Montag, 23. Mai 2022

Kissigs Aktien Report: FinTech-Kursmassaker bei LendingClub, SoFi, Upstart - Kernschmelze oder Kaufgelegenheit?

Im Rahmen meiner Kooperation mit dem "Aktien Report" von Armin Brack nehme ich mir in unregelmäßigen Abständen interessante Unternehmen vor. Die Ausgaben des "Aktien Reports" und/oder "Geld Anlage Reports" erreichen ihre Leser samstags kostenlos und "druckfrisch" im Email-Postfach und man kann sich ▶ hier beim "Geld Anlage Report" anmelden. Bonbon für die Leser meines Blogs: einige Tage später darf ich die Analysen dann auch hier veröffentlichen.

Aktien Report Nr. 88 vom 13.05.2022

FinTech-Kursmassaker - Kernschmelze oder Kaufgelegenheit?

Das ist mal ein vermurkstes Jahr für die Börsen. Der S&P 500 legt mit -17,5 % den zweitschlechtesten Jahresstart seiner Geschichte hin und an der NASDAQ fällt das Minus noch viel größer aus. Bezogen auf das letzte Allzeithoch von Mitte November 2021 liegt der S&P 500 sogar mehr als 20 % im Minus und damit befinden wir uns offiziell in einem Bärenmarkt.

Seit 1928 hat der S&P 500 durchschnittlich alle 4 Jahre einen solchen Bärenmarkt hingelegt, sowas ist also nichts Ungewöhnliches. Allerdings erleben wir gerade den dritten Bärenmarkt innerhalb von 4 Jahren und das ist durchaus außergewöhnlich. Doch angesichts des längsten und stärksten Bullenmarktes alles Zeiten, der uns seit 2009 beglückt hat, relativiert sich der Kursabschwung auch wieder etwas.

Doch diese Zahlenspiele können und sollen nicht darüber hinwegtäuschen, was in vielen Depots der Privatanleger wirklich vorgeht. Denn die viele Jahre anhaltende Hausse bei den Wachstumswerten, die auch durch die Flutung des Marktes mit billigem Geld seitens der Notenbanken künstlich angeheizt wurde, hatte weitreichende Folgen. Man kann diese Geldschwemme am besten mit einem Magneten vergleichen, der neben einen Kompass gelegt wird. Der Kompass zeigt weiterhin konsequent den Weg an, aber eben nicht mehr korrekt. Und genauso lief es mit den Börsenkursen, denn das viele billige Geld sorgte für eine Assetpreisinflation. Im Grunde nichts Schlimmes für die Anleger. Nur dass ihre Erwartungshaltung ebenso manipuliert worden ist.

Insbesondere jüngere Anleger kennen gar nichts anderes, als dass die Börsenkurse steigen. Und wann immer sie mal korrigieren, war "buy the dip" der schlauste Weg, denn das viele Geld kam genauso schnell wieder in die Märkte, wie es zuvor aus ihnen abgeflossen war. Und es kam sogar mehr Geld zurück, dank der Niedrigzinsen. Insofern folgte auf jeden starken Kurseinbruch eine V-Erholung. Bis jetzt, denn diesmal ist es anders.

Die Kurse sinken und wenn dann wieder Kauflaune aufkommt, hat die Aufwärtsbewegung zu wenig Kraft. Das nennt man Bärenmarktrallye und sowas kostet engagierte Anleger zusätzlich Geld und Nerven.

Viele Depots der Privatanleger weisen viel höhere Verluste auf als der S&P 500 oder die NASDAQ. Weil sie in den letzten Jahren zunehmend auf die heißen Wachstumsaktien gesetzt haben und die Zinswende zusammen mit Preisschock und gestörten Lieferketten insbesondere in diesem Bereich zu panikartigen Ausverkäufen geführt hat.

"Nicht die Unternehmensgewinne beeinflussen den Gesamtmarkt, es sind die Notenbanken. Und deshalb konzentriere ich mich auf die Zentralbanken und auf die Entwicklung der Liquidität, während die meisten Leute auf die Gewinne und konventionelle Kennzahlen blicken. Aber es ist die Liquidität, die die Märkte bewegt."
(Stanley Druckenmiller)

Die US-Notenbank ist der maßgebliche Akteur für die globalen Finanzmärkte und die Fed hat die Zinswende eingeläutet. Nach einem ersten kleinen Zinsschritt von 0,25 Basispunkten erfolgte jüngst ein weiterer Schritt in Höhe von 0,5 Basispunkten. Und für die nächsten beiden Monate sind jeweils weitere 0,5-Anhebungen "gesetzt". Die Fed steht nämlich unter Druck, endlich gegen die hohe Inflation vorzugehen. Dazu setzt sie auf Zinsanhebungen und auf eine Verkürzung der Notenbankbilanz. Dahinter verbirgt sich nichts anderes, als dass sie künftig weniger Anleihen kauft als getilgt werden, wodurch sich ihr Anleihebestand reduziert und der Wirtschaft und den Märkten Liquidität entzogen wird.

