Freitag, 6. November 2026

Hat KI Adobe entzaubert – oder nur seinen Moat verlagert?

Heute präsentiere ich euch einen weiteren interessanten Gastartikel von Konstantin Mitropetros aus seiner Artikelserie KI im Wandel: Burggräben im Stresstest zwischen Dominanz und Scheitern.

Dabei geht es (auch) um die Frage, warum Shutterstock schrumpft, Autodesk wächst und Getty Images trotz wertvoller Inhalte unter Gläubigerschutz geht.

1. Zusammenfassung

Mit KI lässt sich in Sekunden ein gutes Bild erzeugen. Braucht man da noch Photoshop? Und wer zahlt künftig für Stockfotos von Shutterstock oder Getty Images? Die naheliegende These lautet: KI verdrängt diese Anbieter. Die Geschäftszahlen zeichnen ein differenzierteres Bild.

In den letzten vier veröffentlichten Quartalen wuchsen Adobe und Autodesk jeweils zweistellig. Shutterstock meldete zuletzt drei Quartale mit Umsatzrückgang. Bei Getty hielten sich redaktionelle Ereignisbilder besser als klassische Werbemotive. Dennoch beantragte Getty am 21. Oktober 2026 Gläubigerschutz nach Chapter 11.

Das belegt weder, dass KI allein für die Unterschiede verantwortlich ist, noch dass Wachstum automatisch einen starken Burggraben bedeutet. Ein beliebiges Werbefoto lässt sich leichter ersetzen als eine bearbeitbare Produktionsdatei, ein eingespielter Freigabeprozess oder ein verlässlicher technischer Bauplan.

Der Auftaktartikel "Informations-Moat im KI-Zeitalter" liefert dafür den Maßstab: Entscheidend ist nicht, ob KI eine Funktion kopieren kann. Entscheidend ist, welche Daten, Rechte, Standards und Arbeitsabläufe Kunden weiterhin brauchen – und welcher Anbieter daran verdient.

Meine Einschätzung: Adobes stärkster Schutz liegt in professionellen Arbeitsabläufen und bestehenden Kundenbeziehungen. Dazu kommen Dateiformate, Rechtekontrollen und Freigaben. Das Gesamtpaket muss für Kunden aber erkennbar besser oder günstiger sein als eine Kombination spezialisierter KI-Werkzeuge. Das größte Risiko: Ein externer KI-Agent steuert den Auftrag und nutzt Adobe nur im Hintergrund. Adobe bleibt technisch wichtig, verliert aber möglicherweise Kundenzugang und Preissetzungsmacht. An der Börse wirkt Adobe deutlich günstiger als früher. Das allein macht die Aktie jedoch noch nicht zu einem Kauf.

2. Unternehmen, Geschäftsmodell und Markt


2.1 Adobe ist mehr als Photoshop

Adobe ist längst mehr als Photoshop. Das 1982 gegründete Unternehmen verdient an Abos für Kreativsoftware, Dokumente und Marketinganwendungen. Seit dem Geschäftsjahr 2026 weist es formal nur noch ein Segment aus. Wirtschaftlich lassen sich drei Bereiche unterscheiden:

Kreativsoftware: Photoshop, Illustrator, InDesign, Premiere Pro und weitere Programme helfen bei professioneller Bild-, Film- und Designarbeit. Entscheidend sind präzise Nachbearbeitung, bearbeitbare Dateien, Teamarbeit und druck- oder sendefertige Ergebnisse.

Creative Cloud bündelt diese Werkzeuge; Firefly ergänzt sie um KI. Dokumente: Acrobat unterstützt das Erstellen, Prüfen, Freigeben und Signieren von PDF-Dokumenten. Das offene PDF-Format ist weit verbreitet. Doch nicht jede PDF-Nutzung bringt Adobe Einnahmen.

Digital Experience: Experience Manager (AEM), Experience Platform, Workfront und GenStudio helfen Unternehmen, Marketinginhalte zu organisieren, freizugeben, auszuspielen und ihre Wirkung zu messen. Ein KI-Agent kann eine Anzeige entwerfen. Markenregeln, Rechte, Budgets und Freigaben muss er trotzdem beachten.

Rund 97 % des Konzernumsatzes stammen aus Abonnements. Das sorgt für planbare Einnahmen. KI verändert jedoch die Rechnung: Jede zusätzliche Bild- oder Videoerstellung kann neue Rechenkosten auslösen. Deshalb zählen künftig Kundenbindung, bezahlte Nutzer und tatsächlich profitable KI-Nutzung.

Im dritten Quartal FY2026 stiegen die Aboerlöse um 14 % auf 6,58 Mrd. USD. Kreativ- und Marketingkunden steuerten 4,65 Mrd. USD (+13 %) bei, Geschäfts- und Privatkunden 1,91 Mrd. USD (+16 %). Das spricht für die Stärke des Dokumenten- und Express-Umfelds. Die Kundengruppen sind jedoch keine getrennten Produktsegmente; Photoshop allein lässt sich daraus nicht beziffern (siehe Adobe Q3 FY2026 Earnings und Adobe Form 10-Q).

2.2 Wächst der adressierbare Markt?

Adobe schätzte 2024 den weltweit adressierbaren Creative-Cloud-Markt für 2027 auf rund 91 Mrd. USD, 47 Mrd. USD für Document Cloud und 155 Mrd. USD für Experience Cloud. Die Schätzung berücksichtigt zusätzliche Nachfrage durch generative KI. Diese Marktgrößen darf man nicht einfach zu 293 Mrd. USD addieren: Die Bereiche überschneiden sich und sind nicht vollständig für Adobe erreichbar.

Kreativsoftware: mehr Nutzer, aber billigere Einzelleistungen
KI macht Millionen zusätzlicher Nutzer zu Inhaltserstellern. Gleichzeitig sinkt der Preis für einfache Bilder und Texte. Geld verdienen dürfte Adobe daher vor allem dort, wo Kunden präzise Endprodukte, einheitliche Markenauftritte und rechtlich saubere Freigaben brauchen. Express und Firefly sollen neue Nutzer gewinnen; Creative Cloud und GenStudio müssen den professionellen Mehrwert sichern. 

