Mittwoch, 1. Januar 2020

2020 wird unbeständig, launisch, wechselhaft, aber nicht unbedingt auch unergiebig

Nach meinem Rückblick "2019 im Rückspiegel: Wie der Januar so das Jahr. (M)eine Rekordjagd, trotz Wirecard-Fiasko" wage ich nun einen Ausblick auf die nächsten 12 Monate und dabei werde ich euch auch meine Aktienfavoriten für 2020 vorstellen.

Nachdem die Bären die Börsen Ende 2018 fest im Griff hatten, haben im Schlussquartal 2019 nochmals die Bullen die Zügel in die Hand genommen und so die Börsen auf neue Rekordhöhen geführt: der DAX legte sein bestes Jahr hin seit 2012 und der S&P 500 sein sechst bestes seit 1928. Nach derartigen Steigerungen ist es nur natürlich, dass viele Anleger mit mulmigen Gefühlen auf das neue Jahr 2020 blicken und befürchten, dass es kaum etwas zu verdienen geben wird an den Börsen oder gar größeres Ungemach droht. Verständlich ist diese Furcht, aber auch richtig?

Mark Twain meinte einmal süffisant, Prognosen seien besonders dann schwierig, wenn sie die Zukunft beträfen. Und damit hat er vollkommen recht, denn je weiter wir in die Zukunft blicken, desto unschärfer wird unser Blick und damit auch unsere Prognose. Wir kennen das aus der Geometrie, wenn man nur eine kleine Gradabweichung bei einem Winkel hat, fällt dies am Anfang kaum auf aber je weiter man sich vom Startpunkt aus befindet, umso größer wird die Abweichung. Daher neigen wir dazu, einfach die aktuelle Situation in die nähere Zukunft fortzuschreiben. Und das ist auch gar nicht so verkehrt, denn nur weil eine fiktive Zäsur stattfindet, in diesem Fall der Jahreswechsel, ändern sich nichts an den Gegebenheiten und Rahmenbedingungen. Doch auch diese sind ja nicht in Stein gemeißelt, sondern verändern sich mit der Zeit. Daher bleibt der Blick in die Zukunft eher vage - und dennoch will ich ihn versuchen, weniger mit treffsicheren Prognosen, als vielmehr mit dem ausloten von Wahrscheinlichkeiten - und daraus gezogenen Rückschlüssen.
»Risiko ist die Bugwelle des Erfolgs.«
(Carl Amery)
Chance und Risiko sind die beiden Kehrseiten derselben Medaille, die eine ist ohne das andere nicht zu bekommen. Der Preis für das Risiko ist der Zins - nur gibt es kaum noch Zinsen, weshalb es aber immer noch Risiken gibt. Da die Niedrigzinsphase schon einige Jahre andauert, konnten wir auch Erfahrungen sammeln. Mehrere starke Kurseinbrüche an den Börsen hielten zumeist nur einige Wochen an, bevor das Geld zurück in den Markt drängte. "Alternativlosigkeit" nennt man das, denn seit Jahren ist mit Zinsanlagen kaum Geld zu verdienen und abgesehen von Immobilien bringen nur Aktien auskömmliche Renditen.

Nachdem die US-Notenbank die Zinsen mehrfach angehoben hatte, folgte in 2019 der erneute Umschwung und es gab mehrere Zinssenkungen. Die FED hat darüber hinaus angekündigt, die Zinsen in 2020 auf den niedrigen Niveau stabil halten zu wollen, kauft aber seit einigen Monaten wieder Anleihen auf ("Quantitative Easing") und weitet so die Geldmenge zusätzlich aus, während die Inflation kaum eine Rolle spielt.

Sind Aktien überbewertet?

Wenn man sich die inzwischen erreichten Bewertungsniveaus der Aktien anschaut, dann liegen diese deutlich über den langjährigen Durchschnittswerten. Und daher argumentieren viele Marktbeobachter schon länger, Aktien seien überbewertet und es müsste daher eine deutliche Korrektur oder gar ein Crash vor der Tür stehen.

