Montag, 3. Januar 2022

Kissigs Nebenwertefavoriten für 2022: Corestate Capital, Funkwerk, Netfonds, PNE, SBF

Ich investiere ja gerne in Nebenwerte, weil hier eine Überperformance erzielbar ist ggü. Blue Chips. Das zeigt sich auch an der langfristigen Performance von SDAX und MDAX, die den DAX meilenweit abhängen.

Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass alle heutigen DAX- oder DOW-Werte mal als kleine Unternehmen angefangen haben und es ihre herausragende Entwicklung war, die sie erst zu DAX-Werten heranwachsen ließ. Es lohnt sich daher, auf die erfolgreichsten Unternehmen von morgen zu setzen: mit meinen 2022er Nebenwertefavoriten Corestate Capital, Funkwerk, Netfonds, PNE und SBF.

Bevor wir mit meinen 2022er Nebenwertefavoriten starten, blicken wir auf die Entwicklung der 2021er Favoriten zurück.

Dr. Hönle
Kurs 31.12.2020: €55,40
Kurs 30.12.2021: €39,00
zzgl. Dividende: €0,50
Performance 2021: -28,7%

HelloFresh
Kurs 31.12.2020: €63,66
Kurs 30.12.2021: €68,00
zzgl. Dividende: €0,00
Performance 2021: 6,8%

Hypoport
Kurs 31.12.2020: €516,00
Kurs 30.12.2021: €509,50
zzgl. Dividende: €0,00
Performance 2021: -1,3%

Mutares
Kurs 31.12.2020: €15,74
Kurs 30.12.2021: €22,65
zzgl. Dividende: €1,50
Performance 2021: 53,4%

PNE
Kurs 31.12.2020: €8,03
Kurs 30.12.2021: €8,43
zzgl. Dividende: €0,04
Performance 2021: 5,5%

Unter der Annahme einer gleich starken Gewichtung der fünf Werte ergibt sich eine durchschnittliche Performance von 7,14%. Das ist nur knapp die Hälfte meiner angestrebten durchschnittlichen Rendite von 15% p.a. und auch angesichts der Performance des SDAX von 11,17% oder meines Nebenwerte-Wikis von 16,9% in 2021 enttäuschend.

Dabei hatte es unterjährig bei drei der Werte viel besser ausgesehen: so notierte HelloFresh noch Ende November bei €95, Hypoport im September bei €600 und Mutares vor der Kapitalerhöhung im September bei €28. Werte, die bald wieder erreicht und übertroffen werden können. Doch der willkürliche Schnitt am 31.12. beendet die Betrachtung, während die Entwicklung der Unternehmen weitergeht. Und auf alle drei, sowie auch auf PNE, setze ich weiterhin. Nur bei Dr. Hönle läuft es weniger gut als erwartet und auch 2022 könnte das noch längere Zeit so weitergehen. Möglicherweise dreht sich hier der Wind aber zur Jahresmitte; wir werden sehen.

Darauf, dass man bei der Aktienanlage nicht nur kurze Sicht auswählen und investieren sollte, komme ich später noch einmal kurz zu sprechen.

Meine Favoriten für 2022

Bei meiner Favoritenwahl für 2022 habe ich darauf geachtet, dass die Unternehmen mit dem erwarteten Szenario einer spürbaren Inflation und moderat steigender Zinsen gut zurecht kommen. Auch sollten sie nicht auf eine starke wirtschaftliche bzw. konjunkturelle Erholung angewiesen sein und von einer angespannten Preis- und Arbeitsmarktsituation nicht aus der bahn geworfen werden. Darüber hinaus sollte es einen oder mehrere "Trigger" geben, die für einen Extraschub in 2022 sorgen dürften.

Corestate Capital

Bei Corestate Capital hatte ich mich im Februar 2019 vor allem wegen der personellen Vorgänge und nicht wegen der - vermeintlich - attraktiven Bewertungsrelationen verabschiedet. Damals notierte ich: "Ralph Winter hat Corestate groß gemacht, doch sein Rückzug aus dem operativen Geschäft scheint nicht wirklich erfolgt zu sein. Seine Beratertätigkeit wird extrem hoch vergütet und als Großaktionär scheint er weiter maßgeblichen Einfluss auf die Gremien (AR und Geschäftsführung) zu nehmen - und das anscheinend vor allem zum eigenen Nutzen und nicht zu dem der (Mit-) Aktionäre". Der Aktienkurs hat seitdem stark gelitten und das nicht nur wegen Corona. Viel mehr traten die von mir erwarteten befürchteten negativen Entwicklungen ein und das Unternehmen geriet auch operativ in Schieflage. Hier hatte Corona natürlich dann einen nicht unerheblichen Einfluss.

