Montag, 20. Mai 2024

Kissigs Nebenwerte-Analyse: Masterflex meistert (fast) alle Herausforderungen

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Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 8/2024 vom 25.04.2024

▶ In dieser Ausgabe: Hensoldt, Dermapharm, PATRIZIA, Masterflex, KWS Saat, Verbio, Medios, Zeal Network


Masterflex meistert (fast) alle Herausforderungen

Das konjunkturelle Umfeld in Deutschland trübt sich weiter ein und die EZB bleibt eine erste Zinssenkung schuldig. Dabei sind die Einbrüche bereits seit längerem deutlich sichtbar und haben vielen Unternehmen das Geschäftsjahr 2023 zum Ende hin ordentlich vermasselt. Das gilt auch für Masterflex, die im 4. Quartal mit kräftigem Gegenwind zu kämpfen hatten und am Ende beim Umsatz knapp unter der zuvor mehrfach bestätigten Jahresprognose gelandet sind. Bei Margen und Ergebnis zeigten sich hingegen erfreuliche Entwicklungen, so dass sich Masterflex das Prädikat 'Hidden Champion' weiterhin verdient haben könnte.

Masterflex wurde 1987 gegründet und ist ein Spezialist für anspruchsvolle Schlauch- und Verbindungslösungen. Das Unternehmen ist damit einerseits von der Zyklik bei einigen seiner Kunden aus dem Bereich des verarbeitenden Gewerbes und der chemischen Industrie betroffen, andererseits stammt ein Großteil der Kunden aus weniger konjunktursensiblen Bereichen , wie dem Maschinen- und Anlagenbau, der Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt oder Lebensmittel- und Pharmazietechnik.

Ein weiterer Pluspunkt für Masterflex ist der Fokus auf Hightech-Anwendungen, die oft auf Kundenwunsch konzipiert und produziert werden, womit sich das Unternehmen vom wettbewerbsintensiven Massenmarkt abgrenzt und auf Nischenanwendungen mit niedrigeren Losgrößen spezialisiert. Die Masterflex Gruppe deckt dabei weltweit mit inzwischen 14 Tochtergesellschaften und Vertriebsstätten die gesamte Wertschöpfungskette ab von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Vermarktung der Verbindungs- und Schlauchsysteme. Die Kundennähe ist ein weiterer Schlüsselfaktor für den anhaltenden Erfolg; die Tochterunternehmen sind größtenteils in Europa ansässig, daneben in den USA, Brasilien und Asien.

Der wichtigste Markt ist und bleibt Deutschland

Mit einem Anteil von 43 % generiert Masterflex noch immer den größten Teil seines Umsatzes in Deutschland, wo sich auch alle Hauptproduktionsstätten befinden; darüber hinaus produziert man in und für den nordamerikanischen Markt in Houston (Texas). Auf die weiteren europäischen Länder entfallen rund 20 % des Umsatzes und 37 % erlöst Masterflex im Rest der Welt. Vor allem in den USA und in Asien sind viele der internationalen Kunden ansässig und Masterflex will hier seinen künftigen Wachstumsschwerpunkt legen.

Der Herr der Schläuche

Dreh- und Angelpunkt der Angebotspalette sind Schläuche, wobei jedes Segment von einer anderen der sechs Marken der Masterflex Gruppe bedient wird. Neben der namensgebenden Stammmarke Masterflex sind dies Matzen & Timm, Novoplast Schlauchtechnik, Fleima-Plastic, Masterduct und APT Advanced Polymer Tubing.

Die Kernkompetenz der Masterflex-Gruppe sind Spiralschläuche aus Polyurethan oder Spezialgeweben, die insbesondere in den Bereichen Fahrzeugabgase, Bau, Lebensmittel und Getränke, Pharmazie, Kunststoffherstellung und der chemischen Verarbeitung zum Einsatz kommen. Hier kommt es auf hohe Flexibilität und geringe Entflammbarkeit an, während Kies, Zement, Getreide oder Granulat befördert oder Gase und Dämpfe abgesaugt werden. Die Spiralschläuche vertreibt man weltweit unter dem Namen Masterflex, lediglich in den USA und Brasilien nutzt man die dort etablierte Marke Masterduct.

Fluorpolymerschläuche hat Masterflex erst seit einigen Jahren im Angebot, als man 2017 das Unternehmen APT Advanced Polymer Tubing GmbH übernahm. Diese Schläuche sind extrem temperaturresistent und können bei Temperaturen von minus 200 bis plus 260 Grad Celsius eingesetzt werden. Sie finden beispielsweise in der Lackierindustrie, in der die Farbversorgung über Fluorpolymer-Schläuche Anwendung, aber auch bei Industriekaffeemaschinen zum Durchleiten von heißem Wasser. Zudem erweisen sich die Schläuche als äußerst beständig gegenüber den meisten in der Industrieverarbeitung genutzten Chemikalien, wie Benzin, Lösungsmittel, Säuren oder Laugen.

