Samstag, 17. Oktober 2026

Kissigs Börsengeschichte(n): Am 17.10.1973 lösten Förderkürzungen der führenden OPEC-Mitglieder die erste Ölkrise aus - und Marc Rich ergriff seine Chance, das Kartell zu brechen und die Herrschaft der "Seven Sisters" zu beenden

Am 17.10.1973 begann eine Zeitenwende für die Weltwirtschaft. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und insbesondere die arabischen Förderstaaten machten deutlich, dass Erdöl weit mehr war als ein Rohstoff für Raffinerien, Tankstellen und Heizungen. Öl war ein geopolitisches Machtinstrument. Wer über seine Förderung und Lieferung bestimmen konnte, besaß einen Hebel, mit dem sich die größten Industrienationen der Welt unter erheblichen Druck setzen ließen.

Die erste Ölkrise erschütterte das Selbstverständnis des Westens, legte die Verwundbarkeit seiner Volkswirtschaften offen und veränderte den internationalen Rohstoffhandel grundlegend. Während Autofahrer in den USA und Europa plötzlich vor geschlossenen Tankstellen standen, Unternehmen ihre Produktion drosselten und Regierungen fieberhaft nach Auswegen suchten, entstand im internationalen Ölgeschäft eine neue Generation von Händlern. Einer ihrer bekanntesten Vertreter war Marc Rich. Er erkannte früh, dass sich in einem Markt, der von politischen Entscheidungen, Versorgungsengpässen und extremen Preisschwankungen geprägt war, enorme Gewinne erzielen ließen. Und der dabei überhaupt erst den globalen Handelsmarkt für Öl schuf, wie er uns heute selbstverständlich erscheint...

Die OPEC: Vom Interessenverband zur geopolitischen Macht

Die OPEC wurde 1960 in Bagdad gegründet. Zu ihren Gründungsmitgliedern gehörten Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela. Ihr gemeinsames Ziel war es, die Interessen der erdölproduzierenden Länder gegenüber den großen internationalen Ölkonzernen zu stärken. Jahrzehntelang hatten vor allem westliche Unternehmen wie Exxon, Mobil, Texaco, Chevron, Gulf Oil, BP und Shell die Förderung, Verarbeitung und Vermarktung des Rohstoffs kontrolliert. Diese Konzerne, häufig als die "Seven Sisters" bezeichnet, verfügten über Kapital, Technologie, Transportkapazitäten und internationale Vertriebsnetze. Die Förderländer erhielten zwar Einnahmen aus ihren Ölvorkommen, hatten aber nur begrenzten Einfluss auf die Preisgestaltung und die Vermarktung. 

Dabei war die OPEC keineswegs ein vollkommen homogener Block. Die Mitgliedstaaten hatten unterschiedliche politische Interessen, Haushaltsbedürfnisse und Vorstellungen über die angemessene Förderpolitik. Gerade Saudi-Arabien als größter Produzent innerhalb der Organisation spielte eine Schlüsselrolle, weil das Königreich seine Fördermengen in erheblichem Umfang beeinflussen konnte. Die Ereignisse von 1973 sollten zeigen, wie wirkungsvoll die Kombination aus knapperem Angebot, politischer Koordination und steigender Nachfrage sein konnte.

Der globale Ölmarkt vor dem Schock

Vor der ersten Ölkrise war Erdöl der zentrale Energieträger des industriellen Aufschwungs. In den USA dominierte es den Verkehr und spielte eine bedeutende Rolle bei der Energieversorgung. In Europa hatte der wirtschaftliche Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg eine massive Ausweitung des Ölverbrauchs ausgelöst. Kohle verlor in vielen Bereichen an Bedeutung, während Heizöl, Benzin und Diesel immer wichtiger wurden.

Der internationale Handel war allerdings anders organisiert als heute. Ein erheblicher Teil des Öls floss über langfristige Lieferbeziehungen zwischen Fördergesellschaften, integrierten Ölkonzernen und Raffinerien. Die großen Unternehmen kontrollierten oft mehrere Stufen der Wertschöpfungskette: Sie förderten das Rohöl, transportierten es mit eigenen oder langfristig gecharterten Tankern, verarbeiteten es in Raffinerien und verkauften die fertigen Produkte an Großhändler und Tankstellen. Daneben existierte bereits ein Markt für unabhängig gehandelte Ölmengen. Doch der Handel war weniger transparent und institutionell weniger entwickelt als in späteren Jahrzehnten. Der Preis für Öl ergab sich nicht allein aus einem liquiden, zentral organisierten Börsenmarkt. Er wurde durch staatlich beeinflusste Referenzpreise, vertragliche Vereinbarungen, Konzernstrategien und regionale Marktbedingungen geprägt.