Abgesehen davon, dass die Zinsanhebungen eine wirklich dumme Idee sind, weil sie nicht die Ursachen der Inflation bekämpfen (Lieferengpässe, Lockdown in Shanghai, Energiepreisexplosion, Ukrainekrieg), stellt ein höheres Zinsniveau für die Wirtschaft erstmal kein Problem dar. Die Wirkung von Notenbank-Zinsanhebungen entfaltet sich nämlich erst nach etwa 18 Monaten – also genau dann, wenn vermutlich die genannten Problemfelder alle längst verschwunden sind.

Das Problem sind also nicht die Zinsanhebungen, sondern das Ausbleiben der erhofften Wirkung. Und dann, zeigt die Geschichte, dreht die Notenbank immer schneller und stärker an der Zinsschraube. Zeigt sich dann endlich, nach 18 Monaten die Wirkung, hat die Notenbank üblicherweise die Wirtschaft stranguliert und total abgewürgt. Sie rudert dann zurück, aber auch die Wirkung der Zinssenkungen entfaltet sich erst nach 18 Monaten.

Wie Starinvestor Ken Fisher bereits vor vielen Jahren feststellte: Nicht die Inflation ist die Gefahr für die Wirtschaft und die Börsen, sondern die (Über-) Reaktion der Notenbank auf die Inflation.

Wir können also nur hoffen, dass wir in den nächsten Wochen zumindest leicht zurückgehende Inflationssignale bekommen. Das ist aufgrund des Basiseffekts gar nicht so unwahrscheinlich. Denn die starken Preissteigerungen begannen ja nicht mit dem Jahresstart 2022, sondern sie nahmen bereits zur Mitte des Jahres 2021 so richtig Fahrt auf. Es besteht also Hoffnung, dass die Fed die Zinsen anhebt und gleichzeitig die Inflation sinkt. Auch wenn beides nichts miteinander zu tun hat (18 Monate Zeitverzug!), könnte es die Fed veranlassen, die Zinsschraube nicht zu sehr anzuziehen und so eine globale Rezession zu vermeiden.

Growth sucks

So oder so sind die Wachstumsunternehmen von dieser Entwicklung besonders stark betroffen. Viele von ihnen sind nicht profitabel und benötigen daher frisches Geld, um weiter wachsen zu können. Und Geld wird teurer. Kredite sind schwerer zu bekommen und sie kosten mehr (Zinsen). Und Eigenkapital ist in der jetzigen Börsenlage auch schwerer zu bekommen; Börsengänge oder Kapitalerhöhungen sind nicht gerade gefragt. Und wenn überhaupt, dann zu den aktuellen niedrigen Kursen, so dass viel mehr Aktien für das gleiche Geld ausgegeben werden müssen im Vergleich zum Vorjahr.

Der zweite negative Einflussfaktor stammt aus der Diskontierung der zukünftigen Gewinne. Der Wert eines Unternehmens ist, vereinfacht ausgedrückt, die Summe all seiner zukünftigen Gewinne. Und da das Geld in der Zukunft weniger Wert ist als heute (Stichwort Inflation), werden die zukünftigen Gewinne entsprechend abgewertet (abdiskontiert), um auf den heutigen Wert des Unternehmens zu kommen. Den vergleicht man dann mit dem aktuellen Börsenkurs und erkennt schnell, ob die Aktie über- oder unterbewertet ist.

So viel zur Theorie. In der Praxis hat diese Discounted-Cashflow-Methode allerdings einige Tücken. Einerseits ist es schwer die künftigen Gewinne vorherzusagen und je weiter man in die Zukunft blickt, desto ungenauer wird die Schätzung. Und genauso verhält es sich mit dem Rechnungszins, mit dem man die künftigen Gewinne rückrechnet. Dieser hängt an der Erwartung, wie denn die Zinsen in der Zukunft liegen werden. Und ob man hier 3 % oder 5 % ansetzt, ergibt einen gewaltigen Unterschied bei der Bestimmung des heutigen Werts.

