Am 04.02.2000 gab der Aufsichtsrat der Mannesmann AG dem Druck nach und stimmte der Übernahme durch den britischen Mobilfunkanbieter vodafone zu. Damit ging ein erbittertes Ringen um Deutschlands führenden Mobilfunkanbieter zu Ende und hinterließ viele Besiegte und Verlierer. Selbst der vermeintliche Gewinner musste schnell erkennen, dass er sich überfressen hatte und kämpfte wenig später ums eigene Überleben. Die "New Economy" implodierte und mit ihr die Börsenkurse. Die Zeit des billigen Geldes war (erstmal) vorbei und "Leveraged Buyouts" erwiesen sich weltweit zum Genickbrecher. Und auch für vodafone wurde es richtig eng...
Die Welt im Telekom-Rausch
Als sich das Jahr 2000 näherte, schien die Weltwirtschaft auf einem einzigen Versprechen zu ruhen: Vernetzung. Das Internet, Mobiltelefone und digitale Dienstleistungen galten als der neue Motor des globalen Wachstums. Börsenbewertungen lösten sich von klassischen Kennzahlen, Unternehmenswerte wurden nicht mehr an Gewinnen, sondern an "Zukunftspotenzialen" gemessen. In Deutschland wie in Großbritannien, den USA oder Japan herrschte ein regelrechter Telekom-Hype.
Telekommunikationsunternehmen waren die Stars dieser Ära. Während Industrie- und Chemiekonzerne als "old economy" galten, wurden Netzbetreiber, Mobilfunkanbieter und Internetfirmen mit fantastischen Kursgewinnen belohnt. Der deutsche Neue Markt explodierte, die NASDAQ erreichte historische Höhen, und Investoren glaubten, dass jede Firma, die irgendetwas mit Glasfaser, Funkfrequenzen oder Datenübertragung zu tun hatte, automatisch eine goldene Zukunft besaß.
In diesem Umfeld begann eine der dramatischsten Übernahmeschlachten der Wirtschaftsgeschichte: der Kampf um Mannesmann.
Mannesmann – Vom Röhrenhersteller zum Hightech-Konzern
Mannesmann war ursprünglich alles andere als ein moderner Telekom-Champion. Gegründet im 19. Jahrhundert, hatte das Unternehmen seinen Ursprung in der Stahl- und Röhrenproduktion. Doch in den 1990er-Jahren wandelte sich der Düsseldorfer Konzern grundlegend. Unter der Führung von Vorstandschef Klaus Esser wurde Mannesmann zu einem Mischkonzern mit starkem Fokus auf Telekommunikation. Das war zu der Zeit normal, denn Unternehmen mit hohen Cashflows suchten nach neuen Investitionsfeldern. Und die deregulierte Telekomwelt lud dazu ein. Neben Mannensmann wagten sich auch Energieriesen wie RWE, VEBA und VIAG (die später zu Eon fusionierten) an diesen neuen Markt.
Der entscheidende Schritt für Mannensmann war der Aufbau und Ausbau von Mannesmann Mobilfunk, das unter der Marke D2 zum größten Konkurrenten der Deutschen Telekom wurde. Während die Telekom lange als träger Staatskonzern wahrgenommen wurde, positionierte sich D2 als moderner, aggressiver Herausforderer. Die Kundenzahlen wuchsen rasant, die Gewinne ebenso.
Parallel dazu hatte Mannesmann Beteiligungen in Italien (Omnitel), Großbritannien (Orange) und anderen Ländern aufgebaut. Innerhalb weniger Jahre war der Konzern zu einem der bedeutendsten europäischen Mobilfunkanbieter geworden – und damit zu einem der begehrtesten Übernahmeziele der Welt.
Vodafone – Der britische Herausforderer
Vodafone war selbst ein Kind des Telekom-Booms. Das britische Unternehmen hatte sich in den 1990er-Jahren durch eine aggressive internationale Expansionsstrategie von einem nationalen Anbieter zu einem globalen Player entwickelt. Über Beteiligungen und Zukäufe war Vodafone in Dutzenden Ländern präsent.