Nun haben sich die Voraussetzungen geändert und John Maynard Keynes sagte einmal: "Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung". In Bezug auf ein Aktienengagement muss man natürlich nicht seine Meinung ändern, aber ich habe es dennoch getan.

Die ursprünglichen Strippenzieher sind nicht mehr an Bord, weder als Aktionäre noch als Aktive. Der seit gut einem Jahr amtierende neue CEO Parmantir konsolidiert das Unternehmen und führt es wieder in ruhiges Fahrwasser. Der Aktienkurs honoriert das bisher noch nicht, aber das ist nicht ungewöhnlich. Zu viele Aktionäre sitzen auf zu hohen Verlusten und so wird jede Erholungstendenz für Verkäufe genutzt, die wiederum auf (noch9 geringe Nachfrage stoßen und damit den Kurs weiter drücken. Irgendwann überwiegt dann aber die Zahl der Aktionäre, die keine emotionalen Altlasten in Bezug auf dieses Unternehmen mit sich rumschleppen, sondern sich gerade wegen des Neuanfangs und der Aussichten auf einen Turnaround eingekauft haben.

Der Kurs von Corestate stabilisierte sich und sprang zuletzt deutlich in die Höhe. Der "Trigger" war ein erneuter Wechsel unter den Großaktionären. Karl Ehlerding und Stavros Efremidis, auf die ich bereits bei der "WCM reloaded" und bei "Godewind" gesetzt hatte, mit Erfolg, oder 'mit ihnen verbundene Unternehmen', haben einen 'nennenswerten Anteil' an der Corestate Capital Holding übernommen. Dabei haben sie 27,1% der Anteile übernommen und zwar von den beiden bisherigen Großaktionären Passive Participations/ Aggregate Holdings (19,7%) und Vestigo Immobilien Investment (7,4%). Vor ein paar Tagen wurde nun auch die neue Rollenverteilung klar: Stavros Efremidis wird neuer Aufsichtsratsvorsitzender.

Mein Investmentcase ist nun, dass der Corestate-Kurs aufgrund der angespannten Finanzlage (hohe Verschuldung und nicht dauerhaft gesicherte Schuldendienstfähigkeit) über Gebühr abgestraft worden war, weil sich der Markt auf die bald anstehenden Refinanzierungen von Krediten fokussiert. Das dürfte nun jedoch nicht mehr ein unlösbares Problem sein. Das Duo Ehlerding/Efremidis hat genug Geld und ist im Immobiliensektor sehr gut vernetzt. Beide Aspekte dürften dazu führen, dass die bisherigen - oder neue - Kreditgeber nun eine hohe Bereitschaft haben, Corestate zu finanzieren. Darüber hinaus dürften Ehlerding und Efremidids ihre Expertise und ihre Kontakte gewinnbringend bei Corestate einbringen.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die beiden Bestandimmobilien als Sachkapitaleinlage in Corestate einbringen und auf diese Weise ihren Anteil erhöhen, während sich gleichzeitig die Bilanzrelation (steigendes Eigenkapital) verbessert und der Cashflow (aus Mieten/ Pachten), was wiederum die Schuldendienstfähigkeit verbessern würde.

Der Turnaround wird somit wahrscheinlicher und dürfte sich in 2022 in einem erhöhten Deal- und Newsflow ausrücken sowie sich verbessernden Bilanzzahlen. Allerdings werden sich die Erfolge vermutlich erst in der zweiten Jahreshälfte zeigen, so dass ich anfangs nicht von großen Kurssprüngen ausgehe. Dennoch spekuliere ich darauf, dass gegen Ende des Jahres der Kursturbo zündet und damit Corestate Capital zu einem überdurchschnittlich attraktiven Investment für 2022 macht.

Funkwerk

Funwerk ist eine meiner erfolgreichsten Investitionen überhaupt. Als sich der erfolgreiche Turnaround abzeichnete bin ich 2016 eingestiegen - und habe es nicht bereut. Die operative Entwicklung ist beispielhaft!