Wer Öl kaufen wollte, konnte dies nur bei den Seven Sisters tun, einen Börsenhandel gab es nicht - ein perfektes Oligopol - beinahe.

Das Kräfteverhältnis begann sich in den 1960er-Jahren zu verschieben. Die Förderstaaten wollten diese Struktur aufbrechen. Sie wollten nicht länger hinnehmen, dass die großen Ölgesellschaften den Wert ihrer Ressourcen weitgehend selbst bestimmten. Zugleich erhöhte der wachsende Verbrauch die Abhängigkeit der Industrieländer von verlässlichen Importen. Der Westen hatte sich an preiswerte Energie gewöhnt und seine Wirtschaftsstrukturen darauf ausgerichtet. Genau diese Kombination aus hoher Nachfrage, geringer kurzfristiger Anpassungsfähigkeit und wachsender politischer Kontrolle der Produzenten machte die Krise so gefährlich.

Der 17. Oktober 1973: Öl wird zur politischen Waffe

Der unmittelbare Auslöser der Krise war der Jom-Kippur-Krieg. Am 6. Oktober 1973 griffen Ägypten und Syrien Israel an, um die im Sechstagekrieg von 1967 verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Die USA unterstützten Israel mit umfangreichen Waffenlieferungen. Damit gerieten Washington und seine Verbündeten ins Visier der arabischen Erdölproduzenten.

Am 17. Oktober beschlossen die arabischen Mitglieder der Organization of Arab Petroleum Exporting Countries (OAPEC), die Ölproduktion zunächst um fünf Prozent zu reduzieren und weitere monatliche Kürzungen folgen zu lassen. Zugleich erhöhten die Golfstaaten den offiziellen Ölpreis deutlich: von 3,01 auf 5,12 Dollar je Barrel. Es war ein Signal, dass die Förderländer nicht mehr bereit waren, sich auf die Rolle billiger Rohstofflieferanten beschränken zu lassen.

Eine wichtige Unterscheidung ist dabei notwendig: Die OPEC und die OAPEC waren nicht identisch. Die OPEC vereinte erdölexportierende Staaten aus verschiedenen Weltregionen. Die OAPEC war dagegen eine Organisation arabischer Erdölexportländer. Die politisch motivierten Lieferbeschränkungen gingen im Oktober 1973 von den arabischen Produzenten innerhalb der OAPEC aus, auch wenn die Krise häufig verkürzt als OPEC-Ölembargo bezeichnet wird.

Im Verlauf der folgenden Wochen verschärfte sich die Lage. Die arabischen Produzenten verhängten ein Embargo gegen die USA und weitere Länder, die Israel unterstützten. Die Niederlande waren ebenfalls betroffen. Im Dezember wurden die Preise erneut kräftig angehoben. Aus einem politischen Konflikt entwickelte sich damit eine globale Versorgungskrise, deren wirtschaftliche Folgen weit über die unmittelbar boykottierten Länder hinausgingen.

Entscheidend war, dass der Markt schon vor dem Embargo angespannt gewesen war. Die Nachfrage stieg, die amerikanische Ölproduktion hatte ihren Höhepunkt überschritten, und freie Förderkapazitäten waren begrenzt. Die Industrieländer konnten die ausbleibenden Lieferungen deshalb nicht einfach kurzfristig durch zusätzliche heimische Produktion ersetzen. Der politische Schock traf auf einen Markt, der ohnehin wenig Spielraum hatte.

Der Ölpreis vervierfacht sich – mit Folgen für die Weltwirtschaft

Die Dimension des Preisschocks war gewaltig. Vor der Krise hatte ein Barrel Rohöl ungefähr drei Dollar gekostet. Im Januar 1974 lag der Preis bei rund 11,65 Dollar. Innerhalb weniger Monate hatte sich Öl damit nahezu vervierfacht. Für die Förderländer bedeutete das sprunghaft steigende Einnahmen. Für die Importländer war es dagegen ein gewaltiger Kostenschock.