Für die Luft- und Raumfahrt, den Schienenverkehr sowie die Automobilindustrie hat Masterflex unter dem Markennamen Matzen & Timm Spezialschläuche, Faltenbälger und Formteile aus synthetischen Kautschuk-Materialien wie z.B. Silikon im Angebot, die teilweise in industrieller Handarbeit gefertigt werden. Während Boeing von einem Patzer zum nächsten stolpert, kann Airbus immer stärker punkten und dabei versorgen in fast allen gängigen Airbus-Modellen die Lösungen von Matzen & Timm die Passagiere mit frischer Luft.

Mit Extrusion verdient die Masterflex-Tochter Novoplast Schlauchtechnik ihr Geld, ein formgebendes Verfahren für thermoplastische Kunststoffe. Die Schläuche mit Durchmessern im Bereich zwischen 0,1 und 50 mm kommen in industrielle Anwendungen wie Brems- oder Wasserkühlschläuchen zu Einsatz, aber auch in der Medizintechnik bei der Endoskopie oder Dialyse.

Keine Schläuche, sondern im Spritzguss-Verfahren hergestellte Formteile bietet die Tochter Fleima-Plastic an. Diese finden unter anderem im Automobilbau, in der Elektronik und in anderen High-Tech-Branchen Verwendung, doch Masterflex legt in diesem Produktsegment mit Tropfkammern, Stechdorne, Schlauchklemmen, Schutzkappen und Spezial-Konnektoren für Dialyse-, Infusions- und Transfusionstechnik seinen Fokus auf den Medizintechnikmarkt. Dabei ergänzt die Material- und Verarbeitungsexpertise aus den Bereichen Spritzguss und Extrusion die Angebotspalette der anderen Masterflex-Tochter Novoplast Schlauchtechnik, so dass beide auch gemeinsame Systemlösungen anbieten; Neudeutsch würde man sagen, Masterflex hat auf diese Weise seine Fertigungstiefe ausgebaut.

Das gilt in gewisser Weise auch für das letzte Segment, die Verbindungslösungen. Auch der beste Schlauch hat keinen Nutzen, wenn er nicht passend und sicher angeschlossen werden kann. Die Masterflex Gruppe bietet für alle Schläuche die passenden Verbindungslösungen und vertreibt diese ebenfalls unter den beiden Kernmarken Masterflex und Masterduct.

In 2023 ging am Ende die Puste aus

Im Geschäftsjahr 2023 schlug sich Masterflex recht passabel und bestätigte mehrfach seine Jahresprognosen. Wegen des deutlich eingetrübten Konjunkturumfelds im Schlussquartal wurde es dann aber doch noch richtig eng. Die meisten Tochtergesellschaften der Masterflex SE blieben auch 2023 auf Wachstumskurs, wobei insbesondere das Luftfahrtgeschäft, der Bereich Life Science und die Medizintechnik eine starke Nachfragedynamik verzeichneten. In den klassischen zyklischen Branchen wie Automobil und Maschinenbau zeigte sich hingegen eine zunehmende Zurückhaltung auf Kundenseite. Dennoch gelang es Masterflex, EBIT und EBIT-Marge zu steigern. Dies wurde durch eine Verschiebung des Absatzmixes zu margenstärkeren Abnehmerbranchen erreicht, wie z. B. die Medizintechnik, deren Umsatzanteil von 17 % auf 19 % angestiegen ist. Zudem trugen Produktivitätssteigerungen und weitere Effizienzmaßnahmen zum Erfolg bei.

Im Geschäftsjahr 2023 erzielte Masterflex einen Umsatz von 101,1 Mio. Euro und damit ein kleines Plus im Vergleich zum Vorjahreswert von 110,3 Mio. Damit verbuchte man einen neuen Rekordwert, lag aber dennoch knapp unterhalb der Prognosespanne von 103 bis 110 Mio. Erfreulicher lief es bei den Ergebnissen, wo ebenfalls Rekorde verbucht werden konnten. So erhöhte sich das operative Ergebnis (EBITDA) von 16,4 auf 17,9 Mio. Euro und das operative EBIT wuchs um 10,5 % auf 12,6 Mio. Euro. Damit gelang es, die operative EBIT-Marge von 11,4 % auf 12,4 % auszuweiten und im zweistelligen Bereich zu etablieren. Beim operativen EBIT erreichte der Masterflex Konzern zudem die Mitte seiner Prognosespanne von 11,0 bis 14,0 Mio. Euro. Unterm Strich lag das Konzernergebnis 2023 bei 8,0 Mio. Euro (Vorjahr: 7,8 Mio.) und das Ergebnis je Aktie legte von 0,81 auf 0,83 Euro zu.

Die Finanzlage des Konzerns hat sich im Vergleich zum Vorjahr weiter verbessert. Die liquiden Mittel der Masterflex Group erhöhten sich dank des Anstiegs des operativen Ergebnisses zum 31. Dezember 2023 auf 11,1 Mio. Euro (Vorjahr: 9,8 Mio.), während sich die Nettoverschuldung per Ende 2023 von 16,9 auf 13,1 Mio. Euro senkte. Das Konzern-Eigenkapital der Masterflex Group erhöhte sich insbesondere aufgrund des starken Gewinnanstiegs um 5,6 Mio. auf 57,6 Mio. Euro und die Eigenkapitalquote erhöhte sich zum Ende des Geschäftsjahres 2023 um 3,9 Prozentpunkte auf 61,5 %. Der Auftragsbestand lag zum Jahresende 2023 mit 20,5 Mio. Euro weiterhin auf einem hohen Niveau, aber knapp unter dem Vorjahreswert von 22,8 Mio.

