Dienstag, 5. April 2022

Kissigs Aktien Report: Alphabet - Die Alphawette unter den Tech-Durchstartern?!

Im Rahmen meiner Kooperation mit dem "Aktien Report" von Armin Brack nehme ich mir in unregelmäßigen Abständen interessante Unternehmen vor. Die Ausgaben des "Aktien Reports" und/oder "Geld Anlage Reports" erreichen ihre Leser samstags kostenlos und "druckfrisch" im Email-Postfach und man kann sich ▶ hier beim "Geld Anlage Report" anmelden. Bonbon für die Leser meines Blogs: einige Tage später darf ich die Analysen dann auch hier veröffentlichen.

Aktien Report Nr. 81 vom 25.03.2022

Alphabet: Die Alphawette unter den Tech-Durchstartern?!

Die tiefgreifenden Veränderungen hören nicht auf, fast täglich kommen neue Herausforderungen auf die Bürger, die Unternehmen und auf uns als Gemeinschaft zu. Fast wünscht man sich die "ruhigen Zeiten" aus 2019 zurück, als irgendwie nur der von Donald Trump gegen China angezettelte Wirtschaftskrieg die Schlagzeilen beherrschte. Und gegen die EU. Und gegen Kanada und Mexiko. Naja, eigentlich gegen jeden, außer gegen Russland.

Seitdem hat uns Corona im Würgegriff mit all ihren negativen Begleiterscheinungen, dann kamen die Störungen der globalen Lieferketten hinzu, explodierende Preise, stark steigende Energiepreise mit in der Folge deutlich steigenden Inflationsraten. Und natürlich der vor vier Wochen gestartete Kriegs Russlands gegen die Ukraine.

Und so ganz nebenbei, man wagt es kaum zu erwähnen, schliddert die Welt auf die globale Klimakatastrophe zu, so dass viel mehr Anstrengungen nötig sind, um den fatalen Trend der globalen Erwärmung noch irgendwie aufhalten oder zumindest abbremsen zu können.

Die Börsenkurse spiegeln diese Entwicklungen wider und zwar in Form erhöhter Volatilität. Angst beherrscht die Schlagzeilen, Weltuntergangspropheten haben Hochkonjunktur. Es regieren die Emotionen und die lassen auch die Börsenkurse heftig ausschlagen, in beide Richtungen.

"Investiere niemals, niemals in die Gegenwart! Es spielt keine Rolle was ein Unternehmen verdient oder was es verdient hat. Stell dir die Situation in 18 Monaten vor, denn was immer dann sein wird, dort wird der Kurs sein, nicht da, wo er heute ist. Du musst in die Zukunft schauen, denn wenn du in die Gegenwart investierst, kommst du unter die Räder."
(Stanley Druckenmiller)

Was heute die Schlagzeilen bestimmt, treibt heute die Kurse an. Dabei wird an der Börse die Zukunft gehandelt, nicht die Gegenwart. Aber wir Menschen leben ja im Hier und Jetzt und was heute passiert projizieren wir in unsere Erwartung an die künftige Kursentwicklung.

Die Energiepreise sind auf Rekord? Dann laufen doch die Geschäfte für Energiemultis super. Schlussfolgerung: deren Aktien sollte man im Depot haben. Allerdings sind die Kurse schon vor Wochen und Monaten gestiegen und dem entsprechend hätte man die Aktien vor Wochen und Monaten im Depot haben sollen, also vor dem Kursanstieg. Den Fehler, den Anleger oft machen, ist dass sie aus dem richtigen Gedanken, man solle jetzt Energieaktien im Depot haben die Handlung ableiten, dass man sie deshalb jetzt auch kaufen sollte. Und genau dies führt dann zu schlechten Investmentergebnissen, denn man bezahlt die Gewinne der anderen.

Energie ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Im Corona-Rebound waren High-Growth-Aktien gefragt, das hat sich vor einem Jahr umgekehrt und die betreffenden Aktien haben teilweise verheerende Kursverluste einstecken müssen. Eine Zeit lang waren Biotech-Aktien angesagt, dann Fintech-Unternehmen, später wurde Wasserstoff gehypt – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Seit Jahresanfang sind es wieder Value-Titel und dank der begonnenen Zinswende auch Bankenaktien.

