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Sonntag, 12. Juli 2026

[Kissigs Kloogschieterei] Die NATO- schwenkt auf Selbst(er)findungskurs

Der NATO-Gipfel in Ankara fand in einer Zeit der Unsicherheit und des Umbruchs statt. In der Ukraine wütet der russische Eroberungskrieg im vierten Jahr und ein Ende ist nicht abzusehen – auch weil die Ukraine sich als hartnäckiger Gegner erwiesen hat, der Putins "mehrtägige Spezialoperation" in einen ausgewachsenen Krieg verwandelt hat, in dem Russland längst von der Siegerstraße abgekommen ist. Und im Nahen Osten schießen Amerikaner und Iraner wieder aufeinander und Trump erklärte soeben das "Memorandum of Understanding", das den Weg zu einem Frieden ebnen sollte, für beendet. Überall rauchende Colts.

Es könnte eine Sternstunde des westlichen Verteidigungsbündnisses sein, doch die Allianz zeigt Schwächen – und auch die gehen auf Trump zurück. Schon länger kritisiert er die NATO-Verbündeten und stellt inzwischen der Nutzen der Verteidigungsallianz (für die USA) infrage. Im Kern hat er dabei gute Argumente auf seiner Seite und auch deshalb ist Bewegung in die Europäer gekommen, endlich ihre Verteidigung wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Die Bedrohung durch den russischen Bären für Mittel- und Westeuropa ist nicht mehr zu ignorieren – auch weil Trump sich als "Putins best Buddy" geoutet hat und am liebsten nur "beautiful deals" mit ihm abschließen will, die den USA – und vor allem dem Trump-Clan – Vorteile bringen. Eigennutz als dominierende Triebfeder.

Und Eigennutz ist es auch, was die NATO aktuell antreibt. Der eigene Schutz ist elementar, das Abnabeln von den USA ebenfalls. Wenn der "große Bruder" wankelmütig wird und vielleicht sogar zum Aggressor (Grönland), kann man sich weder auf seinen Beistand noch auf seine Waffensysteme verlassen. Die Europäer und NATO-Partner Kanada suchen den Schulterschluss zu einer "NATO-". Die Stärke der "europäischen NATO", wie Bundeskanzler Merz sie nannte, liegt in der eigenen Stärke.

Die Europäer müssen besser zusammenarbeiten, sie müssen ihre Waffensysteme besser koordinieren und aufeinander abstimmen und das gilt auch für die nachgelagerten Bereiche, wie Beschaffung, Wartung, Reparaturen. Vereinheitlichung und Standardisierung müssen staatliche Insellösungen ersetzen, um effizienter zu werden und im wahrsten Sinne schlagkräftiger. Die Alternative dazu zeigt sich in der Ukraine, wo ein fressgieriger Nachbar Millionen Leben zu opfern bereit ist, um seine imperialen Ziele durchzusetzen.

Europa muss aufrüsten und sich wieder selbst verteidigen können. Davon profitieren die heimischen Rüstungsunternehmen und so haben Rheinmetall, Hensoldt und Vincorion zuletzt Erfolge bei den Auftragseingängen zu verzeichnen. Der Trend geht dabei, natürlich, Richtung Drohnen und mobiler Angriffs- und Verteidigungssysteme und hier punkten die deutschen Hersteller vor allem durch eine Vielzahl an Joint Ventures und Kooperationen. Zudem bietet sich Deutschland als Industriestandort mit bestens ausgebildeten Facharbeitern als Standort für die Produktion amerikanischer Waffensysteme außerhalb der USA geradezu an - und die Kooperation von Rheinmetall mit Lockheed Martin zur Produktion der ATACMS-Raketen zeigt diesen neuen Trend.

Für Deutschland bietet sich hier auch eine andere Chance: die in größerem Umfang freigesetzten Mitarbeiter der strauchelnden Automobilindustrie stehen beinahe übergangslos der Rüstungsindustrie zur Verfügung. In einer Studie hat EY dargelegt, dass die 1,5% des BIP, die europäischen NATO-Staaten in sicherheitsrelevante Infrastruktur investieren müssen jährlich etwa 320 Mrd. Euro entspricht und das davon 62 Mrd. Euro auf Deutschland entfallen werden. Dies wird ein massiver Konjunkturimpuls und die Investitionen dürften eine jährliche Produktionswirkung von 822 Mrd. Euro auslösen und damit europaweit rund 4,4 Mio. Jobs schaffen, wovon auf Deutschland rund 723.000 entfallen sollten.

