Freitag, 4. März 2016

Investor-Update: Berentzen, Gladstone Capital, Publity, Wirecard

Im Investor-Update notiere ich in unregelmäßigen Abständen aktuelle Einschätzungen zu Unternehmen meiner Empfehlungsliste und wie sich diese ggf. auf mein Investment-Portfolio ausgewirkt haben. Darüber hinaus auch zu Unternehmen, die ich noch nicht hier im Blog vorgestellt habe, die sich jedoch in meinem Depot befinden.

DAX Richtung 10.000, Dow über 17.000 Punkten
Trotz weiterhin starker Schwankungen der Börsenkurse steigen die Aktienmärkte weiter an. Die ganz große Panik ist ausgeblieben und dass die Börsen nicht mehr ausschließlich auf jedes negative Detail starren, führt dazu, dass viele Leute, die auf hohen Cash-Reserven sitzen, zunehmend nervös werden und zu nun höheren Kursen in den Markt zurückdrängen. Alternativen zu Aktien finden sich nach wie vor nicht und so streben die Kurse wieder gen Norden. Auch wenn die Risiken ja nicht verschwunden sind, sie werden nur halt nicht mehr ganz so einseitig man Markt übergewichtet.

 Quelle: CNN Money - Fear and Greed Index 
Fear-and-Greed-Index deutlich positiv
Das zeigt sich auch Angst-und-Gier-Index, der mit 71 Punkten inzwischen im völlig entspannten Terrain liegt. Die Angst, die noch vor drei Wochen alles bestimmte, scheint hinweggefegt und nachdem sogar Crash-Prophet und Dauer-Pessimist Marc Faber neulich eine Rallye voraussagte, werden wieder andere Faktoren wichtiger: Konjunkturdaten, Unternehmenszahlen.

Die meisten Unternehmen haben inzwischen ihre Zahlen präsentiert und bei vielen ist es nicht so schlimm gekommen, wie inzwischen erwartet wurde. Die Unternehmen passen sich an den stärkeren Dollar und den konjunkturellen Gegenwind an und die Anleger preisen die neuen Erkenntnisse und Erwartungen in die Aktienkurse ein. Es gibt jetzt kaum noch Aktien zu Tiefstkursen, die meisten haben sich schon um einiges erholt. Aber man findet noch immer gute Gelegenheiten - und wenn Aktien noch immer am Boden liegen, dann hat das meistens eine Grund. Wie bei Hugo Boss, die ich nicht kaufen würde, weil die Strategie nicht schlüssig ist. Oder Berentzen, wo der Ausstieg des Großaktionärs den Kurs zweistellig ins Minus geritten hat. Und die ich deshalb gekauft habe.



+ Berentzen
Der Spirituosenhersteller Berentzen war mal in aller Munde, sprichwörtlich. Doch die kleinen Liköre und die Kornverschnitte waren seit den 1980er Jahren out und der Absatz ging immer mehr zurück. Dazu gesellte sich eine zerstrittene Eigentümerfamilie und so stieg 2006 schließlich der Finanzinvestor Aurelius ein und sorgte für klare Verhältnisse. Und es folgte ein echter Dornenweg, Berentzen brauchte lange, um gesund zu schrumpfen und mit neuer Strategie wieder erfolgreich und profitabel zu werden. Noch immer hat man den Apfelkorn im Angebot, für den Berentzen mal so berühmt war (das ist mein Lieblingsschnaps und ich kann nur hoffen, dass meine Freundin das hier nicht liest, sonst verspottet sie mich wieder für meinen "fiesen 80er-Geschmack")... Inzwischen setzt Berentzen verstärkt auf nicht-alkoholische Getränke und ist dabei sehr erfolgreich.

Dass Aurelius seinen Mehrheitsanteil versilbern möchte, war schon einige Zeit ein offenes Geheimnis. Immerhin hatte man zu diesem Zweck die Stamm- und Vorzugsaktien zusammengelegt, so dass Aurelius hiernach auf 51,04 Prozent Anteil kam. Nun hat man diese in einem beschleunigten Bookbuildingverfahren institutionellen Investoren angeboten und auf diese Weise innerhalb weniger Stunden 21,88 Prozent an den Mann gebracht.