Man kommt als Anleger gar nicht mehr hinterher und wer immer versucht, auf den aktuellsten kurzfristigen Trend aufzuspringen, zahlt am Ende drauf. Einfach an seine Aktien festzuhalten, auch wenn sich die Rahmenbedingungen und die Aussichten verändert haben, ist auch keine zukunftsweisende Lösung, denn sie kann deutliche und lang anhaltende Verluste verursachen.

Aber es gibt einen Weg, wie man als Anleger relativ entspannt durch die Irrungen und Wirrungen der Wirtschaftszyklen und der Börsenturbulenzen kommt: man kann auf Qualitätsaktien setzen, auf Unternehmen mit breitem ökonomischem Burggraben, mit starker Marktstellung, treuen Kunden und Preissetzungsmacht und kraftvollen Cashflows. Diese Unternehmen laufen, wenn die Wirtschaft gut läuft, sie laufen, wenn die Wirtschaft ins Stottern gerät und sie laufen, wenn die Inflationsrate die Kosten in die Höhe treibt.

Von diesen Unternehmen gibt es eine ganze Reihe. Und sie sind fast in jeder Börsenphase nicht gerade billig. Eben weil sie diese herausragenden Qualitäten haben und in jeder Situation zu den Unternehmen gehören, die am besten mit der Lage fertig werden. Sie sind dann nicht immer an erster Stelle, aber während die Favoriten ständig wechseln, sind sie immer vorne mit dabei. Und haben am Ende die meisten Punkte eingesammelt.

So ging es auch Keke Rosberg, dem Vater von Formel 1-Weltmeister Nico Rosberg. Keke war selbst Rennfahrer und hat etwas Einmaliges geschafft: Er wurde 1982 Weltmeister, ohne auch nur ein einziges Rennen zu gewinnen obwohl er in der Saison nur ein einziges Rennen gewinnen konnte. Er wurde punktete öfter als Zweiter oder Dritter, aber es gab auch keinen Seriengewinner, wie es Michael Schumacher oder Lewis Hamilton später waren, so dass Keke Rosberg am Ende die meisten Punkte gesammelt und hauchdünn die Nase vorn hatte.

Anleger sollten sich an Keke Rosberg ein Beispiel nehmen. Nicht immer auf den heißesten Trend setzen, nicht ständig die Favoriten wechseln. Sondern lieber in die Aktien investieren, die in jeder Situation gute Geschäfte machen oder sich zumindest gut schlagen und nicht in Schieflage geraten.

Der Aktienkurs dieser Qualitätsunternehmen läuft allerdings nicht immer wie am Lineal gezogen nach oben, sondern es schwankt bisweilen ebenfalls erheblich, je nach Börsenstimmung. Und das sind dann für Anleger immer gute Gelegenheiten, sich diese Aktien langfristig ins Depot zu legen.

Microsoft ist ein solches Qualitätsunternehmen, Costco Wholesale ebenfalls. Und natürlich Apple.

Wir schauen uns aber Alphabet an, die Google-Mutter. Der Aktienkurs konnte sich innerhalb eines Jahres von 1.500 USD auf 3.000 USD glatt verdoppeln. Das klingt nicht unbedingt nach einer Einstiegsgelegenheit. Allerdings hat der Kurs seit November 2021 und Mitte Märze 2022 auch um satte 20 % korrigiert und vor wenigen Tagen noch konnte man die Aktien für 2.500 USD erwerben. Nun sind es schon wieder 2.800 USD.

Dennoch könnte sich der Einstieg bei Alphabet gerade jetzt besonders lohnen.

"Wir kaufen großartige Unternehmen, weil man relativ leicht herausfinden kann, was wahrscheinlich passieren wird. Aber nicht, wann. Wir wollen uns nicht zu sehr auf das Wann konzentrieren, wir konzentrieren uns auf das Was. Denn wenn wir mit dem Was richtig liegen, müssen wir uns über das Wann nicht allzu viele Sorgen machen."
(Warren Buffett)


Google Dich erfolgreich

Bei Alphabet dreht sich (fast) alles um das Suchmaschinengeschäft und um Werbung. Google ist die mit über 90 % Weltmarktanteil dominierende Internet-Suchmaschine und hat es sogar in den alltäglichen Sprachgebrauch geschafft: "to google". Größter Herausforderer ist Microsoft mit seiner Suchmaschine Bing, die es auf 2,3 % bringen. Dahinter folgt Yahoo! mit etwas mehr als 1,5%, doch das frühere Internet- und Suchmaschinenschwergewicht greift schon seit Jahren im Hintergrund auf Googles Suchalgorithmen zurück. Womit dessen Weltmarktanteil de facto bei über 94 % liegt. Die perfekte Definition eines funktionierenden Monopols.

