Am 16.09.1992 erlebte Europa einen der spektakulärsten Tage der modernen Finanzgeschichte. Das britische Pfund geriet massiv unter Verkaufsdruck, die Bank of England stemmte sich mit Devisenmarktinterventionen und drastischen Zinserhöhungen gegen den Angriff – und musste schließlich aufgeben. Großbritannien suspendierte seine Mitgliedschaft im Europäischen Wechselkursmechanismus, dem Exchange Rate Mechanism (ERM). Der Tag ging als "Black Wednesday" in die Börsengeschichte ein.
Im Mittelpunkt stand George Soros, dessen Quantum Fund mit einer milliardenschweren Wette gegen das Pfund enorme Gewinne erzielte. Doch die Geschichte war keineswegs die eines einzelnen Spekulanten, der eine Notenbank im Alleingang besiegte. Einen entscheidenden Beitrag leistete Soros’ damaliger Chefstratege Stanley Druckenmiller. Gemeinsam erkannten sie einen fundamentalen Widerspruch in der britischen Wirtschaftspolitik: Großbritannien versuchte, einen festen Wechselkurs zu verteidigen, obwohl die wirtschaftlichen Bedingungen eigentlich eine deutlich niedrigere Zins- und Währungspolitik nahelegten. Die Krise erschütterte das Europäische Währungssystem, führte zu einer grundlegenden Erweiterung der Wechselkursbandbreiten und beeinflusste damit indirekt auch den weiteren Weg zum Euro.
George Soros – vom Flüchtling zum globalen Makroinvestor
George Soros wurde 1930 in Budapest geboren und erlebte als jüdischer Jugendlicher die Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Krieg gelangte er nach Großbritannien, studierte an der London School of Economics und begann anschließend eine Karriere in der Finanzbranche. In den 1960er-Jahren wechselte er in die USA und baute dort seine Investmentaktivitäten aus. 1970 gründete er gemeinsam mit Jim Rogers den später legendären Quantum Fund. Soros entwickelte sich zu einem der bekanntesten Vertreter einer Anlagestrategie, die heute als "Global Macro" bezeichnet wird.
Dabei geht es weniger darum, einzelne Unternehmen anhand ihrer Bilanzen zu bewerten. Stattdessen versucht der Investor, große makroökonomische Ungleichgewichte zu erkennen: Zinsunterschiede, Inflation, Währungsrelationen, staatliche Verschuldung, Konjunkturzyklen oder politische Entscheidungen. Entscheidend ist dabei nicht allein die Frage, ob eine Währung fundamental über- oder unterbewertet ist. Vielmehr muss der Investor erkennen, wann die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Aufrechterhaltung eines bestehenden Wechselkursregimes unhaltbar machen könnten.
Genau diese Denkweise prägte die Positionierung gegen das britische Pfund 1992. Soros und sein Team betrachteten den Wechselkurs nicht als unveränderliche politische Tatsache, sondern als ein Versprechen, dessen Glaubwürdigkeit am Markt überprüft werden konnte. Wenn die wirtschaftlichen Kosten zur Verteidigung dieses Versprechens irgendwann größer würden als die politischen Vorteile, konnte das Versprechen gebrochen werden.
Diese Überlegung war für den späteren Verlauf der Krise entscheidend. Denn die Bank of England verfügte zwar über erhebliche Devisenreserven und konnte den Markt mit Pfundkäufen beeinflussen. Sie konnte aber nicht unbegrenzt gegen einen Markt ankämpfen, wenn gleichzeitig die fundamentalen wirtschaftlichen Voraussetzungen gegen den Wechselkurs sprachen.
Der ERM als Ausgangspunkt der Spekulation
Um Soros' Wette zu verstehen, muss man zunächst das Europäische Währungssystem betrachten. Der Exchange Rate Mechanism war 1979 geschaffen worden, um die Wechselkursschwankungen zwischen europäischen Währungen zu begrenzen und dadurch mehr monetäre Stabilität zu schaffen. Die teilnehmenden Länder legten Leitkurse fest, um die sich die Währungen nur innerhalb bestimmter Bandbreiten bewegen durften. Das System sollte langfristig auch den Weg zu einer europäischen Währungsunion erleichtern.