In der Praxis sieht die Sache anders aus, denn die Aktienkurse steigen einfach weiter. Es stellt sich also die Frage, ob die Märkte hier eine immer größere Blase aufpumpen, oder ob es durchaus Gründe gibt, die das erhöhte Bewertungsniveau rechtfertigen. Ich meine, historisch sind Aktien überbewertet, relativ betrachtet aber nicht. Und mit relativ meine ich im Vergleich zu ihren Alternativen, den Opportunitäten. Sparkonten bringen keine Zinsen, bisweilen muss man für Bankguthaben bereits Negativzinsen an die Bank zahlen. Anleihen werfen auch kaum etwas ab, außer für diejenigen, die börsennotierte Anleihen schon länger im Depot haben und die dank fallenden Zinsen aufgelaufenen Kursgewinne realisieren. Aber wohin dann mit dem Geld? Verkauft man eine 5-Prozent-Anleihe mit ordentlichem Kursgewinn, verliert man dabei auch den 5-Prozent-Kupon und kann das Geld jetzt nur noch für 0,1 Prozent anlegen. Oder woanders. In Immobilien oder in Aktien.

Die niedrigen Zinsen senken nicht nur die Finanzierungskosten der Unternehmen, wenn sie ihre alten Kredite umschulden oder neue Verbindlichkeiten aufnehmen, sondern sie wirken auf die Bewertung der Unternehmen. Denn wer ein Discounted-Cashflow-Modell bemüht, bezieht hier einen Abzinsungsfaktor mit ein und je niedriger die langfristigen Zinsen sind, desto weniger muss man von den künftigen Gewinnen abziehen, wenn man sie in die Gegenwart zurückrechnet. Bedeutet: wenn die Zinsen sinken, steigt der Wert der Gewinne in der Zukunft und damit der Wert der kumulierten Cashflows des Unternehmen heute - und damit sein Wert.

Anlagenotstand und andere Einflussfaktoren

Wir haben also dauerhaft niedrige Zinsen, während die Unternehmen immer mehr eigene Aktien zurückkaufen und somit das Ergebnis je Aktie senken. Des Weiteren machen die meisten Unternehmen weiterhin schöne Gewinne, auch wenn diese in 2019 zurückgegangen sind. Die Aussicht auf eine Entspannung im US-China-Handelskrieg und die Rücknahme verhängter Strafzölle dürfte der globalen Konjunktur positive Impulse geben im Jahresverlauf und das Anrollen der E-Modell so vieler Automobilhersteller wird die Zurückhaltung der Kunden beim Neuwagenkauf perspektivisch abbauen, so dass die Branche in 2020 gute Chancen hat, ihre Talsohle zu durchschreiten. Hiervon dürfte vor allem Deutschland profitieren, denn Maschinenbau und Automobilsektor, unsere führenden Export-Branchen, befinden sich seit Monaten in einer partiellen Rezession, während der Rest der Wirtschaft kaum negative Auswirkungen spürt.