Dokumente: Verbreitung allein reicht nicht
Rund um PDF entstehen Dienste für Bearbeitung, Signaturen, Zusammenarbeit und KI-gestützte Dokumentenprüfung. Kostenlose Funktionen von Microsoft, Google und Browsern setzen einfache PDF-Werkzeuge unter Preisdruck. Adobe muss vor allem mit anspruchsvollen Dokumentenprozessen Geld verdienen – nicht mit dem bloßen Anzeigen von PDFs.

Digital Experience: großer Markt, starke Rivalen
Bei Unternehmensmarketing konkurriert Adobe unter anderem mit Salesforce, ServiceNow, Microsoft, SAP, Oracle, Shopify und HubSpot. Adobes Chance liegt darin, Erstellung, Verwaltung und Wirkungsmessung von Inhalten zu verbinden. Semrush ergänzt die Auffindbarkeit von Marken in Suche und KI-Antworten. Der Markt ist groß, aber Adobes Stellung hier weniger dominant als im klassischen Kreativbereich.

2.3 Adobes KI-Strategie: eigene und fremde Modelle

Adobe setzt auf eigene Firefly-Modelle und integriert zugleich KI von Wettbewerbern. So kann das Unternehmen jeweils leistungsfähige Modelle nutzen, ohne vom Erfolg seiner eigenen KI abhängig zu sein. Allerdings entstehen zusätzliche Lizenz- und Rechenkosten.

Gleichzeitig integriert Adobe seine Werkzeuge in ChatGPT, Claude, Gemini, Copilot und Slack. Die Strategie: Auch wenn Kunden ihre Aufträge künftig über fremde KI-Assistenten erteilen, soll Adobe für professionelle Bearbeitung, PDF-Aufgaben und Freigaben weiterhin gebraucht werden.

Das schützt vor vollständiger Verdrängung, birgt aber ein neues Risiko: Die Betreiber der KI-Assistenten kontrollieren zunehmend den Kundenzugang und könnten einen größeren Teil der Gewinne abschöpfen.

2.4 Wo Adobe unter Wettbewerbsdruck steht

Dokumente: Microsoft und Google integrieren zunehmend PDF- und KI-Funktionen in ihre Bürosoftware. DocuSign konkurriert bei elektronischen Signaturen, Foxit und Nitro bei der PDF-Bearbeitung. Adobes Stärke liegt weniger in einzelnen Funktionen als in Acrobat und den eingespielten Dokumentenprozessen seiner Kunden. Kostenlose Alternativen begrenzen jedoch die Preissetzungsmacht.

Marketingsoftware: Salesforce kontrolliert wichtige Kundenbeziehungen, ServiceNow Unternehmensprozesse, Microsoft die Bürosoftware und SAP zentrale Geschäftsdaten. Adobe punktet mit der Verbindung von Inhaltserstellung, Verwaltung (AEM), Datenanalyse und Kampagnensteuerung. Semrush ergänzt die Sichtbarkeit in Suchmaschinen und KI-Antworten. Die Chance liegt im Gesamtangebot – das Risiko in höheren Kosten und dem Wettbewerb mit etablierten Plattformen.

2.5 Womit verdient Adobe künftig Geld?

Adobes Geschäftsmodell verändert sich durch KI. Bisher verdiente das Unternehmen vor allem an Software-Abos. Künftig könnten nutzungsabhängige KI-Dienste und automatisierte Arbeitsabläufe wichtiger werden. Doch nicht jede zusätzliche Nutzung bringt auch zusätzlichen Gewinn.

Für Anleger ist der Wandel entscheidend: Bei klassischen Software-Abos verursacht zusätzliche Nutzung meist geringe Mehrkosten. Jede KI-Berechnung kostet dagegen Rechenleistung und möglicherweise Gebühren an Partner. Gleichzeitig könnten Kunden dank KI mit weniger bezahlten Lizenzen auskommen.

Mehr KI-Nutzung bedeutet deshalb nicht automatisch mehr Gewinn. Adobe muss zusätzliche KI-Erlöse erzielen, die Kosten decken und zugleich den Rückgang klassischer Lizenzeinnahmen verhindern oder ausgleichen.

3. Management und Aktionärsstruktur

3.1 Management: Erfahrene Führung, aber mehrere Wechsel

Shantanu Narayen machte Adobe durch die Umstellung auf Abonnements zu einem hochprofitablen Softwarekonzern. Am 1. Dezember 2026 übernimmt Anil Chakravarthy den CEO-Posten; Narayen bleibt Executive Chair (Adobe CEO-Nachfolge).

Chakravarthy bringt eine solide Erfolgsbilanz mit: Als Informatica-CEO (2015–2020) vervierfachte er nahezu den Abonnementumsatz von 118 auf 472 Mio. USD. Seit 2020 verantwortet er bei Adobe das Unternehmensmarketing und später auch den weltweiten Vertrieb. Der Umsatz von Digital Experience stieg bis 2025 von 3,13 auf 5,86 Mrd. USD – rund 13 % jährlich, teilweise durch Übernahmen.

Weniger überzeugend sind die Margen: 2025 erzielte Digital Experience 72 % Bruttomarge gegenüber 95 % im Kreativ- und Dokumentengeschäft. Auch das Wachstum lag mit 9 % unter den 11 % von Digital Media.

David Wadhwani, zuletzt Leiter des Geschäfts Creativity & Productivity, trat zum 27. September 2026 aus der operativen Leitung zurück. Damit verliert das größere Kerngeschäft seinen bisherigen Leiter (SEC-Meldung zum Führungswechsel).

Auch der CFO wechselte: Dan Durn, seit 2021 CFO, verließ Adobe im Juni 2026 und wechselte zum Halbleiterunternehmen Marvell. Sein Nachfolger auf Interimsbasis, Steve Day, arbeitet seit rund 20 Jahren bei Adobe und kennt das Finanzgeschäft, insbesondere Unternehmensmarketing und Konzernfinanzen, aus verschiedenen Führungspositionen. Eine dauerhafte CFO-Nachfolge ist noch nicht bekannt gegeben.