Da die letzten Jahre die Zinsen extrem niedrig waren, haben die Analysten und Investoren den Rechnungszins immer weiter gesenkt. Dadurch wurden die zukünftigen Unternehmensgewinne rechnerisch immer mehr wert und folglich stieg auch der heutige faire Wert je Aktie an. Doch die steigenden Zinsen drehen das Rad in die gegenläufige Richtung. Höhere Zinsen bedeuten, dass künftige Gewinne weniger Wert sind und damit sinkt auch der faire Wert der Aktie. Heute. Deshalb fallen die Aktienkurse. Heute.

Und je weniger Gewinne ein Unternehmen heute macht und je weiter seine Profitabilität und damit seine Gewinne in der Zukunft liegen, desto dramatischer wirkt sich dieser Effekt auf den Aktienkurs aus. Heute.

Eine Apple-Aktie und eine Microsoft-Aktie sind auch gefallen. Auch ihre zukünftigen Gewinne werden durch die steigenden Zinsen weniger wert. Allerdings haben diese beiden Unternehmen die Möglichkeit, ihre Preise anzuheben, ohne viele Kunden zu verlieren und somit ihre Gewinne heute und für die Zukunft zu steigern. Viele andere Unternehmen, können sich das nicht leisten. Weil sie in einem knallharten Preiswettkampf liegen mit ihrer Konkurrenz oder weil ihre Produkte von den Kunden leichter weggelassen werden können und daher Preiserhöhungen zu Absatzeinbrüchen führen.

Vor allem junge, wachstumsstarke Unternehmen haben zumeist noch keine starke Kundenbindung, kein herausragendes Markenimage und keine Preissetzungsmacht. Sie sind daher die Unternehmen, die am schwächsten auf die "neue Wirklichkeit" vorbereitet sind. Und daher sehen wir seit Monaten starke Einbrüche bei diesen Unternehmen, operativ und im Aktienkurs. Ob in der Biotechbranche, im Wasserstoffsektor, im Kryptowährungssektor, bei Onlineshops oder bei den FinTechs.

Viele dieser Unternehmen waren maßlos überbewertet. Ich will jetzt nicht (zu sehr) als Kloogschieter rüberkommen, diese maßlose Überbewertung ist in der Rückschau klar zu erkennen, aber vor einem Jahr war sie noch nicht so deutlich zu sehen. Sicher, die Unternehmen waren auch im Frühjahr 2021 extrem hoch bewertet, aber zum damaligen Zeitpunkt waren die Zukunftsaussichten auch noch andere. Es gab noch zwei- oder dreistelliges Umsatzwachstum, es gab noch keine exorbitanten Preissteigerungen und damit keine Aussicht auf eine "harte" Zinswende. Folglich passten die hohen Bewertungen auch noch ansatzweise zu den hohen Wachstumserwartungen.

Wenn eine Aktie mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 20 bepreist wird, also dem 20-fachen Jahresumsatz, dann ist das absolut gesehen sehr hoch. Wächst das Unternehmen aber auf Sicht der nächsten Jahre jeweils mit Raten von 100 % beim Umsatz, wächst es auch zügig in seine hohe Bewertung hinein. Je länger dieses hohe Wachstum wohl anhalten wird, desto höher kann man das KUV tolerieren.

Aber… diese hohen Wachstumsraten implodieren gerade bei den meisten High-Growth-Unternehmen. Und wenn anstelle von 100 % Umsatzwachstum nun nur noch 20 % erzielt werden, dann ist ein KUV von 20 in keiner Börsensprache der Welt mehr zu rechtfertigen. Selbst Cathie Wood käme hier so langsam in Erklärungsnotstand und diese Dame ist um blumige Zukunftsvisionen ja nun wirklich nicht verlegen.

Erkennt man nun aber, dass ein KUV von 20 viel zu hoch ist und eigentlich maximal ein KUV von 2 gerechtfertigt wäre, dann muss der Kurs dramatisch sinken. Um 90 %, um genau zu sein. Und genau das erleben wir seit letztem Jahr bei vielen High-Growth-Aktien.

80 % Kursverlust macht eine Aktie nicht zwangsläufig preiswert

Leider ist es eine Milchmädchenrechnung, würde man nun jede um 80 % oder mehr gefallene Aktie als günstig einstufen. So funktioniert Börse nicht.
 
"Was ist eine Aktie, die 90 % im Minus notiert? Eine Aktie, die 80 % gefallen ist und sich dann halbierte."
(David Einhorn)

Ob eine Aktie heute attraktiv bepreist ist, bemisst sich nicht an ihrem Abstand zum vorherigen Höchstkurs. Der hat keinerlei Relevanz! Eine Aktie kann um 90 % gefallen sein und trotzdem noch immer ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 10 aufweisen. Und wenn dies auf ein Umsatzwachstum von 15 % trifft, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mit dieser Aktie mal Geld verdient, äußerst gering.