In den USA brummt die Konjunktur und die Arbeitslosenzahlen liegen auf dem niedrigsten Stand seit 50 Jahren, während das durchschnittliche Haushaltseinkommen auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren rangiert. Da die Amerikaner ihre Altersvorsorge selbst organisieren müssen und es keine gesetzliche staatliche Rente gibt wie bei uns, fließt deren Geld in Investment-Sparverträge und damit überwiegend in Aktien. Die gute Wirtschaftslage sorgt dafür dass mehr Leute Sparverträge abschließen und mehr Geld in diese fließt, was die Nachfrage nach Aktien anheizt. An der Börse stößt diese steigende Nachfrage auf die Aktienrückkäufe der Unternehmen, die ebenfalls auf Rekordniveau liegen, und dann werfen die anderen Anlageformen kaum Rendite ab, so dass auch "freie" Mittel den Weg an die Börse finden. Ich nenne diese Gemengelage einen Anlagenotstand. Und solange dieser anhält, wird jeder Börsenrutsch relativ schnell mit Geld aufgehalten.
»Nicht die Unternehmensgewinne beeinflussen den Gesamtmarkt, es sind die Notenbanken. Und deshalb konzentriere ich mich auf die Zentralbanken und auf die Entwicklung der Liquidität, während die meisten Leute auf die Gewinne und konventionelle Kennzahlen blicken. Aber es ist die Liquidität, die die Märkte bewegt.«
(Stanley Druckenmiller)
Natürlich könnte ich auch noch Statistiken heranziehen, nach denen es in einem US-Wahljahr eine Börsenparty gibt - bis zum Tag der Wahl. Und dass das anschließende Jahr dann eher Katerstimmung verursacht. Aber auf solche Statistiken gebe ich nicht allzu viel. 2016 war ein Wahljahr und der Januar war katastrophal - der stark gesunkene Ölpreis hatte die Börsen tief ins Minus gedrückt. Und 2017, das Jahr nach Trumps Wahl? Rekordverdächtig gut gelaufen. Also, haken wir diese Statistik ab. Zumal sie jeder kennt und wenn sich alle danach richten und sich entsprechend positionieren, passiert sowieso genau das Gegenteil.

In der EU wird das bestimmende Thema anfangs der Brexit sein und später dann der neue Kurs der EU-Kommission. Und natürlich die Verhandlungen der EU mit den USA über Wirtschaftsfragen, denn Trumps Blick wird sich von China Richtung Europa richten...

The trend is your friend

Bereits vor einem Jahr schrieb ich, dass ich entlang der vorherrschenden Megatrends investieren werde. Und das gilt auch für 2020. Die Megatrends bieten Investoren gute Chancen , wenn sie auf die Unternehmen setzen, die von ihnen profitieren und diese dann zu einem vernünftigen Preis einkaufen.

Einige wesentliche Megatrends sind die wachsende Bedeutung der Cyber-Security, der Ausbau der Netzinfrastruktur (Glasfaser und 5G) und des Internet of Things, die Abkehr weg vom Bargeld hin zu Online- und Mobile-Payment-Lösungen, die Verlagerung in die Cloud, SaaS (Software as a Service), Plattformen, E-Mobilität, autonomes Fahren, regenerative Energien, Gesundheit und Life Balance.

▶ Meine Quality Investment-Favoriten für 2020

Quality Investing bedeutet, herausragend Unternehmen mit exzellenter Marktstellung, steigenden Cashflows und Gewinnen zu einem vernünftigen Preis einzukaufen. Und auch in 2020 werde ich entlang der vorherrschenden Megatrends investieren, denn hier bieten sich Investoren besonders gute Chancen, von lang anhaltenden Entwicklungen zu profitieren.

▶ Meine Nebenwertefavoriten für 2020

Ich investiere ja gerne in (überwiegend deutsche) Nebenwerte, weil hier die einen Überperformance erzielbar ist ggü. den Blue Chips. Das zeigt sich auch an der langfristigen Performance von SDAX und MDAX, die den DAX meilenweit abhängen.Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass alle heutigen DAX-Werte mal als kleine Unternehmen angefangen haben und es ihre herausragende Entwicklung war, die sie erst zu DAX-Werten heranwachsen ließ. Es lohnt sich daher, auf die erfolgreichsten Unternehmen von morgen zu setzen und mit meinen 2020er Nebenwertefavoriten versuche ich genau das...

▶ Meine Turnaround-Favoriten für 2020

Auch bei den Sondersituationen gibt es vier besonders aussichtsreiche Kandidaten. Bei den drei deutschen Nebenwerten ist ggf. unbedingt darauf zu achten, dass es sich um hoch spekulative Werte handelt, die darüber hinaus mit niedrigen Börsenumsätzen aufwarten, was zu teilweise hohen Spreads führt. Also bitte mit Limits ordern und mit der nötigen Geduld...

Ich wünsche allen Lesern meines Blogs einen guten Start in ein erfolgreiches Jahr 2020. Möge niemand von uns weniger Rendite einfahren, als er (oder sie) verdient...ツ

Disclaimer
Die genannten Werte befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.