Allerdings gibt es kein Analysten-Research und das Unternehmen legt kaum Wert auf engagierte Kapitalmarktkommunikation. Mehrheitsaktionär Hörmann Industries hält mehr als 78% der Aktien und Funkwerk verzichtet sogar auf Quartalsberichte. Hörmann selbst jedoch berichtet ausführlicher und regelmäßig, da kann man dann die Entwicklung von Funkwerk draus ableiten.

Funkwerk erzielt einen hohen und stetig wachsenden Cashflow, der für gezielte Firmenübernahmen eingesetzt wird. Ich erwarte bei Präsentation der 2021er Zahlen einen Umsatz- und Ergebnissprung, der nochmals deutlich über der unterjährig erhöhten Prognose liegen wird. Diese werden seit Jahren übertroffen und unterjährig immer wieder erhöht. Ich habe Funkwerk deshalb mal als "Tiefstaplerweltmeister" bezeichnet und das ist unter CEO Kerstin Schreiber inzwischen zur Tradition geworden.

"Trigger" sind die deutliche Übererfüllung der Prognosen sowie weitere attraktive Zukäufe, mit denen das Angebotsspektrum erweitert wird. Also im Grunde das gleiche Szenario wie seit mehreren Jahren. Und seit mehreren Jahren ist die Aktie deutlich unterbewertet im Vergleich zur Peergroup, wenn man IVU und Init dazu zählen kann/will.

Aus meiner Sicht ist die Funkwerk-Aktie deutlich über €40 wert, das hatte ich bereits im August vorgerechnet in meinem Artikel "Funkwerk überrascht nicht: Die Halbjahreszahlen liegen deutlich über den Erwartungen - wie immer. Die Aktie bietet großes Potenzial - wie immer. Der Kurs steigt - weiter...". Und wenn der Aktienkurs 2022 die Marke von €50 überschreiten sollte, wäre die Aktie noch immer nicht überbewertet. Ich denke, das wird sich bald wieder zeigen und dem Kurs einen deutlichen Schub geben.

Netfonds

Netfonds ist der zweitgrößte Maklerpool in Deutschland und betreibt das größte konzernunabhängige Haftungsdach. Das Unternehmen hatte ich bereits 2021 als alternativen Favoriten zu Hypoport benannt, mich aber dann doch für meine Altempfehlung entschieden. Rückblickend ein Fehler, denn während Hypoport kursseitig in 2021 stagnierte, legte Netfonds kräftig zu.

Hinsichtlich meines Investmentcases verweise ich auf meine ausführliche Analyse für den Nebenwerte Investor "Netfonds: Unentdeckte deutsche Fintech- und InsurTech-Perle wechselt auf die Überholspur".

Als zusätzlicher "Trigger" wird sich der Immobiliendeal mit VMR erweisen. Aus meiner Sicht ein rundum gelungener Deal, der meinen Investmentcase für die Netfonds AG nochmals bestätigt hat. Der Aktienkurs dürfte ebenfalls von den operativen Erfolgen profitieren; zumal neben dem höheren Jahresergebnis 2021 auch die Erwartungen für die nächsten Jahre stärker ausfallen dürften, sowohl was das Umsatzwachstum, die Margen und die Gewinne angeht. Netfonds wird sich aufs höhermargige und weniger kapitalintensive Kerngeschäft konzentrieren. Die neuen Zahlen und die Jahresprognose für 2022 dürfte für große Augen sorgen - und für eine Neubewertung des Aktienkurses, von der aus es dann "wie gewohnt" erfolgreich weitergehen wird.

PNE

PNE war bereits 2021 mein GreenTech-Favorit, den ich Energiekontor vorgezogen hatte. Dabei war und ist Energiekontor aus meiner Sicht der am besten positionierte und interessanteste Wert im Sektor. Während Energiekontor stark performt hat in 2021 kam der Kurs von PNE kaum von der Stelle. PNE hat keinen großen Altbestand an Wind.- und Solarparks und daher ging der Aufwertungsboom im Sektor an der Aktie vorbei. Aus meiner Sicht zu Unrecht.

