Mittwoch, 14. März 2018

Mit Jungheinrich und Kion vollautomatisch mitverdienen

Die Anlagephilosophie von Peter Lynch lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Kaufe, was du kennst“. Lynch war der erfolgreichste Fondsmanager der 1980er Jahre und übernahm mit nur 33 Jahren den Magellan-Fonds. Dieser wurde das Flaggschiff von Fidelity, da es Lynch gelang, Jahr um Jahr deutlich bessere Renditen einzufahren, als der Gesamtmarkt. Mit Mitte 50 zog er sich dann aus dem aktiven Fondsmanagement zurück und verfasste Bücher über sein Lieblingsthema. Am bekanntesten ist „Der Börse einen Schritt voraus“, in dem er den Anlegern rät, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und auf die Trends in ihrer Umgebung zu achten. So entdeckte er Gilette, den ersten Wegwerfrasierer der Welt. Weil immer mehr Menschen in seiner Umgebung diese Rasierer kauften, erkannte Lynch das große Potenzial. Und kaufte nicht nur selbst die praktischen Rasierer, sondern vorher gleich noch eine große Menge Gilette-Aktien.

Nun könnte man sagen, dass so ein Trend rückwirkend leicht zu erkennen ist, in der Vorausschau dies aber sehr viel schwerer gelingt. Klar, ist so. Wie Mark Twain schon anmerkte, sind Prognosen immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Trotzdem ist es möglich, man muss noch nicht einmal ein Experte sein. Schauen wir mal auf Smartphones. Spätestens als das Iphone auf den Markt kam und plötzlich jeder eines haben wollte, als sich endlose Schlangen vor den Apple-Stores bildeten und die Menschen sogar tagelang vor diesen kampierten, nur um eines der Geräte kaufen zu können, da konnte jeder erkennen, dass hier ein neuer Megatrend ins Rollen kam. Der erste Schritt war also getan, der zweite ist allerdings schon schwieriger.


Denn neue Technologien bringen zwar einen großen Umbruch mit sich und auch eine Menge Gewinner. Aber es ist eben nicht sofort klar, wer in diesem neuen Markt langfristig zu den Gewinnern zählen wird. Dazu braucht man nur auf den Smartphone-Pionier BlackBerry zu schauen, der den Markt dominierte mit seinen Geräten, dann aber den neuen Trend hin zu Touchdisplays komplett verschlief. Und von Apple gnadenlos aus dem Weg geräumt wurde. Megatrend ja, aber nur kurzfristig ein Gewinner.

Oder nehmen wir das Beispiel 3D-Druck. Ein äußerst interessantes Zukunftsthema und absehbar eine Erfolgsgeschichte. Nur, wer diesen Markt dominieren, wer hier unternehmerisch erfolgreich sein wird, das steht heute überhaupt noch nicht fest. Und auch Tesla, unbestritten der revolutionärste Trendsetter im Bereich der Elektromobilität, muss nicht (mehr lange) zu den Gewinnern zählen. Denn nach wie vor schreibt das Unternehmen horrende Verluste und die Konkurrenz der etablierten Autohersteller holt mit großen Schritten auf. Im Gegensatz zu Tesla machen die mit ihren klassischen Autos schöne Gewinne und können sich die Investition in die neue Welt der Elektromobilität locker aus dem Cashflow leisten. Während Tesla sich immer wieder am Kapitalmarkt frisches Geld besorgen muss, um den Laden am Laufen zu halten.

Von Goldgräbern und Schaufeln
Warren Buffett lehrt uns, bei einem Goldrausch nicht auf die Goldgräber zu setzen, sondern auf die Hersteller der Schaufeln. Denn ob ein Goldgräber erfolgreich sein wird, ist vorher kaum abzusehen. Dass er aber Schaufeln, Spitzhacke und Goldwaschpfanne benötigt, schon. Also lieber auf den stetigen Absatz und Gewinnstrom setzen, als mit vollem Risiko „all in“ zu gehen.

