Mittwoch, 29. September 2021

Kissigs Aktien Report: Evotec und die Wiederauferstehung eines totgesagten Biotech-Shootingstars

Im Rahmen meiner Kooperation mit dem "Aktien Report" von Armin Brack nehme ich mir in unregelmäßigen Abständen interessante Unternehmen vor. Die Ausgaben des "Aktien Reports" und/oder "Geld Anlage Reports" erreichen ihre Leser samstags kostenlos und "druckfrisch" im Email-Postfach und man kann sich ▶ hier beim "Geld Anlage Report" anmelden. Bonbon für die Leser meines Blogs: einige Tagen später darf ich die Analysen dann auch hier veröffentlichen.

Aktien Report Nr. 60 vom 17.09.2021

Evotec und die Wiederauferstehung eines totgesagten Biotech-Shootingstars

Bei der Wahl zum Börsenbegriff des Jahres dürften "Meme Stocks" ganz vorne mit dabei sein. Als Kleinanleger merkten, dass sie durch "Zusammenrottung" und konzertiertes Hochkaufen von Aktien viel Geld verdienen konnten, entwickelte sich schnell ein Hype. Die Story war so schön, der arme Robin Hood (-Anleger) gegen den bösen mächtigen Shortseller. Und am Ende gewinnt der Kleine, der Schwache, während der vom gierigen Großkapital gesteuerte Hedgefonds Pleite geht. Geldumverteilung von oben nach unten.

Zu dumm, dass auch hinter vielen Aktionen der Redditeers Manipulationen stehen und Hedgefonds und große Investoren sich hier frühzeitig (genug) positionierten, um die wirklich fette Kohle abzugreifen. Die Zeche zahlt, wie fast immer, der Kleinanleger, der auf den fahrenden Zug aufspringt und meint, er könne „an der todsicheren Sache“ auch noch Geld verdienen.

"Kurssturz: Wertpapier auf dem Weg zu seinem Papierwert."
(Ron Kritzfeld)

Doch das läuft so nicht. Wie bei jedem klassischen Schneeballsystem verdienen diejenigen am meisten, die ganz am Anfang dabei sind und alle nachfolgenden Spieler bezahlen dann die Gewinne der vorherigen. Bis zu einem gewissen Punkt verdienen alle an der Sache Geld. Der (Kurs-) Gipfel ist erreicht, wenn nicht mehr genügend frisches Geld zugeschossen wird, dann bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Bei Meme-Aktien entsprechend der Kurs. Die Aktie schoss raketengleich in die Höhe, immer mehr Anleger sprangen auf und dann geht es genauso schnell wieder nach unten.

Auch Du, Evotec?

Gamestop, AMC oder BlackBerry sind nur einige dieser Aktien, die seit Monaten die Gemüter erhitzen und für große Kursgewinne und enorme Geldverluste stehen. Und auch das deutsche Biotechunternehmen Evotec gehörte kurzfristig mal zum erweiterten Kreis der Meme-Aktien. Mit dem Unterschied, dass hinter Evotec Substanz steckt, Lizenz- und Kooperationsverträge mit großen Pharmaunternehmen und ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Für Zocker macht das keinen Unterschied. Sie benutzen die Aktien als Spielball, als Wettschein. Für Anleger ist der Unterschied jedoch elementar. Ein funktionierendes Geschäftsmodell ist die Basis, auf der sich Anleger in einem Unternehmen engagieren, unabhängig von der Bewertung seiner Aktien. Denn nicht die Entwicklung des Aktienkurses in den nächsten Tagen oder Wochen steht im Fokus, sondern die Entwicklung des Unternehmens in den nächsten Monaten und Jahren.

Wer auf den Verlauf des Evotec-Charts in den letzten fünf und sogar zehn Jahr schaut, sieht dort quasi einen einzigen Erfolgsweg, wenn auch unter Schwankungen. Und nur zwei Jahre weiter zurück, in 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise findet sich der Startschuss dieser außergewöhnlichen Reise: das Allzeittief bei 0,55 Euro gefolgt vom Amtsantritt des heute noch amtierenden CEO Dr. Werner Lanthaler - der die Aktie bis auf die aktuellen 45 Euro geführt hat.

Das Unternehmen wurde allerdings bereits 1993 gegründet und fand im November 1999 den Weg an die Börse. Nur wenige Monate später, am 2. März 2000 markierte die Aktie bei 92,50 Euro ihr Allzeithoch. Es war die Zeit vor dem Platzen der Internetblase, die Zeit des Neuen Markts, die Zeit des zweiten Biotech-Hypes. Und die Zeit des Börsenwahnsinns, bevor der Crash kam und die Pleite für so viele einstige Hoffnungswerte.