Es bleibt uns also leider nichts anderes übrig, als die Unternehmen zu bewerten. Wir müssen uns ansehen, was sie so treiben, wie sie ihr Geld verdienen, wie ihre Marktstellung ist, die Konkurrenzsituation, die Wachstumsaussichten. Nicht, wie ihr Kurs vor 12 Monaten stand!

Der allgemeine Ausverkauf an den Börsen hat auch viele Aktien von Unternehmen mit in die Tiefe gerissen, die es nicht verdient haben. Sie wurden in Sippenhaft genommen, weil sie zu den Wachstumsunternehmen zählen, weil sie einer bestimmten Branche angehören, die momentan nicht mehr angesagt ist. Hier tun sich große Chancen auf, wenn wir die Aktien finden, die zu Unrecht mit verprügelt wurden. Denn die werden sich mit Sicherheit von dem Kurseinbruch wieder erholen und stellen daher Schnäppchen dar. Aber auch nur sie, nicht ihre zahnlosen Wettbewerber.

Schauen wir uns mal ein paar der (ehemaligen) FinTech-Anlegerlieblinge an und was sie so an Zahlen vorgelegt haben.


SoFi Technologies

SoFi wurde um drei operative Segmente herum strukturiert: Kreditvergabe, Technologieplattform und Finanzdienstleistungen. Die Kreditsparte macht dabei den mit Abstand größten Umsatzanteil aus und befasst sich mit Privat-, Immobilien- und Studentenkrediten.

Die Technologieplattform besteht in erster Linie aus Galileo Financial Technologies, das SoFi im April 2020 für 1,2 Mrd. Dollar übernommen hatte. Dabei handelt es sich um eine API- und Finanzverarbeitungsplattform, die von einer Reihe von FinTech-Unternehmen wie MoneyLion, Skrill, Robinhood, Interactive Brokers, Chime und Shipt genutzt wird.

Zu den Finanzdienstleistungen von SoFi gehören die Aktienhandels-App und die noch junge SoFi-Kreditkarte, die 2 % unbegrenztes Cashback auf alle Einkäufe bietet, wenn die Nutzer dies in ein SoFi-Produkt einlösen. Dieses Cross-Selling von mehreren Finanzprodukten hilft SoFi, den Umsatz zu steigern und gleichzeitig die Abwanderung zu minimieren.

Große Hoffnungen setzt man auf die inzwischen erteilte nationale Banklizenz. Damit wird SoFi nicht nur in der Lage sein, Kredite zu noch wettbewerbsfähigeren Zinssätzen zu vergeben und seinen Mitgliedern hochverzinsliche Giro- und Sparguthaben anzubieten, sondern auch neue Finanzprodukte und -dienstleistungen einzuführen und zu vertreiben.

Für das 1. Quartal 2022 meldete SoFi einen Umsatz von 322 Mio. USD, was einem Anstieg von 49 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Verlust je Aktie lag bei 14 Cents. Das EBITDA lag bei 9 Mio. USD und damit zum siebten Mal in Folge im positiven Bereich.

Der Umsatz des ersten Quartals lag damit sogar um 13 % über dem oberen Ende der Prognosespanne des Unternehmens, die bei 280 bis 285 Mio. USD lag. Und auch das EBITDA übertraf die Prognose (0 bis 5 Mio. USD) um 74 % am oberen Ende.

SoFi hebt Prognose für 2022 an

Für das 2. Quartal hat SoFi Technologies eine Umsatzprognose von 330 bis 340 Mio. USD abgegeben. Das bedeutet ein jährliches Wachstum von 43 % am oberen Ende. Für das Gesamtjahr 2020 hob SoFi seine Umsatzprognose auf 1,505 bis 1,51 Mrd. USD an. Zuvor hatte das Unternehmen für 2022 einen Umsatz von 1,47 Mrd. USD prognostiziert.

Der Kursverlauf hat den Anlegern bisher keine Freude bereitet. Das Unternehmen kam Ende 2020 via SPAC-Merger an die Börse und die Aktie schoss in den nächsten Monaten um mehr als 100 % nach oben. Am 1. Juni 2021 notierte sie um die 25 USD, doch seit Mitte November erfolgte ein brutaler Abverkauf, der am 10. Mai bei unter 5 USD seinen bisherigen Tiefpunkt erreichte.