Ich wiederhole meine noch immer bestehende Einschätzung des Vorjahres: "PNE ist kleiner als Energiekontor, hauptsächlich auf Wind ausgerichtet und von einer Übernahme "bedroht". Der Großaktionär Morgan Stanley Infrastructure Partners (ca. 40% Anteil) hat durchgesetzt, dass PNE sein großes Windparportfolio2020 nicht verkauft, sondern in den Eigenbestand übernimmt. Das belastet das Ergebnis, weil nun natürlich die Verkaufserlöse fehlen, so dass PNE im Vergleich teuer bewertet aussieht.

Aber... es steigert den Wert des Unternehmens. Künftig wird ein Tel der neuen Windparks verkauft, der Rest in den Eigenbestand überführt. Wie bei Energiekontor. Die Sperrfrist für MSIP läuft aus, sie können nun einen zweiten Übernahmeversuch starten. Der letzte ging schief, man hat kaum Aktien angedient bekommen, weil man viel zu knauserig war. Unter €12 wird es wohl keinen Erfolg geben bei einem möglichen weiteren Übernahmeversuch durch MSIP; aber ich spekuliere auch gar nicht auf eine Übernahme, sondern ich will lieber selbst an der Wertentwicklung teilhaben. Verglichen mit Energiekontor, Encavis oder ABO Wind ist der Kurs von PNE zuletzt zurückgeblieben. Das sollte sich 2021 auflösen und zusätzliches Potenzial bieten".

Über den Boom bei den GreenTechs lasse ich mich hier nicht nochmal ausführlich aus, auf den Megatrend setzte ich ja schon seit einigen Jahren. Der "Trigger" bei PNE ist, dass Großaktionär MSIP wohl sein Aktienpaket von beinahe 40% versilbern möchte. Das könnte zu einer schnellen Wertanpassung des Aktienkurses führen und PNE stärker ins Blickfeld der Börse rücken. Dies hatte ich kürzlich in meinem Artikel: "Bahnt sich bei PNE ein Übernahmeversuch an?" thematisiert. Alleine deshalb ziehe ich PNE bei meiner Favoritennennung erneut Energiekontor vor, die weiterhin zu den drei größten Positionen meines Depots gehören und auch in 2022 überdurchschnittlich gut performen sollten.

SBF

SBF ist, wie Funkwerk, eine meiner ehemaligen Turnaround-Spekulationen und ebenfalls eines meiner erfolgreichsten Investments überhaupt. Der Turnaround liegt längst hinter SBF und inzwischen ist man wieder voll in der Erfolgs- und Wachstumsspur.

Zu den jüngsten Entwicklungen habe ich mich in meinem Artikel "Good News bei... SBF: Im zweiten Halbjahr nahm der Zug ordentlich Fahrt auf, Prognosen werden erreicht, Übernahmen treiben Wachstum weiter an" geäußert. Ich setze auf den erfolgreichen Abschluss der beiden angekündigten Übernahmen und eine ebenso erfolgreiche Integration wie dies bei der Lunux gelungen ist. Das Zahlenwerk der SBF wird damit auf ein ganz anderes Niveau gehoben und auch die Wahrnehmung der SBF am Kapitalmarkt gründlich verändern.

Übrigens... Großaktionär bei SBF ist die Elber GmbH, die auch 10% an dem Sanierungsexperten Mutares hält.


Mein Nebenwerte-Wiki

Seit 17. Dezember 2020 können Anleger Geld in 'Kissigs Nebenwerte Champions' investieren. Es dürfte nicht verwundern, dass dort meine 2022er Nebenwertefavoriten zu den am höchsten gewichteten Werten gehören. Netfonds fehlt dort allerdings, weil die Aktie bisher bei LuS nicht handelbar und damit nicht für das Wiki investierbar ist. Und Corestate Capital findet sich als Turnaround-Spekulation in meinem neu aufgelegten Wiki "Kissigs Turnaround-Spekulationen". Über die Entwicklung halte ich in meinen monatlichen 'Performance-Updates' auf dem Laufenden.