Die Auswirkungen beschränkten sich keineswegs auf Benzin und Heizöl. Erdöl war ein zentraler Produktionsfaktor für die Industrie, die Landwirtschaft und den Transportsektor. Höhere Energiepreise verteuerten den Betrieb von Fabriken, den Güterverkehr und die Herstellung zahlreicher Produkte. In der Landwirtschaft stiegen die Kosten für Diesel, Maschinenbetrieb und energieintensive Vorprodukte. Auch Kunststoffe und andere petrochemische Erzeugnisse wurden teurer.

Unternehmen standen damit vor einem Dilemma: Sie mussten höhere Kosten tragen oder diese an ihre Kunden weitergeben. Beides hatte negative Konsequenzen. Wer die Preise erhöhte, riskierte sinkende Absatzmengen. Wer die Mehrkosten selbst auffing, musste niedrigere Gewinnmargen hinnehmen. Investitionen wurden verschoben, Produktionspläne angepasst und Arbeitsplätze gerieten unter Druck.

Gleichzeitig floss ein größerer Teil der Einnahmen aus den Industriestaaten in die ölproduzierenden Länder. Die sogenannten Petrodollars sammelten sich bei Staaten an, deren Einnahmen nun weit schneller wuchsen als ihre Möglichkeiten, das Geld im Inland sinnvoll auszugeben. Ein beträchtlicher Teil wurde deshalb auf internationalen Finanzmärkten angelegt, insbesondere bei westlichen Banken. Diese recycelten die Gelder wiederum als Kredite an Staaten und Unternehmen. So veränderte die Ölkrise nicht nur die Energiemärkte, sondern auch die internationalen Kapitalströme und das Verhältnis zwischen Gläubiger- und Schuldnerstaaten.

Die USA: Warteschlangen, Rezession und ein neues Energiebewusstsein

Für die Vereinigten Staaten war die Krise besonders schmerzhaft. Das Land war zwar selbst ein bedeutender Ölproduzent, hatte aber seine Abhängigkeit von Importen in den Jahren zuvor erhöht. Die heimische Förderung konnte den wachsenden Verbrauch nicht mehr problemlos decken. Als die Lieferungen aus arabischen Staaten eingeschränkt wurden, zeigte sich, wie verletzlich die amerikanische Wirtschaft geworden war.

An den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Teilweise wurde der Verkauf rationiert, Autofahrer mussten sich auf begrenzte Mengen einstellen, und in einigen Regionen waren Tankstellen zeitweise geschlossen. Die Krise wurde damit für Millionen Menschen unmittelbar sichtbar. Das Auto, ein Symbol amerikanischer Freiheit und Wohlstands, wurde plötzlich zum Sinnbild einer Abhängigkeit, die sich nicht einfach durch politischen Willen beseitigen ließ.

Die Regierung unter Präsident Richard Nixon reagierte mit Sparmaßnahmen und Versuchen, den Verbrauch zu begrenzen. Dazu gehörten die Einführung einer landesweiten Höchstgeschwindigkeit von 55 Meilen pro Stunde und weitere Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs. Die Krise trug zudem dazu bei, die strategische Bedeutung von Energieunabhängigkeit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. In den folgenden Jahren wurden unter anderem die strategische Erdölreserve aufgebaut und strengere Anforderungen an den Kraftstoffverbrauch von Fahrzeugen vorangetrieben.

Besonders problematisch war, dass die höheren Ölpreise auf eine Wirtschaft trafen, die bereits mit kräftigen Preissteigerungen und konjunkturellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Die Unternehmen mussten höhere Kosten verkraften, während Verbraucher wegen der Inflation weniger Kaufkraft zur Verfügung hatten. Die Folge war eine Mischung aus schwachem Wachstum, steigender Arbeitslosigkeit und anhaltender Inflation.

Diese Kombination wurde als Stagflation bekannt. Sie stellte die Wirtschaftspolitik vor ein schwieriges Problem: Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur konnten die Inflation weiter befeuern, während eine straffere Geldpolitik die wirtschaftliche Schwäche verschärfen konnte. Die Ölkrise war nicht die alleinige Ursache der amerikanischen Rezession, verstärkte jedoch die bestehenden Probleme erheblich.

Europa: Das Wirtschaftswunder stößt an seine Grenzen

Auch Westeuropa wurde von der Ölkrise mit voller Wucht getroffen. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und die Niederlande hatten ihren wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg auf eine zuverlässige und vergleichsweise preiswerte Energieversorgung gestützt. Erdöl war zum Motor der industriellen Expansion geworden. Die Abhängigkeit von Importen war entsprechend groß.