Profitieren wird unsere (teilweise marode) Infrastruktur, also Bauunternehmen und Betonhersteller. Aber ebenso wird mehr Geld in Energieinfrastruktur fließen und natürlich in den Schutz unserer Infrastruktur vor physischen Bedrohungen und Cyberattacken.
"Si vis pacem, para bellum (Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor)."
(Vegetius)
Es ist ein Ammenmärchen, dass Rüstungsinvestitionen verlorenes Geld seien, weil die erworbenen Waffensysteme anschließend nur rumstehen und Kosten verursachen würden. Auch durch sie entsteht Wertschöpfung, durch ihre Entwicklung, Produktion, Wartung, Nutzung, Instandhaltung, Pflege. Und vor allem dienen sie unserem Schutz. Deutschlands großer Wohlstand ist auch das Resultat daraus, dass seit 80 Jahren kein Krieg mehr unser Land in Schutt und Asche gelegt hat. So konnte der erarbeitete Wohlstand über mehrere Generationen weitergegeben werden. Für Deutschland, das zuvor etwa alle 40 Jahren verheerende Kriege erlebt hat, war das ein ganz neues Gefühl - allerdings weiß heute bei uns fast niemand mehr, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und jeden Tag aufs Neue sichergestellt werden muss. Deutschlands Mitgliedschaft in der EU und der NATO sind seine Garanten, nicht Friedensgebete und Mahnwachen.

Die Friedensdividende ist längst verspeist und nun ist wieder Realpolitik angesagt: Europa muss erkennen, dass es sich selbst am nächsten ist. Für Anleger bieten sich hier ebenfalls Chancen, denn die Wiederaufrüstung Europas ist eine Generationenaufgabe, die gerade erst Fahrt aufnimmt. Und Deutschlands Rüstungsschmieden spielen ganz vorne mit. Die erste Euphoriewelle ist verebbt und nüchternem Realitätsdenken gewichen: seit jeher eine solide Basis für gute Geschäfte und langfristig steigende Aktienkurse.

Alles Gute für euer Geld!
Michael C. Kissig

Disclaimer: Habe Hensoldt, Rheinmetall, Vincorion auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

Dienstag, 9. Juni 2026

[Einfach gedacht] Private Equity: Europas Rüstungsindustrie als neues Battlefield?!

Der europäische Rüstungssektor ist stark fragmentiert und das gilt ganz besonders für Deutschland. Viele mittelständische Unternehmen prägen das Bild und immer mehr von ihnen steuern auf das gleiche Problem zu: eine ungelöste Nachfolgeregelung.

Viele Gründer und/oder Firmeninhaber sind inzwischen in einem Alter, wo sie sich zur Ruhe setzen möchten (oder müssen) und im Gegensatz zu früheren Generationen ist es heute nicht mehr der Normalfall dass sich eine oder mehrere Mitglieder der Gründerfamilie in das "Familienbusiness" einsteigen und die Unternehmertradition fortsetzen. Also wird im schlimmsten Fall der Betrieb eingestellt und das Know-how geht verloren, oder es findet sich ein interessierter Käufer. Und da gibt es die Wettbewerber oder Firmen, die sich ein neues Standbein im inzwischen wieder boomenden Rüstungsbereich aufbauen wollen, oder aber Private Equity. Und das ist für die betreffenden Unternehmen oft Segen und Fluch zugleich.

Montag, 12. Januar 2026

[Kissigs Nebenwerte-Analyse] Hensoldt: Verteidigung spielt nicht mehr nur defensiv

Im Magazin "Der Nebenwerte Investor" von Traderfox finden sich regelmäßig Analysen von mir zu deutschen Nebenwerten. Das Magazin ist kostenpflichtig und wer dieses oder eine der weiteren Börsenzeitschriften von Traderfox bestellen möchte, gelangt ▶ hier zur Übersicht. Mehrwert für die Leser meines Blogs: Nach Erscheinen des Magazins darf ich meine Nebenwerte-Analysen dann auch hier veröffentlichen.


Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 01/2026 vom 08.01.2026

Aktien in dieser Ausgabe: Dürr, Ernst Russ, Hensoldt

Freitag, 28. Februar 2025

Kissigs Aktien Report: Europa gerät ins Fadenkreuz und Rheinmetall und Hensoldt sind mittendrin statt nur dabei...

