Montag, 4. Mai 2026

[Einfach gedacht] Sell in May? Mach doch, Loser...

Die Börsenbewertungen sind hoch und zumindest die US-Börsen feiern neue Rekordstände. Dennoch fühlen sich viele nicht mehr wohl mit den erreichten Kursniveaus und kramen die olle Börsen(un)weisheit des "Sell in may and go away" aus der Mottenkiste.

Das Argument dafür ist die unterschiedliche Börsenentwicklung in den beiden Jahreshälften: die sechs Monate zwischen November und April verbuchen statistisch gesehen deutlich größere Kurszuwächse als der Zeitraum zwischen May und Oktober abwirft. Und dann fallen eine Reihe von finsteren Börsencrashs in den Spätherbst sowie das Platzen der Dotcom-Bubble in den März, so dass es sich in dieser Zeit auch emotional zwiespältig anfühlt, investiert zu sein.

Also ist "sell in may" doch eigentlich ein guter Ratschlag? Ja! Wenn man denn verlieren will...

Schauen wir kurz zurück, woher diese Regel stammt: Sie geht bereits auf die Zeit zurück, als noch die Londoner Börse den Ton angab, wurde dann aber auch an der Wall Street populär. Sie entstand in einer Zeit, als es keine Computer gab und kein Internet, als man Börsenmeldungen aus Tageszeitungen erfuhr oder über Tickerbänder. Damals war es im Sommer heiß in den nicht-klimatisierten Büros und die Menschen flohen aus den Börsenhandelszentren und machten drei Monate Börsenurlaub. Die Handelsumsätze brachen ein und es war eine Phase, in der man kaum auf stärkere Marktbewegungen reagieren konnte. Daher haben viele Börsianer ihre Wertpapierpositionen geschlossen, um nicht auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Dadurch entstand ein Angebotsüberhang mit oftmals sinkenden Notierungen. Nach Ende der Sommerpause floss das Geld wieder zurück in die Märkte - und die Nachfrage stieg an und in der Folge oft auch die Börsenkurse.

Aber auch in der (etwas) jüngeren Zeit zeigt sich das gleiche Muster. Auf einer logarithmischen Skala seit 1950 hat der Zeitraum von November bis April den Großteil der langfristigen Renditen erbracht. Der Zeitraum von Mai bis Oktober? Der hat in diesen siebeneinhalb Jahrzehnten kaum was gerissen. Das Muster ist real – real und hartnäckig! Und wird deshalb gebetsmühlenartig aus der Mottenkiste hervorgekramt. Aber nur weil eine Dummheit ständig wiederholt wird, bleibt sie dennoch eine Dummheit. Und damit ein echt blöder Ratschlag.

Der Blick auf den Chart verrät auch gleich, warum: denn auch die "miese Jahreshälfte" (die blaue Linie) liefert noch positive Renditen ab. Geringer als die andere, aber doch positiv. Und das gleich mehrere negative Folgen:
  • Wenn man jedes Jahr im Mai verkauft und sechs Monate lang auf Bargeld sitzt, verzichtet man auf Kursgewinne. Stattdessen bekommt man allenfalls magere Tagesgeldzinsen.
  • Darüber hinaus setzt man sich gleich zweimal dem Risiko eines verhunzten Markttimings aus, denn man muss zum richtigen besten Zeitpunkt Ende April aus dem Markt aussteigen und Anfang November zum richtigen besten Zeitpunkt wieder den Einstieg schaffen - und das, wo so viele Anleger diese elendige Börsenregel beherzigen und die Kurse sich nicht an "unseren Plan" halten, sondern ihr eigenes Spiel spielen. 
Man geht hier also nicht unerhebliche Risiken ein, denn wenn man in 20 Jahren nur die besten 10 Handelstage verpasst, halbiert man seine Rendite. Noch schlimmer: einige dieser besten Börsentage fanden zwischen Mai und Oktober statt.
"Es bringt mehr, in Value-Aktien mit hohen potenziellen Erträgen investiert zu sein, als das Timing-Spiel zu spielen. Zwischen 80 und 90 Prozent der Anlagegewinne entstehen in zwischen 2 und 7 Prozent der Zeit."
Die Statistik lügt nicht, aber die gängigen Schlüsse, die aus ihr gezogen werden, sind falsch. Falsch und teuer.

Mein Fazit

So "griffig" diese Börsenweisheit auch klingt, weise ist der Ratschlag nicht. Er kostet nachweislich Rendite und erhöht das Risiko, noch viel mehr Kursgewinne zu verschenken, weil man sich dem Markttiming ausliefert - und das völlig unnötig!

Wenger Rendite einzufahren zwischen May und Oktober bedeutet gerade nicht, negative Renditen einzufahren. Weder zwangsläufig noch statistisch belegt.
"Für Börsenspekulationen ist der Februar einer der gefährlichsten Monate. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Oktober."
(Mark Twain)
Selbstverständlich kann es in diesem halben Jahr zur Korrekturen kommen oder auch mal zu Börsencrashs. Wie in jedem Monat auch. Die Börsengeschichte ist voll von heftigen Markteinbrüchen und es hat keinen Monat verschont. Und trotz der Häufung in dem einen oder anderen Monat erzielt man mit Aktieninvestments auf lange Sicht 10% Rendite - und zwar inklusive aller Kurseinbrüche.
Es kommt dabei einfach nur darauf an, sich nicht aus seinen Aktien verdrängen zu lassen, wenn es an der Börse mal wieder ruckelig wird. Und zwar egal, in welchem Monat wir uns gerade befinden.

!!! Time in the market beats timing the market !!!


Mein Lese-Tipp
▶ "Börsen-Mythen enthüllt für Anleger" von Ken Fisher

1 Kommentar:

  1. Olaf Große04.05.26, 12:17

    Abgesehen von der zu entrichtenden Kapitalertragssteuer und ggf. Transaktionsgebühren.

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