Als die Preise explodierten und die Lieferungen unsicher wurden, geriet dieses Modell ins Wanken. Unternehmen mussten ihre Produktionskosten neu kalkulieren, Verbraucher höhere Ausgaben für Heizung und Mobilität tragen, und die Regierungen suchten nach Möglichkeiten, den Energieverbrauch zu senken.

In der Bundesrepublik wurden autofreie Sonntage eingeführt. An vier Sonntagen im November und Dezember 1973 blieben die Autobahnen weitgehend denjenigen vorbehalten, die eine Ausnahmegenehmigung besaßen. Die ungewohnten Bilder leerer Straßen machten deutlich, wie sehr die moderne Gesellschaft vom Erdöl abhängig geworden war. Zugleich wurde diskutiert, ob der energieintensive Lebensstil der Nachkriegsjahrzehnte dauerhaft aufrechterhalten werden konnte.

Die wirtschaftlichen Folgen waren erheblich. Die Bundesrepublik geriet in eine Phase schwächeren Wachstums, die Arbeitslosigkeit stieg, und zahlreiche Unternehmen mussten sich auf höhere Energiekosten einstellen. In Großbritannien verschärften sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zusätzlich durch Arbeitskämpfe und Einschränkungen bei der Stromversorgung. Auch andere europäische Staaten litten unter der Kombination aus Inflation und nachlassender Konjunktur.

Die Krise führte allerdings nicht überall zu identischen Reaktionen. Frankreich setzte verstärkt auf den Ausbau der Kernenergie, während die Bundesrepublik langfristig sowohl an der Kernenergie als auch an anderen Energiequellen festhielt. Gleichzeitig gewannen Energiesparen, effizientere Produktionsverfahren und die Suche nach alternativen Lieferanten an Bedeutung.

Die entscheidende Erkenntnis lautete: Energiepolitik war keine rein technische oder wirtschaftliche Angelegenheit mehr. Sie war zu einer Frage nationaler Sicherheit geworden. Wer seine Versorgung fast ausschließlich auf einen einzelnen Rohstoff und wenige ausländische Lieferanten stützte, konnte durch politische Entscheidungen außerhalb des eigenen Einflussbereichs empfindlich getroffen werden.

Marc Rich: Der Händler, der die neue Welt des Ölgeschäfts verstand

Während Regierungen mit den Folgen der Krise kämpften, erkannte ein Rohstoffhändler die außergewöhnlichen Geschäftsmöglichkeiten, die sich aus der neuen Marktsituation ergaben. Sein Name war Marc Rich, geboren 1934 als Marcell David Reich in Antwerpen. Seine jüdische Familie floh vor der nationalsozialistischen Verfolgung in die USA. Rich begann seine Karriere beim Rohstoffhandelsunternehmen Philipp Brothers, das später unter dem Namen Phibro bekannt wurde.

Dort entwickelte er ein Gespür für internationale Märkte, politische Risiken und die Bedeutung persönlicher Kontakte. Anders als viele klassische Ölkonzerne betrachtete Rich Erdöl nicht in erster Linie als Bestandteil eines integrierten Förder- und Raffineriegeschäfts. Für ihn war es vor allem eine Handelsware, deren Wert sich durch Veränderungen von Angebot und Nachfrage, durch politische Entscheidungen und durch die Fähigkeit zur Organisation alternativer Lieferketten beeinflussen ließ.

Sein Ansatz passte zu einer Welt, in der die alten Strukturen des Ölhandels ins Wanken gerieten. Die großen Ölkonzerne hatten traditionell viele Lieferbeziehungen selbst kontrolliert. Doch als die Förderstaaten mehr Einfluss auf ihre Ressourcen gewannen, entstanden neue Handelsmöglichkeiten für unabhängige Händler. Diese konnten Rohöl von Produzenten erwerben, Transportkapazitäten organisieren und es an Raffinerien oder Ölgesellschaften weiterverkaufen, die dringend Nachschub benötigten.

Rich gehörte zu denjenigen, die diese Entwicklung früh erkannten. Er verstand, dass ein Händler nicht unbedingt eigene Ölfelder oder Raffinerien besitzen musste, um in der Branche eine bedeutende Rolle zu spielen. Entscheidend waren vielmehr Informationen, Finanzierung, Kontakte zu Produzenten und Abnehmern sowie die Fähigkeit, Risiken einzugehen, die andere Unternehmen scheuten.

