Montag, 12. Januar 2026

Kissigs Nebenwerte-Analyse zu Hensoldt: Verteidigung spielt nicht mehr nur defensiv

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Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 01/2026 vom 08.01.2026

Aktien in dieser Ausgabe: Dürr, Ernst Russ, Hensoldt

Hensoldt: Verteidigung spielt längst nicht mehr nur defensiv

Die sicherheitspolitische "Zeitenwende" hat Europa nachhaltig erschüttert. Deutschland und seine europäischen NATO-Partner stehen vor der Notwendigkeit eines grundlegenden Umdenkens. Auf dem Ukraine-Krieg liegt der Fokus der Aufmerksamkeit, doch "ReArm Europe" ist weit mehr als eine Modeerscheinung: es ist überlebensnotwenig angesichts einer sich immer weiter verschärfenden Sicherheitslage.

Eine erschreckende Erkenntnis ist, dass die USA unter Trump nicht mehr Partner und schon gar nicht Sicherheitsgarant für West- und Mitteleuropa sind, sondern ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten agieren und dabei nur noch auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Für Europa stecken hierin enorme Risiken, aber auch Chancen. Denn durch den Druck, den Zwang zum Handeln, können die verkrusteten Strukturen aufgebrochen und modernisiert werden.

NATO-Erweiterung und neue sicherheitspolitische Realitäten

Als Reaktion auf diese Bedrohungslage haben die bislang bündnisneutralen Staaten Finnland und Schweden den Beitritt zur NATO vollzogen. Das westliche Verteidigungsbündnis ist damit auf 32 Mitgliedsstaaten angewachsen – ein klares Signal geopolitischer Neuorientierung in Nordeuropa.

Innerhalb der NATO gilt die Verpflichtung, mindestens 2% des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aufzuwenden. Viele Mitgliedsstaaten verfehlen dieses Ziel seit Jahren. Die USA tragen mit Verteidigungsausgaben von rund 3,5% des BIP etwa die Hälfte der gesamten NATO-Ausgaben. Polen investiert mit 3,9% sogar anteilig noch mehr – ein Spiegel seiner exponierten geografischen Lage und historischen Erfahrungen als Durchmarschgebiet fremder Armeen.

Deutschland hingegen ist durch die NATO-Osterweiterung vom Frontstaat zu einem von Verbündeten umgebenen Land geworden und hat seine militärischen Kapazitäten stark reduziert. Der Verteidigungshaushalt entsprach zuletzt nur rund 1,6 % des BIP und während die Bundeswehr 1989 noch über nahezu 500.000 Soldaten verfügte, liegt die heutige Personalstärke bei rund 182.000 – inklusive Sanitäts- und Servicepersonal – bei deutlich höherer Bevölkerungszahl.

Bundeswehr vor der grundlegenden Neuaufstellung

Die Bundeswehr steht vor einer umfassenden strukturellen und organisatorischen Reform. Verteidigungsminister Pistorius hat hierfür konkrete Pläne vorgelegt. Ziel ist eine Verschlankung der Strukturen, eine Steigerung der Effizienz sowie eine deutliche Erhöhung der Einsatz- und Schlagkraft. Das neue Wehrpflichtmodell wurde soeben vom Bundestag verabschiedet, ob und wie sehr es Erfolg bringen wird, bleibt abzuwarten.

Klar ist jedenfalls, dass die Bundeswehr wieder kriegs- und zukunftstauglich werden muss – auch im Bereich Cyberkrieg. Dafür braucht es hochqualifiziertes Personal und moderne Ausrüstung. Der Investitionsbedarf ist erheblich, da ein relevanter Teil des vorhandenen Geräts nur eingeschränkt einsatzfähig ist. Zudem wurde im Bundeshaushalt ein "Sondervermögen" aufgelegt, um dringend benötigte Militärausgaben im Volumen von rund 100 Mrd. Euro freigeben zu können. Und die Auftragsvergabe sprudelt seit einigen Wochen nur so und füllt die Bücher der deutschen Rüstungsschmieden.

Am besten gerüstet für die sicherheitspolitische "Zeitenwende" ist Deutschlands Rüstungschampion Rheinmetall und Kooperationspartner KNDS, der wohl in 2026 an die Börse streben wird. Aber auch in der zweiten Reihe hat Deutschland so einige Wehrtechnikperlen zu bieten, wie die Hensoldt AG.