Häufig wird die heutige Hausse der Technologieaktien mit dem Jahr 2000 verglichen, aber dieser Vergleich hinkt doch gewaltig. Damals kamen Firmen an die Börse, die so gut wie keine Umsätze machten, keinen Cashflow generierten und außer Hochglanzprospekten und volltönenden Zukunftsvisionen nicht viel zu bieten hatten. Die Parallele zu heute wird oft von jenen gezogen, die sich auf das KGV verlassen. Denn damals wie heute machen viele der Wachstumsfirmen unterm Strich keine Gewinne.

Das KGV wurde bereits 1985 vom heutigen Starinvestoren und Selfmade-Milliardär Ken Fisher entzaubert und als völlig nutzlose Bullshit-Kennzahl geoutet. Da sie aber so leicht zu errechnen ist und so schön einfache Vergleiche zwischen unterschiedlichen Aktien anstellen lässt, und man nahezu null Aufwand hat, um mit ihr eine Aktie zu bewerten, ist sie so beliebt.

Wer's genau(er) wissen will, kann sich meinen Aktien Report vom 27. Juni 2020 vornehmen, in dem ich unter dem Titel "Kennzahlen im Wandel - Cashflow ist der neue Gewinn" hierzu ausführliche Erläuterungen gegeben habe. Mein Fazit war: "Der Cashflow ist die wahre Macht" und dass er die wohl beste Kennzahl für die Bewertung von Aktien darstellt.

Und das ist der (eine) entscheidende Unterschied zwischen 2000 und 2021: heute erzielen die Unternehmen Cashflows mit ihren Geschäftsmodellen, sie haben zumindest die Möglichkeit, nachhaltig Erfolg zu haben. Der zweite Faktor ist das anhaltende Niedrigzinsniveau, das die Spielregeln komplett geändert hat – weil der Preis für das Risiko (der Zins) auf null gesunken ist in Kombination mit der Geldflut, die die Märkte überschwemmt.

Aber zurück zu Evotec, einem dieser Unternehmen, die mit Milliarden Dollar bewertet wurden, obwohl sie kaum Umsätze und schon gar nicht die Aussicht auf Profitabilität versprachen. Und folgerichtig implodierten, als die US-Notenbank die Zinsen deutlich erhöhte und damit den Liquiditätsfluss an die Börsen und in die „Hot Stocks“ stoppte, die ohne diese ständigen Kapitalspritzen schnell und reihenweise Pleite gingen.

Evotec Reloaded

Auch Evotec musste sich neu erfinden, musste Geschäftsbereiche abstoßen, immer wieder frisches Geld auftreiben. So wurschtelte man sich durch, bis die Finanzkrise dann beinahe endgültig den Stecker zog, weil nirgendwo mehr Geld zu beschaffen war. An dieser Stelle übernahm der Österreicher Dr. Lanthaler die Zügel und brachte Evotec in die Erfolgsspur.

Heute ist Evotec ein Wirkstoffforschungs- und –entwicklungsunternehmen. Dabei gehen die Hamburger Forschungsallianzen und Entwicklungspartnerschaften mit Pharma- und Biotechnologieunternehmen ein und entwickeln mit diesen gemeinsam neue pharmazeutische Produkte. Evotec ist weltweit tätig und beschäftigt an seinen Standorten in Deutschland, den USA, Frankreich, Italien, Österreich und Großbritannien fast 3.600 Mitarbeiter aus 75 Nationen, darunter 3.000 Wissenschaftler.

Im Hauptgeschäftsfeld Execute bietet Evotec eigenständige oder integrierte Wirkstoffforschungs- und -entwicklungslösungen basierend auf dem geistigen Eigentum seiner Kunden. Dabei werden alle Aktivitäten vom Target bis zur klinischen Entwicklung abgedeckt und man hat inzwischen mehr als 830 Partnerschaften, die zu 95 Prozent wiederkehrende Erlöse generieren.

Im Segment Innovate bündelt Evotec eigene Wirkstoffforschungsprojekte, Forschungsprodukte und Plattformen in Eigenregie, teilweise aber auch in Zusammenarbeit mit Partnern. Hierbei geht es um sogenannte BRIDGEs (Biomedical Research, Innovation & Development Generation Efficiency), also Partnerschaften mit akademischen Institutionen mit dem Ziel, wissenschaftliche Forschungsprojekte in die pharmazeutische Wirkstoffentwicklung zu überführen.