▶ Infos zu meinen 3 Wikifolios findet ihr hier


P.S.: Funkwerk, Mutares und SBF gehörten übrigens auch schon zu meinen Jahresfavoriten für 2020. Ich stelle interessehalber mal die Rendite der drei Aktien über den Zweijahreszeitraum dar:

Funkwerk
Kurs 31.12.2019: €17,80
Kurs 30.12.2021: €32,60
zzgl. Dividenden: €0,60
Performance 2020-2021: 83,2%

Mutares
Kurs 31.12.2019: €12,42
Kurs 30.12.2021: €22,65
zzgl. Dividenden: €3,50
Performance 2020-2021: 110,6%

SBF
Kurs 31.12.2019: €3,32
Kurs 30.12.2021: €11,30
zzgl. Dividenden: €0,00
Performance 2020-2021: 240,4%

Diese drei Werte legen eines der großen Geheimnisse des Investierens offen: Habe Geduld! Wenn man 'seine Hausaufgaben gemacht hat', wie Peter Lynch es bezeichnet, bedeutet das noch lange nicht, dass die Aktie dann auch sofort entsprechend zulegt. Selbst wenn man total richtig liegt, kann es dauern, bis der Markt dies ebenfalls erkennt und einem in Form von steigenden Aktienkursen zustimmt. Das muss man akzeptieren und darf sich davon nicht aus der Aktie drängen lassen! Wann immer man auf die Kursentwicklung starrt und feststellt, dass sie stagniert oder gar gesunken ist und die "Schietaktie" am liebsten aus dem Depot werfen will, sollte man sich seinen Investmentcase nochmal vornehmen und überprüfen. Überprüfen, indem man die enttäuschende Kursentwicklung ausblendet (also den renditekillenden Ankereffekt eliminiert) und sich das Unternehmen noch einmal vornimmt. Und kommt man zu dem Schluss, dass die Fakten und die Bewertung nach wie vor für das Unternehmen sprechen, sollte man die Aktie im Depot behalten - und sie allenfalls aufstocken, aber nicht verkaufen.

»Versuche nicht, die Märkte zu timen. Fokussiere Dich darauf, was passiert, nicht wann.«
(Warren Buffett)

Wie fast immer hat Warren Buffett diese Erkenntnis prägnant auf eine kurze, treffgenaue Formulierung heruntergebrochen.

Verkaufen sollte man Aktien nur dann, wenn der Investmentcase sich als nicht flugfähig erweist - und das erkennt man nicht am Aktienkurs, sondern an der operativen Entwicklung des Unternehmens. Das gilt nicht nur für Kursschnarcher, sondern auch für Kursraketen. 'Die Kunst, nicht zu verkaufen' muss man dabei ebenso beherrschen wie die Kunst, günstig einzukaufen und die Kunst geduldig durchzuhalten...

In diesem Sinne: erfolgreiche Aktienauswahl und ausreichend Sitzfleisch. ^^

Disclaimer: Habe ABO Wind, Corestate Capital, Dr. Hönle, Energiekontor, Funkwerk, HelloFresh, Hypoport, Mutares, Netfonds, PNE, SBF auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot/Wiki.

7 Kommentare:

  1. wo siehst Mutares gegen Jahresende? durch die hohe Dividende und den Cashbestand sollte der Kurs ja nach unten abgesichert sein und weitere günstige Übernahmen möglich sein

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    1. Moin Stephan,
      Mutares ist diesmal keiner meine Jahresfavoriten, weil ich kein Gespür dafür habe, wie sich der Kurs bis Ende 2022 entwickeln wird. Das Unternehmen sitzt nach der Kapitalerhöhung auf einer Menge Cash und die Möglichkeiten auf der Buy-Side sind groß - durch die Energiepreisproblematik werden sie nochmals größer. Auf der Sell-Side dürfte Mutares ebenfalls mehrfach zum Zuge kommen. Aber... Mutares kauft Sanierungsfälle, die zumeist Verluste schreiben. Diese werden dann saniert, umstrukturiert, ausgebaut, auf Vordermann gebracht. irgendwann laufen sie wieder in die Gewinnzone und reifen dann zum Exitkandidaten heran, den man mit möglichst großem Gewinn verkauft. Dieses Geschäftsmodell findet momentan ideale Bedingungen vor. Damit geht jedoch einher, dass Mutares als Konzern zwar durch die Übernahmen seinen Umsatz steigert, jedoch immer wieder seine profitablen Töchter verkauft, während die jüngeren Töchter Verluste einspielen. Und Mutares dreht inzwischen mit jedem Deal ein größeres Rad als früher, weil man mehr Geld zur Verfügung hat. Das operative Ergebnis im Konzern wird also absehbar leiden und zwar in den nächsten ein, zwei Jahren. Das ist Teil des Geschäftsmodells und das sollte jeder Anleger/Aktionär wissen. Und doch glaube ich, dass die Mutares-Aktie bei Präsentation der Quartalszahlen eher abgestraft werden wird, weil die Geschäftszahlen auf den ersten Blick negativ aussehen (und auch wären, wenn Mutares ein 'normales' Business betreiben würde).