Bei mobilen Endgeräten gibt es einen größeren Wettbewerb, vor allem durch Facebook. Und natürlich greift Amazon einen immer größeren Anteil am Werbemarkt ab, weil immer mehr Menschen ihren Einkauf auf Amazons Website oder in seiner App starten und dort auf die Suche gehen (und Amazon so gut wie kein anderes Unternehmen weiß, was seine Kunden haben wollen und Werbung deshalb noch effektiver ist; Anm. Armin).

Alphabet (Google), Meta Platforms (Facebook) und Amazon ist es gelungen, ihren Anteil an der Online-Werbung trotz ihrer dominierenden Größe noch weiter zu steigern. Insgesamt werden die drei Unternehmen im Jahr 2021 71,2 % aller Online-Werbeausgaben auf sich vereinen, gegenüber 67,8 % im Jahr 2019. Wobei Alphabet neben Google auch mit YouTube enorme Erfolge feiern kann.

Diese Dominanz ist beeindruckend. Noch beeindruckender wird es allerdings, wenn man den gesamten Werbemarkt in den Blick nimmt, also Online- und Offline-Advertising. Im Vor-Coronajahr 2019 standen die drei Unternehmen für zusammen 33,8 % am gesamten Advertisingmarkt, 2021 waren es 46,1 %, also inkl. TV, Print, Radio. Und alle drei haben ihren Marktanteil weiter ausgebaut. Dabei dominiert Alphabet mit 27,2 % ganz klar vor Meta mit 14,9 % und Amazon mit 4,0 %.

Alphabet ist mehr als Google

Die enormen Gewinne aus Google investierte der Konzern in viele weitere Anwendungsgebiete. Nicht alle liefen erfolgreich. 2015 erfolgte dann die unternehmerische Neuorganisation, nach der nicht mehr Google die Konzernmutter ist, sondern jetzt "nur noch" wichtigste Tochter des Konzerns namens Alphabet. Zu den bekanntesten weiteren Aktivitäten, die sogenannten „other Bets“ zählen YouTube, Waymo und Nest.

Google Services

Google wiederum ist unterteilt in die beiden Segmente Google Services und Google Cloud. Zu Googles Services gehören neben der Suchmaschine selbst Android (Betriebssystem), Chrome (Webbrowser), Gmail (E-Mail-Dienst), Google Drive (Cloud-Speicher), Google Maps (Online-Kartendienst), Google Play (App Store) und YouTube (Video-Plattform).

Die Haupteinnahmequellen des Segments sind Performance Advertising, also das Schalten von Werbeanzeigen durch Kunden, und Brand Advertising, bei dem Alphabet Werbetreibende durch Videos und andere Arten von Anzeigen auf verschiedenen Geräten dabei unterstützt, ihre Markenbekanntheit zu erhöhen. Google Services sind das unumstrittene Cashflow- und Gewinnpowerhouse des Alphabet-Konzerns.

Google Cloud

Größter Wachstumstreiber beim Umsatz ist allerdings die Cloudsparte. Zu Google Cloud gehören die Google Cloud Platform (GCP) wie auch Google Workspace (ehemals G Suite). Im Gegensatz zu den globalen Marktführern AWS (Amazon) und Azure (Microsoft), die den beiden Weltkonzernen Milliardengewinne bescheren, spielt die Google Cloud noch Verluste ein.

Other Bets

Die "Other Bets", also die anderen Wetten neben der Alphawette Google, sind in einem eigenen Segment zusammengefasst. Und seitdem Sundar Pichai CEO von Alphabet ist, der vormalige Leiter von Google, hat sich hier ein Wandel vollzogen. Zuvor waren die Other Bets interessante, aber auch sehr kostspielige Experimente, die von den anderen Sparten durchgefüttert werden mussten. Unter Pichai müssen sie nun eine Perspektive aufweisen, also in absehbarer Zeit signifikante Ergebnisse abliefern können. Entweder technologisch oder finanziell, am besten beides. Und so wurden in den letzten Monaten einige dieser Other Bets aussortiert und beendet.

