Sonntag, 23. Juli 2023

Kissigs Kloogschieterei: Die Kunst, nicht zu verkaufen

Das 1. Börsenhalbjahr war sehr erfolgreich, jedenfalls seit der KI-Rallye ab Mitte Mai. NASDAQ und S&P 500 liegen auf Allzeithochniveau und es entsteht der Eindruck, die Börsen würden alle Risiken ignorieren. Folglich mehren sich die Stimmen, die vor einer Korrektur oder gar einem Crash warnen. Zumal wir auf den Herbst zusteuern und September und Oktober statistisch zu den schlechtesten Börsenmonaten gehören. Crash-Propheten haben Hochkonjunktur. Mal wieder. Also schnell alle Aktien verkaufen und 'Gewinne sichern'?

Panikmache vs. Realität: Marc Fabers Crash-Prognosen
Klingt logisch, sofern die Prognosen denn stimmen und eintreffen. Und man später, nach dem Kurseinbruch, auch wieder den Mut hat, in den Markt einzusteigen. Doch spätestens hieran scheitern die meisten Trader und verpassen den folgenden Kursaufschwung. "Tote Aktienbesitzer sind am erfolgreichsten" titelte mal eine große US-Bank, nachdem eine Tochterfiliale in Südamerika jahrzehntelang 'verschollene' Aktiendepots von längst verstorbenen Kunden entdeckte. Diese hatten ihre Aktien zwangsläufig über alle Kriege und Katastrophen hinweg unangetastet gelassen und trotz diverser Pleiten hatten diese 'Zwangs-Buy & Hold-Depots' deutlich besser abgeschnitten als die der lebenden und aktiver handelnden Depotkunden der Bank. Die alte Börsenweisheit 'Time in the Market beats timing the Market' hat sich erneut bewahrheitet.
Sollte man also jetzt verkaufen? Hm… die Profis hatten bis vor wenigen Wochen Unmengen an Geldern auf Zinskonten rumliegen und waren deutlich unterinvestiert in Aktien. Dann starteten die Aktien durch und die Profis stiegen bei steigenden Kursen wieder in den Markt ein – inzwischen haben sie ihre Aktienquote auf rund 70 % hochgefahren. Auch deshalb setzten die Börsen ihren begonnen Höhenflug so lange fort.

Das Märchen vom Herbstcrash

Und das, wo doch die allseits bekannte und jedes Jahr aufs Neue aus der Mottenkiste hervorgekramte Börsenunweisheit lautet: "Sell in may and go away". Blödsinn! Und auch der später angefügte Annex "But remeber to come back in September" macht es nicht richtig. Charlie Munger brachte es in seiner unverblühmten Art mal treffend auf den Punkt: "Wenn man Rosinen mit Schiete mischt, ist es immer noch Schiete".

Auch Ken Fisher hat diesen Börsenmythos schon vor Jahren entzaubert in seinem Buch 'Börsen-Mythen enthüllt für Anleger' und darauf hingewiesen, dass der statistische Herbsteffekt auf einigen wenigen Großereignissen beruhe, nicht auf einem allgemeingültigen Trend.
  • Der 24. Oktober 1929 ging als "Schwarze Donnerstag" in die Geschichte ein und markierte den Beginn des Börsencrashs von 1929 und die sich anschließende Weltwirtschaftskrise, die als "die große Depression" auch zu Hitler und dem 2. Weltkrieg führte.
  • Am 19. Oktober 1987 fiel der Dow Jones Index um 22,6 % - bis heute Tagesrekord, was ihm den Namen "Schwarzer Montag" einbrachte.
  • Die Terroranschläge des 11. September 2001 ('Nine-Eleven') führten zu einer viertägigen Handelsaussetzung der US-Börsen. Unmittelbar nach Wiedereröffnung fiel der Dow Jones Index rund 7 % und in den nächsten Tagen ging es erstmal weiter deutlich bergab.
  • Und am 15. September 2008 erfolgte der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers, nachdem ihr die US-Regierung die Unterstützung verweigerte, wodurch eine bis dahin nicht gekannte globale Finanzklemme und Vertrauenskrise ausgelöst wurde, die gesamten Interbankenmarkt für viele Monate komplett trockenlegte. Dieses Ereignis wird seitdem oft als 'Lehman-Moment' zitiert, wenn mal wieder ein besonders düsteres Szenario heraufbeschworen werden soll. Den positiven Gegenpol bildet der 'Iphone-Moment'...
Diese Crashs fanden alle im September oder Oktober statt und deshalb weisen diese beiden Monate statistisch gesehen die schlechtesten Ergebnisse auf. Doch wie der berühmte Mathematiker Carl Gauß uns mit seiner Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion (auch als Normalverteilungskurve bekannt) lehrte, sollte man bei der Wahrscheinlichkeitsberechnung die Extrempunkte an beiden Seiten weglassen, um zu realistischeren Ergebnissen zu kommen. Und siehe da: lässt man die schlimmsten drei, vier Kurseinbrüche und Haussetage, die die Börsen in den letzten 200 Jahren hingelegt haben weg, dann stehen September und Oktober nicht wesentlich schlechter da als die übrigen Börsenmonate. Ihr schlechter Ruf ist also nur ein 'statistischer Rundungsfehler' und damit ohne wirkliche Relevanz.
"Für Börsenspekulationen ist der Februar einer der gefährlichsten Monate. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Oktober."
(Mark Twain)
Daneben gibt es auch noch einen anderen Aspekt: In früheren Zeiten gab es keine Computer, kein Internet, keine omnipräsenten Nachrichtenströme und die Börsenhändler waren auf Tageszeitungen angewiesen, um an Börsennachrichten zu gelangen. Natürlich konnten sie sich auch Telegramme schicken lassen, aber der 'Newsflow' war doch ein Witz verglichen mit dem heutigen Standard. In diesen Zeiten war es üblich, dass man der Sommerhitze in New York oder London entfloh und sich einige Wochen andernorts entspannte - der Börsenhandel kam quasi zum Erliegen. Passierte in dieser Zeit mit geringen Handelsumsätzen irgendetwas Bewegendes, waren die Kursausschläge dann deutlich extremer aufgrund der fehlenden Liquidität und deshalb stellten viele Händler ihre Wertpapierpositionen glatt, bevor sie in den Sommerurlaub aufbrachen. Und im September, wenn die Temperaturen sich langsam wieder abkühlten, kehrten sie zurück und begannen damit, ihre Positionen wieder auszubauen. Auch das erklärt, weshalb eine früher mal durchaus sinnvolle Börsenregel heute keine Relevanz mehr hat. Oder wie John Maynard Keynes es formulierte: "Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung". Keynes war übrigens nicht nur einer der besten Ökonomen aller Zeiten, sondern auch ein äußerst erfolgreicher Investor.