Der britische Konzern verfolgte eine klare Vision: der erste wirklich globale Mobilfunkanbieter zu werden. Während viele Konkurrenten noch national oder regional dachten, wollte Vodafone Kunden auf allen Kontinenten bedienen – mit einer einheitlichen Marke, einheitlichen Standards und maximaler Skaleneffizienz.
Mannesmann passte perfekt in dieses Konzept. Die Kombination aus D2, Orange, Omnitel und anderen Beteiligungen hätte Vodafone auf einen Schlag zum unangefochtenen Weltmarktführer gemacht.
Der Beginn der Übernahmeschlacht
Im Herbst 1999 wurde öffentlich, dass Vodafone an Mannesmann interessiert war. Was folgte, war ein beispielloser Wirtschaftskrimi. Zum ersten Mal versuchte ein ausländischer Konzern, einen der größten deutschen Industriekonzerne feindlich zu übernehmen.
In Deutschland löste dies Schockwellen aus. Politik, Gewerkschaften und große Teile der Öffentlichkeit reagierten empört. Mannesmann galt als Symbol deutscher Industriekompetenz. Die Vorstellung, dass ein britischer Telekomkonzern diesen "Nationalchampion" schlucken könnte, war für viele kaum erträglich.
Klaus Esser und der Mannesmann-Vorstand wehrten sich mit aller Macht. Sie argumentierten, Mannesmann sei strategisch besser aufgestellt als Vodafone, wachse schneller und habe eine überlegene Position in Europa. Die Offerte der Briten sei viel zu niedrig.
Vodafone konterte mit immer höheren Angeboten. Die Börse wurde zum Schlachtfeld, die Medien zu einem permanenten Kommentator. Täglich verfolgten Investoren, Politiker und Journalisten die neuesten Wendungen.
Der 4. Februar 2000 – der Tag der Entscheidung
Am 4. Februar 2000 gab der Aufsichtsrat der Mannesmann AG schließlich nach. Nach Monaten des Widerstands stimmte er der Übernahme durch Vodafone zu. Der Deal hatte ein Volumen von rund 190 Mrd. Euro – die bis dahin größte Übernahme der Wirtschaftsgeschichte.
Vodafone war nun der weltweit größte Mobilfunkanbieter. Der Telekom-Hype hatte seinen spektakulärsten Höhepunkt erreicht. Die Vision eines globalen Mobilfunkriesen schien Wirklichkeit geworden zu sein.
Unrühmliche Begleiterscheinung: Im Lauf der Zeit wurde bekannt, dass Mannesmann-Chef Klaus Esser von vodafone ein sehr üppiges Abfindungsangebot erhalten hat und daraufhin seinen Widerstand gegen die Übernahme aufgab. Es stand der Geruch von Bestechlichkeit im Raum sowie der Übervorteilung der Kleinaktionäre und um diese Causa wurde jahrelang vor Gerichten gestritten.
Doch der Triumph sollte nur von kurzer Dauer sein.
Die Aufspaltung von Mannesmann
Schon bald nach der Übernahme zeigte sich, dass Vodafone nur an einem Teil von Mannesmann wirklich interessiert war: am Mobilfunkgeschäft. Die übrigen Sparten – Maschinenbau, Automobilzulieferer, Röhrenproduktion – passten nicht zur Strategie eines reinen Telekomkonzerns.
In den folgenden Monaten und Jahren wurde Mannesmann systematisch zerlegt. Die Industriegeschäfte wurden verkauft oder ausgegliedert. Der traditionsreiche Name Mannesmann verschwand fast vollständig aus der deutschen Unternehmenslandschaft.
Was blieb, war das Mobilfunkimperium, das in Vodafone integriert wurde. Für viele Beobachter war dies ein kultureller Bruch: Ein deutscher Industriekonzern mit über hundertjähriger Geschichte war im Rausch der New Economy aufgelöst worden.
Der Zusammenbruch des Telekom-Hypes
Kaum war die Übernahme abgeschlossen, begann die Blase zu platzen. Ab Frühjahr 2000 stürzten die Aktienkurse der Technologie- und Telekomunternehmen weltweit ab. Die Bewertungen, die zuvor auf grenzenlosem Optimismus beruht hatten, erwiesen sich als illusionär.
