Sonntag, 2. August 2020

Meine Fehleinschätzungen bei MTU Aero Engines: zu spät, zu früh, doppelt doof...

Manchmal liegt man eben falsch und wenn man das erkennt, muss man seine Einschätzung ändern. Und konsequent danach handeln. An der Börse bedeutet dies, Verluste zu begrenzen. Nicht, weil der Aktienkurs nicht so entwickelt, wie man sich das gewünscht hatte, sondern weil die eigenen Überlegungen fehlerhaft waren oder sich die Rahmenbedingungen erheblich negativ entwickelt haben.

Bei MTU Aero Engines habe ich mich schlicht geirrt. Ich hatte nach dem enormen Absturz aufgrund der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Einbrüche bei den Fluggastzahlen auf einen Rebound gesetzt. Dabei war ich zu spät. Und zu früh. Eben doppelt doof...

Ich habe MTU Anfang Juni auf meine Beobachtungsliste genommen und damit erst, nachdem der Kurs schon eine starke Erholung von den Märztiefs genommen hatte. Zu spät. Denn die vorherige Übertreibung nach unten am Hochpunkt der Panik war schon stark korrigiert worden.

Meine Überlegung war, dass die Fluggastzahlen massiv eingebrochen sind und dies für die Fluggesellschaften existenzbedrohende Folgen haben würde. Ich ging davon aus, dass die größeren und relevanteren von ihnen mit staatlichen Hilfen am Leben gehalten würden und auch wenn Corona uns noch längere zeit erhalten bleibt, sich die Fluggastzahlen langsam wieder erholen würden. Wenngleich auch deutlich unter den bisher gewohnten Zahlen.

Die Fluggesellschaften werden Flüge streichen, Flugzeugbestellungen canceln, alte Flieger aussortieren, Personal entlassen. Aber... nachdem ihre Flugzeuge längere Zeit am Boden waren, müssen diese überholt werden, damit sie wieder den Flugbetrieb aufnehmen können. Dabei ist es egal, ob sie mit oder ohne Fluggäste fliegen. Und MTU ist einer der führenden Anbieter bei der Wartung von Flugzeugen.

Aus diesen Überlegungen heraus setzte ich auf MTU. Zu früh. Denn die Fallzahlen in den USA sind nicht wie Anfang Juni von mir erwartet weiter gefallen; im Gegenteil, die sind aufgrund falscher Entscheidungen des Präsidenten und einiger Gouverneure massiv in die Höhe geschnellt. Und auch in Südamerika eilen die Ansteckungszahlen von Rekord zu Rekord, während in Asien und Europa die (noch) moderaten Steigerungsraten eine zweite Welle befürchten lassen. Mit der Folge, dass Flugreisen weiterhin unterlassen werden und sich die Probleme und Risiken für die Fluggesellschaften über einen erheblich längeren Zeitraum erstrecken werden. Und damit wird auch für MTU die Durststrecke länger und tiefer werden als von mir noch vor zwei Monaten angenommen.

Eine fundierte Einschätzung, wann sich eine Normalisierung oder zumindest Besserung einstellt, kann ich nicht treffen. Daher fliegt mein Investmentcase nicht oder besser gesagt: in diesem Fall ist meine Spekulation nicht aufgegangen. Es ist auch keine Frage der Geduld, es geht nicht darum, einfach nur zu warten, bis sich meine Überlegungen als richtig erweisen. Das werden sie, irgendwann. Aber was in der Zwischenzeit passiert, wie tief der Absturz im operativen Geschäft bei MTU noch gehen und wie lange er anhalten wird, ist für mich nicht einschätzbar. Auch ein DAX-Wert ist nicht vor einer Pleite gefeit. Sollte allerdings der Zeitpunkt kommen, dass sich meine ursprünglichen Annahmen mit einem genügend großen Maß an Wahrscheinlichkeit einstellen (können), werde ich mir MTU bestimmt wieder vornehmen und entscheiden, ob sich ein Einstieg dann nicht doch lohnen kann.

Doch ob und wann es dazu kommt, ist nicht absehbar und daher ziehe ich jetzt die Reißleine. Nach nur sieben Wochen bleibt ein Verlust von 10,5%.

Kommentare:

  1. Finde die Entscheidung nachvollziehbar. Wenn man ein Unternehmen nicht einschätzen kann, kann es kein Investment-Case sein.

    Denke in der Corona-Krise konnte man bisher sinnvollerweise 2 Dinge tun (auch gleichzeitig):
    1. Möglichst frühzeitig auf etwaige Krisengewinner setzen. Die waren mit den ganzen Digitalunternehmen relativ schnell gefunden. Inzwischen sind die Kurse bei vielen dieser Unternehmen so stark gestiegen, dass man langsam über Gewinnmitnahmen nachdenken könnte.