Hinsichtlich der operativen Erfolge völlig unverständlich und unverdient! Allerdings weist SoFi noch immer eine Marktkapitalisierung von gut 6 Mrd. USD auf und bei einem prognostizierten Jahresumsatz von 1,5 Mrd. USD liegt das KUV bei 4.

Bitte nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Nach diesem brutalen Kursabsturz von beinahe 90 % liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis noch immer bei 4. Im 1. Quartal lag das Umsatzwachstum bei starken 49 % und auf operativer Ebene ist SoFi bereits profitabel. Das bedeutet, dass SoFi ein sehr attraktives Investment ist – aber eben auch auf diesem Kursniveau noch immer kein Schnäppchen.

Und es droht Gefahr. In den USA wird hinsichtlich der Studentenkredite von "der nächsten großen Blase" gesprochen und steigende Zinsen sind hier die sprichwörtliche Nadel, die das Ganze zum Platzen bringen könnte. Präsident Joe Biden hat daher ein Moratorium erlassen, so dass Studenten ihre Kredite aktuell nicht zurückzahlen müssen. Dieses Moratorium wurde bereits mehrfach verlängert und läuft nun erstmal bis 31. August 2022. SoFi ist im Bereich der Studentenkredite aktiv und nun wird darüber spekuliert, dass Joe Biden einen Schuldenerlass bei den Studentenkrediten anstreben könnte. Das wäre ziemlich negativ für SoFi. Zwar würden dann die Kredite auf einen Schlag durch den Staat getilgt, aber SoFi verdient ja an der Vermittlung der Finanzierung und an den Kreditzinsen. Daher würde ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld mit einem Schlag vernichtet. Sofern es denn so weit kommt. Das steht noch in den Sternen, muss von Anlegern aber als zusätzliches Risiko im Hinterkopf behalten werden.


Upstart Holdings

Upstart ist eine cloudbasierte Kreditplattform, die sich weitestgehend auf Künstliche Intelligenz stützt. Das Unternehmen wurde 2012 von Dave Girouard gegründet, der zuvor Präsident von Google Enterprise war und dort auch das Milliarden-Geschäft mit Cloud Apps aufgebaut hat. 2014 stieg Upstart ins Ratenkreditgeschäft ein, das bis heute den größten Teil zum Umsatz beisteuert. Noch recht frisch ist der Einstieg in zwei viel größere Märkte, Autofinanzierungen und Hypothekenkredite. Die Hoffnung ist groß, dass Upstart hier ähnliche Erfolge erzielen kann wie mit seiner Kreditplattform und dann wären enorme Wachstumsraten die Folge.

Die Zahlen zum 1. Quartal lassen allerdings enorme Zweifel an der Fortschreibung der Erfolgsstory aufkommen. Es wurde ein Quartalsumsatz von 310 Mio. USD erzielt und ein operativer Gewinn von 35 Mio. USD sowie ein Nettogewinn von 33 Mio. USD. Alle Werte weisen prozentual dreistellige Wachstumsraten gegenüber den Vorjahreswerten auf und wissen zu beeindrucken. Und auch die Zahl der Bankpartner stieg weiter an und lässt auf weiteres Wachstum hoffen.

Allerdings ging die Profitabilität massiv zurück und so musste Upstart seine Prognose für das Gesamtjahr zusammenstreichen. Bisher ging man von einem Umsatz von 1,4 Mrd. USD und einer EBITDA Marge von 18 % aus, nun rechnet man nun nur noch mit einem Umsatz von 1,25 Mrd. USD und einer adjusted EBITDA Marge von 15 %. Die Kombination ergibt, dass sich die Ergebniserwartungen mal eben halbiert haben. Und das ist gar nicht sexy.

Der Aktienkurs von Upstart hatte sich innerhalb weniger Monate bis zum Spätherbst 2021 auf beinahe 400 USD vervielfacht und befindet sich seitdem im krassen Sinkflug. Der bisherige Tiefpunkt wurde am 11. Mai erreicht mit knapp 25,50 USD.