In diesem Segmente stehen höheren Risiken größere Chancen gegenüber. Die meisten Wirkstoffe scheitern schon in frühen Phasen und auch wenn sie es bis zu den klinischen Testphasen schaffen, bleiben die meisten noch auf der Strecke. Bekommt am Ende wirklich ein Wirkstoff eine Zulassung, sind zumeist zehn oder mehr Jahre vergangen. Und die Erlöse dieses einen Wirkstoffs müssen dann, dafür ist der Patentschutz so wichtig, die Kosten all der hunderten und tausenden von gescheiterten Wirkstoffen kompensieren.

Corona und mehr

Corona brachte der Pharma- und Biotechbranche höchste Aufmerksamkeit, vor allem natürlich den Unternehmen, die mit COVID19-Wirkstoffen punkten konnten. Hier ist Evotec nicht ganz vorne mit dabei. Dennoch konnte Evotec im Jahr 2020 den Konzernumsatz um 12,2 Prozent auf 501 Millionen Euro steigern, wobei auf Execute 373 Millionen und auf Innovate 106 Millionen Euro entfielen. Dabei wurden mit 20 führenden Pharmaunternehmen 37 Prozent der Erlöse generiert, weitere 40% mit Biotechnologiefirmen, 16 Prozent mit mittelgroßen Pharmaunternehmen und 7% mit Stiftungen.

Bristol Myers Squibb Celgene war der wichtigste Kunde und steuerte rund 10 Prozent der Erlöse bei. Das setzt sich auch in diesem Jahr so fort.

Als Herzstück von Evotecs Forschungsarbeit gilt die Screeningplattform mit sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSC). Hierbei werden menschliche Zellen in Stammzellen zurückprogrammiert und können dann in jede beliebigen anderen Zellen verwandelt werden.

Evotec hat mit seinen Partnern in den vergangenen Jahren eine der größten und komplexesten iPSC-Plattformen der Branche aufgebaut und das nun von Bristol Myers Squibb einlizensierte Prüfpräparat ist der erste große Erfolg für die iPSC-Plattform. Aus dieser Neurologie-Allianz mit BMS fließen zunächst 17 Millionen Euro und Evotec hat sich das Recht auf umfangreiche Meilensteinzahlungen und eine Umsatzbeteiligung gesichert, weil BMS nun per Lizenz eine von Evotec entdeckte Prüfsubstanz weiterentwickeln will.

Darüber hinaus steckt Evotec viel in den Aufbau einer Produktion von biotechnologisch hergestellten Wirkstoffen. Eine Anlage in den USA wurde kürzlich eröffnet, eine weitere im französischen Toulouse soll folgen. Die Fabrikation basiert auf einer Technologie des US-Unternehmens Just Biotherapeutics, das Evotec im Jahr 2019 übernommenen hatte. Ein guter Griff, denn die mittlerweile als Evotec-Just Biologics firmierende US-Tochter erhielt Anfang dieses Jahres einen Millionenauftrag durch das US-Verteidigungsministerium. Das Unternehmen soll nach Antikörpern suchen, unter anderem für einen Covid-19-Wirkstoff.

Durchwachsene Zahlen!?

Forschung & Entwicklung sind unabdingbar, belasten aber kurzfristig die Ergebnisse. Evotec sieht sich nach einem Umsatzplus in den ersten sechs Monaten 2021 weiter auf gutem Weg zu seinen Zielen - sowohl im laufenden Jahr als auch mittelfristig. So soll der Umsatz 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent auf 550 bis 570 Millionen Euro steigen, während ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 105 bis 120 Millionen Euro erwartet wird nach knapp 107 Millionen im vergangenen Jahr.

In den ersten sechs Monaten zogen die Erlöse um fast ein Fünftel auf knapp 280 Millionen Euro an. Das operative Ergebnis ging allerdings wegen höherer Investitionen sowie gestiegener Ausgaben für Forschung und Entwicklung um fast ein Viertel auf 36 Millionen Euro zurück.

Dabei hatte die Corona-Pandemie weiterhin kaum Auswirkungen auf das Geschäft von Evotec. Alle Standorte konnten in der ersten Jahreshälfte ihren Betrieb fortführen. Allerdings gab es bei einigen erwarteten Meilensteinzahlungen von Partnern Verzögerungen, die das Ergebnis gedrückt haben. Diese sollten in der zweiten Jahreshälfte realisiert werden, so dass der Zeitverzug auf Jahressicht nicht ins Gewicht fällt.