Meine Einschätzung: Der CEO-Wechsel, CFO-Abgang und der Rückzug von Kreativchef David Wadhwani kommen in eine kritische Phase. Ob das neue Führungsteam Adobes hohe Margen gegen günstige KI-Konkurrenz verteidigt und die Milliarden für Rückkäufe und Übernahmen sinnvoll einsetzt, muss sich erst zeigen. Chakravarthy bringt Erfahrung mit Unternehmensprozessen und Vertrieb mit – passend zur These, dass Adobes Schutz stärker in integrierten Abläufen liegt. Seine bisherige Sparte war jedoch deutlich kleiner als das Kreativ- und Dokumentengeschäft, dessen Leiter Wadhwani sich zurückzieht. Narayen und Wadhwani bleiben zunächst in veränderten Rollen eingebunden. Chakravarthy versteht Software-Abonnements, Vertrieb und Unternehmensmarketing. Day steht für interne Kontinuität. Die Führung ist erfahren, der gleichzeitige Verlust mehrerer Spitzenmanager erhöht jedoch das Umsetzungsrisiko.

3.2 Aktionärsstruktur und Insidergeschäfte

Einen beherrschenden Großaktionär gibt es nicht. Laut Adobe-Stimmrechtsunterlagen hielten Vanguard 10,17 % und BlackRock 9,31 %. Yahoo finance schätzt die institutionelle Beteiligung auf rund 89,1 % und den Insideranteil auf etwa 0,23 %; die letzten Zahlen sind keine vollständige SEC-Erhebung. 

Director David Ricks kaufte am 25. Juni 2026 freiwillig 10.000 Aktien für rund 1,95 Mio. USD (194,513 USD je Aktie). CEO Shantanu Narayen verkaufte am 16./17. September 125.000 Aktien für etwa 31,3 Mio. USD. Laut SEC-Meldung standen dabei vor allem Steuer- und Nachlassplanung im Vordergrund. Ein Insiderkauf ist deshalb aussagekräftiger als ein Verkauf.

4. Adobes Burggraben: Was schützt das Geschäft vor KI?

Im Auftaktartikel unterscheide ich zehn mögliche Schutzschichten. Das ist ein Hilfsmittel, kein akademisches Ratingsystem. Für Anleger zählen nicht Punkte, sondern die Auswirkungen auf Kundenbindung, Preise und freien Cashflow.

Ein Beispiel: KI erzeugt ein Werbemotiv. Eine Agentur benötigt zusätzlich bearbeitbare Dateien, feste Markenfarben, geklärte Bildrechte und die Freigabe des Kunden. Diesen Gesamtprozess zu ersetzen ist schwieriger als einen Bildgenerator.

4.1 Die zehn Schichten im Überblick

Die Bewertung beschreibt den heutigen Schutz. "Hoch" bedeutet einen starken, schwer reproduzierbaren Vorteil für Kundenbindung, Preissetzungsmacht oder Kapitalrendite, "mittel" begrenzten und "niedrig" geringen eigenständigen Schutz. Es sind qualitative Einschätzungen; künftige KI-Risiken werden getrennt erläutert. Die Schichten überschneiden sich: Ein Arbeitsablauf darf nicht gleichzeitig als drei unabhängige Burggräben gezählt werden.

Den stärksten Schutz sehe ich in eingespielten professionellen Arbeitsabläufen. Die bestehende Kundenbasis erleichtert Adobe heute den Vertrieb neuer Angebote. Gerade dieser Vorteil könnte durch externe KI-Agenten schwächer werden. Die übrigen Schutzschichten wirken je nach Anwendung und Kundengruppe unterschiedlich.

I. Zugang zu Information: niedrig. Adobe verdient nicht damit, Wissen über Gestaltung exklusiv bereitzuhalten. Anleitungen und allgemeines Fachwissen sind auch anderswo zugänglich. KI senkt zusätzlich den Aufwand, sich eine Funktion erklären zu lassen.

II. Kuratierte oder proprietäre Fach- und Referenzdaten: niedrig bis mittel. Lizenzierte Bilder, Schriften und Trainingsmaterial erleichtern rechtlich kontrollierte Angebote. Der eigenständige Schutz ist jedoch begrenzt: Viele Rechte sind nicht exklusiv, und austauschbare Motive verlieren durch KI an Knappheit. Kundeninhalte gehören nicht automatisch Adobe und werden laut Adobe nicht zum Training seiner Firefly-Modelle verwendet. Ein schwer reproduzierbarer Datenvorsprung ist damit für Adobe insgesamt nicht hinreichend belegt; der Nutzen liegt stärker in der Verbindung mit Werkzeugen und Arbeitsabläufen.

III. Verbindliche Arbeitsstände: mittel. Gemeint ist die verlässliche Antwort auf Fragen wie: Welche Dateiversion gilt, was wurde freigegeben und was darf veröffentlicht werden? Experience Manager und Workfront können solche Zustände in Kundenprozessen verwalten. Ein Wechsel erfordert dann die Übernahme von Daten, Zuständigkeiten und Abläufen. Dieser Schutz ist bei eingebundenen Unternehmenskunden stärker als bei gelegentlichen Einzelnutzern; Adobe ist nicht automatisch das führende System für sämtliche Unternehmensdaten.

IV. Arbeitsabläufe und Integration: hoch. Agenturen haben Vorlagen, Dateiformate, Erweiterungen und Freigaben auf Adobe abgestimmt. Ein Wechsel kann teuer und fehleranfällig werden. Darin sehe ich Adobes stärksten Schutz. Bei einfachen Einzelbildern ist diese Hürde viel niedriger. KI kann zudem einzelne Arbeitsschritte ablösen.

V. Identität, Rechte, Governance und Haftung: mittel. Adobe bietet Freigaben, Herkunftsnachweise und für bestimmte Firefly-Angebote begrenzte vertragliche Absicherungen gegen Ansprüche Dritter. Das ist keine vollständige Rechtsgarantie. Viele Herkunftsstandards sind auch für andere Anbieter offen. 

VI. Kundenzugang: heute mittel bis hoch, langfristig durch Agenten gefährdet. Adobe erreichte nach eigenen Angaben im dritten Quartal 2026 erstmals über eine Milliarde monatlich aktive Nutzer. Doch wer künftig Aufträge in ChatGPT, Claude oder Copilot erteilt, überlässt diesen Plattformen einen Teil der Kundenbeziehung. Adobe integriert deshalb seine Funktionen in solche Assistenten; in Claude sollen bereits mehr als 80 Werkzeuge erreichbar sein. Das schafft Reichweite, aber der Plattformbetreiber könnte einen Teil der Einnahmen abschöpfen. Reichweite allein beweist keine Kundenbindung oder Zahlungsbereitschaft. Wenn Nutzer ihre Aufträge künftig einem externen KI-Assistenten geben, könnte dieser günstigere Werkzeuge auswählen. Deshalb ist der Kundenzugang ein erheblicher, aber nicht uneingeschränkt geschützter Vorteil.