Im Rahmen meiner Kooperation mit dem 'Aktien Report' von Armin Brack nehme ich mir in unregelmäßigen Abständen interessante Unternehmen und Themen vor. Die Ausgaben des 'Aktien Reports' und/oder 'Geld Anlage Reports' erreichen ihre Leser samstags kostenlos und 'druckfrisch' per Email und man kann sich ▶ hier beim 'Geld Anlage Report' anmelden. Bonbon für die Leser meines Blogs: einige Tage später darf ich die Artikel dann auch hier veröffentlichen.

Aktien Report Nr. 199 vom 21.02.2025

Montag, 29. April 2024

Kissigs Nebenwerte-Analyse zu Hensoldt: Die Verteidigung gewinnt

Im Magazin "Der Nebenwerte Investor" von Traderfox finden sich regelmäßig Analysen von mir zu deutschen Nebenwerten. Das Magazin ist kostenpflichtig und wer dieses oder eine der weiteren Börsenzeitschriften von Traderfox bestellen möchte, gelangt ▶ hier zur Übersicht. Mehrwert für die Leser meines Blogs: Nach Erscheinen des Magazins darf ich meine Nebenwerte-Analysen dann auch hier veröffentlichen.


Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 8/2024 vom 25.04.2024

Freitag, 22. September 2023

Kissigs Nebenwerte-Analyse: Hensoldt macht mit Sicherheit gute Geschäfte

Im Magazin "Der Nebenwerte Investor" von Traderfox finden sich regelmäßig Analysen von mir zu deutschen Nebenwerten. Das Magazin ist kostenpflichtig und wer dieses oder eine der weiteren Börsenzeitschriften von Traderfox bestellen möchte, gelangt ▶ hier zur Übersicht. Mehrwert für die Leser meines Blogs: Nach Erscheinen des Magazins darf ich meine Nebenwerte-Analysen dann auch hier veröffentlichen.


Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 13/2023 vom 20.09.2023

Samstag, 24. April 2021

KKR macht ordentlich Kasse bei Hensoldt - nicht zum ersten und kaum zum letzten Mal...

Finanzinvestor KKR & Co. übernahm Hensoldt im Jahr 2017 für rund €1,1 Mrd. und hat die ehemalige Rüstungselektronik-Sparte von Airbus seitdem als eigenständiges Unternehmen positioniert und weiterentwickelt. Die Bayern entwickeln Sensorlösungen für Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen und bauen ihr Portfolio im Bereich Cybersicherheit kontinuierlich aus. Mit mehr als 5.600 Mitarbeitern erzielte Hensoldt 2020 einen Umsatz von €1,2 Mrd.

Im Herbst 2020 brachte KKR Hensoldt an die Börse. Dem Unternehmen flossen €300 Mio. zu, KKR weitere €100 Mio. Seinen Anteil baut KKR nun weiter ab. Mit dem Bund ist vereinbart, diesen eine Sperrminorität von 25,1% für €450 Mio. zu überlassen und nun platziert KKR weitere 25,1% für €606 Mio. bzw. €23 je Aktie bei der italienischen LEONARDO S.p.A. und damit weit über dem aktuellen Börsenkurs. KKRs Anteil wird damit auf 18% sinken - dabei liegen die Aktien nicht bei KKR direkt, sondern in von KKR als Asset Manager betreuten Investmentfonds.

Meine Einschätzung

KKR hat in den letzten Jahren viel Geld von Investoren eingenommen, weil diese auf hohe Renditen hoffen. KKR hat sich in der Corona-Krise als "most agrressive Buyer" unter den Finanzinvestoren hervorgetan und war auf dem Unternehmens-Transfermarkt sehr aktiv; man wollte den Fehler aus der Finanzkrise 2008/09 nicht wiederholen, als man viel zu passiv blieb und die besten Gelegenheiten vorüberziehen ließ. Das betreute Investorenvermögen, die sog. Assets under Management (AuM), konnte KKR seit 2004 dennoch um durchschnittlich 22% pro Jahr steigern und damit doppelt so schnell wie der Branchenschnitt. Inzwischen verwaltet man mehr als $250 Mrd. und ist einer der weltweit größten Asset Manager - und seit einigen Jahren sind die "geläuterten Barbaren" eine feste Größe in meinem Depot.

Disclaimer: Habe KKR & Co. auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot/Wiki.