Die weiterbetriebenen sollen mittelfristig enger mit Google und deren Aktivitäten verknüpft und so ebenfalls zu Cash-Maschinen entwickelt oder zu einem Teil davon werden. Zu diesen sonstigen Aktivitäten gehören zum Beispiel Waymo, das wohl führende Unternehmen im Bereich des autonomen Fahrens oder "Deep Mind" (künstliche Intelligenz) und CapitalG (Wachstumskapital).

Access ist die Alphabet-Tochter von Google Fiber, die über Glasfaserkabel Hochgeschwindigkeits-Breitbandzugang zu neuen Städten bietet. Access bietet Google Fiber inzwischen in mehr als zwölf Ballungsräumen in den USA an und seinen drahtlosen Webpass-Dienst in weiteren acht US-Metropolen. Die darüber hinaus gehende Vision, entlegene Gegenden der Welt via Satelliten und Drohnen mit schnellem Internet zu versorgen (Loon), hat Alphabet Anfang 2021 wegen mangelnder Erfolgsaussichten beerdigt.

Im Gegenzug wurde mit Intrinsic eine neue „Other Bet“ aus den Google X Labors heraus entwickelt. Intrinsic ist eine Softwarefirma, die eine neue Generation von Industrierobotern zum Leben erwecken soll, welche einfacher in der Programmierung, flexibler in der Anwendung und weniger teuer sein sollen als die heute üblichen Modelle.

Nest wiederum stellt eine Reihe von Smart-Home-Geräten her, mit denen das Haus zu einer vernetzten Einheit werden soll. Nest bietet Thermostate an, Video-Türklingeln, Outdoor-Überwachungskameras (Nest Cam IQ) und Alarmsysteme. Verily entwickelt Tools zum Sammeln und Organisieren von Gesundheitsdaten, um diese für ein ganzheitliches Pflege-Management-System zu nutzen.

Es geht um die Daten

Der rote Faden, der alle diese unterschiedlichen Aktivitäten miteinander verbindet, sind die Daten. Genauer gesagt die Datenströme und das Vernetzen der Daten miteinander, um hieraus neue Erkenntnisse zu gewinnen, mit denen man den Kunden dann mehr Lebensqualität bieten kann. So will man im Bereich Smart Home mittels Nest ein vernetztes Heim schaffen, in dem Mensch und Geräte miteinander interagieren. Am besten über Sprachsteuerung, wie sie Alphabet durch sein Google Home-System anbietet. Google versucht hier, ein eigenes Ökosystem zu schaffen, wie es Apple mit iPhone, iPad, iTunes und Apple Watch usw. bereits gelungen ist oder Amazon mit seiner Prime-Mitgliedschaft.

Des Weiteren verbindet diese Aktivitäten, dass sie fast alle Ansatzpunkte für ein Zukunftsthema bieten, nämlich Künstliche Intelligenz. Hier gehört Alphabet zu den führenden Unternehmen und steht im Wettstreit auch mit den großen Konkurrenten Microsoft, Apple und Amazon.

Sehr starke Zahlen

Für das 4. Quartal 2021 konnte Alphabet wieder einmal sehr überzeugende Zahlen vorlegen. Alphabets Gesamtquartalsumsatz stieg um 32 % auf 75,33 Mrd. USD und der Gewinn je Aktie lag mit 30,69 USD um 37,6 % höher als im Vorjahreszeitraum.

Die Werbeeinnahmen in den Bereichen Suchmaschine, Webpartnerschaften und YouTube stiegen im 4. Quartal um 32,6 % auf 61,24 Mrd. USD. Besonders erfreulich entwickelte sich dabei die Videoplattform YouTube, auch wenn der Umsatz mit 8,63 Mrd. USD leicht unter den Erwartungen der Analysten lag. Dies wurde hauptsächlich auf die Einführung von YouTube Shorts zurückgeführt, mit denen man mit TikTok konkurrieren will. Und das durchaus mit Erfolg. Insgesamt hat YouTube nun weltweit annähernd so viele Nutzer wie Netflix – nur dass YouTube kaum etwas für die Content-Generierung bezahlen muss.

Das Cloud-Geschäft verzeichnete ein Umsatzwachstum von 45 % auf 5,5 Mrd. USD; es lag damit über den Schätzungen der Analysten, verliert aber mit einem Minus von 890 Mio. USD weiterhin Geld. Insbesondere im Vertrieb der Cloudangebote hat Alphabet sein Personal seit 2019 mehr als verdreifacht.