VII. Netzwerk und Beziehungen: mittel. Viele geschulte Fachkräfte, Agenturen und Erweiterungen erleichtern Unternehmen die Nutzung. Dieser Vorteil ist real, doch die Partner können auch konkurrierende Produkte unterstützen.

VIII. Kontrolle über Transaktionen: niedrig. Adobe verkauft Abos und bietet mit Adobe Commerce Handelsfunktionen. Die eigentliche Zahlungsabwicklung läuft teilweise über Partner wie PayPal. Ein unvermeidbarer Zahlungsweg, an dem Adobe immer mitverdient, besteht nicht.

IX. Realwelt-, Risiko- und Messdaten: niedrig bis mittel. Adobe Analytics hilft bei der Erfolgsmessung von Kampagnen. Die Daten gehören jedoch häufig den Kunden und lassen sich exportieren. Als eigenständigen Schutz bewerte ich diese Schicht deshalb vorsichtig. Der Vorteil liegt vor allem in der Einbindung in bestehende Abläufe.

X. Standards, Formate und institutionelle Verankerung: mittel. Komplexe Photoshop-Dateien mit Ebenen und Masken erschweren den Wechsel. PDF ist dagegen ein offener ISO-Standard (ISO 32000-1). KI und bessere Konverter könnten auch die verbleibenden Kompatibilitätshürden senken.

4.2 Wirtschaftliche Abwertung durch billigen Nachbau

Adobe muss nicht verdrängt werden, um wirtschaftlich an Wert zu verlieren. KI könnte die Entwicklung konkurrierender Software erheblich beschleunigen und verbilligen. Ein aktuelles Beispiel sind die ArtCraft-Projekte: Entwickler Brandon Thomas veröffentlichte Anfang Oktober 2026 sieben kostenlose Open-Source-Nachbauten bekannter Adobe-Programme, darunter Photoshop, Illustrator und Premiere Pro. Nach eigenen Angaben nutzte er dafür die KI Claude.

Die Programme sind noch weit von der Qualität der Originale entfernt. Bemerkenswert ist aber, wie schnell und kostengünstig KI den Nachbau komplexer Software ermöglichen konnte. Für Adobe bedeutet das langfristig mehr Wettbewerb und möglichen Preisdruck – auch ohne größere Kundenverluste.

Wie ernst ist also diese Gefahr?

1. Technische Nachbaubarkeit – hoch bei Einzelfunktionen. ArtCraft zeigt, wie schnell KI bekannte Bedienoberflächen und Funktionen nachbilden kann. Auch Photopea und Canva Affinity bieten bereits viele Funktionen von Photoshop und Illustrator. Der technische Vorsprung von Adobe wird damit angreifbarer.

2. Produktionsreife – bei KI-Nachbauten noch niedrig. ArtCraft ist weit von einem vollwertigen Ersatz entfernt. Etablierte Alternativen wie Affinity oder DaVinci Resolve sind dagegen bereits praxistauglich. Adobes Schutz liegt vor allem in komplexen Dateiformaten, eingespielten Arbeitsabläufen, Zusammenarbeit und verlässlichen Freigaben (Moat-Schichten IV, V, VI und X).

3. Wirtschaftliche Verdrängung – bislang nicht nachgewiesen. Trotz kostenloser Alternativen wächst Adobes Umsatz weiterhin zweistellig. Ein messbarer Verlust zahlender Kunden durch KI-Nachbauten ist bislang nicht belegt. Allerdings muss Adobe keine Kunden verlieren, um wirtschaftlich unter Druck zu geraten: Bereits günstigere Tarife, Rabatte oder weniger Lizenzen könnten Umsatz und freien Cashflow schmälern.

Meine Einschätzung: KI macht es deutlich einfacher und günstiger, Adobe-Funktionen nachzubauen. Das schwächt langfristig den Wettbewerbsvorteil einzelner Programme. Komplexe Arbeitsabläufe bleiben dagegen schwerer ersetzbar. Bisher gibt es keine belastbaren Hinweise auf größere KI-bedingte Kundenverluste. Dennoch können bereits unvollständige Alternativen Adobes Preise und Gewinne unter Druck setzen. Umgekehrt kann Adobe selbst KI nutzen, um seine Entwicklungskosten zu senken.

4.3 Vier KI-Stufen – und wie sie Adobe verändern

Stufe 1 – Assistent. KI hilft bei Entwürfen und Bearbeitung. Adobe kann sie einbauen. Die größte Gefahr betrifft Stock-Inhalte und einfache Erstellung, weniger die komplexe Produktion.

Stufe 2 – Agent. KI erledigt komplette Teilaufgaben, etwa Präsentationen oder Dokumentenanalysen. Adobe kann produktiver werden. Gleichzeitig könnten weniger bezahlte Lizenzen gebraucht werden und die Rechenkosten steigen.

Stufe 3 – systemübergreifender Agent. Der Nutzer beauftragt einen externen Assistenten. Dieser wählt Werkzeuge aus und lässt Adobe bei Bedarf im Hintergrund arbeiten. Integrationen mit ChatGPT, Claude, Gemini, Copilot und Slack sind erste Bausteine – noch kein Beweis für vollständig automatisierte Unternehmensabläufe. Adobe könnte für präzise Bearbeitung, kompatible Dateien und Freigaben weiterhin gebraucht werden. Doch auch ein technisch wichtiges Produkt kann weniger verdienen, wenn ein externer Agent Kunden, Auswahl und Preise kontrolliert.

Stufe 4 – hochwertige KI als günstiger Standard. Wenn gute Bilder fast kostenlos werden, zählen vor allem Rechte, Originalität, verlässliche Prozesse und Standards. Adobe wäre damit besser geschützt als ein reiner Bildgenerator. Ob das heutige Abo-Modell dann trägt, ist offen.