Großbritannien trat am 8. Oktober 1990 dem ERM bei. Der zentrale Wechselkurs wurde auf 2,95 D-Mark je Pfund festgelegt, wobei für das Pfund zunächst eine relativ breite Schwankungsbandbreite von sechs Prozent vorgesehen war.
Der Zeitpunkt war allerdings problematisch. Die britische Wirtschaft befand sich in einer Rezession. Gleichzeitig waren die deutschen Zinsen nach der Wiedervereinigung hoch, weil die Bundesbank die Inflation und die Auswirkungen der expansiven Fiskalpolitik in Deutschland bekämpfen wollte. Für andere ERM-Mitglieder entstand damit ein Dilemma: Wollten sie ihre Wechselkurse gegenüber der D-Mark stabil halten, mussten auch sie vergleichsweise hohe Zinsen akzeptieren.
Für Großbritannien war das besonders schwierig. Eine schwache Wirtschaft hätte eigentlich niedrigere Zinsen benötigt, um Investitionen, Konsum und Immobilienmarkt zu stützen. Der ERM setzte jedoch einen erheblichen Druck zur Aufrechterhaltung hoher Zinsen. Der Konflikt zwischen Wechselkursstabilität und innenpolitischer Wirtschaftspolitik wurde deshalb immer größer.
Hinzu kam, dass der Markt zunehmend Zweifel daran entwickelte, ob der festgelegte Wechselkurs des Pfunds wirtschaftlich angemessen war. Ein Wechselkurs kann politisch festgelegt werden, aber er kann nicht dauerhaft unabhängig von wirtschaftlichen Fundamentaldaten existieren. Je stärker die Marktteilnehmer davon überzeugt sind, dass eine Währung künstlich hochgehalten wird, desto attraktiver wird eine Spekulation auf ihre Abwertung.
Stanley Druckenmiller erkennt die Schwachstelle
Bei der späteren Legendenbildung um Black Wednesday wird häufig ausschließlich George Soros genannt. Tatsächlich spielte jedoch Stanley Druckenmiller eine zentrale Rolle. Druckenmiller war seit 1988 für Soros tätig und leitete die Investmententscheidungen des Quantum Fund maßgeblich mit. Er hatte einen ausgeprägten Blick für makroökonomische Zusammenhänge und war besonders stark darin, aus einer wirtschaftlichen Einschätzung eine konkrete Handelsposition abzuleiten.
Druckenmiller erkannte, dass die britische Regierung in einer schwierigen Zwickmühle steckte. Wollte sie den ERM-Leitkurs verteidigen, musste sie das Pfund stützen und gegebenenfalls die Zinsen erhöhen. Wollte sie dagegen die britische Wirtschaft stabilisieren, waren höhere Zinsen gerade kontraproduktiv.
Damit entstand eine Art Einbahnstraße: Wenn die Bank of England die Zinsen nicht ausreichend anhob, konnte der Markt auf eine Abwertung spekulieren. Wenn sie die Zinsen massiv anhob, verschärfte sie die Rezession und erhöhte damit langfristig den politischen Druck, den Wechselkurs aufzugeben.
Druckenmiller baute zunächst eine große Short-Position gegen das Pfund auf. Die Logik war vergleichsweise einfach: Er lieh sich Pfund beziehungsweise ging entsprechende derivative Positionen ein, verkaufte sie gegen andere Währungen und plante, die Pfund später zu einem niedrigeren Wechselkurs zurückzukaufen. Fiel das Pfund tatsächlich, konnte die Differenz als Gewinn vereinnahmt werden.
Der entscheidende Punkt war jedoch die Größenordnung. Druckenmiller erkannte eine Situation, in der das mögliche Gewinnpotenzial im Verhältnis zum Risiko außergewöhnlich attraktiv erschien. Berichten zufolge wuchs die Position des Quantum Fund schließlich auf eine Größenordnung von rund zehn Milliarden Dollar beziehungsweise einem vergleichbaren Volumen in Pfundpositionen an. Zeitgenössische Berichte geben Soros' Gesamtposition gegen das Pfund mit fast zehn Milliarden Dollar an.