Die Verkäufe von Google Pixel-Smartphones erreichten trotz Lieferengpässen einen neuen Rekord. Das Segment "Other Bets" des Unternehmens, zu dem auch das selbst fahrende Auto Waymo gehört, verzeichnete einen leichten Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahr auf 181 Mio. USD und fuhr einen Verlust von annähernd 1,8 Mrd. USD ein.

Auch für das Gesamtjahr konnten die Zahlen beeindrucken. Die Gesamtkosten stiegen im Jahr 2021 um 27 % auf 178,9 Mrd. USD, während der Gewinn um 89 % auf 76 Mrd. USD in die Höhe schnellte. Der Umsatz stieg um 41 % im Vergleich zu 2020, als das Unternehmen nur einen Umsatzanstieg von 13 % verzeichnete, weil die Werbetreibenden in der Anfangsphase der Pandemie ihre Ausgaben reduzierten.

Problemzonen

Da könnte man fast glauben, Alphabet hätte keine Probleme zu meistern. Doch so ist es leider nicht.

Alphabet bzw. Google leidet kaum unter Apples neuer Privacy-Policy. Ganz im Gegensatz zu Meta Platforms, die pro Jahr mit Mindererträgen von 10 Mrd. USD kalkulieren. Alphabets "Apple-Resilienz" wundert allerdings nicht wirklich, denn immerhin bezahlt Alphabet einen zweistelligen Milliardenbetrag pro Jahr, um auf Apples iOS die Standardsuchmaschine zu sein. Und Apple "behindert" seine eigenen Dienste auf seinem Betriebssystem nicht beim Ausspähen der Nutzerdaten. Ein gewaltiger Vorteil, der Apple von Wettbewerbern auch zunehmend vorgeworfen wird. Bisher erweist sich die Allianz für Google jedenfalls als großer Vorteil. Doch aktuell befindet sich Apple gerade im Rechtsstreit mit EPIC Games und es geht um die Frage, ob Apple ein Monopol aufgebaut hat. Das hängt davon ab, ob man den Weltmarkt betrachtet oder Apples in sich geschlossenes Ökosystem. Dort bestimmt Apple alleine die Regeln und verdient sich eine goldene Nase. Alternativen haben die Anbieter von Diensten und Apps nicht, sie müssen die von Apple aufgerufenen Gebühren von bis zu 30 % vom Umsatz akzeptieren, oder sie müssen das Apple Ökosystem verlassen.

Für Apple hängen an dieser Frage ein jährlicher zweistelliger Milliardenbetrag und eine wichtige Säule seines Geschäftsmodells. Für Google, die sich ihren Platz in Apples Ökosystem teuer erkaufen, geht es um beinahe genauso viel.

Darüber hinaus gehört mit Android das erfolgreichste mobile Betriebssystem zum Alphabet-Konzern und der Google Store wird ähnlich stringent geführt wie der Apple Store. Alphabet wäre also von Urteilen gegen Apple auch direkt selbst betroffen und seine Gewinne aus den üppigen Gebühren in Gefahr. Das Unternehmen versucht daher, die Entscheidung durch einige Änderungen abzuwenden und im laufenden Anti-Trust-Verfahren zu punkten. So wurden einige Preise gesenkt und in einem Pilotprojekt mit Spotify können User erstmals wählen, ob sie lieber mit Google Pay oder mit der Zahlungslösung von Spotify bezahlen wollen. Google erhielte hierbei dann eine Gebühr von Spotify.

An der Werbung hängt (noch) alles Die Erfolge mit YouTube, das zu einem relevanten Player im Streamingmarkt geworden ist, aber auch bei Waymo wecken die Hoffnung, dass es Alphabet gelingt, sich vom allzu dominierenden Werbegeschäft zu emanzipieren. Dieses ist auf absehbare Zeit die Cashcow des Unternehmens und voll in der Erfolgsspur.

Dieser Erfolg und die globale Dominanz ist aber auch gleichzeitig die Achillesferse des Konzerns. Die zahlreichen Kartell- und Wettbewerbsverfahren richten sich genau hiergegen und Google hat bereits mehrere empfindliche Milliarden-Kartellstrafen von unterschiedlichen Behörden kassiert.

