Sonntag, 6. März 2016

Lies Geschäftsberichte, ignoriere Quartalsergebnisse

Es ist Berichtssaison und die Wall Street wird heftig durchgeschüttelt, weil etliche Unternehmen mit ihren Quartalsergebnissen die Erwartungen des Marktes und/oder der Analysten nicht ganz erreichen bzw. teilweise auch recht deutlich verfehlen. Das muss ein schlechtes Zeichen sein, sollte man meinen, und doch sollten gerade langfristig orientierte Value-Anleger sich der Worte Warren Buffetts erinnern und genauer hinsehen.

»Solange unsere Investments in jedem Jahr 15 Prozent zulegen, mache ich mir um Quartalszahlen keine Sorgen.«
(Warren Buffett)

Damit meint das "Orakel von Omaha", dass Quartale zu enge Zeitspannen sind, um die Entwicklung eines Unternehmens exakt zu planen und zu bewerten. Liegen ein paar Feiertage mehr auf Wochentagen in dem Quartal oder verschiebt sich ein größerer Zahlungseingang um wenige Tage, kann dies das Quartalsergebnis beeinflussen, ohne dass es für das Jahresergebnis wirklich Relevanz hätte. Deshalb liest Warren Buffett keine Quartalsberichte, er schwört auf den Geschäftsbericht und den darin mit enthaltenen Lagebericht des Vorstands. Und er geht sogar noch weiter, indem er Anlegern rät, nicht nur auf ein Jahr zu schauen, sondern sich mindestens vier, fünf Jahre vorzunehmen, um ein Gespür für das Unternehmen und seine Geschäfte zu bekommen.

»Nimm eine Jahresbilanz nicht zu ernst. Schau lieber, was über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahre geschieht.«
(Warren Buffett)

Kurseinbrüche nach (schlechten) Quartalsergebnissen sind Kaufgelegenheiten
Die Konsequenz aus diesem Denkansatz ist, dass Kurseinbrüche nach (schlechten) Quartalsergebnissen Kaufgelegenheiten generieren. Denn hat man sich ein Unternehmen ausgesucht, von dessen langfristiger Perspektive man überzeugt ist, dass nachhaltig seine Umsätze und Gewinne steigert und vielleicht noch regelmäßig die Dividende anhebt, dann sollte man genau(er) hinsehen. Ist das schlechte Quartalsergebnis durch ein strukturelles Problem entstanden, sind also große Kunden abgesprungen, die Produkte mangelhaft oder das Management unglaubwürdig geworden, dann kann ein schlechtes Quartalsergebnis der Auftakt zu einer anhaltenden Schwächephase des Unternehmens und des Aktienkurses sein. Wenn aber sich die Kunden "nur" zurückhalten, weil demnächst die Einführung neuer Produkte ansteht, oder weil sich gesetzliche Regelungen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ändern, dann stellt sich ein Kursrutsch oftmals als Übertreibung und folglich als Kaufgelegenheit für beherzte Investoren dar. Allerdings sollte man nicht in jeden Kursrutsch hinein die Aktien kaufen, sondern genau die Unternehmen, die man sowieso auf der Watchlist hatte.

»Große Anlagemöglichkeiten kommen immer dann, wenn hervorragende Unternehmen vorübergehend in schwieriges Fahrwasser geraten und deshalb unterbewertet werden.«
(Waren Buffett)

Kommentare:

  1. Dem Titel würde ich widersprechen, dem eigentlichen Text nicht. Meiner Meinung nach sollte man sich von kurzfristigen Schwankungen nicht verrückt machen lassen, aber gerade wenn man eine eigene Meinung haben will, ist es schon hilfreich auf der Höhe der Zeit zu sein. Ich finde z.B. die Quartals Conference Calls häufig sehr hilfreich. Man erfährt die Meinung des Managements zur Geschäftsentwicklung und bekommt mit welche Fragen die professionellen Analysten stellen. Ein paar Cent rauf oder runter beim Gewinn pro Aktie ist mir hingegen sowas von egal...