Soros macht aus einer guten Idee eine gigantische Wette
Druckenmiller hatte die grundlegende Investmentidee erkannt. Soros' besondere Leistung bestand anschließend darin, die Größe der Position konsequent an die Überzeugung anzupassen. Genau hier lag ein wesentlicher Unterschied zu einem gewöhnlichen Währungshändler.
Soros war nicht der Ansicht, dass eine richtige Analyse automatisch zu einem großen Gewinn führt. Entscheidend war für ihn, wie viel Kapital man einsetzt, wenn die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Szenarios aus seiner Sicht besonders hoch ist. Druckenmiller hatte bereits eine erhebliche Short-Position aufgebaut. Soros drängte ihn jedoch dazu, die Position massiv auszuweiten.
"Ich wusste nicht, ob das Pfund abwerten würde. Was ich wusste, war, dass mein Fonds 50 Basispunkte verlieren würde, wenn sie nicht in den nächsten 6 Monaten abwerten würden. Wenn sie es abwerten würden, würde ich 2000 Basispunkte verdienen. Es war also eine 40 zu 1, Einweg-Risiko-zu-Belohnungswette."(Stanley Druckenmiller)
Druckenmiller soll Soros vorgeschlagen haben, das gesamte Kapital des Quantum Funds auf diese eine Spekulation zu setzen. Doch Soros lehnte den Vorschlag als "lächerlich" ab: er wies Druckenmiller an, die Position zu hebeln und so 200% des Fondsvermögens gegen das Pfund zu setzen.
"Es kommt nicht darauf an, ob man richtig liegt oder falsch. Entscheidend ist, wie viel man verdient, wenn man richtig liegt, und wie viel man verliert, wenn man falsch liegt."(George Soros)
Diese Kombination aus Druckenmillers makroökonomischer Analyse und Soros' aggressivem Positionsmanagement wurde später zu einem Lehrbeispiel der Global-Macro-Strategie. Der Guardian zitierte später Scott Bessent, einen damaligen Mitarbeiter des Soros-Umfelds, mit der Einschätzung, dass das Shorten des Pfunds Druckenmillers Idee gewesen sei und Soros vor allem dafür gesorgt habe, dass daraus eine "gigantic position" wurde.
Dabei darf man allerdings nicht den Eindruck gewinnen, Soros habe mit Sicherheit gewusst, was passieren würde. Auch diese Position war mit erheblichen Risiken verbunden. Die britische Regierung hätte beispielsweise versuchen können, den Leitkurs durch eine Kombination aus höheren Zinsen, internationalen Krediten und massiven Devisenmarktinterventionen zu verteidigen. Wäre dies dauerhaft gelungen, hätte der Quantum Fund hohe Verluste erleiden können.
Die Wette basierte deshalb nicht einfach auf der Annahme, dass das Pfund "zu teuer" war. Die entscheidende These lautete vielmehr: Die politischen und wirtschaftlichen Kosten für Großbritannien, den Wechselkurs zu verteidigen, werden irgendwann größer sein als die Kosten eines Austritts aus dem ERM.
Der 16. September 1992: Black Wednesday
Am Morgen des 16. September spitzte sich die Situation dramatisch zu. Die Bank of England versuchte, den Wechselkurs durch den Kauf von Pfund Sterling zu stabilisieren. Doch der Verkaufsdruck blieb enorm. Der Markt testete die Glaubwürdigkeit der britischen Regierung und ihrer Zentralbank.
Die Regierung griff schließlich zu einem drastischen Mittel. Der Mindestzinssatz wurde von zehn auf zwölf Prozent angehoben. Damit sollten Anlagen in Pfund attraktiver werden und gleichzeitig die Nachfrage nach der britischen Währung gestützt werden. Doch die Maßnahme zeigte nicht die gewünschte Wirkung.