Und genau das können wir Anleger heute auch tun, nur in einer zukunftsträchtigen Branche: der Automation. Um genauer zu sein, es geht um Lagerhallen, Logistik, Warenwirtschaftssysteme. Das klingt jetzt erstmal absolut unsexy. Ist es auch. Aber eben auch extrem lukrativ. Denn seit 20 Jahren leben wir in einem Megatrend, den wir gar nicht mehr richtig bemerken, weil er für uns schon ganz normal geworden ist. Ich meine das Kaufen über das Internet. Wir ordern bei Amazon oder bei Ebay, bestellen online bei REWE oder Lidl, kaufen unsere Notebooks online bei Dell und die neuen Klamotten kommen regelmäßig von Zalando. Immer mehr Menschen kaufen immer häufiger online ein. Und auch die etablierten Kauf- und Handelshäuser passen sich gezwungenermaßen an und setzen neben ihren alten Filialen auf eigene Websites oder Onlineshops. Oder auf Handelsplattformen wie Amazon, Ebay und Zalando. Dass ich Amazon und Zalando als große Gewinner dieses Trends sehe, habe ich bereits früher ausgeführt. Und der Druck, den sie den Etablierten Konkurrenten machen, ist gewaltig. Denn über das Internet einzukaufen, ist nicht nur bequem, es ist auch kostengünstiger und vor allem schneller. Und gerade der letzte Punkt war ein wesentlicher Vorteil, den der stationäre Handel noch hatte. Nur im Laden konnte man sich seinen Einkaufstraum sofort erfüllen und die Sachen gleich mitnehmen. Bei der Onlinebestellung musste man mehrere Tage auf die Lieferung warten. Doch das war gestern. Heute liefert Amazon bereits innerhalb weniger Stunden, zumindest aber am selben Tag. Und zwar Mode, Bücher, Lebensmittel. Fast alles. Ein Alptraum für die Konkurrenz, eine Herausforderung für die Paketdienstleister wie DHL, Hermes oder UPS. Auch sie werden durch die immer höheren Anforderungen vor große Probleme und Umwälzungen gestellt.

Und damit kommen wir zu den Gewinnern im Hintergrund. Die neue, schnelle Lieferwelt braucht nämlich ein Rückgrat. Und dieses Rückgrat besteht aus Lagerhallen, voll automatisierten Lagerhallen. Stichwort „Intralogistik“. Die Waren müssen so schnell wie möglich in die Lager transportiert werden und dort umgehend abgelegt werden. Sie müssen dabei vom System erfasst und auf Anforderung umgehend gefunden und für den Versand bereitgestellt werden. Früher erfolgte das nach einem Ablagesystem, wo mittels von Menschen bedienten Gabelstaplern die Waren chronologisch abgelegt wurden. Heute erfolgt die Ablage chaotisch und voll automatisiert. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Waren innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung stehen. Und das System überwacht auch gleich den Lagerbestand und ordert automatisch Nachschub, schon lange, bevor die Regale leer sind. Während bei einem IKEA-Markt Laden und Lager zusammenhängen, sind beim Online-Shopping Verkauf und Lager räumlich getrennt. Es ist völlig egal, ob die Ware in München, Hamburg oder Brüssel verfügbar ist. Das IT-gestützte System erkennt dieses umgehend und kann den Versand autorisieren. Der Kunde merkt nicht, ob sein Paket aus München oder aus Hamburg kommt. Hauptsache, es ist schnell da.

Diese vollautomatisierten Warenströme funktionieren nur, wenn sie von vorne bis hinten im Detail durchgeplant sind. Und ob nun DHL, Otto oder Amazon das Lager betreiben, oder ob es sich um einen Pharmakonzern handelt, es gibt einen gemeinsamen Nenner: die Experten, die diese automatisierten Lager planen, bauen und betreiben. Und unter den drei großen weltweit führenden Herstellern finden sich gleich zwei deutsche Unternehmen: das Familienunternehmen Jungheinrich als Nummer drei der Welt und Kion als erster Herausforderer von Marktführer Toyota.

Sowohl Jungheinrich als auch Kion, die ehemalige Gabelstaplersparte von Linde, haben ihr Angebot in den letzten Jahren erheblich ausgeweitet. Sie stellen längst nicht mehr nur Flurförderfahrzeuge her, wie Gabelstapler technisch korrekt bezeichnet werden, sondern sie haben sich zu Lagerlogistikspezialisten weiterentwickelt.

 Jungheinrich (Quelle: wallstreet-online.de
Jungheinrich setzt auf Familie und Tradition
Die Hamburger sind ein traditionsreiches Familienunternehmen und setzten vor allem auf organisches Wachstum. Der Schwerpunkt liegt in Deutschland, doch nachdem man sich schon vor Jahren nach China gewagt hat, nahm man zuletzt Osteuropa als Fertigungsstandort in den Fokus. Die Fahrzeuge werden weitgehend unter dem Namen Jungheinrich angeboten und Investitionen erfolgten besonders in den Bereich Wartung und Service. So erzielt Jungheinrich inzwischen einen erheblichen Teil seiner Umsätze mit der Reparatur und der Wartung alter Fahrzeuge, wodurch man sich einen stetigen Einnahmestrom gesichert hat. Und die noch längere Bindung der Kunden.