Der Aktienkurs stürzte bereits bei der Ankündigung des Verkaufs zweistellig ab und bei knapp €6 habe ich mir eine kleine Position ins Depot gelegt. Denn Berentzen hat sich einem zusätzlichen Geschäftsfeld zugewandt, dem frisch gepressten Orangensaft. Und zwar hat man für rund €17 Mio. den österreichischen Maschinenbauer Technic-Marketing-Products übernommen, der unter der Marke Citrocasa sogenannte Frischsaftsysteme herstellt, also beispielsweise Orangenpressen, die mittlerweile vielfach in den Obst- und Gemüseabteilungen von Supermärkten zu finden sind. Und zunehmend auch in der Gastronomie. Dieser Markt bietet ein enormes Potenzial und ein wachstumsstarkes und profitables zweites Standbein. Und das sind die Gründe, weshalb ich diesen Kurssturz zum Einstieg genutzt habe.

- Gladstone Capital
Der Kursanstieg bei Gladstone Capital freut mich sehr, meine Spekulation geht voll auf. Die Aktienrückkäufe und das besser als erwartet ausgefallene Ergebnis tragen maßgeblich dazu bei, dass der deutliche Abschlag zum NAV um einiges abgebaut wurde. Auf der anderen Seite verringert sich so auch das Chance-Risiko-Verhältnis negativ und ich habe daher einen weiteren Teilverkauf meiner Gladstone-Aktien vorgenommen, die nun die viertgrößte Position in meinem Depot ist. Noch immer verbleibt ein signifikanter Abschlag zu NAV und auch die anhaltenden Aktienrückkäufe bieten eine gute Kursabsicherung nach unten. Die monatliche üppige Dividendenzahlung ist ein weiteres Argument, hier engagiert zu bleiben.

+ Publity
Meine Einstiegsgründe hatte ich ja in dieser Woche darlegt, aber ich möchte mal überschlägig noch ein paar Zahlen in den Raum werfen.

Publity verwaltet inzwischen ein Immobilienportfolio von rund €1,6 Mrd., davon wurden in 2015 alleine €1,1 Mrd. zugekauft. Bis 2018 soll dieses Volumen auf €5 Mrd. anwachsen.

Publity erhält beim Kauf eine "Finders Fee" in Höhe von 1 Prozent der Kaufsumme, bei noch zu erwerbenden €3,4 Mrd. also €34 Mio. Im Anschluss verwaltet Publity das Portfolio und kassiert dafür eine jährliche Verwaltergebühr von 0,5%, also €25 Mio. p.a. Beim Weiterverkauf, der zumeist an Finanzinvestoren erfolgt,übernehmen die oft Publity als Verwalter, so dass die 0,5% auch nach einem Exit ggf. weiterfließen und die Zahlen noch nach oben aufpolstern.

Bisher verkaufte Publity die Liegenschaften nach durchschnittlichen 16 Monaten Haltedauer mit einem durchschnittlichen Gewinn von 27 Prozent. Bei den Objekten ist man jeweils mit rund 3 Prozent Eigeninvestment dabei, partizipiert also auch direkt an Verkaufsgewinnen. Bei einem Komplettverkauf des 5-Milliarden-Portfolios stünden hier also 3 Prozent von €1,35 Mrd. (entspricht 27 Prozent Gewinnzuwachs) im Raum, also weitere €40,5 Mio.

Zum Vergleich: Bei einem Aktienkurs von €39 wird Publity aktuell mit €217 Mio. an der Börse bewertet.

Diese grob vereinfachte Daumenrechnung zeigt überschlägig, welches Potenzial in Publity schlummert. Am 15. März gibt es erst einmal eine satte Dividendenausschüttung von €2 je Aktie und damit knapp über 5 Prozent Dividendenrendite. Und da viele der Deals erst am Jahresende 2015 eingetütet wurden, trudeln die hierfür angefallenen Finders Fees erst in den ersten Monaten dieses Jahres ein und pushen die 2016er GuV und das EPS. Ein Teil des diesjährigen Jahresgewinns ist also bereits verdient!