Die Börsenbewertung ist auf 3 Mrd. USD zusammengeschrumpft. Das klingt angesichts prozentual dreistelliger Wachstumsraten beim Umsatz nicht sehr verwegen. Doch bei einer – gesenkten – Umsatzprognose für 2022 von 1,25 Mrd. USD und einem Jahresumsatz für 2021 von 848,59 Mio. USD liegt die Wachstumsrate nun bei 47 %. Immer noch stark, aber eben auch deutlich entfernt von den bisherigen dreistelligen Zuwachsraten. Das KUV liegt bei 2,4, da stimmen die Relationen. Wenn da nicht…

…ein noch viel größere Pferdefuß im Zahlenwerk versteckt gewesen wäre und zwar beim Kreditvolumen. Wohl gemerkt, nicht beim vermittelten Volumen, sondern bei den Krediten, die Upstart in die eigene Bilanz genommen hat. Da sollten nämlich keine sein! Upstart ist eine Vermittlungsplattform, die ihre Umsätze und Gewinne damit erzielt, Kreditnehmer und Kreditgeber zusammenzubringen – und dafür eine Provision einzustreichen. Doch das scheint nicht recht zu funktionieren, so dass Upstart die Kredite in der eigenen Bilanz zwischenparkt, um sie später weiterzuverkaufen.

Wo ist das Problem? Da gibt es gleich mehrere:
  1. Upstart ist bisher als Vermittler Partner der Banken. Wird es selbst Kredithalter, wird man zum Wettbewerber – und schrottet im Extremfall sein Geschäftsmodell.
  2. Angesichts steigender Zinsen und erlahmender Wirtschaft dürften die Kreditausfälle spürbar zunehmen. Für einen reinen Vermittler kein Problem, aber wenn Upstart die Kredite in der eigenen Bilanz hat, dann schlagen die Kreditausfälle auch hier zu Buche. Das würde die Ergebnisse massiv belasten.
  3. Upstart ist eine softwarebasierte Technologieplattform. So wird das Unternehmen bewertet. Wenn diese Software nicht reibungslos funktioniert, wenn die dahinter stehende Künstliche Intelligenz also nicht so gut ist, wie gedacht, dann weckt das ernsthafte Zweifel daran, ob Upstarts Geschäftsmodell wirklich funktioniert.
  4. Und wenn Upstart zunehmend Kredite in die eigene Bilanz nimmt, dann entwickelt man sich immer mehr vom Softwareunternehmen zu einer Bank. Und die werden deutlich niedriger bewertet an der Börse.
Es poppen bei Upstart also gleich mehrere rote Flaggen auf, die man nicht ignorieren sollte. Sie können das Geschäftsmodell infrage stellen und Anleger sollten sich sehr genau mit diesen Punkten auseinandersetzen, bevor sie die Aktien kaufen. Und auch dann, wenn sie sie bereits im Depot haben und zwar unabhängig davon, wie hoch ihr Kursverlust bisher schon ist. Sind die Kredite in der eigenen Bilanz nur ein vorübergehendes Phänomen, stellt sich die Lage anders dar und die Risiken sind vergleichsweise überschaubar. Aber wenn nicht…
 

LendingClub

Bei LendingClub treffen wir auf andere Vorzeichen als bei SoFi und Upstart. Denn LendingClub hat sein ursprüngliches Business gegen die Wand gefahren; zu keinem Zeitpunkt hat man damit Geld verdient. Der Vermittler von Peer-to-Peer-Krediten ist gescheitert und hat das Geschäftsfeld eingestellt. Zurück blieben knapp 3 Mio. Kunden. Und eine Idee.

Die neue Idee war, diesen Kunden Ratenkredite zu vermitteln. Klingt nicht gerade innovativ, aber in den USA leben die meisten Menschen von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck und sie machen Schulden… über Kreditkarten. Da reden wir trotz Zinstiefphase von zweistelligen Prozentsätzen. 1,5 % pro Monat klingt nicht so schlimm, summiert sich aber aufs Jahr gerechnet auf 18 % - ohne den Zinseszinseffekt, der den Kredit nochmals teurer macht.

Anfang 2020 übernahm LendingClub daher die Radius Bank, die über eine eigene Vollbanklizenz verfügte. Radius war eine reine Online-Bank mit einer Bilanzsumme von 2,4 Mrd. USD und Einlagen in Höhe von 1,7 Mrd. USD. Die Radius-Banking-Plattform ermöglichte es Kunden, in weniger als 3 Minuten ein Konto zu eröffnen und bot neben den üblichen Endkunden-Funktionalitäten einer Neobank-App außerdem offene APIs, um anderen Fintech-Unternehmen White-Label-Banking-as-a-Service-Funktionen wie Girokonten, digitales Onboarding und die Kontoverwaltung anzubieten. LendingClub selbst steuerte seine KI zur Kreditvergabe und Risikoermittlung bei.

Ein Jahr später waren alle Genehmigungen erteilt und LendingClub konnte neu starten. Und wie! Das Angebot von LendingClub wird von den Kunden stark angenommen. Verständlich, denn LendingClub kann die durchschnittlichen Kreditkosten um 4 % bis 5 % pro Jahr senken. Der Kunde schließt über LendingClub eine neue Finanzierung ab und damit werden die Kreditkartenschulden getilgt. Die Ersparnis tritt damit sofort ein und erhöht den finanziellen Spielraum der Menschen unmittelbar.