Das Geschäft mit dem knappen Rohstoff

Im Umfeld der Ölkrise gingen Rich und sein Geschäftspartner Pincus "Pinky" Green hohe Risiken ein. Ein besonders bekanntes Beispiel war ein großes Ölgeschäft im Vorfeld beziehungsweise zu Beginn der Krise. Rich setzte auf weiter steigende Preise und erwarb gemeinsam mit Green Rohöl im Wert von rund 150 Millionen Dollar. Die Transaktion wurde innerhalb von Philipp Brothers kontrovers beurteilt; die Unternehmensführung drängte schließlich auf den Verkauf der Position. Rückblickend erwies sich Richs Einschätzung des Marktes als richtig.

Der Vorgang verdeutlicht, wie sehr sich das Ölgeschäft verändert hatte. Wer frühzeitig einschätzen konnte, dass ein politischer Konflikt zu einer Verknappung führen würde, konnte durch den Aufbau geeigneter Handelspositionen erhebliche Gewinne erzielen. Allerdings bedeutete das auch, dass Fehleinschätzungen enorme Verluste verursachen konnten.

Noch wichtiger war Richs Fähigkeit, Lieferquellen zu erschließen, die anderen Marktteilnehmern nicht ohne Weiteres offenstanden. Während der Ölkrise und in den Jahren danach nutzte er seine Kontakte im Nahen Osten, um Rohöl zu beschaffen und an Abnehmer weiterzuverkaufen, die dringend auf zusätzliche Mengen angewiesen waren.

Historische Berichte beschreiben Geschäfte, bei denen Öl aus dem Iran und dem Irak zu Preisen von ungefähr 12 Dollar je Barrel erworben und zu deutlich höheren Preisen weiterverkauft wurde. In einzelnen Fällen sollen Verkaufspreise von bis zu 30 Dollar erzielt worden sein. Solche Angaben beziehen sich auf bestimmte Geschäfte und Marktbedingungen, nicht auf einen allgemeinen Weltmarktpreis.

Rich profitierte dabei von einem grundlegenden Wandel: Die Ölgesellschaften waren nicht mehr allein in der Lage, sämtliche Lieferströme zu organisieren. Unabhängige Händler gewannen an Bedeutung, weil sie zwischen Produzenten, Raffinerien und Abnehmern vermitteln konnten. Sie übernahmen Risiken, organisierten Transporte und fanden neue Absatzwege, wenn traditionelle Lieferbeziehungen nicht mehr funktionierten.

1974 verließ Rich gemeinsam mit Green Philipp Brothers und gründete sein eigenes Handelsunternehmen in der Schweiz. Das Unternehmen, Marc Rich + Co., baute seine Aktivitäten im Öl- und Rohstoffhandel aus. Aus diesem Geschäft entwickelte sich später ein internationaler Handelskonzern, der nach dem Verkauf durch Richs Management in Glencore umbenannt wurde.

Zwischen unternehmerischer Weitsicht und moralischer Kontroverse

Marc Richs Erfolg hatte allerdings eine Schattenseite. Er war bereit, mit politischen Regimen Geschäfte zu machen, die andere Unternehmen mieden. Seine Aktivitäten mit dem Iran wurden später zum Gegenstand schwerwiegender strafrechtlicher Vorwürfe in den USA. 1983 wurde er unter anderem wegen Steuerdelikten und unerlaubter Geschäfte mit dem Iran angeklagt. Rich bestritt die Vorwürfe nicht in einem öffentlichen Gerichtsverfahren, sondern entzog sich der amerikanischen Justiz und lebte fortan überwiegend in der Schweiz.

Im Jahr 2001 begnadigte US-Präsident Bill Clinton ihn an seinem letzten Amtstag. Die Entscheidung war hochumstritten und löste eine politische Debatte über die Beziehungen zwischen Geld, Einfluss und Macht aus. Rich starb 2013 in der Schweiz.