In diese Richtung zielt auch die Übernehme eines südamerikanischen Vertriebspartners, durch die sich Jungheinrich den direkten Zugriff auf Verkauf, Wartung und Service in Kolumbien, Peru und Ecuador sichert, die zu den wachstumsstärksten Ländern Südamerikas gehören.

 Kion Group (Quelle: wallstreet-online.de
Kion kauft munter zu
Ganz anders verhält sich die Kion Group, die ein breites Spektrum von Marken unter ihrem Dach vereinen. Im Segment Industrial Trucks & Services, dazu gehören Gabelstapler, Lagertechnik und verbundene Dienstleistungen, bedienen die Marken Linde und STILL den Premium-Markt der Flurförderzeuge, während Baoli sich auf das Economy-Segment konzentriert. Unter ihren regionalen Marken ist Fenwick der größte Material-Handling-Anbieter in Frankreich, OM STILL ein Marktführer in Italien. OM Voltas wiederum bedient den indischen Markt und ist dort ein führender Anbieter von Flurförderzeugen. Im Segment Supply Chain Solutions ist Dematic weltweit führender Spezialist für den automatisierten Materialfluss und hat eine besondere Stärke bei fahrerlosen Transportsystemen.

Kion setzt also bewusst auf Markenvielfalt und spielt deren regionale Stärken gekonnt aus. Und mit der Dematic-Übernahme gelang Kion einen Quantensprung. Denn Dematic ist der führende Anbieter von integrierten Automatisierungstechnologien, Software und Services zur Optimierung von Lieferketten. Zum Portfolio gehören fahrerlose Transportsysteme, Lagerungsausrüstung, automatisierte Lagersysteme, Sortieranlagen und Fördersystem. Dank Dematic bietet der Kion-Konzern heute das breiteste One-Stop-Portfolio am Markt an und ist damit Weltspitze bei intelligenten Intralogistik-Lösungen. Der Abstand zu Marktführer Toyota wurde signifikant verringert. Und wie bei Jungheinrich stammen inzwischen beinahe die Hälfte der Umsätze aus dem Bereich Services, also Wartung- und Instandhaltung.

Kion oder Jungheinrich?
Beide Unternehmen weisen viele Parallelen auf. So notieren beide im MDAX, doch Kion hat eine mehr als viermal so hohe Börsenkapitalisierung. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Jungheinrich ausschließlich Vorzugsaktien ausgegeben hat; die Stammaktien hält die Gründerfamilie. Und das ist ein entscheidender Unterschied: auf der einen Seite das traditionsbewusste Familienunternehmen, das in Generationen denkt und handelt und auf der anderen Seite der agilere und gezielt durch Übernahmen wachsende, aufstrebende Mischkonzern. Bei dem noch eine Spur Übernahmephantasie in eigener Sache hinzukommt, denn der chinesische Großaktionär Weichai hält aktuell rund 43 Prozent der Anteile und das Stillhalteabkommen, nach dem die Weichai die Schwelle von 49,9 Prozent nicht überschreiten darf, läuft Ende Juni aus. Für die Chinesen sind die Themen Robotik und Automatisierung Kern ihrer Übernahmestrategien im Westen, wie auch das Beispiel KUKA zeigte, und deshalb könnte es mit einer Komplettübernahme von Kion schneller gehen als gedacht. Dann allerdings mit einer satten Prämie für die Altaktionäre, auch dies haben wir aus dem Fall KUKA gelernt.

Beide Aktien erfreuen seit Jahren ihre Anleger mit satten Kursgewinnen, beide Aktien waren in dieser Zeit selten niedrig bewertet, beide Unternehmen sind Qualitätsunternehmen mit herausragender Wettbewerbsposition. Wer sich nicht entscheiden kann, sollte im Zweifelsfall lieber gleich beide Werte ins Depot nehmen, als keinen.

Jungheinrich befindet sich auf meiner Empfehlungsliste.

Kommentare:

  1. Wenn es von dir einen Börsenbrief geben würde, ich würde ihn sofort kaufen. Danke für all deine Analysen und Tipps.

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  2. Hm, also das mit dem Tipp, auf die Schaufelhersteller zu setzen, finde ich etwas schwierig. Wenn man (zumindest einigermaßen) an die Markteffizienzhypothese glaubt, ist es doch nicht entscheidend, ob man nun in die Goldgräber investiert oder in die Schaufelhersteller. Wobei ich persönlich dann am liebesten einen Fonds hätte, der beide Parteien beinhaltet.. ;)

    Insgesamt wirklich wieder ein sehr guter und detaillierter Beitrag mit viel Stoff zum Nachdenken!