Telekomkonzerne litten besonders stark. Sie hatten Milliarden für Mobilfunklizenzen bezahlt – vor allem für die neuen UMTS-Frequenzen wurden alleine in Deutschland über 50 Mrd. EUR bezahlt – und gleichzeitig enorme Investitionen in Netze getätigt. Die erwarteten Erlöse aus mobilen Datendiensten blieben jedoch zunächst aus.
Zur Einordnung: UMTS war der erste Mobilfunkstandard, das sich zur Übertragung von größeren Datenmengen eignete und damit die heute selbstverständlichen Multimediaangebote überhaupt erst möglich machte. Bis dahin gab es nur Telefonie und SMS (Kurznachrichten), aber keine Videoformate, kein Streaming, keine Apps, kein Social Media, keine Messenger.
Vodafone war nun hoch verschuldet. Die Übernahme von Mannesmann hatte den Konzern finanziell belastet, genau in dem Moment, in dem die Branche in eine Krise rutschte.
Warum Vodafone seine Spitzenposition verlor
Obwohl Vodafone weiterhin einer der größten Mobilfunkanbieter der Welt blieb, verlor der Konzern in den folgenden Jahren seine unangefochtene Führungsrolle. Dafür gab es mehrere Gründe:
- Integration und Komplexität: Die Übernahme von Mannesmann hatte ein extrem komplexes Firmengeflecht geschaffen. Unterschiedliche Unternehmenskulturen, IT-Systeme und Marktstrategien mussten vereinheitlicht werden – ein langwieriger und teurer Prozess.
- Schuldenlast: Die Finanzierung der Übernahme und der UMTS-Lizenzen führte zu einer hohen Verschuldung. Vodafone musste jahrelang Cashflow vor allem für den Schuldendienst verwenden, statt aggressiv in Wachstum zu investieren.
- Neue Konkurrenz: In den 2000er-Jahren traten neue globale Akteure auf den Plan. China Mobile, América Móvil, Telefónica und andere bauten riesige Kundenzahlen auf und überholten Vodafone in einzelnen Regionen.
- Technologischer Wandel: Vodafone hatte stark auf klassische Mobilfunkmodelle gesetzt. Doch mit dem Aufkommen von Smartphones, Internetdiensten und Plattformen wie Apple, Google oder später WhatsApp verlagerte sich die Wertschöpfung weg von den Netzbetreibern hin zu Software- und Plattformunternehmen.
Mein Fazit - oder das Vermächtnis der Mannesmann-Schlacht
Die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone markierte den Höhepunkt – und gleichzeitig den Wendepunkt – des europäischen Telekom-Hypes. Sie zeigte, wie sehr Euphorie, Börsenbewertungen und strategische Visionen die Realität verzerren können.
Für Deutschland bedeutete sie das Ende einer Industrie-Ikone. Für Vodafone bedeutete sie einen kurzen Triumph, gefolgt von Jahren der Konsolidierung und des relativen Bedeutungsverlusts.
Weder gemessen am Umsatz noch an Kundenzahl oder Börsenbewertung erreicht vodafone heute noch die Top 10 der weltweit führenden Telekommunikationsunternehmen und auch für die Top 15 reicht es nicht (mehr). Beim Umsatz führt China Mobil vor Verizon, der Deutschen Telekom, AT&T und der japanischen NTT. Bei der Marktkapitalisierung liegt China Mobile vor T-Mobile US (der US-Tochter der Deutschen Telekom), Verizon, AT&T und der Deutschen Telekom selbst.
Heute gilt die Mannesmann-Schlacht als Lehrstück der Wirtschaftsgeschichte: ein Beispiel dafür, wie technologische Umbrüche, Kapitalmärkte und politische Emotionen aufeinanderprallen – mit Folgen, die weit über einzelne Unternehmen hinausreichen. Es war eine gewaltige Blase, die mit überzogenen Hoffnungen und enormen Krediten aufgeblasen wurde und als die Fed mit Zinsanhebungen den Liquiditätshahn zudrehte, platzte die substanzlose Blase. Der Realitätscheck der Börse kann gnadenlos sein...

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