      Meine Überlegung ist also, dass Mutares unterjährig viele Deals verkündet und der Kurs dafür an der Börse auftrieb bekommt, aber bei Vorlage der Quartalszahlen eher abgestraft wird. Da Mutares jetzt auf Shoppingtour geht, wird das 'Problem' für die nächsten 12 oder 18 Monate bestehen, bis neue und größere Töchter die Sanierungsphase hinter sich gelassen haben und operativ ins Plus drehen - was dann auch auf Konzernebene zu besseren operativen Zahlen führt.

      Ich bin also weiterhin sehr positiv eingestellt zu Mutares und glaube, dass das Unternehmen seine erfolgreichste Zeit vor sich hat, aber ich befürchte, dass sich dies im Aktienkurs am 31.12.2022 (noch) nicht unbedingt widerspiegeln wird. Mutares wäre also auf Sicht von zwei Jahren einer meiner Favoriten, aber nicht auf Sicht von einem Jahr. Ich habe Mutares aber entsprechend hoch gewichtet in meinem Depot, da ich ja nicht auf Sicht von 12 Monaten investiere und schon gar nicht bezogen auf einen willkürlichen Stichtag.

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  2. Ich suche schon lange einen Nebenwerte-Fonds. Doch die magere Berichterstattung hielt mich immer ab. Deine sehr ausführlichen Berichte überzeugen mich, in das Wikifolio zu investieren. Danke für Deine akribische Arbeit. Ralf

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    1. Vielen Dank für das Lob und das Vertrauen, Ralf. =)

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  3. Lieber Sirmike, ich bin großer Anhänger Ihrer zurückhaltenden und fundierten Analysen. Können Sie mir bzgl PNE darlegen welche Kurse Sie hier langfristig sehen? Ist PNE eine Aktie, die konservativ für 8-12% gut ist oder sehen Sie hier Luft für einen Verdoppler?

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    1. Der Kurs bei PNE hat sich in den letzten drei Jahren mehr als verdreifacht. Allerdings war 2021 dabei eine Nullnummer, da ging der GreenEnergy-Boom an PNE komplett vorbei, das hatte ich anders erwartet.

      Ich habe kein Kursziel. Ich setze auf Unternehmen, die perspektivisch mehr Umsatz und mehr Gewinn machen, am besten noch mit einer Margenausweitung. Das zu erreichen ist dabei einfacher, wenn sie einen Megatrend bedienen, also generell mehr Geld in den Sektor fließt.

      Alles trifft auf PNE zu; auch wenn zum Jahresstart dem Sektor Geld entzogen wird, da die EU Gas und Atomstrom zu "grünen Energien" deklariert hat und daher einiges Geld zurück in die Gasbranche fließt.

      Die Besonderheit bei PNE ist, dass man die Erfolge nicht so deutlich in der Bilanz sieht. Das wiederum liegt an der wenig erfolgreichen Episode, die erst vor einigen Jahren zu Ende ging. PNE stand damals mit dem Rücken zur Wand und war hoch verschuldet; es bestand am Markt große Sorge, dass PNE die Grätsche machen würde. Der damalige Vorstand verfolgte das Ziel, Windparkprojekte nicht mehr einzeln zu verkaufen, sondern lieber zu sammeln und dann als Gesamtpaket zu verkaufen. Das sollte auch größere Konzerne anlocken und so einen höheren Gesamtverkaufswert generieren.

      Allerdings bedeutet das auch, dass PNE sehr viel Geld in die Projektierung und den Bau der Windparks steckte, ohne dass auf der anderen Seite Geld hereinkam (Verkaufserlöse oder 'Meilensteinzahlungen' von Käufern bereits während der Bauphase). Die bilanziellen Auswirkungen waren sehr negativ, da alles auf dem Vertrauen aufbaute, am Ende einen kolossalen Verkaufserlös einstreichen zu können. Doch in der Zwischenzeit ging der Markt davon aus, dass das Gegenteil passieren würde: dass nämlich die zunehmend angespannte Finanzlage einen Notverkauf erfordern und dem entsprechend einen niedrigeren Verkaufspreis einbringen würde.