Ausblick

Auf dem letzten Kapitalmarkttag wurden ehrgeizige Mittelfristziele verkündet und diese wurden nach den jüngsten Quartalszahlen bestätigt. Bis 2025 soll der Umsatz auf mehr als eine Milliarde Euro anwachsen, also auf doppelt so viel wie 2020. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll auf mindestens 300 Millionen Euro steigen und damit auf rund das Dreifache des 2020er Werts.

Mit 449 Millionen Euro ist Evotecs Kriegskasse zwar gut gefüllt, doch die Investitionen verbrauchen einiges an liquiden Mitteln. Daher steuert Evotec ein Zweitlisting an der US-Technologiebörse NASDAQ an und beantragte Anfang August die Notierung sogenannter Hinterlegungsscheine (ADS). Bei Vollzug dürfte das Interesse amerikanischer Investoren an Evotec merklich anziehen und so auch zu höheren Bewertungsmultiplen führen. Nicht dass diese jetzt etwa zu niedrig wären, aber nach oben gibt es ja bekanntlich kein Limit.

Mein Fazit

Mit Ausgabe der ADS könnte eine Kapitalerhöhung verbunden sein, was den Kurs erstmal belasten dürfte. Evotec schreibt Gewinne, wenn auch noch vergleichsweise geringe. Insofern verbrennt man kein Geld, sondern setzt die vorhandenen Mittel für Investitionen und Übernahmen ein. Daher sollten mögliche „Kursirritationen“ für langfristig orientierte Anleger kein Hinderungsgrund sein, sondern könnten eher eine willkommene Nachkaufchance bieten.

Evotec hat schon lange in die Erfolgsspur zurückgefunden und verfolgt seinen Wachstumspfad konsequent. Bis zum Allzeithoch aus dem März 2000 hat der Kurs noch reichlich Luft. Im Gegensatz zu damals sprechen wir heute aber nicht mehr über heiße Luft, sondern über Rückenwind. Was nicht ausschließt, dass der Aktienkurs auch mal wieder längere Konsolidierungsphasen oder heftigere Korrekturen erleben wird.

Solange Evotec seinem Erfolgsweg treu bleibt, stehen die Chancen gut, dass dem letzten Höchstkurs ein weiterer folgen wird. Wenn auch nicht unbedingt sofort…

2 Kommentare:

  1. Tolles Unternehmen.
    Meine größte Position im Depot.

    Du hast das Unternehmen hier richtig beschrieben.
    Jedoch bist du über den wichtigsten Punkt nur in einem Nebensatz hinweggegangen:

    Evotec arbeitet profitabel, OHNE eigenen Wirkstoff in der Vermarktung.

    Biotech/Pharma bedeutet normalerweise Kosten, Kosten und noch mehr Kosten, bis vielleicht irgendwann die Zulassung kommt und dann ist Zahltag.

    Evotec hat diese Gewissheit disruptiert.

    Das Servicegeschäft von Execute, bei dem man als Fremddienstleister agiert und nach Arbeitseinsatz bezahlt wird (und nicht nach Forschungserfolg) generiert die Cashflows. Forschungsdienstleistungen werden weltweit an Drittanbieter outgesourct, weil zu teuer und Mitarbeiter sind knapp.
    Hier punktet Evotec und wächst jedes Jahr stabil.

    Execute als stetiges Brot und Butter-Geschäft wiederum finanziert die Biotech-Phantasie bei Innovate und Equity.

    Innovate mit seinen Co-Pipelines hat über 200 Projekte in der Pipeline (Vergleich Biontech gerade 15) und Rückschläge kann sich Evotec da leisten weil vorher allem die Pipeline-Partner da im Risiko stehen und eben Execute den Konzern finanziert.

    Also für Biotech ausgesprochen risikoavers. Und trotzdem die Phantasie nicht verloren.

    Dazu Equity was die Beteiligungen von Evotec an jungen Start-Ups und akademischen Ausgründungen beinhaltet. Der erste Börsengang steht da gerade in den USA an (Exscientia). Allein da verdoppelt man mindestens den Einsatz.

    Evotec könnte einen viel größeren Gewinn ausweisen, steckt aber alles in Innovate und Equity. Und das wie gesagt ohne Wirkstoff am Patienten...wenn da erstmal einer an den Markt kommt....

    Da habe ich von der Plattform die Evotec nutzt noch gar nicht angefangen....


    Klarer Favorit für die nächsten Jahre.

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    1. Vielen Dank für Deine aufschlussreichen Ergänzung zu Evotec. Da merkt man, dass Du schon jahrelang interessiert und investiert bist, da baut sich ja eine große Expertise zu den jeweiligen Unternehmen auf.

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