Fremdfinanzierung. Das funktionierte so lange, wie Immobilienpreise stiegen, Kreditmärkte liquide waren und Anleger Vertrauen hatten.

Als diese drei Voraussetzungen verschwanden, zeigte sich die Zerbrechlichkeit des Geschäftsmodells.

Der Staat stand schließlich vor einem Dilemma: Eine Rettung hätte den Steuerzahler mit hohen Risiken belasten und das Prinzip "too big to fail" weiter verstärkt. Eine Insolvenz wiederum konnte das Finanzsystem destabilisieren. Die US-Regierung entschied sich bei Lehman gegen die Rettung – auch weil ihr die rechtlichen und finanziellen Instrumente dafür fehlten und weil sie glaubte, Marktteilnehmer hätten sich auf den Zusammenbruch vorbereiten können.

Die Ereignisse der folgenden Tage zeigten jedoch, wie weit die Verflechtungen des globalen Finanzsystems bereits reichten. Lehman fiel, AIG geriet unmittelbar danach an den Rand des Abgrunds, Merrill Lynch wurde verkauft, weitere Banken gerieten unter Druck und die Geld- und Kreditmärkte froren teilweise ein.

Damit wurde Lehman Brothers zum Wendepunkt der Globalen Finanzkrise. Nicht weil die Bank allein die Krise verursacht hätte, sondern weil ihre Insolvenz offenbarte, dass das gesamte Finanzsystem auf einem Fundament stand, das wesentlich fragiler war, als Politik, Banken und Investoren geglaubt hatten.

Der 15. September 2008 markierte deshalb mehr als die Insolvenz eines traditionsreichen Unternehmens. Er war der Tag, an dem die Welt erkannte, dass die moderne Finanzwelt nicht nur durch ihre Größe und Komplexität beeindruckend war – sondern auch durch ihre gegenseitige Abhängigkeit und ihre Verwundbarkeit. Und genau diese Erkenntnis zwang Regierungen und Zentralbanken in den folgenden Monaten zu den außergewöhnlichsten Rettungs- und Stabilisierungsmaßnahmen der modernen Wirtschaftsgeschichte.

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