    Viele Grüße

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    1. Die Markteffizienzhypothese gilt als widerlegt. Und unvollständig.
      "Die Märkte" sind nicht effizient, sondern im dauerhaften Zustand der Über-und Untertreibung von Preisen. Warum ist das so?
      Weil "die Märkte" nicht von einer allwissenden göttlichen Macht gesteuert werden, sondern von - genau, Menschen.
      Und Menschen haben eine Psyche, die sie über-oder untertreiben lässt.
      Die Markteffizienzhypothese hat leiden die Menschen völlig vergessen und ist daher von den behavioristischen Theorien und Modellen überholt worden.
      Sie taugt mittlerweile nur noch als nette Prüfungsaufgabe für Studenten im Grundstudium.

      ...
      Übrigens beruht dieser ganze Blog hier auf der permanenten Über-und Untertreibung "der Märkte" - sonst würde nämlich das Value-Investing auch ganz grundsätzlich nicht funktionieren. ;)

      Während also die Goldgräber auch einfach nichts finden können, brauchen sie doch bis zum Akt der finalen Aufgabe immer neue Schaufeln. :)

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    2. Mein Hauptkritikpunkt an der Markteffizienztheorie ist, dass sie in der Praxis nicht bestehen kann. Wie Yogi Berra schon sagte: "In der Theorie sind Theorie und Praxis gleich. In der Praxis nicht". Denn selbst wenn alle Marktteilnehmer zur selben Zeit alle Informationen hätten, könnten sie sie gar nicht alle gleich schnell verarbeiten und würden auch gar nicht alle daraus die selben Schlüsse ziehen. Es können also gar nicht alle Informationen immer und zu jedem Zeitpunkt im Kurs enthalten sein. Aber das nur in Kurzform, ich habe dazu hier im Blog in den letzten Jahren ja schon mehrfach ausführlich Position bezogen und das in epischer Breite ausgeführt. Lässt sich bei Bedarf bestimmt über die Suchfunktion aufstöbern...

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    3. Michael, ich habe den Eindruck, dass du in letzter Zeit viele neue Leser gewinnst.
      Qualität spricht sich eben, trotz aller Untertreibung ;) , doch irgendwann herum.
      Wird spannend, wie du die Fragenflut in Zukunft handeln willst. Das meine ich ganz neutral als langjähriger stiller Beobachter.

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    4. Vielen Dank für Eure ausführlichen Erläuterungen! :)

      Ich muss auch sagen, es ist bemerkenswert, was Michael für außergewöhnliche Qualität anbietet. Darum macht das Lesen hier auf dem Blog auch wirklich Spaß und regt zum Nachdenken an! Daher wohl auch die vielen neuen Leser ;)

      Viele Grüße vom Depotstudent :)

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  3. Hallo Michael,
    Du hast eine tolle Seite und sehr interessante Informationen zu Aktien. Mir ist Deine Empfehlungsliste jedoch etwas einseitig. Dividendewerte der Weltklasse wie Shell und Seaspan (+14% gestern) oder andere bekannte Werte, wie ENSCO, Transocean und Tsakos fehlen in der Diskussion komplett. Sind das vielleicht ranchen, die für Dich grundsätzlich nicht interessant sind?
    Konstantin

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  4. Hallo Michael,
    zunächst einmal: sehr schöner, ausführlicher Artikel, vielen Dank dafür. Ich habe Jungheinrich ebenfalls noch immer auf der Watchlist und die Aktie von Herbst 2014 (KGV~14) bis Herbst 2016 (KGV~19) gehalten. Meine Analyse (nachlesbar auf meinem Blog) hob auch darauf ab, dass es sich um einen Hersteller der "Schaufeln für die Goldgräber" handelte mit langfristig guten Wachstumsperspektiven.
    War die Aktie in früheren Jahren (vor 2015) eher mit KGV's zwischen 10 und 15 bewertet, beobachtet man derzeit eine Bewertung nahe 20. Ähnliches gilt für KBV und EV/EBITDA. Ich bin mir nicht sicher, wie lange das gut gehen kann, denn dieser Aufschlag bedeutet nichts anderes, als dass sobald das Wachstum mal einstellig wird, der Kurs um 1/3 korrigieren dürfte. Wie siehst Du das?
    Gruß Covacoro

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