Meine These: Adobe könnte vom sichtbaren Kreativprogramm zur Infrastruktur im Hintergrund werden. Für Aktionäre ist das nur attraktiv, wenn Adobe dort weiterhin einen angemessenen Teil des Gewinns behält.

5. Vier Unternehmen im KI-Vergleich

Verglichen werden die letzten vier bis zum 31. Oktober 2026 veröffentlichten Quartale. Die Berichtszeiträume unterscheiden sich: Adobe Q4 FY2025 bis Q3 FY2026, Autodesk Q3 FY2026 bis Q2 FY2027, Shutterstock und Getty Q3 2025 bis Q2 2026. Umsatzwachstum wird jeweils mit dem Vorjahresquartal verglichen.

5.1 Shutterstock – austauschbare Bilder unter Druck

Shutterstock verkauft Nutzungsrechte an Fotos, Videos, Illustrationen und Musik. Für ein übliches Werbemotiv kann der Kunde ein Archivbild lizenzieren oder zunehmend ein KI-Bild erzeugen. Shutterstock vergütet die Urheber seiner Inhalte. Anders als Adobe verkauft Shutterstock vor allem fertige Inhalte. Der direkte Adobe-Wettbewerber ist deshalb Adobe Stock, nicht Photoshop.

Je leichter KI ein passendes und rechtlich nutzbares Motiv erzeugt, desto weniger müssen Kunden für gewöhnliche Stockfotos bezahlen. Genau darin liegt das Risiko für Shutterstock.

Der Umsatz mit Inhalten fiel in allen vier Quartalen gegenüber dem Vorjahr. Hohe Erlöse aus Datenlizenzen verdeckten die Schwäche zunächst; anschließend ging auch der Gesamtumsatz drei Quartale in Folge zurück. (Shutterstock Q3 2025 | Shutterstock Q4 2025 | Shutterstock Q1 2026 | Shutterstock Q2 2026 und historische Kennzahlen)

Zugleich sanken Abonnentenzahl und bezahlte Downloads von Quartal zu Quartal. Der Umsatz je Kunde stieg zwar, doch das fing die geringere Nachfrage nicht auf. Wie viel davon auf KI, Wettbewerb oder schwächere Kundengewinnung entfällt, bleibt offen.

Shutterstock besitzt weiterhin lizenzierte Archive, Trainingsdatenrechte, Metadaten, Kontakte zu Urhebern und GIPHY. Diese Bestände können für Unternehmen wichtig sein. Ein wertvolles Archiv ist aber nur dann ein Burggraben, wenn es dauerhaft Geld verdient. Das Geschäft mit Daten und Dienstleistungen schwankt stark. Im Q2 2026 erholte sich sein Umsatz von 21,0 auf 56,1 Mio. USD, lag aber weiterhin unter Vorjahr. Das ist noch keine Trendwende.

Lehre für Adobe: Für austauschbare Bilder sinkt die Zahlungsbereitschaft – das trifft vor allem Adobe Stock. Photoshop und andere Werkzeuge sind besser geschützt, soweit sie in schwer ersetzbare Arbeitsabläufe eingebunden sind.

5.2 Autodesk – eingebunden in reale Bauprojekte

Autodesk liefert Software für Architektur, Bau und Industrie, etwa AutoCAD, Revit und Fusion. Kunden nutzen sie für technische Zeichnungen, Gebäudemodelle und Produktentwicklung. Ein digitales Gebäudemodell enthält nicht nur Bilder, sondern Maße, Bauteile und Abstimmungen zwischen Fachplanern. Seine Daten müssen beim tatsächlichen Bau funktionieren.

Autodesk konkurriert kaum mit Photoshop, eignet sich aber als Vergleich: Hier geht es nicht nur um digitale Inhalte, sondern um überprüfbare Planungsdaten für reale Projekte.

Ein KI-Bild eines Hauses ersetzt keinen ausführbaren Bauplan. Ein BIM-Modell (Building Information Modeling) muss Geometrie, Mengen, Änderungen und Freigaben zuverlässig abbilden. Fehler können teuer werden.

Autodesks Schutz liegt in Projektdaten und eingespielten Abläufen, nicht im einzelnen Zeichenbefehl. Ein langjähriges Bauprojekt kann man nicht beliebig auf neue Software umstellen. KI erleichtert zwar Teilaufgaben, ersetzt aber nicht automatisch das gesamte Projektsystem. Autodesk legte in allen vier Quartalen beim Umsatz deutlich zu (Autodesk Q3 FY2026 | Autodesk Q4 FY2026 | Autodesk Q1 FY2027 | Autodesk Q2 FY2027). Das Geschäft mit Architektur und Bau blieb stark; der freie Cashflow war positiv. Das passt zu einem vergleichsweise robusten Geschäftsmodell.

Trotzdem beweist Wachstum nicht automatisch Preissetzungsmacht: Wechselkurse, Übernahmen, Vertriebsumstellungen und Vertragstermine beeinflussen die Zahlen. Autodesk erwartet zuletzt 2,725–2,750 Mrd. USD freien Cashflow für das Jahr; die Prognose berücksichtigt MaintainX.

Das neue Risiko: KI könnte Projektarbeit mit weniger menschlichen Nutzern erledigen. Autodesk müsste dann stärker für Projekte oder Nutzung statt für einzelne Lizenzen Geld verlangen.

Offene CAD- und BIM-Formate sowie externe Agenten könnten künftig auch bei Autodesk den Lizenzbedarf verringern. Fachliche Unverzichtbarkeit und unveränderte Einnahmen sind nicht dasselbe. 

Lehre für Adobe: Tief verankerte Software kann wachsen, obwohl KI viele Einzelfunktionen automatisiert. Entscheidend bleibt, ob der Anbieter daran verdient.

5.3 Getty Images – gute Inhalte, zu viele Schulden

Getty lizenziert über Getty Images, iStock und Unsplash Fotos und Videos – von Werbemotiven bis zu echten Aufnahmen aus Nachrichten, Sport und Geschichte. Das macht die Firma zu einem anderen Geschäftsmodell als Adobe.

Einen beliebigen Werbehintergrund kann KI erzeugen. Das echte Foto des entscheidenden Fußballtores dagegen nicht. Exklusive Zugänge und Bildarchive bleiben deshalb wertvoll – sofern Kunden dafür ausreichend bezahlen.

