Freitag, 7. Juli 2023

Leserfrage: "Soll ich nach 30 % Verlust weiter auf das 'Corona-Relikt' BioNTech setzen?"

Blogleserin Isabelle stellte mir eine interessante Frage und ich habe meine Antwort mal in einen Artikel gegossen:

"Ein Relikt aus Corona-Zeiten in meinem Depot ist die BioNTech-Aktie (mit 30 % Verlust). Meine Überlegungen dazu kreisen um diese unterschiedlichen Annahmen: (1.) Erst bei der nächsten Pandemie und einem neuen Impfstoff geht's wieder aufwärts. (2.) Der nächste Kursanstieg erfolgt frühestens mit der Zulassung eines Krebsimpfstoffs, also dauert mindestens noch 3 Jahre. (3.) BioNTech gehört zu den ehemals gehypten Aktien, die jetzt zu Unrecht keiner haben will, das wird sich aber bald ändern. Da du ja auch gerne auf 'ungeliebte' Aktien setzt, interessiert mich deine aktuelle Einschätzung zur weiteren Kursentwicklung der BioNTech-Aktie."

Ich teile Isabelles Einschätzung weitgehend und habe sie mal um meine Überlegungen ergänzt...

Moin Isabelle,
mit BioNTech haste aber echt einen Problemfall ausgegraben. Ich hatte mich mit dem Unternehmen und seinen Aussichten im August 2021 befasst, als der Kurs unter 300 Euro gefallen war. Heute steht er 2/3 tiefer.
Meine damaligen Annahmen waren zu pessimistisch - was die Entwicklung der Corona-Pandemie anging. Die neue Omikron-Variante hat sich als durchsetzungsstark erwiesen und die Sterblichkeitsraten drastisch sinken lassen. Und damit auch das Bedürfnis, sich impfen zu lassen. Gerade hat die FDA die Notzulassung für die 'alten' Versionen vom Comirnaty gestrichen; wer sich damit impfen lässt, muss das selbst bezahlen. Und allerorten wollen die Regierungen ihre Abnahmeverpflichtungen für Impfdosen deutlich reduzieren und/oder zeitlich strecken. Im Herbst wird wohl eine neue Variante des bivalenten Impfstoffs auf den Markt kommen, der dann wieder eine Impfempfehlung bekommen dürfte - aber die große Panik ist halt vorbei.

Dass die Entwicklung so schnell in diese Richtung läuft, das habe ich nicht vermutet vor zwei Jahren. Und damit waren meine Annahmen für BioNTech zu optimistisch. Wie der Kursverlauf zeigt.

Mal ganz ohne Betrachtung des Kurses und der Bewertung: Ich denke, BioNTech ist wohl mit die interessanteste Aktie im Biotech- bzw. Gesundheitssektor. Ich beobachte die immer mal wieder, weil ich ich sie unbedingt wieder in meinem Depot haben will. Aber ich will sie dort auch nicht (zu) lange als 'Dead Money' rumliegen haben. BioNTech hat enorme Produktionskapazitäten aufgebaut, die für jeden Wirkstoff verwendet werden können. Zudem haben sie viele andere mRNA-Therapien in der Mache. Im Grunde kam Corona nur dazwischen. BioNTech ist ein Biotech-Startup, das dank Comirnaty voll durchfinanziert ist und auf einem milliardenschweren Cashberg sitzt. Das Unternehmen dürfte in den nächsten 5 oder 10 Jahren voll durchstarten, wenn die ersten andren Wirkstoffe erfolgreich in die Vermarktung gehen.

Nun zur Bewertung... Das ist die Achillesferse des Investmentcases. Comirnaty ist weiterhin dominant, die Börse rechnet mit einer Umsatz- und Gewinnwarnung wegen der Schwäche beim Corona-Absatz. Die nächsten Zahlen würde ich also auf jeden Fall abwarten, bevor ich eine Investitionsentscheidung treffe. Aktuell wird BioNTech etwa mit dem 2-fachen Umsatz bewertet. Das klingt nicht übermäßig viel, aber die Umsätze dürften erstmal weiter zurückgehen, so dass das KUV für 2024 ff. deutlich zulegt. Ebenso läuft es mit den Gewinnen, die fallen auch jedes Jahr niedriger aus.

Das klingt nicht nach einer tollen Story. Aber... genau hier liegt die Chance. Wenn die (zu) hohen Corona-Erwartungen der Börsianer endlich ausgepreist sind und die Marktreife der ersten neuen Wirkstoffe in greifbare Nähe kommt, dann könnte eine Neubewertung anstehen. Wann das sein wird, kann ich momentan nicht sagen; ich selbst schaue ja mal immer wieder 'drauf' ob es langsam so weit ist. Denn, wie gesagt, BioNTech muss man (irgendwann) einfach im Depot haben. Die wird zu einer neuen AMGEN oder BIOGEN. Gerade auch, weil man dieses fette Cashpolster hat und nicht auf andere angewiesen ist. Zurzeit engagiere ich mich aber noch nicht...