      Am Ende gelang der Move und die Allianz kaufte das Portfolio zu einem damals sehr guten Preis. Bilanziell stand PNE danach sehr viel solider dar und begann, das Spiel zu wiederholen ('Windparkportfolio2020'), das aber dann anders verlief, als MSIP 40% an PNE übernahm und den Verkauf stoppte. Die Windparks gingen allesamt in den Eigenbestand. Seitdem fährt man zweigleisig und verkauft rund die Hälfte der Projekte/neuen Windparks, während die andere Hälfte in den Eigenbestand wandert.

      Daher werden auch nicht alle möglichen Gewinne realisiert, denn was in den Eigenbestand wandert, wird ja nicht an Kunden verkauft. Der Gewinn entfällt, dafür fließen über die nächsten 10 oder mehr Jahre die Einnahmen aus der EEG-Vergütung oder dem Stromverkauf (wobei PPAs in den letzten beiden Jahren ja viel attraktiver geworden sind dank der starken Strompreissteigerungen).

      Die Neuausrichtung der Energieversorgung wird ohne Gaskraftwerke nicht funktionieren. Klar ist aber, das Gas nur eine Übergangstechnologie sein wird, denn Gas ist zwar viel sauberer als Kohleverbrennung, aber eben trotzdem nicht sauber (emissionsarm). Daher wird in den nächsten Jahren sehr viel Geld in den GreenEnergy-Sektor fließen. Der Flaschenhals liegt in den Genehmigungen, in den verfügbaren Flächen und den langwierigen Prozessen. Es dauert in der Regel deutlich mehr als 5 Jahre, bis eine Anlage steht (vor der Idee über die Projektierung, Planung, Ausführung bis zur Inbetriebnahme). Die stark gestiegene Nachfrage nach Anlagen prallt also auf das geplante Angebot von 2016 - Fridays for Future hatte da noch keiner auf dem Schirm und Donald Trump war gerade Präsident geworden, die USA "killten" damals das Pariser Abkommen.

      Die Preise (bei der Beschaffung/Herstellung, aber auch beim Verkauf) werden also steigen und damit der Wert der Anlagen. Gleichzeitig ist der Strompreis viel höher als üblich, auch das erhöht den Wert der Anlagen im Bestand und in der Pipeline. Andererseits war 2021 ein Windarmes Jahr, so dass die Windproduktion und damit die Einnahmen hieraus unter den Erwartungen zurückgeblieben sind.

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    2. 2/2

      PNE wird als eigenständiges Unternehmen gute Geschäfte machen und mittelfristig zweistellig wachsen. Dabei wird es aber zu Schwankungen kommen, je nachdem, ob Projekte zum Jahresende noch verkauft werden oder erst im Folgejahr. Eine lineare Entwicklung wird es daher nicht geben, man sollte lieber auf mehrere Jahre blicken.

      Darüber hinaus ist PNE 'im Spiel'. Wenn MSIP seinen 40%-Anteil wirklich veräußern will, ist PNE nicht nur für Investoren interessant, sondern auch für direkte Wettbewerber. Aber auch für Branchengrößen wie Shell oder RWE. Entweder als Ganzes oder mit dem Hintergedanken, sich den Eigenbestand zu sichern und ggf. den Bereich der Projektierung weiterzuverkaufen.

      Da MSIP nur 40% der Aktien hält, müsste ein Erwerber schon einiges auf den Tisch legen, um auch Aktien der übrigen Aktionäre einsammeln zu können. Die Preise, die bei ähnlichen Deals in den letzten anderthalb Jahren auf den Tisch gelegt wurden, lassen da €15 durchaus möglich erscheinen.

      Zu bedenken ist nämlich auch, dass es bei PNE bereits beim Einstieg von MSIP ein Übernahmeangebot gab - zu €4. Und das hat kaum ein freier Aktionär angenommen. Inzwischen sind aber viele Aktionäre an Bord, die ein Übernahmeszenario nicht abschreckt. Ein zu 'geiziges' Angebot wird also keinen Erfolg haben, außer das es den Kurs/Preis hochtreibt und in gewisser Weise den Kurs nach unten absichert. Der potenzieller Übernehmer muss ja davon ausgehen, dass auch die Bestandsaktionäre sehen/wissen, dass die Nachfrage im GreenTech-Sektor stark anzieht und daher die Zeit für die Aktionäre spielt, die bereits an Bord sind.

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