Tatsächlich entwickelte sich das Geschäft mit authentischen Ereignisbildern zuletzt besser als das mit Werbemotiven, wenn auch nicht in jedem Quartal (Getty Q3 2025 | Getty Q4 2025 | Getty Q1 2026 | Getty Q2 2026 | Getty Q2 2026 Managementaussagen zur Aboverteilung).

Der starke Umsatzanstieg in Q4 2025 enthielt rund 40 Mio. USD vorgezogene Lizenzerlöse. Ohne sie wäre der Quartalsumsatz rechnerisch etwa 2 % gesunken. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs das Geschäft mit Ereignisbildern um 10,1 %, während Werbemotive um 3,6 % schrumpften.

Ein Teil des Wachstums entstand durch mehr Downloads innerhalb bestehender Abos. Das erhöht die Nutzung, aber nicht zwingend den Umsatz.

Entscheidend wurde Gettys Finanzierung: Ende Juni 2026 lag das bilanzielle Eigenkapital noch bei rund 499 Mio. USD. Doch 63,9 Mio. USD operativem Gewinn standen im ersten Halbjahr 111,5 Mio. USD Zinsen gegenüber – eine Deckung von nur 57 %. Der freie Cashflow der letzten vier Quartale lag bei rund −83 Mio. USD. Bei 2,069 Mrd. USD Bruttoschulden waren nur 51,6 Mio. USD frei verfügbare Barmittel vorhanden (Gesamtliquidität 81,6 Mio. USD). Auch Rechtsstreitigkeiten belasteten die Mittelzuflüsse. Die Krise lässt sich daher nicht allein mit KI erklären. 

Am 21. Oktober 2026 beantragte Getty die finanzielle Sanierung nach Chapter 11. Vorgesehen sind bis zu 533 Mio. USD neue Finanzierung einschließlich umgewandelter Schulden. Die bisherigen Aktien sollen gelöscht werden; falls der Plan umgesetzt wird, verlieren Altaktionäre ihre Beteiligung vollständig (Getty Chapter-11-Meldung, SEC 8-K und Getty Restrukturierung, SEC 8-K).

Lehre für Adobe: Ein starkes Archiv schützt nicht vor zu hohen Schulden – und ein wirtschaftlich wertvolles Unternehmen schützt nicht automatisch seine bisherigen Aktionäre.

5.4 Was der Vergleich für Anleger bedeutet

Shutterstock: Gewöhnliche Bilder werden leichter austauschbar. Sinkende Abos und Downloads sind ein Warnsignal, auch wenn KI nicht als alleinige Ursache bewiesen ist.

Autodesk: Komplexe, überprüfbare Projektdaten binden Kunden stärker. Doch KI könnte die Zahl bezahlter Nutzer verringern.

Getty: Echte Ereignisbilder und Rechte behalten Wert. Eine zu hohe Schuldenlast kann diesen Wert für Aktionäre trotzdem vernichten.

Adobe: Nähere Verwandtschaft mit eingebundener Profisoftware als mit reinen Bildarchiven. Der Schutz ist aber schwächer als bei manchen langfristigen technischen Projektsystemen.

6. Operative und finanzielle Entwicklung von Adobe

6.1 Wachstum ja – Preissetzungsmacht noch offen

In allen vier Quartalen wuchs Adobes Umsatz zweistellig. Beide Kundengruppen legten zu. Von einem bereits eingebrochenen Kreativsoftware-Geschäft kann keine Rede sein (Adobe Q4 FY2025 | Adobe Q1 FY2026 | Adobe Q2 FY2026 | Adobe Q3 FY2026).

Der jährlich wiederkehrende Umsatz (ARR) erreichte am Ende des Q3 FY2026 rund 27,50 Mrd. USD. Vorrangig KI-basierte Angebote kamen auf mehr als 650 Mio. USD hochgerechneten Jahresumsatz. Allerdings stammt ein Teil des Wachstums aus der Semrush-Übernahme: Im Q2 steuerte sie rund 40 Mio. USD Aboumsatz und 480 Mio. USD ARR bei. Die Zahlen zeigen Stärke, aber nicht ausschließlich organisches Wachstum.

Wichtig: "KI-Jahresumsatz" ist nicht gleich zusätzlicher Gewinn. KI kann alte Abos ersetzen und verursacht Rechenkosten. Auch rund eine Milliarde monatlich aktive Nutzer sind nur wertvoll, wenn daraus zahlende Kunden oder andere wirtschaftliche Vorteile entstehen.

6.2 Wie viel Cashflow bleibt den Aktionären?

Adobe verdient viel Geld. Dabei darf man die Vergütung mit Aktien (SBC) nicht übersehen: Sie verwässert den Anteil der Aktionäre und muss oft durch Rückkäufe ausgeglichen werden. Ich rechne deshalb konservativ: Economic FCF = operativer Cashflow minus Investitionen minus aktienbasierte Vergütung. Das ist eine eigene Näherung, keine offizielle Rechnungslegungskennzahl.

Quelle: Adobe, Form 10-K (SEC) für FY2021 bis FY2025; eigene Berechnung (FCF = operativer Cashflow abzüglich Investitionen)












Zwischen 2021 und 2025 wuchsen Umsatz und bereinigter Eigentümer-Cashflow insgesamt deutlich. Die Cashflow-Marge schwankte jedoch.

In den ersten neun Monaten FY2026 flossen operativ 7,646 Mrd. USD zu. Nach 180 Mio. USD Investitionen und 1,582 Mrd. USD aktienbasierter Vergütung bleiben rechnerisch 5,884 Mrd. USD. Auf zwölf Monate hochgerechnet wären das rund 7,85 Mrd. USD. Dies ist nur ein Anhaltspunkt, da Saisonalität, Übernahmen und das letzte Quartal den Wert verändern können.

7. Bilanz und Kapitalallokation

7.1 Bilanz

Ende Q3 FY2026 hatte Adobe rund 5,64 Mrd. USD an flüssigen Mitteln und kurzfristigen Anlagen sowie 6,36 Mrd. USD Finanzschulden. Die Nettoverschuldung von etwa 0,72 Mrd. USD ist bei dieser Ertragskraft gut tragbar. Eine Finanzierungskrise wie bei Getty ist daraus nicht abzuleiten.