Hensoldt: Vom Airbus-Ableger zum Verteidigungsspezialisten

Hensoldt zählt trotz seiner vergleichsweise jungen Unternehmensgeschichte zu den zentralen Zulieferern der europäischen Verteidigungs- sowie Luft- und Raumfahrtindustrie. Die Wurzeln liegen in der ehemaligen Rüstungselektroniksparte von Airbus, die 2017 vom Finanzinvestor KKR übernommen wurde. Nach einer umfassenden Restrukturierung firmiert der Konzern seitdem unter dem Namen Hensoldt.

Wachstum durch gezielte Akquisitionen

Der stark fragmentierte europäische Rüstungsmarkt bietet zahlreiche Konsolidierungsmöglichkeiten, die Hensoldt aktiv nutzt. Zu den Akquisitionen zählen unter anderem Euroavionics, Kelvin Hughes, Nexeya, PentaTec sowie Unternehmen in Großbritannien, Frankreich, Südafrika und im asiatisch-pazifischen Raum. Mit der Übernahme der ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH im April stärkte Hensoldt insbesondere seine Design- und Systemintegrationskompetenz und positioniert sich als nationaler Champion der Verteidigungselektronik.

Börsengang und Aktionärsstruktur

Im Zuge des Börsengangs im September 2020 sicherte sich der deutsche Staat aus strategischen Gründen 25,1% der Anteile und anschließend erwarb der italienische Rüstungskonzern Leonardo ebenfalls 25,1%. Die Italiener ließen sich allerdings später bei einer Kapitalmaßnahme etwas verwässern, so dass ihr Anteil auf 22,8% sank. KKR ist inzwischen vollständig ausgestiegen.

Sicherheitstechnologie als Kernkompetenz

Hensoldt entwickelt Sensorlösungen für militärische und zivile Sicherheitsanwendungen und baut sein Cyber-Portfolio kontinuierlich aus. Das Unternehmen ist in vier Segmente gegliedert und deckt damit sicherheitsrelevante Anwendungen in Luft, Land und See ab:
  1. 1. Radar & Naval Solutions,
  2. 2. Spectrum Dominance & Airborne Solutions,
  3. 3. Customer Services,
  4. 4. Optronics.
Die Produktpalette reicht von modernen Radarsystemen über optronische Geräte wie Wärmebild- und Nachtsichttechnik bis hin zu Avionik, elektronischer Kampfführung und Selbstschutzsystemen für Luftfahrzeuge und Fahrzeuge.

Starkes Geschäftsjahr und noch stärkere Perspektiven

Die Hensoldt-Gruppe hat in den ersten neun Monaten 2025 ihren Wachstumskurs fortgesetzt. Die kontinuierlich steigenden Investitionen Deutschlands und weiterer europäischer Länder in ihre Verteidigungsfähigkeit führten zu einem deutlichen Anstieg von Auftragseingang und Umsatz.

Der Auftragseingang übertraf in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres mit einem Volumen von 2,017 Mrd. Euro erneut den Vorjahreszeitraum (1,856 Mrd. Euro) und auch die Umsatzerlöse legten deutlich auf 1,536 Mrd. EUR zu (Vorjahr: 1,377 Mrd. Euro). Beide Segmente - Sensors und Optronics - trugen zu dieser positiven Entwicklung bei. Gleichzeitig ging der Anteil des Geschäfts mit geringem Wertschöpfungsanteil gegenüber dem Vorjahr weiter zurück.

Das bereinigte operative Ergebnis (EBITDA) entwickelte sich in den ersten neun Monaten 2025 ebenfalls positiv und lag bei 211 Mio. Euro (Vorjahr: 187 Mio. Euro). Die bereinigte EBITDA-Marge verbesserte sich leicht auf 13,7% (Vorjahr: 13,6%). Die Effekte der Anlaufphase des neuen Logistikzentrums haben sich weiter abgeschwächt.

CEO Oliver Dörre kommentierte: "Die Verteidigungsinvestitionen in Deutschland und Europa gewinnen weiter an Dynamik und die Zeitenwende 2.0 beginnt, sich konkret auszuwirken. Das spüren wir nicht nur in unseren Auftragsbüchern sondern auch zunehmend in unseren Werken."