Stattdessen folgte am selben Tag die nächste Eskalation: Die britische Regierung kündigte an, den Zinssatz auf 15 Prozent anzuheben. Diese Erhöhung sollte am folgenden Tag wirksam werden, wurde nach dem Austritt aus dem ERM jedoch nicht mehr umgesetzt.
Das Problem war, dass der Markt die Zinserhöhung nicht als Zeichen größerer Stärke interpretierte, sondern zunehmend als Zeichen dafür, wie schwierig die Verteidigung des Wechselkurses geworden war. Die Bank of England musste immer größere Mittel einsetzen, ohne den Verkaufsdruck dauerhaft zu stoppen.
Die historische Analyse der Bank of England beschreibt genau diesen Mechanismus: Die Zinserhöhung um fünf Prozentpunkte an einem einzigen Tag konnte den Druck auf Sterling nicht stoppen. Im Gegenteil, sie machte für Marktteilnehmer sichtbar, dass die politische Nachhaltigkeit der britischen ERM-Mitgliedschaft zunehmend infrage stand.
Am Abend kam schließlich die Kapitulation. Großbritannien kündigte die Suspendierung seiner Teilnahme am Wechselkursmechanismus an. Damit war das Versprechen eines stabilen Wechselkurses gegenüber den anderen ERM-Währungen gebrochen.
Das Pfund konnte nun frei fallen.
Warum die Bank of England nicht gewinnen konnte
Die Bezeichnung "Soros brach die Bank of England" ist historisch eingängig, aber ökonomisch verkürzt. Die Bank of England wurde nicht zahlungsunfähig und verschwand auch nicht. Vielmehr scheiterte die britische Wechselkurspolitik. Die britische Regierung konnte den Wechselkurs innerhalb des ERM nicht mehr glaubwürdig verteidigen.
Der entscheidende Faktor war das Verhältnis zwischen den vorhandenen Devisenreserven und der Größe des globalen Devisenmarktes. Eine Zentralbank kann ihre eigene Währung kaufen, solange sie über entsprechende Fremdwährungsreserven verfügt. Doch sie kann den Markt nicht beliebig lange dazu zwingen, einen bestimmten Wechselkurs zu akzeptieren.
Noch wichtiger war die Glaubwürdigkeit. Sobald Marktteilnehmer erwarten, dass eine Regierung irgendwann aufgeben wird, entsteht ein selbstverstärkender Prozess. Investoren verkaufen die Währung, weil sie eine Abwertung erwarten. Dadurch muss die Zentralbank noch mehr intervenieren. Gleichzeitig steigen die wirtschaftlichen Kosten der Verteidigung. Die steigenden Kosten erhöhen wiederum die Wahrscheinlichkeit einer Aufgabe – und bestätigen damit die ursprüngliche Erwartung des Marktes.
Genau in diesem Punkt lag die Stärke der Spekulation. Soros und Druckenmiller mussten die Bank of England nicht buchstäblich "besiegen". Es genügte, dass sie davon überzeugt waren, dass die Bank ihre Verteidigung nicht unbegrenzt fortsetzen konnte.
Die Bank of England selbst berichtet, dass am 16. September rund 20 Milliarden Pfund an Devisenreserven zur Verteidigung der Währung verloren gingen. Der Internationale Währungsfonds dokumentierte ebenfalls den starken Rückgang der britischen Devisenreserven während der Attacke und beschreibt, wie die Zinserhöhungen keinen nachhaltigen Einfluss auf die Verkäufe von Pfund-Anlagen hatten.
Der Gewinn des Quantum Fund
Für Soros und Druckenmiller entwickelte sich der 16. September zum legendären Handel. Durch die Abwertung des Pfunds konnten sie die zuvor verkauften beziehungsweise leerverkauften Pfund zu einem niedrigeren Kurs zurückkaufen. Der Gewinn des Quantum Fund wurde auf mehr als eine Milliarde Dollar geschätzt.
Damit war der Handel nicht nur finanziell außergewöhnlich erfolgreich. Er verschaffte George Soros auch weltweite Bekanntheit. Aus einem erfolgreichen Hedgefondsmanager wurde eine öffentliche Figur, die fortan mit spekulativen Angriffen auf Währungen und Regierungen verbunden wurde.