Dividendenerhöhung bei verhaltenem Ausblick

Quelle: wallstreet-online.de
Aufgrund der erfreulichen Ergebnisentwicklung wird der Hauptversammlung am 12. Juni 2024 für das Geschäftsjahr 2023 eine von 0,20 auf 0,25 Euro je Aktie erhöhte Dividende vorgeschlagen. Die vierte Anhebung in Folge hebt die Dividendenrendite auf durchaus attraktive 2,6 %.

Nicht ganz so erfreulich sind die Aussichten für die konjunkturelle Entwicklung, die das Management als "verhalten positiv" einstuft. Einschränkender Faktor sind hierbei die Unsicherheiten, die sich in erster Linie aus den geopolitischen Verwerfungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, den Spannungen zwischen den USA und China und dem Konflikt im Nahen Osten ergeben, der kürzlich mit dem Raketen- und Drohnenangriff des Iran auf Israel eine neue Eskalationsstufe erreicht hat. Davon ausgehend, dass es bei den genannten Unsicherheitsfaktoren im Geschäftsjahr 2024 zu keiner Verschlechterung kommt, erwartet das Management der Masterflex Group Umsatzerlöse in einer Bandbreite von 100 Mio. bis 107 Mio. Euro und rechnet beim EBIT mit einer Spanne zwischen 12 Mio. und 15 Mio. Euro.

Stabile Aktionärsstruktur

Das Aktionariat zeigt sich seit Jahren stabil. Größter Anteilseigner ist mit rund 20 % die J.F. Müller & Sohn AG, eine in sechster Generation geführte Familien-Investmentholding mit Fokus auf mittelständische Unternehmen aus Europa. Weitere rund 20 % der Aktien hält die Grondbach GmbH, gefolgt von der SVB GmbH & Co. KG mit knapp 10 %. Das aktuelle Masterflex-Management besitzt über die BBC GmbH 6,6 % der ausstehenden Aktien. Das Unternehmen selbst hat 1,4 % der eigenen Aktien im Keller, wonach der Streubesitz bei rund 42 % liegt.

Bullcase vs. Bearcase

Masterflex ist in seinen Kernmärkten stark positioniert und will die Expansion ins Ausland forcieren. Die Wirtschaftsschwäche in Deutschland erhöht die Relevanz dieses strategischen Schritts weiter. Zugute kommt dem Unternehmen die robuste Nachfrage aus nicht-zyklischen Sektoren, wo die Masterflex-Lösungen gefragt bleiben und Wettbewerbern nicht ohne weiteres kopiert werden können. Insbesondere bei den kundenahen Lösungen vor Ort kann Masterflex seine Stärken ausspielen.

Umsatz und Ergebnis bewegen sich auf Rekordniveau, die Aktie notiert allerdings weiterhin rund 15 % unter ihrem Allzeithoch aus 2009. Hier spielt auch der historisch hohe Abschlag der Bewertungen im Nebenwertebereich gegenüber den großen Technologiewerten eine Rolle. Viele Börsenexperten sehen hierin ein besonders hohes Nachholpotenzial. Allerdings liegt diese Situation bereits seit Jahren vor und die Schere klaffte dennoch immer weiter auseinander. Irgendwann wird dich der Bewertungsabschlag deutlich verringern, das ist sicher. Aber der Zeitpunkt dafür nicht; der kann noch länger auf sich warten lassen, so dass dies nicht das einzige Argument für ein Investment in die Aktie sein darf. Doch hier hat Masterflex neben der vergleichsweise günstigen Bewertung einiges zu bieten mit dem in weiten Teilen konjunkturunabhängigen Geschäftsfeldern und einer soliden Bilanz, die auch einen weiteren Zukauf eines Unternehmens als Ergänzung der Angebotspalette ermöglicht. Und dafür bieten sich gerade jetzt besonders attraktive Chancen.

Die 4 wichtigsten Dinge, die man über Masterflex wissen muss

  1. Als Hersteller von Spezialschläuchen für Industrie, Luft- und Raumfahrt sowie Medizin ist in aussichtsreichen und teilweise konjunkturunabhängigen Branchen aktiv.
  2. Trotz konjunkturellen Gegenwinds wurden 2023 Rekorde bei Umsatz und Ergebnis eingefahren und die Margen weiter ausgebaut.
  3. Medizintechnik, Luftfahrt und auch Rüstung sorgen für solides weiteres Umsatzwachstum, während der Industrie- und Bausektor weiterhin auf eine Erholung warten.
  4. Der Abbau der Verschuldung stärkt die Eigenkapitalquote und erhöht die finanzielle kraft für weitere Übernahmen zur Erweiterung des Angebotsspektrums.
Disclaimer: Habe Masterflex nicht auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

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