Im Segment Sensors wurde der Auftragseingang während der ersten neun Monate 2025 insbesondere durch Vertragserweiterungen für Eurofighter Mk1-Radare sowie durch weitere Aufträge für TRML-4D- und Spexer-Radare getrieben. Der Umsatz legte um 9,3% zu. Im Segment Optronics resultiert der solide Auftragseingang vor allem aus der Nachrüstung optronischer Systeme für U-Boote der Klasse U212A sowie aus weiteren Optroniksystemen in der Produktlinie Ground-Based Systems (GBS). Der Umsatz konnte gegenüber dem Vorjahreszeitraum sehr deutlich um 27,5% gesteigert werden. Dies ist in erster Linie auf die positive Entwicklung in der Produktlinie GBS sowie im Servicegeschäft der deutschen Gesellschaft zurückzuführen. Beiden Segmenten gemein ist ein gesteigertes bereinigtes EBITDA, hauptsächlich aufgrund des jeweils erhöhten Umsatzvolumens.

Ausblick für das Geschäftsjahr 2025 konkretisiert

Für das Geschäftsjahr 2025 erwartet Hensoldt eine anhaltend positive Geschäftsentwicklung und hat vor einigen Wochen seine Prognose auf Grundlage jüngster und absehbarer Auftragseingänge für mehrere Kennzahlen angepasst. Konkret rechnet das Unternehmen nun mit einem Book-to-Bill-Verhältnis von 1,6x bis 1,9x, während die bisherige Erwartung 1,2x betrug. Zudem wurde der erwartete Umsatz auf circa 2,5 Mrd. Euro (zuvor: Bandbreite 2,5 bis 2,6 Mrd Euro) und die bereinigte EBITDA-Marge auf 18% oder höher (zuvor: circa 18%) konkretisiert. Die mittelfristige Prognose und die Umsatzambition für das Jahr 2030 bestätigt Hensoldt hingegen.

Der Mitte November veranstaltete Kapitalmarkttag 2025 stand unter dem Titel "Delivering North Star - A new era for our business". Im Mittelpunkt steht die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens von einem führenden Hersteller von Verteidigungselektronik hin zu einem integrierten Anbieter von Multi-Domain-Solutions, der intelligente Sensorik, softwarebasierte Systeme und industrielle Skalierung vereint.

CEO Oliver Dörre erklärte: "Der Markt für Verteidigungslösungen entwickelt sich derzeit äußerst dynamisch. Deutschland und weitere europäische Staaten beschleunigen ihre Beschaffungen massiv. Unsere Pipeline zeigt deutlich, dass die bereitgestellten Mittel bereits wirksam eingesetzt werden. Für Hensoldt eröffnet dies große Wachstumschancen, aber auch ein hohes Maß an Verantwortung. Unsere Kunden erwarten, dass wir kurzfristig Verteidigungs- und Einsatzbereitschaft sicherstellen und mittelfristig die Fähigkeiten von morgen entwickeln. Mit dem bereits eingeleiteten Ausbau unserer Produktionskapazitäten und der beschleunigten Entwicklung unserer neuen MDOcore-Architektur leisten wir diesen Brückenschlag. Wir liefern Verteidigungssysteme, die anpassungsfähig, vernetzt und aufrüstbar sind und gestalten ein europäisches Verteidigungsökosystem, das auf Zusammenarbeit, Offenheit und Souveränität beruht."

Bis 2027 wird Hensoldt mit der Auslieferung aus einer neu errichteten Radar-Produktionsstätte beginnen und damit seine Gesamtproduktionskapazität gegenüber 2021 mehr als verdreifachen. Bereits 2024 hat Hensoldt seine Position als integraler Anbieter von Software-Defined Defence (SDD) deutlich gestärkt und die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen, um Software-, Daten- und Integrationskompetenzen in einer dedizierten Einheit zusammenzuführen. Die klare technologische Führungsposition im Bereich SDD eröffnet Hensoldt nicht nur Zugang zu neuen, margenstarken Geschäftsfeldern, sondern schafft auch langfristige, wiederkehrende Umsatzpotenziale durch Softwarelizenzen, Upgrades und datenbasierte Services. Gleichzeitig bildet "MDOcore" die Grundlage für die nächste Generation interoperabler Sensor- und Kampfsysteme und steigert die Attraktivität bestehender Produktlinien.