Die Europäischen und die amerikanischen Wettbewerbsbehörden gehen immer aggressiver und koordinierter gegen Google vor und es werden zunehmend empfindliche Strafen wegen immer zahlreicheren Verstößen gegen Google verhängt. Bisher kann Alphabet diese aus der Portokasse bezahlen und musste sein Business nicht relevant einschränken. Aber das könnte sich ändern.

Ganz frisch ist der "Digital Markets Act" der EU. Mit diesem soll die Marktdominanz der Internetriesen eingeengt und der Wettbewerb angekurbelt werden. Das Gesetz zielt auf die Daten. Zu den neuen Regeln gehört, dass die großen Unternehmen die Daten aus verschiedenen Quellen künftig nur noch mit ausdrücklicher Nutzereinwilligung zusammenführen dürfen. Und damit wird es ihnen deutlich schwerer gemacht, diese Daten zu personalisieren und damit Geld zu verdienen. Bei Verstößen wird es künftig saftige Geldstrafen geben.

In Russland frieren die Aktivitäten ein. Google hat sein Werbegeschäft in Russland eingestellt und verkauft keine Online-Anzeigen mehr. Das betrifft neben der Suchmaschine auch YouTube und Partnerunternehmen. Russland wiederum hat Services wie Google News blockiert und Russlands Zensureingriffe auf YouTube werden immer gewaltiger.

Durch den Ukrainekrieg und die Sanktionen des Westens gegen Russland könnte Europa in die Rezession rutschen und auch in den USA dürfte das Wirtschaftswachstum deutlich zurückgehen. Das belastet dann natürlich auch das Business von Google. Andererseits hat Google eine dominierende Marktstellung, so dass Unternehmen kaum einen Alternative bleibt für ihre Werbeauftritte. Das Risiko ist also ein Gewinnrückgang, nicht ein Gewinnausfall.

Zudem sitzt Alphabet auf einem Nettocashbestand von knapp 125 Mrd. USD und hat damit finanziell gesehen alle Trümpfe in der Hand.

Aktienrückkäufe und Aktiensplit

Und da sind wir dann schon bei einigen Entwicklungen, die die Anleger elektrisieren und den Börsenkurs pushen. Denn mit seinem „Financial Engineering“ weiß Alphabet neuerdings zu begeistern. 2021 erzielte Alphabet 67 Mrd. USD an Free Cashflow und kaufte für 50 Mrd. USD eigene Aktien zurück. Dennoch verfügte Alphabet zum Jahresende über 139,6 Mrd. USD Cash bei lediglich 14,9 Mrd. USD Schulden. Die Kriegskasse ist also prall gefüllt und wächst dank des starken und steigenden Cashflows weiter an.

Kürzlich wurde ein Aktiensplit 20:1 angekündigt. Die Zustimmung der Aktionäre zu dieser Kapitalmaßnahme dürfte nur eine Formsache sein. Im Anschluss wird jeder Aktionär statt einer Aktie dann 20 im Depot haben und der Aktienkurs entsprechend stark schrumpfen. Ein Nullsummenspiel. Und doch wird Alphabet hierdurch Anwärter auf eine Mitgliedschaft im Dow Jones Index, der kursgewichtet ist und nicht nach Marktkapitalisierung zusammengesetzt wird.

Durch eine Indexaufnahme müssten sämtliche aktive und passive Fonds, die den Dow Jones abbilden, Alphabet-Aktien kaufen. Wodurch zumindest vorübergehend eine erhebliche zusätzliche Nachfrage entstünde. Darüber hinaus werden diese Aktien aber auch dauerhaft dem Markt entzogen, was das Angebot verknappt und damit tendenziell kurssteigernd wirkt. Auch wenn der Effekt bei einem Billionenunternehmen natürlich nicht ganz so gravierend ausfällt.

Zudem verstärkt Alphabet seine Aktienrückkäufe und sorgt damit für zusätzliche Nachfrage und damit Preisauftrieb bei den Aktien.

Waymos wahren Wert heben?

Zudem gibt es immer mal wieder Spekulationen, Alphabet könnte die Mobility-Tochter Waymo separat an die Börse bringen. Dadurch, so das Kalkül, würde deren wahrer Wert gehoben und das würde sich für die Aktionäre von Alphabet auszahlen. Denn zurzeit wäre Waymo nur eine unbedeutende Randnotiz im Alphabet-Konzern, obwohl das Unternehmen einen dreistelligen Milliardenbetrag wert sei; hier waren in 2018 schon mal mehr als 300 Mrd. USD in der Diskussion.