    2. Zu unrecht abgestrafte Unternehmen günstig einsammeln. Das war (und ist) viel schwieriger. Denn den Gedanken "ist ja alles nur temporär" kann man schnell haben, aber ist das in dieser Krise wirklich so? Vielmehr glaube ich, dass bestimmte Effekte dauerhaft sein werden, wie z.B. eine starke Reduktion von Geschäftsreisen. Daher ist es möglicherweise kein gutes Investment, auf Unternehmen zu setzen, die zu 50% von Geschäftsreisen abhängen, aber nur um 20% im Kurs gefallen sind. Daher meide ich (inzwischen) z.B. alle Fluggesellschaften und Mietwagenanbieter. Bei letzteren bedenken viele nicht, dass sie fast ihren gesamten Gewinn mit an Flughäfen vermieteten Wagen einfahren. Die Urlauber werden wiederkommen, aber bei den Geschäftsreisenden habe ich wie gesagt große Zweifel.

    Bei MTU wäre die spannende Frage, ob sie 1. die Krise überleben und 2. wenn ja, wieviel ihres Geschäftes zurückkommen wird. Erst dann kann man entscheiden, ob der aktuell halbe Preis dafür günstig ist oder nicht. Reichlich viel Unsicherheit...

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  2. Gut, wenn man mit eigenen Fehlern konstruktiv umgehen kann und etwas aus ihnen lernt.
    Noch besser, wenn man das sogar öffentlich tut, damit auch andere etwas lernen - oder zumindest eigene Entscheidungen nachvollziehen können.

    Ich persönlich war noch nie und werde auch nie im Flugsektor investiert sein - der grüne Zeitgeist ist stark, Flugreisen sind verpönt, und mit den Corona-Beschränkungen jetzt noch stärker unter Beschuss als ohnehin schon. Ich bin sicher kein Trendinvestor aber gegen Zeitgeist und Politik zu investieren, ist mir dann doch zu gewagt :)

    Danke für deinen Beitrag und mehr Erfolg beim nächsten Investment !

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  3. Flugreisen waren am steigen. Der Zeitgeist war eher in den Medien stark vertreten. Corona hat das Reisen erstmal eingebremst. Ich bin mir sicher, dass nach Corona bzw. wenn es mehr im Hintergrund ist, die Menschen wieder mehr fliegen werden. Es wird halt nun einfach dauern.

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  4. Richtig. Gehe davon aus, dass MTU überleben wird und das nach Corona wieder gereist wird. Bis man das Virus und die kommenden Nachfolger verstanden hat, wird aber noch viel Zeit vergehen. Also das MTU und andere Unternehmen danach wieder zu Höchstkursen notieren, sehe ich nicht. Insofern stellt sich die Frage, ob man hier investiert sein muss.
    Wenn die Viren sich in einigen Jahren als halb so schlimm rausstellen, weil die Forschung zum Thema Viren mal den Durchbruch schafft, kann es sich auch wieder normalisieren. Aber wie gesagt. Das kann dauern. Da muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er eine MTU haben will.

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    1. Ich stimme zu..MTU ein großer Player wird vom Staat nicht im Regen stehen gelassen..egal wie
      was kommt. Für mich mittlerweile
      eine Anlage auf mind. 2 Jahre+
      Habe für 119€ gekauft..bin noch ein bissl Save ?����

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  5. Ich denke auch, dass es richtig war, jetzt die Reissleine zu ziehen. Mit dem Geld, das Sie jetzt zurück erhalten, können Sie in bessere Wachstumsaktien investieren und so den Verlust wettmachen. In MTU investiert bleiben und auf einen Rebound hoffen, kann lange dauern und in dieser Zeit haben Sie mit besseren Aktien Gewinne gemacht.
    Natürlich ist es nicht einfach, sich von einer Aktie zu verabschieden, speziell, wenn einem das Unternehmen sympathisch war. Aber beim Investieren in Aktien dürfen Emotionen nicht Oberhand gewinnen, also kühlen Kopf bewahren, Schlussstrich ziehen und das Ganze abhaken. Dann ist man befreit vom Ballast und kann sich wieder auf lohnenswerte Aktien konzentrieren

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  6. Die Überlegung habe ich derzeit auch mit Airbus. Hatte meine Position in der Corona-Krise schon um 50 Prozent reduziert, bin aber kurz davor ganz zu verkaufen. Im Endeffekt ist es ja wie bei MTU. Die Airlines kaufen derzeit keine neuen Flugzeuge, stornieren Aufträge, verkleinern ihre Flotten. Dementsprechend gibt es auf dem Gebrauchtmarkt etwas zu holen, das wird die Geschäfte von Airbus die nächsten Jahre massiv belasten...

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