Bullcase vs. Bearcase

Während die Perspektiven stimmen, waren die Erwartungen des Marktes noch höher – dem entsprechend fiel die Reaktion negativ aus und der Kurs hat seit dem Allzeithoch rund 40 % eingebüßt und damit mehr, als die übrigen Werte im Rüstungssektor. Die leiden alle unter den immer wieder mal hochpoppenden Pseudoerfolgsmeldungen hinsichtlich eines Waffenstillstands oder gar eines Friedensabkommens in der Ukraine – doch so oft Donald Trump auch positive Botschaften verkündet, bleibt doch die Realität, dass der russische Aggressionskrieg gegen die Ukraine unvermindert weitergeht.

Auf der anderen Seite ist die Aktie relativ üppig bewertet, was weniger Raum für Fehler lässt. Der Auftragseingang entwickelt sich zwar stark, aber die späte Verabschiedung des Bundeshaushalts 2025 im Herbst hat viele erwartete Aufträge verschoben. Hiervon ist auch Hensoldt betroffen, wenngleich man eher Systempartner und Zulieferer für die Großen ist. Zuletzt wurde z.B. mit Rheinmetall einen langfristigen Rahmenvertrag zur Lieferung von Radaren aus der Produktfamilie Spexer 2000 abgeschlossen. Der Vertrag umfasst die flexible Bereitstellung und Lieferung großer Stückzahlen von Radaren für Anwendungen im Bereich der bodengebundenen Luftverteidigung, insbesondere für Drohnenabwehrlösungen und das Skyranger 30-Flugabwehrsystem.

Neben klassischen Rüstungsprojekten eröffnen sich für Hensoldt zusätzliche Chancen im Bereich Luft- und Raumfahrt sowie Weltraumsicherheit. Die zunehmende Militarisierung des Weltraums und technologische Disruptionen schaffen neue Märkte für spezialisierte Anbieter.

Fazit

Hensoldt ist gut positioniert, um von geopolitischen Spannungen, steigenden Verteidigungsbudgets und technologischen Trends zu profitieren. Die Aktie bleibt volatil, zeigt langfristig jedoch einen klaren Aufwärtstrend, getragen von verbesserten operativen Aussichten und wachsender Profitabilität.

Für Anleger sind die Perspektiven attraktiv – auch wenn der zugrunde liegende Kontext ernüchternd ist. Oder, um es mit Vegetius zu sagen: "Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor." Hensoldt liefert hierfür die technologische Grundlage und das dürfte sich auch in weiter steigenden Aktienkursen niederschlagen. Denn der Rüstungsmegatrend nimmt gerade erst richtig Fahrt auf.

Die 4 wichtigsten Dinge, die man über Hensoldt wissen muss

  1. Hensoldt ist einer von Europas führenden Zulieferern für die Rüstungsindustrie sowie Luft- und Raumfahrtkonzerne. Der Markt dürfte mit mehr als 5% pro Jahr zulegen.
  2. Das Unternehmen wächst auch durch Übernahmen und ist an zahlreichen Rüstungsprojekten in Europa beteiligt.
  3. Der Bund ist mit 25,1% Ankerinvestor, fast ebenso stark ist der strategische Partner Leonardo aus Italien. Hier deuten sich intensivierte Kooperationen an.
  4. Die Profitabilität war bisher ein Schwachpunkt, macht aber zunehmend Fortschritte. Übernahmen belasten wegen der Integrationskosten, bergen langfristig aber Potenziale.
Disclaimer: Habe Hensoldt, KKR, Rheinmetall auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

2 Kommentare:

  1. ich würde "Si vis pacem para bellum" übersetzen, wie es übersetzt werden muss: "Wenn Du Frieden willst, bereite den Krieg vor". Damit wird verdeutlicht, dass diese Vorbereitung jeden Einzelnen von uns betreffen kann, betreffen wird, betrifft und deswegen genau bedacht werden muss.

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    1. Ich sehe zur von mir verwendeten Übersetzung "wer Frieden will, bereitet den Krieg vor" jetzt keinen gravierenden Unterschied, aber ich passe das Zitat trotzdem entsprechend an.

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