Finger still halten!

  Zinseszinseffekt über 30 Jahre betrachtet
Statt den Markt zu timen sollten wir uns also lieber einfach totstellen. Lassen wir die Unternehmen in unserem Depot in Ruhe, vertrauen wir deren Management, dass es auch diesmal das Unternehmen erfolgreich durch den nächsten Sturm segelt – das ist schließlich seine Aufgabe. Wir Aktionäre müssen nicht diesen Job machen, sondern unseren eigenen.

"Der Zinseszinseffekt ist das achte Weltwunder. Wer ihn versteht, verdient daran, alle anderen bezahlen ihn."
(Albert Einstein)

Unser Job besteht darin, nur die besten Unternehmen ins Depot zu kaufen und sie dann in Ruhe zu lassen. Charlie Munger weist auch hier den Weg: "Das Wichtigste am Compounding ist, es nicht unnötig zu unterbrechen". Von 'Compounding' haben in Deutschland allerdings nur die wenigsten Menschen schon mal gehört, es ist dank unserer unterentwickelten Aktienkultur und staatliche garantierter Rentenversorgung kein elementarer Teil unseres Denkens. Aber vom Zinseszinseffekt haben manche dann doch schon gehört und Compounding wird genau von diesem angetrieben.
"Beim Investieren geht es zu 10 % darum, großartige Unternehmen zu finden, und zu 90 % darum, sie nicht zu verkaufen. (...) Um einen Multibagger im Portfolio zu bekommen, muss man einen Multibagger im Portfolio halten. Halten kann qualvoll sein. Besonders Gewinner."
Genau so, mit Quality Investing, investiert man auf lange Sicht erfolgreich:  Man behält auch mal Aktien im Depot, die vorübergehend zu hoch bewertet erscheinen, solange ihr Geschäftsmodell weiterhin erfolgreich ist. Nicht der Aktienkurs ist die Messlatte, sondern die langfristige Entwicklung des Business.
"Wenn Sie eine Anlage finden, die das Potenzial hat, sich über einen langen Zeitraum hinweg zu vermehren, besteht eine der schwierigsten Aufgaben darin, geduldig zu sein und Ihre Position so lange zu halten, wie dies aufgrund der voraussichtlichen Rendite und des Risikos gerechtfertigt ist. Anleger lassen sich leicht durch Nachrichten, Emotionen, die Tatsache, dass sie bisher viel Geld verdient haben, oder die Aufregung über eine neue, scheinbar vielversprechendere Idee zum Verkauf bewegen. Wenn Sie sich den Chart eines Wertpapiers ansehen, das seit 20 Jahren nach rechts oben tendiert, denken Sie daran, wie oft sich ein Inhaber davon überzeugen musste, nicht zu verkaufen."
Buy & Hold bedeutet dann buy & earn! Earn, Baby, earn... ツ

Alles Gute für euer Geld!
Michael C. Kissig

5 Kommentare:

  1. Dank für die guten Artikel! Toll!

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  2. Vielen Dank! Wieder mal genau den Punkt getroffen.

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  3. Gut geschrieben und zugleich sehr motivierend. Weiter so!

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  4. Als nächstes hoffentlich ein Börsen Buch,

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  5. Sehr guter Arikel. Gemeinsam mit dem Beitrag zum „Ankereffekt“ ein Muss für jeden Anleger.

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