Der Bilanzwert enthält allerdings rund 15 Mrd. USD Firmenwerte und andere immaterielle Werte – etwa die Hälfte der Bilanzsumme und mehr als das ausgewiesene Eigenkapital. Damit hängt viel von erfolgreichen Übernahmen und zukünftigen Gewinnen ab.

7.2 Aktienrückkäufe

Rückkäufe steigern den Anteil jedes verbliebenen Aktionärs – sofern sie zu vernünftigen Preisen erfolgen. Zuerst müssen sie aber die Verwässerung durch Mitarbeiteraktien ausgleichen. Mit Schulden finanzierte Rückkäufe erhöhen außerdem das Risiko.

In den ersten neun Monaten FY2026 gab Adobe 6,82 Mrd. USD für den Rückkauf von 26,1 Mio. Aktien aus. Das alte 25-Mrd.-USD-Programm wurde ausgeschöpft; seit April 2026 besteht eine neue Ermächtigung über 25 Mrd. USD bis April 2030. Davon waren Ende August noch 24,55 Mrd. USD frei. 

7.3 Übernahmen 2026: Was Adobe damit erreichen will

Adobe übernahm 2026 Semrush, Topaz Labs und Rilo. Zusammen sollen sie drei Bereiche stärken: die Sichtbarkeit von Inhalten, die Qualität und Kosten von KI-Bildern sowie die Automatisierung ganzer Arbeitsabläufe.

i. Semrush – Marken in Suche und KI-Antworten finden

Adobe schloss die Übernahme am 28. April 2026 für rund 1,87 Mrd. USD ab. Semrush analysiert Suchmaschinen, Wettbewerber und zunehmend die Sichtbarkeit von Marken in KI-generierten Antworten.

Adobe könnte damit künftig nicht nur Werbeinhalte erstellen, sondern auch deren Auffindbarkeit und Wirkung messen. Das stärkt die Stellung gegenüber Unternehmenskunden, ist aber kein exklusiver Vorteil.

Semrush erzielte 2025 etwa 444 Mio. USD Umsatz (+18 %) und 60 Mio. USD operativen Cashflow. Adobe zahlte rund das 4,2-Fache des Umsatzes. Etwa 67 % des Kaufpreises entfallen auf Firmenwert und damit auf erhofftes künftiges Wachstum.

Für Anleger: Strategisch nachvollziehbar. Ob der Preis gerechtfertigt war, müssen zusätzliche Gewinne und Kundenbindung erst zeigen.

ii. Topaz Labs – bessere Bilder, vielleicht günstigere KI

Adobe schloss den Kauf von Topaz Labs am 23. September 2026 für rund 340 Mio. USD ab. Topaz verbessert mit KI Auflösung, Schärfe und Qualität von Bildern und Videos. Die Technik wird bereits in Photoshop und Firefly genutzt.

Besonders interessant ist Neurostream: KI-Modelle können direkt auf Nutzergeräten statt in der Cloud rechnen. Das könnte Kosten und Wartezeiten senken. Wie groß dieser Vorteil wird, ist noch nicht bekannt.

Für Anleger: Sinnvoller Technologiezukauf. Ein dauerhafter Burggraben entsteht aber erst, wenn die Technik Kunden stärker an Adobes Arbeitsabläufe bindet.

iii. Rilo – eigene KI-Agenten statt nur fremde Plattformen

Das Start-up Rilo bestätigte am 24. August 2026 seine Übernahme durch Adobe. Es entwickelt KI-Agenten, die Aufgaben über mehrere Anwendungen hinweg erledigen. Der Kaufpreis ist unbekannt. 

Damit kann Adobe versuchen, ganze Arbeitsaufträge selbst zu steuern, statt den Kundenzugang an ChatGPT und andere Assistenten zu verlieren. Photoshop, Firefly und Workfront könnten dabei zusammenarbeiten.

Für Anleger: Eine wichtige strategische Wette, aber noch kein bewiesener Wettbewerbsvorteil.

8. Was ist die Adobe-Aktie wert?

8.1 Die Aktie ist günstiger geworden – reicht die Sicherheitsmarge?

Beim Referenzkurs von ca. 264 USD und 389,2 Mio. Aktien beträgt der Börsenwert rund 102,7 Mrd. USD. Das entspricht etwa dem 13,1-Fachen des auf ein Jahr hochgerechneten Economic FCF von 7,85 Mrd. USD.

Für ein Unternehmen mit zweistelligem Umsatzwachstum wirkt das nicht teuer. Doch der historische Bewertungsaufschlag zählt wenig, wenn KI künftig Lizenzen, Gewinne oder die Kundenbindung schwächt. Umgekehrt könnte die Börse das Risiko übertreiben.

Ein direkter Bewertungsvergleich mit Autodesk, Shutterstock oder Getty wäre irreführend: Geschäftsmodelle, Kundenbindung und Finanzierungsrisiken sind zu verschieden. Ich bewerte Adobe daher vor allem anhand eigener Cashflow-Szenarien.

8.2 Drei mögliche Entwicklungen bis Ende 2029

Die folgenden Rechnungen sind meine Annahmen, keine Prognosen des Unternehmens. Grundlage ist der nach aktienbasierter Vergütung bereinigte Cashflow.

Negatives Szenario (Bear): KI verdrängt mehr professionelle Arbeitsabläufe, zahlende Nutzer gehen verloren und Rechenkosten drücken die Marge. Der Economic FCF sinkt jährlich um 6 %; die Bewertung fällt auf das 9,5-Fache des Cashflows, was eine deutlich negative Kursrendite bedeuten würde.

Für dieses Szenario müsste Adobe nicht vollständig verdrängt werden. Bereits weniger bezahlte Lizenzen, schwächere Preise und höhere KI-Kosten könnten den freien Cashflow dauerhaft senken – selbst wenn Adobe in professionellen Arbeitsabläufen wichtig bleibt.

Basisszenario (Base): Adobe bleibt bei professionellen Endprodukten, Dokumenten und Marketingprozessen wichtig. Der Economic FCF steigt jährlich um 9 %; angesetzt wird ein 13-Faches. Das Szenario geht außerdem von finanzierbaren Aktienrückkäufen zu angemessenen Kursen aus. 