Ich habe daher bei Publity weiter zugekauft und meine Position deutlich erhöht. Sie macht inzwischen 9 Prozent meines Depots aus und stellt jetzt nach Aurelius und Blackstone die drittgrößte Position dar.

- Wirecard
Bei knapp über €39 habe ich meine restlichen Wirecard-Aktien mit einem prozentual deutlich zweistelligen Gewinn verkauft. Ich hätte die Position auch im Depot behalten können, aber ich habe mich dafür entschieden, dieses Geld lieber in Berentzen zu investieren und die Aufstockung meines Publity-Bestands. Die Wirrungen um die Short-Attacke dürften jedenfalls als Besonderheit in die Börsengeschichte eingehen und ich bin gespannt, ob sich die ganze Sache jemals restlos aufklären lassen wird.


.: Cashquote
Die Käufe haben Geld gekostet, doch der gewinnträchtige Verkaufserlös bei Wirecard hat dafür gesorgt, dass meine Cashquote nicht allzu sehr angegriffen wurde. Sie liegt nun bei knapp unter 15 Prozent und ich möchte sie auch nicht weiter absenken. Die Volatilität an den Börsen dürfte noch einige Zeit anhalten und es gibt immer wieder tolle Kaufgelegenheiten. Auch bei Evonik hat mich der Kursabsturz um knapp 12 Prozent durchaus gereizt...

Kommentare:

  1. Evonik hat doch noch mit dem Ausstieg von CVC zu kämpfen. Außerdem soll das Aktienrückkaufprogramm für Mitarbeiterbeteiligungen genutzt werden. Zudem die gedämpften Erwartungen für 2016. Was denken Sie?
    VG

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    1. Evonik war nur ein Beispiel dafür, dass Aktien aktuell gerne mal zweistellig abgestraft werden und man sich hier durchaus auf Schnäppchenjagd begeben kann. Wie bei Berentzen.

      Bei Evonik habe ich nicht zugegriffen, weil der Ausblick der Chemiebranche und von Evonik speziell für 2016 doch mehr als verhalten ist. Die Branche ist ja sehr zyklisch und dürfte noch einige Zeit zu leiden haben.

      Ebenso Hugo Boss, wo die Strategie nicht funktioniert und absehbar keine Besserung in Sicht ist. Der Kurseinbruch ist daher nicht unbedingt eine Chance, denn die Risiken sind weiterhin hoch.

      Meine Käufe in den Kursbsturz hinein habe ich zuletzt ja bei Genworth Financial, Gladstone Capital oder auch SHW begründet. Hier gab und gibt es berechtigte Gründe anzunehmen, dass die Kurseinbrüche Übertreibungen sind/waren und sich hier große Chancen auftun.

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  2. Hallo Herr Kissig,

    ich gratuliere zum erfolgreichen Trade mit Wirecard.
    Bei Wirecard muss ich irgendwie an Enron bzw. Mox Telekom denken ... irgendwie verstehe ICH nicht womit die Ihr Geld verdienen... mag sein dass andere dies anders sehen.

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    1. Naja, Wirecard ist ein Zahlungsabwickler wie PayPal auch, hauptsächlich aber im B2b_Bereich. Ich hätte eine kleine Position auch langfristig behalten, aber ich wollte lieber andere Werte aufstocken und daher habe ich Wirecard nach der (erwarteten) Erholungsrallye dann wieder verkauft. Ob sich das auszahlt, wird sich zeigen.

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    2. Wie immer danke für die Antwort!
      Und Enron war ein Energiehändler aus Texas ;)
      Für was brauchen Firmen bei B2B Zahlungen Wirecard? Werden Zahlungen nicht über die Buchhaltung über eine Bank geregelt?

      PayPal hingegen kenne ich, schätze ich und halte daher auch die Aktie.

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    3. ...
      habe gestern zufällig im GooglePlayStore geschaut die App von WireCard wurde 500 mal heruntergeladen und 2 mal bewertet. Mir ist WireCard noch nie beim Zahlen im Inet begegnet; diese Tankstellenkarten habe ich schon mal gesehen.

      Zur Erinnerung, WireCard ist ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 4Mrd. €
      Ich finde die Frage was die eigentlich machen und mit was die eigentlich Geld verdienen mehr als berechtigt.