Zwar hat der Hype um autonomes Fahren zuletzt spürbar nachgelassen und damit auch der mögliche Wert von Waymo, aber das Thema bleibt aktuell. Waymo startet jetzt in San Francisco erstmals mit komplett fahrerlosen Ride-Hailing bzw. Robo-Taxis. Seit August 2021 experimentierte man intensiv, hatte aber bisher stets einen "Sicherheits-Fahrer" mit an Bord. Nun soll es ohne diesen gehen.


Mein Fazit

Bei Alphabet ist vieles in Bewegung. Der Konzern hat ein dominierendes Suchmaschinengeschäft, das hohe und steigende Cashflows generiert und alle anderen Aktivitäten und Initiativen speist.

Waymo könnte bald wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit erlangen und in ruhigeren Börsenzeiten als IPO-Kandidat für Interesse sorgen und den Fokus auf den Wert dieser "other bet" lenken.
Zuvor werden aber Aktiensplit und die mögliche sich daran anschließende Dow Jones-Aufnahme das Interesse befeuern. Zumal auch Amazon einen Split angekündigt hat und mit einer Dow-Aufnahme liebäugelt. Beide Unternehmen würden sich dort zu Apple und Microsoft gesellen und dem Dow Jones ein völlig neues Gesicht geben.

Die mit rund 125 Mrd. USD prall gefüllte Kriegskasse wird von der Inflation angeknabbert und auch aus diesem Grund bietet es sich an, das Geld lieber sinnvoll auszugeben. Alphabet setzt hierbei immer stärker auf Aktienrückkäufe und das ist ja auch die von Buffett bevorzugte Maßnahme, um Werte für die Aktionäre zu schaffen.

Die Chancen stehen daher gut, dass die Alphabet-Aktie auch in den vor uns liegenden turbulenten Zeiten weiterhin zu den Gewinneraktien gehören wird. Bisher war sie jedenfalls eine äußerst erfolgreiche Wette. Solange die Kartellbehörden nicht hart durchgreifen und die Spielregeln grundlegend zuungunsten Googles ändern. Doch selbst dann würde bis zur endgültigen Umsetzung noch viel Zeit vergehen, wie die Erfahrung aus früheren Kartellverfahren zeigt – zum Beispiel gegen Microsoft. Ende der 1990er Jahre war der Windows-Konzern dazu verurteilt worden, sich aufzuspalten. Microsoft ging dagegen juristisch vor und zog das Ganze in die Länge. Am Ende wurde das Urteil ausgesetzt, weil der eigentliche Grund nicht mehr vorlag: Microsofts Dominanz war gebrochen. Bill Gates hatte Apple mit einer Kapitalspritze vor der Pleite bewahrt und Steve Jobs das Unternehmen wieder in die Erfolgsspur gebracht und zu einem ernsthaften Wettbewerber für Microsoft. Und Microsofts dominierender Browser, der Internet Explorer, hatte so viele Marktanteile verloren, dass er keine Bedrohung mehr für andere darstellte. Erst war es der Firefox, später zog dann Google Chrome an allen vorbei.

Diese Entwicklungen zeigen, dass alles möglich bleibt und auch große Gefahren nicht immer zu großen Katastrophen führen. Heute ist Apple der wertvollste Konzern der Welt. Microsoft liegt knapp dahinter. Und Alphabet gehört zum engsten Verfolgerfeld.

Keines dieser Unternehmen war in den letzten 10 Jahren ein Hype-Unternehmen. Sie haben einfach nur ihre Marktstellung ausgebaut und ausgenutzt, um immer mehr Umsatz und Gewinn zu machen. Weder langweilig, noch aufregend. Während sich viele der zwischenzeitlichen Gewinner als Eintagsfliegen entpuppten und längst wieder in der Versenkung verschwunden sind, haben sie einfach nur Punkte gesammelt auf dem Weg zur Weltmeisterschaft. Ganz der Keke…

Disclaimer: Habe Alphabet, Amazon, Apple, Costco, Microsoft auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot/Wiki.

1 Kommentar:

  1. Hat der gute Keke nicht damals in Dijon gewonnen? Aber auch mit einem Sieg bleibt die Message natürlich unverändert. Toller Artikel! :-)

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