Positives Szenario (Bull): Adobe etabliert sich als wichtige Bearbeitungs- und Kontrollschicht für KI-Agenten. Acrobat, Kreativsoftware und Unternehmenskunden verdienen profitabel an KI; der Economic FCF wächst um 18 % jährlich. Dafür setze ich das 17-Fache des Economic FCF an – deutlich mehr als im Base Case, aber keinen Rücksprung zu historischen Höchstbewertungen. Voraussetzung wären nachweisbar zusätzliche KI-Gewinne, geringe Kundenverluste und verteidigte Preise.

8.3 Was denken Analysten?

Laut StockAnalysis liegen 39 Einschätzungen vor: 9 Kaufen, 24 Halten und 6 Verkaufen. Das durchschnittliche Zwölfmonatsziel beträgt 272,31 USD, der Median 260,50 USD; die Spanne reicht von 195 bis 373 USD. Diese Kursziele sind kein fairer Wert und ändern sich mit dem Stichtag.

Optimisten setzen auf hohe Wechselkosten, Acrobat, Creative Cloud und stabile Cashflows. Skeptiker erwarten billigere KI-Alternativen, weniger bezahlte Nutzer und eine stärkere Macht externer KI-Agenten.

9. Welche Entwicklungen würden die Investmentthese verändern?

KI kann Adobe im Wesentlichen auf drei Wegen unter Druck setzen: Sie ermöglicht Ergebnisse ohne Adobe-Werkzeuge, verbilligt den Nachbau konkurrierender Software und lässt Agenten den direkten Kundenzugang übernehmen. Diese Entwicklungen können sich verstärken und trotz bislang stabiler Abonnements zeitverzögert wirken. Fünf Risiken stehen im Mittelpunkt:

Preiserosion ohne Abwanderung: Billige KI-Nachbauten können Rabatte, günstigere Tarife oder geringere Vertragswerte erzwingen, selbst wenn Kunden Adobe weiterhin brauchen. So geraten Umsatz je Kunde und Marge unter Druck.

Weniger Lizenzen: Ein Designteam könnte dank KI mit halb so vielen Mitarbeitern mehr produzieren. Adobe müsste dann stärker nach Nutzung, Aufgabe oder Unternehmensprozess abrechnen.

Verlorener Kundenzugang: Wenn ein externer Assistent den Auftrag annimmt, Werkzeuge vergleicht und Adobe nur für die Endbearbeitung nutzt, könnte Adobe zwar relevant bleiben, aber weniger verdienen.

Höhere KI-Kosten: Mehr generierte Inhalte bringen nur dann Mehrwert, wenn zusätzliche Erlöse die Rechenkosten, Lizenzgebühren und mögliche Abo-Verluste übersteigen.

Geringere Wechselkosten: Offene Dateien, bessere Konverter und KI-Agenten könnten die Bindung an Photoshop und Acrobat schwächen. Ein verbreiteter Standard bedeutet nicht automatisch Umsatz für Adobe.

Worauf ich in den nächsten Quartalen achten würde






10. Fazit: Adobe bleibt relevant – aber zu welchem Preis?

Adobe ist weder ein offensichtlicher KI-Gewinner noch ein klarer Verlierer. Sein wichtigster Schutz liegt in der Verbindung von Kreativarbeit, Dateiformaten, Freigaben und Unternehmensprozessen. KI-Agenten könnten Adobe künftig im Hintergrund nutzen. Das hilft Aktionären nur, wenn Adobe für diese Rolle weiterhin bezahlt wird.

Adobe hat technologische Umbrüche bisher gut überstanden und hohe Cashflows erzielt. Heute entsteht aber eine neue Machtverteilung: Fremde KI-Assistenten könnten den direkten Kundenzugang kontrollieren. Dass Adobe sich dort technisch integriert, ist positiv. Ob das wirtschaftlich genauso einträglich wird wie die direkte Kundenbeziehung, ist offen.

Mehr Nutzung ist kein Selbstzweck. Entscheidend sind zahlende Kunden, Preise und freier Cashflow nach KI-Kosten – und der Kaufpreis der Aktie.

Der Vergleich mit den Wettbewerbern zeigt die Spannweite: Shutterstock leidet unter austauschbaren Motiven, Autodesk profitiert von tiefen Projektabläufen, und Getty zeigt das Risiko hoher Schulden selbst bei wertvollen Inhalten. Adobes zweistelliges Wachstum widerlegt einen bereits eingetretenen Einbruch des gesamten Softwaregeschäfts. Es beweist aber noch nicht, dass Adobe seine Gewinne auch im Zeitalter autonomer KI-Agenten verteidigen kann.

Meine Einschätzung: Beim Referenzkurs von aktuell ca. 264 USD ist die Sicherheitsmarge für das erhebliche Abwärtsrisiko zu klein. Interessanter wäre ein günstigerer Einstieg oder der belastbare Nachweis, dass zusätzliche KI-Nutzung den Cashflow für Aktionäre erhöht.

Gastautorenprofil

Konstantin Mitropetros investiert seit mehr als 25 Jahren überwiegend in Aktien aus Europa und den USA. Dabei konzentriert er sich in der Regel auf Unternehmen, die bereits seit mehreren Jahren börsennotiert sind und für die eine ausreichend belastbare Daten- und Unternehmenshistorie vorliegt. Die Auswahl der Investments erfolgt auf Basis eigener fundamentaler Analysen. Sein Grundsatz lautet: Kein Kauf ohne eigene Analyse. Investierbar sind für ihn nur Unternehmen mit hoher Geschäfts- und Managementqualität sowie ausreichender Evidenz für die zugrunde liegende Investmentthese. Investiert wird nur zu einer Bewertung, die auch unter konservativen Annahmen eine attraktive risikoadjustierte Rendite erwarten lässt. Der Anlagehorizont ist überwiegend mittel- bis langfristig.

Disclaimer (Konstantin): Diese Analyse gibt meine persönliche Einschätzung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Sie basiert auf öffentlich verfügbaren Informationen sowie eigenen Annahmen und Schätzungen und dient ausschließlich Informations- und Diskussionszwecken. Sie stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Prognosen und Bewertungen sind mit Unsicherheiten verbunden; tatsächliche Entwicklungen können wesentlich von den dargestellten Szenarien abweichen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung halte ich von den erwähnten Aktien lediglich Amazon.

Disclaimer (Michael): Habe Adobe (und ggf. weitere der genannten Aktien) auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot Wiki.

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