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    4. PayPal ist eine (sichere) Zahlungsmethode, doch danach schließt sich im Unternehmen ja die Abwicklung und Verbuchung des Zahlungseingangs an, die Zahlungsabwicklung.

      Darüber hinaus bietet Wirecard seinen Business-Kunden diverse White-Label-Produkte rund ums Zahlen an. Da steht dann Vodafone drauf, ist aber Wirecard drin. Meine uralte Karstadt-Kundenjarte wurde z.B. mal einfach zu einer Kreditkarte aufgewertet. Heute steht da Tchibo drauf, ist aber Mastercard drin. Wirecard kann solche Services auch deshalb anbieten, weil man über die Wirecard Bank eine Vollbanklinzenz hat.

      Eine knappe, aber gute Darstellung findest Du bei investresearch.

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    5. Vielen Dank, dass sie sich die Mühe machen und versuchen mir WireCard zu erklären. Ich verstehe die einzelnen Tätigkeitsbereiche im Prinzip* ja auch, aber irgendwie ist Wirecard so "unsichtbar" (für ihre 4 Mrd. Größe) ...


      *nichtsdestotrotz ist Wirecard so weit weg von meinem circle of competence wie ich es mir nur vorstellen kann.

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  3. Hallo Michael,

    du hast Berentzen als wachstumsstark tituliert. Diese Meinung teile ich auch mit dir und bin auch kurz nach der Ankündigung von Aurelius eingestiegen. Zwar wäre ein späterer Zeitpunkt günstiger gewesen, aber zum einen beunruhigt mich das aufgrund meiner Einschätzung erstmal nicht und zum zweiten erwischt man ja eh nur selten den optimalen Zeitpunkt.
    Was mich jedoch interessieren würde : Warum nimmst du Berentzen nicht auf deine Empfehlungsliste ? Siehst du es dafür als zu spekulativ an ?

    Viele Grüße
    Thomas

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    1. Berentzen habe ich immer mal wieder im Auge gehabt, aber nie investiert. Naja, indirekt war ich ja beteiligt über meine größte Depotposition, Aurelius. Ich habe mich gefreut, dass Berentzen so einen tollen Turnaround hingelegt hat und natürlich hätte ich gerne die Aktien Anfang 2015 gekauft (rückwirkend betrachtet), denn der Kurs ist ja wahnsinnig abgegangen. Der jetzige Kurseinbruch ist fundamental nicht gerechtfertigt und daher habe ich bei Berentzen zugegriffen. Ob ich sie vielleicht noch auf die Empfehlungsliste setze, muss ich mir noch überlegen. Vielleicht später einmal. Aktuell sind die Aktien erst einmal "nur" in meinem Depot.

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  4. Hallo Michael, Gladstone hatte einen ordentlichen Rücksetzer. Ist Deine Bewertung immer noch "Halten"?

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    1. GLAD hat Ende Oktober eine Kapitalerhöhung durchgeführt und dabei 2 Mio. Aktien zu $7,98 veräußert. Buchwert war damals $7,95 je Aktie, was zeigt, dass der Markt hier kein hohes Risiko sieht. Allerdings wirken sich Kapitalerhöhungen ja oftmals zunächst negativ auf den Kurs aus und so auch hier. Einerseits ist der NAV nicht beeinträchtigt, denn GLAD hat ja zum NAV-Wert Aktien gegen Geld getauscht. Andererseits erwirtschaftet dieses frische Geld ja zunächst keine Erträge. Hier muss GLAD erst noch zeigen, dass sie neue, lukrative Investments damit generieren können. Und die müssen ja mindestens so viel Rendite abwerfen und so sicher sein, wie die bisherigen.

      Meine Einschätzung zu GLAD ist nach wie vor positiv. Der Kursrücksetzer könnte sich allerdings als interessante Nachkaufgelegenheit erweisen, wenn denn die neuen Investments "einschlagen".

      Auf dem aktuellen Kursniveau von €6,80 bietet GLAD eine attraktive Dividendenrendite von 11% p.a. Und das bei monatlicher Ausschüttung von $0,07. Für Dividendenjäger weiterhin sehr interessant.

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