Seine Rolle in der Ölkrise lässt sich deshalb nicht auf die Geschichte eines genialen Händlers reduzieren. Er verkörperte zugleich die Chancen und die problematischen Seiten eines Marktes, in dem politische Krisen, wirtschaftliche Interessen und persönliche Netzwerke eng miteinander verflochten waren. Sein Aufstieg zeigte, dass sich Macht im internationalen Ölgeschäft nicht mehr ausschließlich aus dem Besitz von Förderanlagen oder Raffinerien ergab. Auch Informationen, Finanzierung und die Fähigkeit, unter schwierigen Bedingungen Lieferketten aufzubauen, wurden zu entscheidenden Wettbewerbsvorteilen.

Es gibt ein sehr lesenswertes Buch über Marc Rich: "King of Oil" von Daniel Ammann. Leider ist es meistens vergriffen. Aber es ist wohl nun auch eine Hollywood-Verfilmung mit Matt Damon in Planung.

Das Erbe der ersten Ölkrise

Die erste Ölkrise veränderte die Weltwirtschaft nachhaltig. Die OPEC und die arabischen Förderstaaten hatten demonstriert, dass sie durch koordinierte Produktionsentscheidungen und politische Maßnahmen den globalen Energiemarkt beeinflussen konnten. Die westlichen Industrieländer mussten erkennen, dass wirtschaftlicher Wohlstand nicht automatisch Versorgungssicherheit bedeutete.

Die Reaktionen reichten von strategischen Ölreserven über den Ausbau alternativer Energiequellen bis hin zu Maßnahmen zur Senkung des Verbrauchs. Zugleich veränderte sich der internationale Rohstoffhandel. Unabhängige Händler wie Marc Rich gewannen an Bedeutung, weil sie die Lücken zwischen Produzenten und Abnehmern füllten und sich auf einen Markt einstellten, dessen Regeln sich gerade grundlegend wandelten.

Die Krise machte außerdem deutlich, dass hohe Rohstoffpreise nicht nur Gewinner und Verlierer innerhalb einzelner Branchen hervorbringen. Sie verschieben auch Vermögen zwischen Staaten, verändern Kapitalströme und können ganze Volkswirtschaften in Schwierigkeiten bringen. Die ölproduzierenden Länder erhielten erhebliche zusätzliche Einnahmen, während die Importländer mit steigenden Kosten, Inflation und schwächerem Wachstum zu kämpfen hatten.

Die langfristige Entwicklung verlief allerdings nicht ausschließlich zugunsten der OPEC. Die hohen Preise förderten Investitionen in neue Fördergebiete außerhalb der Organisation, stärkten das Interesse an Energieeffizienz und beschleunigten die Suche nach Alternativen. Mit der Zeit entstand dadurch zusätzliche Konkurrenz für die traditionellen Produzenten.

Die Lehre aus dem Jahr 1973 reicht deshalb weit über die Geschichte des Erdöls hinaus. Rohstoffe sind nicht bloß Waren, deren Preise sich aus Angebot und Nachfrage ergeben. Sie können zu strategischen Instrumenten werden, mit denen Staaten ihre Interessen durchsetzen. Und wenn Versorgungssicherheit, politische Macht und wirtschaftliche Abhängigkeit aufeinandertreffen, entstehen nicht nur Krisen, sondern auch neue Geschäftsmodelle und neue Gewinner.

Marc Rich gehörte zu jenen, die diesen Wandel früh verstanden. Während Millionen Menschen die Ölkrise als Bedrohung ihres Wohlstands erlebten, sah er in ihr die Möglichkeit, ein Handelsgeschäft von weltweiter Bedeutung aufzubauen. Genau darin liegt die eigentliche Geschichte der ersten Ölkrise: Sie war nicht nur ein Schock für die westlichen Volkswirtschaften, sondern auch der Beginn einer neuen Ordnung auf den globalen Rohstoffmärkten.

Und auch heute, mehr als 50 Jahre nach der ersten Ölkrise, werden Erdöl und andere Rohstoffe, wie Seltene Erdenmetalle, als strategische Ressourcen genutzt und als globale Erpressungsinstrumente eingesetzt. Inzwischen allerdings auch und bevorzugt von den USA unter Donald Trump, während Europa es noch immer nicht geschafft hat, sich aus der lebensbedrohlichen Abhängigkeit von Rohstoffimporten unabhängig(er) zu machen. Dabei hat die OPEC ihre Macht weitgehend verloren, weil die USA dank Fracking zum größten Öl-Produzenten der Welt aufgestiegen sind. Mehr Sicherheit für die Welt oder Frieden im Nahen Osten hat diese neue Rolle der Welt nicht gebracht. Im Gegenteil...

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