Bisherige Jahresausblicke:

Kommentare:

  1. Hallo Michael und ein erfolgreiches Neues Jahr 2020!
    Letztes Jahr hattest Du als Quality Investment-Favoriten u.a. folgende Aktien genannt:
    > Adobe
    > High-Tech Stock Picking-Wiki
    > PayPal

    Siehst Du diese drei ein Jahr später immer noch als Quality Aktien an?

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    1. Eindeutig ja. Adobe und PayPal halte ich weiter für aussichtsreich und erwarte auch in 2020 eine gute Performance; bei Adobe hat der Kurs zuletzt aber einiges vorweggenommen und bei PayPal schätze ich MasterCard noch besser/attraktiver positioniert ein.

      Das High-Tech Stock Picking-Wiki bleibt weiter eine attraktive Depot-Beimischung, weil Stefan Waldhauser sich (ja wieder) auf Nischenanbieter konzentriert mit hohen Wachstumsraten und einer herausragenden Marktstellung. In 2020 sehe ich allerdings deutsche Nebenwerte und die US-Cash-Horts vorne, daher ist das Wiki keiner meiner "Favoriten" für 2020 - obwohl ich eine positive Performance erwarte. Aber nicht alle aussichtsreichen Aktien können ja auch Favoriten sein... ;-)

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  2. Der "Fear & Greed" Index zeigt derzeit ja extreme Werte an. Wäre dies nicht ein guter Grund, eine starke Korrektur am Aktien Markt zu erwarten?

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    1. Nicht unbedingt. Anfang Dezember gab es ein paar Tage mit leicht rückläufigen Kursen, da sackte der Fear & Greed-Index gleich mal um 30% ab, ohne dass es zu einem Ausverkauf oder einer Panik an der Börse gekommen ist. Für mich ist der Index ein Hinweisschild, die Marktstimmung genauer im Blick zu haben. Da ich aber weiterhin sehr viele negative und kritische Kommentare zur Wirtschaft und Börsen lese, liegt meiner Einschätzung nach keine Euphorie vor, die dann ein echtes Alarmzeichen wäre.

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  3. Hallo,
    mir ist es schier unbegreiflich,dass man ein so großes Depot mit ca. 60-80 Werten ernsthaft beobachten und im Blick haben kann. Der Informationsaufwand muss gigantisch sein. Dennoch mein Kompliment, denn die Ergebnisse können sich sehen lassen.
    Für mich persönlich bin ich weitaus mehr fokussiert (nur 5-10 Werte) die ich sehr gut kenne und genauestens beobachte und über lange Zeit halte, weil ich von denen überzeugt bin.
    Wenn ich Trading-Gelüste habe, dann handele ich ebendiese Werte kurzfristig in einem anderen Depot.
    Der Vorteil: die due-diligence für die Trading-Werte brauch ich nicht, weil die bereits für das Investment-Depot gemacht wurde.

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    1. Meine Beobachtungsliste ist nicht deckungsleich mit meinem Depot, sondern es ist die Liste der Werte, die ich hier im Blog vorgestellt und mal für aussichtsreich erachtet habe. Und eine ganze Reiche von denen habe ich auch im Depot, das aber selten mehr als 25 oder 30 Werte umfasst (als ich noch mein separates Dividendendepot mit den BDCs gespeist hatte, waren es noch 5 oder 6 mehr).

      Und man darf auch nicht vergessen, dass man sich um Quality Investments wie Amazon, Alphabet, Adobe, MasterCard, Microsoft usw. nicht oft kümmern muss, die bleiben von alleine in der Spur. Da muss man nur Headlines und allenfalls die Artikel mal quer lesen, um zu sehen, ob da irgendwelche Warnlampen angehen, so dass man sich um irgendwas kümmern muss (ungeplante Entwicklungen, neue Herausforderungen, neue Gesetze, politische Einflüsse, Fehlentscheidungen/- entwicklungen). Bei den Nebenwerten muss man da schon genauer am Ball bleiben...

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