Disclaimer: Habe BioNTech auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

9 Kommentare:

  1. Man beherrscht eine Schlüsseltechnologie der Zukunft
    Zusammen mit Moderna
    Man kauft die nicht (mehr) wegen Corona - sondern wegen des KnowHow und der Patente und der Pipeline
    Biotech ist immer eines der schwierigsten Felder, hat immer viel Risiko
    Wer Sicherheit will, kauft Big Pharma, zB Roche

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  2. Man muss bedenken, dass teilweise bis zu 90% aller Entwicklungen in der Pharma-Branche scheitern. BioNtech hat relativ wenig Phase-III Entwicklungen in der Pipeline. Es reiht sich damit ein, in hunderte, wenn nicht gar tausende andere kleine bis mittlere Biotech-Unternehmen.
    Ohne Corona, wäre BioNtech ein kaum bekannter Nischenplayer.
    Wie die Technologielandschaft in 10 Jahren aussieht, lässt sich außerdem kaum prognostizieren, von daher halte ich BioNtech als Investment für hoch spekulativ. Ob der mRNA-Ansatz bis dahin noch das Maß aller Dinge ist, kann man heute nicht vorhersagen. Das einzige, was BioNtech von anderen kleineren Konkurrenten unterscheidet, ist die durch den Impfstoff bedingte volle "Kriegskasse", wobei das durch die hohe Marktkapitalisierung aus Anlegersicht wieder relativiert wird. Hohe Cash-Reserven für Zukäufe haben auch die genannten AMGENs und BIOGENs dieser Welt und selbst die schaffen es durch Zukäufe auch nicht, zweistellige Wachstumsraten zu generieren. Interessant und ähnlich spekulativ, nur um ein Beipsiel zu nennen, ist auch die Crispr-Technologie, auch KI spielt in der Pharmaentwicklung eine immer größere Rolle. Daneben spielt Moderna mindestens in der gleichen Liga wie BioNtech mit dem entscheidenden Vorteil, in den USA ansässig zu sein. Daher teile ich die Einschätzung nicht, dass BioNtech die "interessanteste Aktie" in diesem Sektor ist. BB Biotech, dessen Management eine deutlich größere Expertise aufweist, als wir Laien, ist übrigens nicht in BioNtech, sondern in Moderna investiert, was nicht zwangsläufig etwas heißen muss, aber zumindest zu denken geben sollte.

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  3. Ob Biontech zu einer neuen Amgen oder Biogen wird, steht letztendlich ja in den Sternen. Kann niemand wissen und vorhersehen. Krebstherapien und MRNA sind sehr komplex. Ob und wann es da das nächste große Ding geben wird, ist nicht zu sagen. Wenn MRNA Krepstherapien die großen Hoffnungen erfüllen können, hat Biontech natürlich beste Voraussetzungen vorne mitzumischen und ordentlich Geld zu verdienen. Aber aktuell darauf wetten würde ich noch nicht. Wie Michael schreibt, mal auf die nächsten Zahlen und die nächsten Jahre warten. Sollte Biontech tatsächlich bei einer Krebstherapie einen Durchbruch erzielen, kann man dann immer noch einsteigen. Der Gewinn, den es dann mit sich bringt, wird nicht an einem Kurstag erzielt:)

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  4. Ich finde biontech auch interessant. Sie sind einer von vielen ("kleineren bzw. Neulingen), aber die haben Kohle und Wissensvorsprung. Dennoch glaube ich nicht daran, dass eine Aktie wie Amgen oder dergleichen werden. Vielmehr bin ich mir sicher, dass sie in den nächsten Jahren übernommen werden. Das kann auch gut Rendite bringen, aber ich behaupte mal, nicht groß über den ATHs.

    Alles Glaskugel, auf die Übernahme würde ich aber wetten...
    😜

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  5. Evotec ist hier die bessere Wahl.
    Dort hängt man nicht am Pipelinefortschritt und der Suche nach dem nächsten tollen Wirkstoff, sondern ist Forschungsdienstleister für Dritte und wird nach Arbeitseinsatz bezahlt. Nimmt also das Risiko raus.
    Gleichzeitig gibt es in einem weiteren Segment trotzdem die Pipeline-Phantasie mit der verpartnerten Pipeline und hier sind über 120 Projekte in der Forschung.
    Dagegen hat Biontech keine Chance.
    Zudem ist man am Equity Markt tätig und beteiligt auch früh an Start-Ups mit interessanten Projekten und Forschungmethoden, außerdem bietet man nun auch Produktionskapazitäten für Dritte weltweit in den JPODS an und lizenziert die eigene Software und Plattformen für Dritte gegen regelmäßige Gebühren...
    Evotec ist ein Plattform-Unternehmen und es hat noch niemand gemerkt.
    Biontech mit seiner klassischen Pipeline ist da im Vergleich chancenlos.

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    1. Deine positive Einschätzung zu Evotec teile ich und habe auch eine Position im Depot. Ich hoffe, dass die irgendwann mal richtig durchstarten und ihr - unbestrittenes - Potenzial wirklich entfalten. Und die Aktie dann auch (wieder)...

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  6. Sehe ich genauso. In Evotec bin ich investiert, bei Biontech nicht. Sehe bei Evotec enormes Potential, sehr gutes Management, schon jetzt breit aufgestellt. Man könnte fast sagen, so etwas wie der Schaufelhersteller für den Pharma- und Biotechbereich;)

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  7. BioNTechs Potential ist längst ausgeschöpft und noch immer überbewertet, Evotec oder Moderna sind angesagt. Die Karawane zieht weiter, nachdem einige Großaktionäre aus der bislang erfolglosen (immer nur "Entwicklungen in der Pipeline", über ein Jahrzehnt defizitären, praktisch ruinösen) Mainzer Klitsche Milliarden Förder- und Steuergelder der EU und hysterischer Länder abgezockt haben. Nun kommen die Zulassungslügen, Vertuschungen, "Neben"- und Folgewirkungen der modRNA-Technologie ans Tageslicht, das sieht für BioNTech gar nicht gut aus. Eine Verlagerung (England) oder Übernahme zeichnet sich am Horizont ab.

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