Und was bei Ratenkrediten funktioniert, klappt auch bei Autofinanzierungen. Auch die hat LendingClub inzwischen im Angebot und kann seinen Kunden die Kreditzinsen um bis zu 5 % pro Jahr reduzieren.

Für das erste Quartal 2022 meldete LendingClub Ende April einen Umsatz von 289,5 Mio. nach 262,2 Mio. USD im 4. Quartal. Der Gewinn je Aktie lag mit 0,39 USD deutlich über den 0,27 USD aus dem 4. Quartal.

Das Kreditgeschäft belief sich auf 3,22 Mrd. USD verglichen mit 3,07 Mrd. USD in Q4/21 und 1,5 Mrd. USD in Q1/21. Auf Jahressicht also mehr als eine Verdopplung!

Der Nettozinsertrag in Q1/22 betrug 99,68 Mio. USD, verglichen mit 83,2 Mio. USD in Q4/21 und 18,51 Mio. USD in Q1/21. Also mehr als eine Verfünffachung auf Jahressicht!

Die Nettozinsmarge lag bei 8,3 % in Q1/22 verglichen mit 7,6 % in Q4/21 und 1,8 % in Q1/21.

Die Risikovorsorge im Kreditgeschäft belief sich im 1. Quartal auf 52,5 Mio. USD, gegenüber 45,1 Mio. USD im 4. Quartal 2021 und 21,5 Mio. USD im Vorjahreszeitraum.

2022er Ausblick angehoben

Die starken Zahlen hatten Folgen. LendingClub hob seinen Umsatzausblick für das Gesamtjahr an und rechnet nun mit einem Umsatz von 1,15 bis 1,25 Mrd. USD statt bisher 1,1 bis 1,2 Mrd. USD.

Im Aktienkurs der letzten 5 Jahre zeigt sich zunächst der Niedergang mit dem ursprünglichen Peer-to-Peer-Lending-Geschäftsmodell, doch ab Herbst 2020 ging es dann mit dem Neustart los. Der Aktienkurs explodierte geradezu von rund 5 USD auf 45 USD, doch seit November 2021 ist auch er in den Sinkflug übergegangen. Er liegt zwar noch immer dreimal so hoch wie vor anderthalb Jahren beim Start des neuen Geschäftsmodells, aber eben auch zwei Drittel unter seinen Höchstkurs aus dem November.

Die Börsenkapitalisierung liegt bei 1,45 Mrd. USD und die Umsatzprognose für 2022 im Mittel bei 1,2 Mrd. USD. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis beträgt damit 1,2. Nur 1,2!

Würde man den Quartalsgewinn von 0,39 USD auf das Jahr hochschreiben, käme man auf einen Jahresgewinn von 1,56 USD je Aktie. Damit läge das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 9,2. Nur 9,2!

LendingClub wächst stark und ist profitabel. Die Bewertung ist im Vergleich zu SoFi und Upstart geradezu lächerlich niedrig. Allerdings, wenden Kritiker ein, sei LendingClub ja inzwischen auch eher eine Bank als ein Technologieunternehmen. Das ist insoweit richtig, als dass LendingClub über eine Vollbanklizenz verfügt und sein Geschäftsmodell bewusst darauf ausgerichtet hat, die Kredite nicht mehr nur zu vermitteln, sondern einen gewissen Teil davon in die eigene Bilanz zu nehmen.

Anders als bei Upstart ist das kein Unfall oder technisches Versagen, sondern Geschäftszweck. So will LendingClub an der Kreditvermittlung unterm Strich mehr verdienen.

Das Risiko liegt darin, dass Kredite notleidend werden und dann die Bilanz belasten. Dafür sorgt LendingClub vor mit entsprechenden Rückstellungen. Der zweite Knackpunkt ist, dass die ausschließliche Kreditvermittlung wenig Kapitaleinsatz erforderte, während nun anteilig Kredite in der eigenen Bilanz verbleiben und somit mit Kapital unterfüttert werden müssen. Der Kapitalbedarf von LendingClub steigt also an und das rechtfertigt auch einen Bewertungsabschlag gegenüber der bisherigen "Asset-light-Variante".

Doch am Ende bleibt die Feststellung, dass LendingClub enormes Potenzial bietet und auf dem aktuellen Kursniveau unverständlich günstig bepreist scheint. "Schnäppchen" trifft es ganz gut.