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    1. Grundsätzlich geht es um die langfristige Perspektive und da Geschäftsergebnisse eben stichtagsbezogen erhoben werden, kann ein Zahlungseingang einen Tag früher oder später hier schon ziemliche Auswirkungen haben. Bei Jahresergebnissen glättet sich das weitgehend, bei Quartalsergebnissen treten häufiger stärkere Schwankungen auf - obwohl sich am Geschäftsverkauf gar nichts geändert hat und alles in line läuft. Wenn dann bei amerikanischen Werten ein Kurseinbruch erfolgt, nur weil das Unternehmen bei einem Quartalsergebnis die Erwartungen/Prognosen um 1 Cent je Aktie unterschritten hat, ist das ziemlich lächerlich. Darauf sollte man nichts geben. Im Gegenteil: solche Kurskapriolen bieten dann eher Chancen für umsichtige Investoren...

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  2. Ich finde Quartalsberichte sehr hilfreich, wenn man sehen möchte, ob ein Unternehmen auf Kurs und der eigene Investmentgedanke intakt ist. Insbesondere bei Turnaroundüberlegungen kann das sinnvoll sein. Wenn man beispielsweise in VW investiert hat, weil man gedacht hat, dass sich die Probleme schnell erledigt haben werden und man liest in den Quartalszahlen dann, wie verhehrend der Absatzeinbruch in den USA ist, dann kann man sich eingestehen, dass aus einer womöglich gut überlegten Contrarianinvestition eine reine Spekulation geworden ist.

    Auch kann es ja sein, dass ein Unternehmen, in dem man beteiligt ist in einem Quartalsbericht eine bedeutende Abschreibung vornimmt. Wenn das jetzt in Q1 geschieht und man durch die Abschreibung die Unternehmensaussichten neu bewerten müsste, man sich aber prinzipiell nur Jahresberichte durchliest, dann könnte man mitunter mit einem 80prozentigen Kursverlust dastehen, den man einfach hätte vermeiden können.

    Aber ich denke deiner Grundaussage stimmt hier jeder zu. Wenn die grobe Richtung stimmt, sollte man nicht viel Zeit mit Quartalsberichten verbringen. Da sind die - viel ausführlicheren - Darstellungen im Jahresbericht von weitaus höherer Bedeutung. Und wenn man Zeit beim Quartalsberichte lesen spart, kann man mehr davon lesen und erweitert seinen (Analage-)Horizont.

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    1. Auch ich lese Quartalsberichte und zwar aus den Gründen, die Du genannt hast. Es geht aber darum, dass man bei seinen langfristigen Investments die Entscheidung, wann und ob man aussteigt, nicht von einem Quartal abhängig machen sollte. Man sollte nur aussteigen, wenn langfristig Verschlechterungen eingetreten sind, bei den Rahmenbedingungen, beim Absatzmarkt oder im Unternehmen selbst.

      Beispiel VW: Der Abgasskandal wird viel Geld kosten, das Image ist beschädigt, die Absatzzahlen sind gesunken und der Umsatz sowie die gewinne dürften stark unter Druck kommen. Aber... wird diese Momentaufnahme zum Dauerzustand? Wird VW jetzt dauerhaft darunter leiden? Oder wird sich die Marke und die übrigen Konzernmarken davon erholen in ein, zwei, fünf Jahren? Denk mal an die Exxon Valdez-Katastrophe oder an die Deepwater Horizon-Ölpest, an Exxon, an BP. Und schau auf die Aktienkurse, die unmittelbar nach den Unfällen und in den Folgejahren aufgerufen wurden. Damals war man der Meinung, die Unternehmen würden dauerhaft Wettbewerbsnachteile erleiden, weil sich niemand mehr mit solchen Firmen einlassen würde. Dass die Milliardenkosten das Unternehmen vielleicht sogar in die Pleite reißen würde. Naja, ExxonMobil war (lange nach der Exxon Valdez-Katastrophe) viele Jahre lang das wertvollste Unternehmen der Welt. Mit einem Jahresgewinn von 40 Milliarden USD!

      Um mehr Verständnis für das Unternehmen, sein Management und die Entwicklungsschritte zu bekommen, sind Quartalsberichte hervorragend. Um auf ihrer Basis Verkaufsentscheidungen zu treffen, sind sie sehr ungeeignet. Für Kaufentscheidungen ebenso - allerdings können massive Kurseinbrüche aufgrund eines schlechten Quartalsergebnisses für ausgebuffte Schnäppchenjäger eine hervorragende Einstiegsgelegenheit darstellen. Ich habe bisweilen auch auf Quartalsberichte gewartet, um mir die Aktien ggf. günstig schnappen zu können. Bei Blackstone hatte ich dieses "Spiel" hier im Blog ja zwei mal sogar dokumentiert.

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