Die Bezeichnung "der Mann, der die Bank of England brach" setzte sich in den Medien fest. Sie vermittelt allerdings eine vereinfachte Vorstellung. Der Zusammenbruch des britischen Wechselkursregimes hatte tieferliegende Ursachen: die Rezession, die hohe Zinsbelastung, die Wechselkursbewertung, die unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen zwischen Großbritannien und Deutschland sowie die Konstruktion des ERM selbst.
Soros war deshalb eher derjenige, der die vorhandene Schwachstelle identifizierte und mit enormem Kapital auf ihre Auflösung setzte.
Das Pfund nach dem Austritt
Nach dem Austritt aus dem ERM konnte Großbritannien seine Geldpolitik wieder stärker an den eigenen wirtschaftlichen Bedingungen ausrichten. Die unmittelbare Folge war eine deutliche Abwertung des Pfunds. Gleichzeitig eröffnete der niedrigere Wechselkurs britischen Unternehmen bessere Wettbewerbsbedingungen auf den internationalen Märkten.
Die Bank of England stellte wenige Monate später fest, dass die Abwertung des Sterling eine erhebliche Chance für britische Exporteure darstellte. Zugleich nahm sie den Druck auf die britische Geldpolitik, die zuvor vor allem auf die Verteidigung des Wechselkurses ausgerichtet gewesen war.
Das Ergebnis war damit paradox: Was zunächst wie eine wirtschaftspolitische Katastrophe aussah, verschaffte Großbritannien anschließend mehr Spielraum. Die Zinsen konnten gesenkt werden, und die Geldpolitik musste nicht länger primär den ERM-Leitkurs verteidigen.
Die britische Regierung hatte am Ende zwar politisch einen schweren Rückschlag erlitten. Ökonomisch entstand aber eine neue Ausgangslage. Die Bank of England und die britische Regierung konnten sich stärker auf die heimische Wirtschaft konzentrieren.
Der Schwarze Mittwoch wurde damit auch zu einem Wendepunkt in der britischen Geldpolitik. Bereits im Oktober 1992 führte die Regierung ein explizites Inflationsziel von ein bis vier Prozent ein.
Die Krise des Europäischen Währungssystems
Die Folgen beschränkten sich allerdings keineswegs auf Großbritannien. Der Angriff auf das Pfund zeigte, dass auch andere feste Wechselkursbindungen verwundbar waren. Im September 1992 geriet neben Großbritannien auch Italien massiv unter Druck. Die italienische Lira wurde aus dem ERM herausgenommen beziehungsweise ihre Teilnahme suspendiert; Spanien musste seine Währung abwerten.
Die Krise setzte sich anschließend fort. Weitere Währungen gerieten unter Druck, und im Sommer 1993 entschied sich Europa zu einer grundlegenden Veränderung des ERM. Die zulässigen Schwankungsbandbreiten wurden im August 1993 vorübergehend auf plus/minus 15% ausgeweitet. Damit wurde der feste Charakter des bisherigen Systems erheblich abgeschwächt.
Das war eine wichtige Lehre aus der Krise: Ein System fester, aber grundsätzlich anpassbarer Wechselkurse kann unter Bedingungen freier Kapitalbewegungen enorme Spannungen erzeugen. Wenn Anleger davon ausgehen, dass eine Währung abgewertet werden muss, können sie mit großen Kapitalbeträgen gegen den Leitkurs wetten. Die Zentralbanken müssen dann entweder sehr hohe Zinsen akzeptieren oder enorme Devisenreserven einsetzen.
Der ERM war damit an einem grundlegenden Problem gescheitert: Unterschiedliche Volkswirtschaften sollten ihre Wechselkurse eng miteinander verbinden, obwohl ihre Konjunktur, Inflation und Geldpolitik teilweise stark voneinander abwichen.
Was Black Wednesday mit dem Euro zu tun hatte
Auf den ersten Blick scheint die Verbindung zwischen Soros und dem späteren Euro paradox. Schließlich erschütterte seine Spekulation das europäische Währungssystem gerade zu einem Zeitpunkt, als Europa den Weg zu einer gemeinsamen Währung eingeschlagen hatte.