Mein Fazit

Die Zeiten der Überflieger-High-Growth-Aktien sind vorbei. Die Zinsen steigen und die Notenbanken reduzieren die Liquidität. Starkes Wachstum bleibt weiterhin Trumpf, aber nicht zu jedem Preis. Unternehmen mit starkem Geschäftsmodell und Preissetzungsmacht sind die erste Wahl, weil sie mit den Risiken und den permanenten Veränderungen am besten zurechtkommen.

KUV-Monster florierten eine Zeit lang, weil immer mehr billiges Geld in die Märkte floss und die Wachstumsaussichten schier endlos erschienen. Nun hat die Realität wieder Einzug gehalten und die Bewertung vieler Aktien geerdet. Dennoch sind nicht alle Kursverluste gleich einzustufen. Es gibt sie immer noch, die KUV-Monster, die auch nach 90 % Kurseinbruch noch immer (zu) teuer sind. Und selbst das beste Unternehmen wird zu einem schlechten Investment, wenn man seine Aktie zu teuer kauft.

Aber es gibt auch Unternehmen, deren Aktien zu Unrecht in den Abgrund gerissen wurden, und die für hartgesottene Anleger eine attraktive Gelegenheit darstellen, sich einen potenziellen Tenbagger ins Depot zu legen. Hohes profitables Wachstum bei niedriger Bewertung wird fast immer ein Investmenterfolg…

Disclaimer: Habe Apple, LendingClub, Microsoft, SoFi Technologies auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot.

3 Kommentare:

  1. LendingClub klingt richtig spannend!
    Bei mir sind Teladoc (-65%), Fiverr(-65%) und Pinterest (-35%) die abgestürzten High-Growth-Titel im Depot. Aufgrund der Kursverluste machen sie auch nur noch insgesamt 2% vom Depot aus. Die Bewertung finde ich nicht mehr zu teuer aktuell. Teladoc (KUVe 2), Fiverr (KuVe 4). Telemedizin und digitale Dienstleistungen sind auf jedenfall sehr spannende Zukunftsthemen.

    Ob die beiden Unternehmen hiervon nachhaltig profitieren können ist natürlich die andere Frage.

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  2. m_praetorius24.05.22, 07:22

    Hallo Herr Kissig,
    Wie schätzen Sie in diesem Umfeld die PayPal-Aktie ein? Die hatte ja auch einen starken Kurssturz zu verzeichnen und hat für 2022 ein prognostiziertes KUV von 3,17. Das scheint angesichts der insgesamt abgeschwächten, aber doch deutlich vorhandenen Wachstumsaussichten meiner Einschätzung nach eine attraktive Bewertung für einen Einstieg zu sein. Wie sehen Sie das?
    Schöne Grüße
    m_praetorius

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    1. PayPal sieht nach dem massiven Kurseinbruch wieder deutlich günstiger aus. Allerdings haben sich die Wachstumsraten ja auch wieder deutlich entschleunigt und die wirtschaftlichen Aussichten eingetrübt, während die Wettbewerbssituation sich weiter verschärft hat. Die PayPal-Aktie war durch den Corona-Rückenwind sehr gefragt und die Bewertung schoss in die Höhe. Aktuell liegen Wachstumsrate und Bewertung wieder ungefähr auf Vor-Corona-Niveau. PayPal ist damit keine High-Groth-Firma mehr und wird zurecht nicht mehr als solche bepreist.

      Für PayPal spricht, dass sie einen hohen Kundenbestand haben und sich digitales Bezahlen immer mehr durchsetzt. Es gelingt auch besser, Venmo zu monetarisieren und Buy now pay later wird aus Kundensicht bei steigender Inflation attraktiver, solange dafür keine Zinsen verlangt werden. Die Akquisition von Honey scheint allerdings bisher deutlich hinter den Erwartungen zurückzubleiben.

      Das 2022er Kurs-Cashflow-Verhältnis liegt bei 15, für 2023 bei 11 - das ist nicht unattraktiv. Beim Gewinn je Aktie muss man berücksichtigen, dass PayPal Anteile an MercadoLibre hält und deren Kurs ja ebenfalls deutlich unter die Räder gekommen ist; diese Kursverluste fließen in die GuV mit ein und belasten das EPS (bei steigenden Kursen erhöhen sie das EPS).

      PayPal ist aus meiner Sicht auf dem jetzigen Niveau als einer der dominierenden Player im digitalen Paymentmarkt attraktiv. Aber man darf eben kein Wunderwachstum (mehr) erwarten.

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