Der Maastricht-Vertrag war am 7. Februar 1992 unterzeichnet worden und trat am 1. November 1993 in Kraft. Er legte den institutionellen Rahmen für die Wirtschafts- und Währungsunion und den späteren Euro fest. Vorgesehen war eine schrittweise Annäherung der Mitgliedstaaten mit dem Ziel einer gemeinsamen Währung und einer Europäischen Zentralbank.
Die Krise des Jahres 1992 stellte diesen Prozess auf eine harte Probe. Sie zeigte, dass es äußerst schwierig war, dauerhaft unterschiedliche nationale Geldpolitiken über feste Wechselkurse miteinander zu verbinden. Ein Land konnte nicht gleichzeitig vollständig über seine Geldpolitik verfügen und dauerhaft einen Wechselkurs garantieren, wenn internationale Kapitalmärkte diesen Wechselkurs für nicht glaubwürdig hielten.
Genau daraus lässt sich eine der großen historischen Lehren für die europäische Währungsunion ableiten: Eine gemeinsame Währung beseitigt das Problem von Wechselkursattacken zwischen den Mitgliedstaaten, weil die nationalen Währungen verschwinden. Der Euro ersetzte damit das System der vielen miteinander verbundenen nationalen Wechselkurse durch eine gemeinsame Währung und eine gemeinsame Geldpolitik.
Der Weg dorthin war allerdings nicht geradlinig. Die Krise von 1992 zeigte, wie schwierig eine monetäre Integration über feste Wechselkurse sein konnte. Gleichzeitig stärkte sie den Gedanken, dass eine echte Währungsunion etwas anderes war als ein System dauerhaft fixierter Wechselkurse.
Von der Währungskrise zum Euro
Die europäischen Staaten hielten trotz der Krise an ihrem langfristigen Ziel einer Wirtschafts- und Währungsunion fest. Der Europäische Wechselkursmechanismus wurde später durch den ERM II ersetzt. Mit der Einführung des Euro zum 1. Januar 1999 begann die dritte Stufe der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Der Euro wurde zunächst als Buch- und Verrechnungsgeld eingeführt; Euro-Banknoten und -Münzen folgten 2002.
Die Europäische Zentralbank weist rückblickend ausdrücklich darauf hin, dass die EMS-Krise von 1992 zu den erheblichen Rückschlägen auf dem Weg zur gemeinsamen Währung gehörte. 1993 wurden die Wechselkursbandbreiten ausgeweitet, um den spekulativen Druck zu reduzieren. Dennoch wurde der Prozess der monetären Integration fortgesetzt.
Interessanterweise wurde ausgerechnet die Wechselkursstabilität später zu einem formalen Kriterium für die Aufnahme in die Eurozone. Ein Land muss grundsätzlich mindestens zwei Jahre am Wechselkursmechanismus teilnehmen, ohne schwere Spannungen und ohne eine eigenständige Abwertung gegenüber dem Euro. Damit wurde aus einer der zentralen Schwachstellen des alten ERM ein Bestandteil der Regeln für die spätere Währungsunion.
Der Euro war damit auch eine institutionelle Antwort auf das Problem, das Black Wednesday so deutlich gemacht hatte: Zwischen vollständig unabhängigen nationalen Währungen und einer gemeinsamen Währung existiert ein schwieriger Zwischenzustand, in dem Wechselkurse politisch stabilisiert werden müssen, während Kapitalmärkte ständig überprüfen, ob diese Stabilisierung glaubwürdig ist.
Soros' Strategie als Lehrstück der Global-Macro-Investition
Der Handel von 1992 wurde zu einem Klassiker, weil er mehrere Elemente miteinander verband. Zunächst stand eine makroökonomische Analyse. Druckenmiller erkannte, dass Großbritannien wirtschaftlich unter hohen Zinsen litt und der feste Wechselkurs deshalb zunehmend unhaltbar erschien.
Dann folgte die Identifikation eines politischen Dilemmas. Die britische Regierung konnte nicht gleichzeitig alle Ziele erreichen: einen festen Wechselkurs, eine unabhängige Geldpolitik und eine Stabilisierung der heimischen Wirtschaft. Je länger der Konflikt dauerte, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit einer politischen Entscheidung zugunsten der heimischen Wirtschaft.
Der dritte Schritt war die Positionsgröße. Soros war bereit, die Wette in einer Größenordnung einzugehen, die dem Vertrauen in die eigene Analyse entsprach. Dadurch wurde aus einer richtigen Einschätzung ein außergewöhnlich profitabler Handel.
Der vierte Faktor war die Reflexivität, ein Konzept, das Soros selbst stark geprägt hat. Märkte bilden nicht nur wirtschaftliche Realität ab, sondern können sie beeinflussen. Wenn viele Marktteilnehmer eine Abwertung erwarten, verkaufen sie eine Währung. Dadurch entsteht tatsächlicher Abwertungsdruck. Die Erwartungen können damit dazu beitragen, dass das erwartete Ereignis tatsächlich eintritt.
Bei Black Wednesday war dieser Mechanismus besonders sichtbar. Die britische Regierung musste immer mehr Mittel aufwenden, um das Pfund zu stützen. Gleichzeitig wurden die wirtschaftlichen Kosten der Verteidigung immer offensichtlicher. Dadurch stieg wiederum die Wahrscheinlichkeit eines Austritts aus dem ERM. Die Erwartung einer Abwertung verstärkte also die Kräfte, die zur Abwertung führten.
Der Mythos vom "Mann, der die Bank of England brach"
Mehr als drei Jahrzehnte später ist Black Wednesday zu einem Mythos der Finanzgeschichte geworden. George Soros erscheint darin als genialer Spekulant, der eine mächtige Zentralbank bezwingt. Tatsächlich war die Realität komplexer.
Soros und Druckenmiller hatten keine Kontrolle über den Ausgang der Krise. Sie hatten lediglich eine Wette abgeschlossen, deren Erfolg davon abhing, dass eine bestimmte wirtschaftspolitische Konstellation nicht dauerhaft aufrechterhalten werden konnte. Die Bank of England verfügte über erhebliche Mittel und setzte diese auch ein. Die Zinserhöhungen und Interventionen konnten den Angriff aber nicht stoppen.
Entscheidend war deshalb nicht die absolute Größe von Soros' Kapital. Entscheidend war, dass der Kapitalmarkt insgesamt Zweifel an der Nachhaltigkeit des britischen Wechselkursregimes entwickelte. Soros' Fonds war einer der sichtbarsten und erfolgreichsten Akteure innerhalb dieses Prozesses.
Druckenmillers Rolle ist dabei ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die spätere Legende reduziert die Geschichte häufig auf "Soros gegen die Bank of England". Tatsächlich war es ein Zusammenspiel aus Druckenmillers makroökonomischer Analyse, Soros' Risikobereitschaft und der Bereitschaft des Teams, die Position massiv zu skalieren. Der Guardian bezeichnete Druckenmiller deshalb ausdrücklich als die zentrale Figur hinter dem Handel.
George Soros wiederum hatte mit seiner Wette gegen das Pfund einen Platz in der Finanzgeschichte sicher. Sein Erfolg beruhte jedoch nicht darauf, dass er eine Zentralbank einfach mit mehr Geld "besiegte". Entscheidend war die Erkenntnis, dass eine politische Wechselkursbindung nur so lange funktioniert, wie die wirtschaftlichen und politischen Kosten ihrer Verteidigung akzeptabel bleiben. Stanley Druckenmiller erkannte diesen Widerspruch früh, Soros erkannte die Dimension der Gelegenheit – und gemeinsam machten sie daraus eine der berühmtesten Währungsspekulationen aller Zeiten.
Der Schwarze Mittwoch zeigte damit auf eindrucksvolle Weise, dass in einem globalisierten Kapitalmarkt selbst mächtige Regierungen und Zentralbanken nicht völlig unabhängig von den Erwartungen der Finanzmärkte handeln können.

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